Aus dem Nachlass meines Vaters, Hans Götz.
Memoiren 1. Teil
„Es schneit, hurra, es schneit!
Schneeflocken weit und breit!
Ein lustiges Gewimmel
kommt aus dem grauen Himmel.
Was ist das für ein Leben!
Sie tanzen und sie schweben.
Sie jagen sich und fliegen,
der Wind bläst vor Vergnügen.
Und nach der langen Reise,
da setzen sie sich leise
aufs Dach und auf die Straße
und frech dir auf die Nase.“
Dieses Gedicht gefiel mir besonders gut, weil es in meiner Kindheit noch richtige Winter gab, mit Eis, Schnee und Schneestürmen. Und dies über 3-4 Monate hinweg, bereits im November wehte der kalte Nordwind von der Rossschwemme her und trieb die Menschen in die warmen Stuben.
Obwohl ich ein kleiner Knirps von 6 Jahren war, kann ich mich an Weihnachten 1916 noch besonders gut erinnern. Wir wohnten schon damals in der noch nicht umgebauten Mühle. Ich saß im warmen Wohnzimmer und las in meinen Kinderbüchern Weihnachtsgeschichten- und Gedichte. Draußen schneite es, und während ich zum Fenster hinaussah, prägte sich mir das Gedicht ,,Schneeflocken“ ein, so dass ich es bis heute nicht vergessen habe. Ich dachte auch darüber nach, was man mir über den Schimmelreiter* erzählte. Er war mir noch nie begegnet, aber ich hatte schon eine Menge furchterregender Geschichten über ihn gehört, sowohl von meinen Eltern, als auch von anderen Kindern meines Alters. Unfolgsame Kinder werden von ihm ausgepeitscht und manchmal niedergetrampelt und mitgenommen. Wohin, weiß niemand. So ganz geheuer war mir bei diesen Gedanken nicht. Ich hatte zwar - und da war ich mir sicher - keine besonders schlimmen Dinge angestellt, aber wer weiß, wie er das beurteilte... Hoffentlich bekam ich ihn auch an diesmal nicht zu Gesicht.
Am späten Nachmittag kam plötzlich meine Mutter ins Zimmer, hatte ein Körbchen in der Hand und sagte: ,,Ach, fast hatte ich's vergessen. Da, nimm das Körbchen und bring' es zur Großmutter. Es ist Fleisch und Sauerkraut drinnen für die Weihnachtsfeiertage."
Sie zog mir den Mantel an, setzte die Mütze auf und mahnte mich zur Eile. Mir gefiel dieser Auftrag überhaupt nicht. Ich wäre lieber in der warmen Stube geblieben und meinen Träumen von vielen, wunderschönen Geschenken nachgehangen. ,,Mutter“, sagte ich, „es ist doch schon fast dunkel und das Christkind kommt doch bald!“ Sie schaute mich eine Weile an, lächelte und sagte: „Schau mal an, der große Junge hat ja Angst. Das hatte ich von dir nicht erwartet.“ Das wollte ich nicht auf mir sitzen lassen. Ich schlüpfte in die Handschuhe, nahm das Körbchen und ging.
Es war ein Wintertag, wie man sich ihn nicht schöner wünschen konnte. Es herrschte totale Windstille. Dicke Schneeflocken taumelten in großen Mengen vom Himmel herab und ließen sich träge auf Häuserdächer und Erde nieder.
Alles war unter einer weißen Schneedecke begraben. Das Dorf war wie ausgestorben, die Straßen menschenleer, da die Vorbereitungen zum Weihnachtsfest in vollem Gange waren. Rauch stieg aus den Schornsteinen kerzengerade in den grauen Winterhimmel. Es herrschte eine unheimliche Stille. Nur ab und zu war Hundegebell zu vernehmen. Mir kam dieses eintönige, stoßweise Bellen unheimlich vor, mein Herz klopfte bis zum Halse hinauf. Dessen aber nicht achtend, kämpfte ich mich durch die verschneiten Wege. Das wäre alles zu ertragen gewesen. Aber wovor ich wirklich Angst hatte, das war der Schimmelreiter.
Ich war mit meinem Körbchen bereits am Pfarrhause angekommen. Einen endlos langen Weg hatte ich - so schien mir - aber noch zurückzulegen. Da hörte ich das erste Schellengeläut. „Mein Gott, das Christkind ist bereits unterwegs und sicher auch der Schimmelreiter“, dachte ich. Jetzt aber schnell. Ich begann zu laufen. Im Laufen war ich stark. Den Korb krampfhaft festhaltend, rannte ich an Kirche und Schule vorbei, durch die Quergasse, über den Weg, bog links ab und war nach etwa 100 Schritten bei Großmutters Haus. Die Gassentüre aufreißen, reinspringen, und mit ganzer Kraft wieder zuschlagen, war das Werk eines Augenblicks. Nach einigen Schritten war ich an der Küchentüre, öffnete sie und keuchte: „Guten Abend, Großmutter. Ich habe Fleisch und Sauerkraut gebracht, damit Ihr an Weihnachten was Gutes zum Essen habt.“ Bei Großmutter brannte schon die Petroleumlampe. „Warum keuchst du denn so, bist du gelaufen?“ „Ja, Großmutter, das Christkind ist schon unterwegs.“ „Aber deswegen brauchst du doch nicht so zu laufen, es tut dir doch nichts.“ Ich schwieg. Ich wollte keinesfalls zugeben, dass ich Angst hatte. Sie nahm den Korb, holte die zwei Töpfe heraus und lachte. Vom Krauttopf war der Deckel weggerutscht, Kraut lag im Korb und daneben einige Fleischstücke. „Du musst ja ganz schön gerannt sein“, meinte sie, fischte alles heraus und wollte mir das Körbchen zurückgeben. ,,Nein, nein, den Korb und die Töpfe hole ich morgen, Großmutter.“ Ich wollte durch nichts behindert sein. Ich wünschte noch „Frohe Weihnachten“ und eine gute Nacht und brach sofort auf, obwohl sie es sehr gerne gehabt hätte, wenn ich noch geblieben wäre. Ich versprach ihr aber, am nächsten Tag wieder zu kommen.
Vorsichtig öffnete ich die Gassentüre, lauschte, sah und hörte aber nichts. Nur in der Ferne hörte man Schellengeläut aus verschiedenen Richtungen. Alle Vorsicht nützte nichts. Ich musste nach Hause, denn dort wartete sicherlich ein Christbaum auf mich und viele Geschenke. Meine Brüder Thomas und Ernest hatten es gut. Sie waren zu Hause. Nur ich, der Kleinste, war gezwungen, mich ausgerechnet an diesem langersehnten Abend auf der Straße herumzutreiben.
Die Nacht war hereingebrochen, ich sah kaum die Hand vor meinen Augen. Gott sei Dank gewöhnten sich meine Augen mit der Zeit etwas an die Dunkelheit. Im weißlich-grauen Himmel konnte ich jetzt die Silhouette des Kirchturms erkennen. Am Kriegerdenkmal passierte es dann. Mir stockte plötzlich der Atem. Ich blieb wie versteinert stehen. Im Zwielicht erkannte ich die Umrisse einer seltsamen Gestalt. Ja, er war es, der gefürchtete Schimmelreiter. Es war ein Pferd, dessen wippender Leib bis zum Boden in weiße Tücher gehüllt war. Die Kamm- und Schwanzhaare waren aus Hanf. Am Kopf hatte es aufgeblähte schwarze Nüstern und schwarze Augen, die - so schien mir - mich drohend musterten. Darauf saß der Reiter mit einem hohen Hut aus Gold und Silber und hielt eine lange Rute in der Hand.
Es gab für mich nur eine Lösung: so schnell wie möglich weg. Meine größte Angst war, von diesem Monster entführt zu werden. Solche Gedanken schossen mir in Sekundenschnelle durch den Kopf: Hatte ich ihm etwa doch Anlass dazu gegeben? Diese Vorstellung mobilisierte meine Kräfte. Mit einigen Sprüngen durch den tiefen Schnee rettete ich mich auf den Fahrweg. Der Schimmelreiter verfolgte mich. Ich rutschte ein paar Mal aus und fiel. Endlich erreichte ich den Gehweg und rannte wie ein Blitz - so kam es mir wenigstens vor - davon. So stürmte ich, zu Hause angekommen, fast bis zu den Hüften voller Schnee, keuchend in die Küche. Meine Brüder und mein Vater lachten. Nur meine Mutter blieb ernst. Sie machte sich sicher Vorwürfe, mich noch so spät weggeschickt zu haben. Die Zeit, in der ich weg war, hatte sie aber gebraucht, um den Weihnachtsbaum zu schmücken und die Geschenke vorzubereiten.
Es wurde noch ein wunderschöner Weihnachtsabend. Ein gemütliches, warmes Zimmer, ein großer Weihnachtsbaum voller Lichter und Silberkugeln und darunter die kleinen, für uns aber wundervollen Geschenke. Da, draußen ein Klingeln. Auch zu uns kam das Christkind. Ich stand neben Mutter und hatte deshalb keine Angst. Ich musste ein „Vaterunser“ beten, Vater beschenkte das Christkind und - so kam es mir vor - es schwebte davon.
Endlich konnte ich in Ruhe meine Geschenke betrachten und mich erst jetzt so richtig darüber freuen. Ich war durch die Aufregungen und Anstrengungen so müde, dass ich bald ins Bett geschickt wurde. Es war wohl der schönste Traum, den ich in dieser Nacht träumte und bis heute nicht vergessen habe:
Ein Abendhimmel voller glitzernder Sterne spannte sich über den Stall, in dem Maria und Josef lebten. Darüber schwebten singend, mit langsamen Flügelschlag, wunderschöne Engel. Plötzlich wurde es ganz hell und ich horte folgendes Gedicht:
„Von Osten strahlt ein Stern herein
mit wunderbarem hellem Schein,
es naht, es naht ein himmlisch Licht,
das sich in tausend Strahlen bricht!
Ihr Sternlein auf dem dunklem Bau,
die all ihr schmückt des Himmels Blau,
zieht euch zurück vor diesem Schein.
Ihr werdet alle winzig klein!
Verbergt euch, Sonnenlicht und Mond,
die ihr so stolz am Himmel thront!
Er naht, er naht sich von fern –
Von Osten her – der Weihnachtsstern!“
Wenn ich heute an diese Zeit zurück denke, so bin ich immer wieder erstaunt, wie gut es Erwachsenen gelingt, Kinder in Angst und Schrecken zu versetzen. In den nächsten Jahren verflog meine Angst vor dem Schimmelreiter und ich dachte lächelnd an jene schrecklichen Stunden des Jahres 1916 zurück. Trotzdem bleibt es für mich einer der schönsten und darum unvergesslichen Weihnachtsabende, an dem Angst, Erschöpfung, Freude, Harmonie und schöne Träume ganz eng beieinander waren und in meiner kindlichen Seele tiefe Eindrücke zurückließen.
*Nachtrag zum Schimmelreiter:
Der Schimmelreiter war ein Weihnachtsbrauch im Banat. Er gehörte zu einer Gruppe von vier weiß geschminkten Engeln, die zusammen mit dem Schimmelreiter einen Christkindelzug bildeten. Dazu gehörte noch eine Frau mit einer großen Sammeltasche, Ruten und einer Liste der zu besuchenden Kinder. Der Schimmel war ein aus leichten Brettern zusammengenageltes Holzgestell. Latten bildeten seinen Hals und darauf saß ein primitiv geschnitzter Pferdekopf. Natürlich konnte man das Holzgestell nicht sehen. Der Schimmelreiterjunge schnallte sich das Gestell um die Hüften und deckte mit zwei Leintüchern alles zu. Wir Kinder sahen nur einen kurzen weißen Hals, die Kruppe mit Schwanz und den Kopf mit zwei kleinen schwarzen Augen und ebensolchen Nüstern. Das genügte vollauf, um unser kleines Herz in die - meist zu großen - Hosen fallen zu lassen. Christkindel gab es 6-7 im Dorf. Sie begannen zeitig mit der Arbeit, indem sie durch die Gassen zogen, vor den Hausern läuteten und fragten: „Lasst ihr das Christkind rein?“ Natürlich waren sie überall gern gesehen und gaben dem Weihnachtsfest oft erst die richtige Prägung.






