Die legendäre Band trat zusammen mit der Temeswarer Philharmonie auf.Foto: Raluca Nelepcu
Der Phoenix-Vogel ist in Temeswar auferstanden
Von Raluca Nelepcu und Andreea Oance
Dichte Wolken ballen sich am Himmel und irgendwie steckt in jedem die Angst, dass uns der Regen auch heute nicht verschont. Die Fans haben sich am Eingang in den Rosenpark versammelt. Sie alle warten darauf, reingelassen zu werden. An jedem Eingang in den Park gibt es Sicherheitskräfte. Das Konzert unter freiem Himmel ist nicht kostenlos wie andere Konzerte, die auf der Grünanlage in Zentrumsnähe bestritten werden. 70 Lei kostet ein VIP-Ticket für die ersten Reihen, 50 Lei ein Sitzplatz ein bisschen weiter hinten und 25 Lei der Stehplatz. Die meisten Fans haben die billigste Variante gewählt – denn immerhin wird Rockmusik sowieso nicht im Sitzen gehört. Ein besonderes Ereignis bringt heute Rocker, Biker und Nostalgiker im Rosenpark zusammen: „Symphoenix“, das wohl größte Konzert der legendären rumänischen Rockband Phoenix in den letzten 45 Jahren, findet heute in Temeswar/Timisoara statt.
Nachdem die Sängerin Sabina Abrudian die Musikliebhaber in Konzertatmosphäre versetzt hat, treten die Jungs von „Phenomenon“ auf die Bühne. Die Gitarre kreischt, der Bass brummt, das Schlagzeug bebt: Die vier jungen Männer heizen das Publikum mit bekannten Rocksongs ein. Die Schüler performen etwa eine Stunde, solange, bis dem Publikum die Lust aufs Warten vergeht. Es dunkelt schon, als „Phenomenon“ die Bühne im Applaus der Zuschauer verlassen. Es ist Zeit, Platz für die Legenden zu machen.
„Symphoenix“ mit renommierten Musikern
Fast hundert Leute stehen auf der Bühne. Zu den Phoenix-Mitgliedern hat sich der Chor und das Orchester der Staatsphilharmonie „Banatul“ gesellt. „Symphoenix“ nennt sich das Ereignis, das das Temeswarer Publikum verzaubern soll. Zu den Ehrengästen, die heute auf die Bühne treten, zählen der erste Phoenix-Leadsänger Moni Bordeianu, der Bukarester Oboe-Spieler Adrian Petrescu und die Erstsolistin der Rumänischen Oper, Tina Munteanu. Das Orchester der Banater Philharmonie dirigiert der Bukarester Daniel Jinga.
Das Konzert beginnt plötzlich, ohne Worte: Im Rosenpark erklingen die ersten Riffe des traditionellen Instrumentalstücks, mit dem Phoenix immer ihre Shows beginnt. Die etwa 2.000 Zuschauer applaudieren rhythmisch. Es folgt das Lied, das das Publikum von den Sitzen reißt: „Timisoara“ heißt der Song, der den Phoenix-Fans aus Temeswar Gänsehaut verleiht und sie in Nostalgie versetzt. Dies ist der Augenblick, der alle begeistert. Das fast zweistündige Warten hat sich gelohnt. Es ist ein Lied, das ein klein wenig von allen Hits der Band enthält, denn es spricht von Strauchdieben, Zigeunern, Flöten, einer Wiederkehr in die Heimat und dem gelben Kanarienvogel. Das Lied, das die Identität der Band festlegt – alle sollen wissen: „Dies ist die Stadt, wo wir in einer längst vergangenen Zeit geboren wurden“. („E orasul în care ne-am nascut, în vremuri ce-au trecut“…).
Keine Vorwürfe mehr
Nun kann nichts mehr schief gehen. Das Publikum ist angeregt. Neue und alte Lieder werden vorgeführt. Mit heiser Stimme versucht der Solist und Bandleader mitzusingen. Gleichzeitig kitzelt er die Gitarre. Der alte Haiducke Nicu Covaci steht vor den Leuten, die ihn zu dem gemacht haben, was er heute ist. An diesem Abend scheint er seiner Stadt gegenüber keine Vorwürfe mehr zu haben. Die Verwaltung der Stadt wird zu einem alten Kumpel, mit dem er Jahre lang zerstritten war, sich dann aber doch noch versöhnt hat. Nicu Covaci scheint nicht mehr daran zu glauben, dass seine Stadt ihn verstoßen hat. Sein Publikum ist immer noch das gleiche: Jung und Alt sind gekommen, um die Songs, die früher mal so beliebt waren, live zu hören. Erst ein wenig schüchtern, dann mit Freude in den Stimmen und heftig applaudierend beginnen die Zuschauer, die schon seit Jahrzehnten bekannten Refrains mitzusingen. Die bedrückende Atmosphäre ist nun vorbei. Gute Stimmung schwebt in der Luft und das Wetter spielt diesmal auch mit, denn der Regen lässt auf sich warten. Die Stimmung steigt weiter. Die heisere Stimme beginnt ihr Herzenslied zu singen: „Strunga“. Er würde dieses Lied singen, auch wenn er wüsste, dass er danach sterben würde. Das Publikum erkennt die Geste von Nicu Covaci, als Zeichen seiner Freude. Das Konzert geht weiter mit anderen bekannten Liedern: „Mugur de fluier“, „Nunta“, „Mica Tiganiada“, „Ochi negri, ochi de Tigan“.
Publikum vermisst Mani Neumann
Das Konzert wird durch den Song „Negru Voda“ abgerundet. Ein elektrisches Lied, das mit einem „Teufelssolo“ von Ovidiu Lipan „Tandarica“ endet. Der gut 60-Jährige spielt energischer als je zuvor und beweist noch einmal, dass er seinen Spitznamen „Tandarica“ mit Ehre trägt. Kaputte Drumsticks fliegen herum – die Schläge können alles in Scherben und Splitter versetzten, so stark schlägt Ovidiu Lipan auf sein Instrument. Das Ergebnis: fabelhaft! „Ich habe die Stadt Temeswar 1975 kennengelernt. Sie hat sich seitdem nicht verändert und dafür danke ich euch“, sagt Schlagzeuger „Tandarica“, den in Rumänien wohl jeder kennt. Ovidiu Lipan ist eines der wenigen Phoenix-Mitglieder, die bisher noch nie in Konflikt mit Lead-Sänger Nicu Covaci geraten waren. Zumindest in der Öffentlichkeit nicht. Er ist der letzte der alten Phoenix-Gruppe von vor 48 Jahren, der noch geblieben ist und zusammen mit Nicu Covaci regelmäßig auftritt. Sogar Mani Neumann, der Geigenspieler, verließ die Band vor einigen Jahren. „Die Lieder klingen gut, egal, in welcher Zusammensetzung. Die Mitwirkung der Philharmoniemusiker klingt ausgezeichnet. Die Musik ist aber trotzdem nicht mehr die gleiche ohne das Geigenspiel von Mani Neumann“, sagt Valentin Serbanut, ein 27-jähriger Fan. Zum Schluss, beim Verlassen des Parks, sagt er zufrieden. „Ich habe dasselbe Gefühl wie damals, als ich vor Jahren auf meinem ersten Phoenix-Konzert war. Unabhängig von den Konflikten mit Covaci und vom Verlassen der Band durch die verschiedenen Mitglieder im Laufe der Jahre: Phoenix bedeutet die Tradition der rumänischen Rockmusik. Manchmal denke ich, Phoenix ist weit mehr als Nicu Covaci“, sagt er. Das Konzert endet spektakulär: Die Gruppe lässt den Phoenix-Vogel auferstehen. Auf der Bühne singen alle mit: Cristi Gram, Bogdan Bradu, Ionut Contras, Dzidek Marcinkiewicz, Volker Vaessen, Ovidiu Lipan, Moni Bordeianu und Nicu Covaci. Die Ehrengäste sind auch dabei, während das Publikum laut mitsingt: „Fie sa renasca numai cel ce har, are sa renasca, curatit prin jar/ Din cenusa-i proprie si din propriul scrum/ Astazi ca si mâine, pururi si acum!“