Dienstag, 15. Dezember 2009

Ein Dank an Temeswar

Tagung zum 20. Jahrestag der Revolution
/ Von Ana Saliste

Beim Rundgang durch die Temeswarer Gedenkstätte der Revolution fällt ein eingerahmtes Foto auf. Ein Loch ist in der Mitte des Glases zu sehen, genau vor dem Herzen des Kindes. Im Bild: Ein zweijähriges Mädchen, das während der Revolution in Temeswar/Timisoara erschossen wurde. Sie zählt zu den rund 100 Toten, die in der Stadt an der Bega für Freiheit und Demokratie im Dezember 1989 sterben mussten. Gleich daneben, ein Foto mit einem erschossenen LKW-Fahrer aus Ungarn, der mit Lebensmittelhilfen aus dem Nachbarland gekommen war. Er starb an einem Kopfschuss.






Die Lyrikerin Ana Blandiana (2.v.l.) beim Besuch der Temeswarer Gedenkstätte der Revolution


100 Tote, rund 500 Verletzte und fast 1.000 brutal verprügelte Bürger – dies ist der Preis, den Temeswar 1989 bezahlen musste.
Zum Anlass des 20. Jahrestags der Revolution und im Gedenken an die Verstorbenen und Verletzen, die 1989 für das Ideal der Freiheit ihr Leben opferten, wurde vor Kurzem im Adam-Müller-Guttenbrunn-Haus und im Temeswarer Revolutionsmemorial eine zweitägige Tagung veranstaltet. Buchvorstellungen, Fotoausstellungen, Filmprojektionen und Diskussionen standen auf dem Programm.
„Mit dieser Tagung wollen wir eine Hommage sowohl für alle Opfer bringen, als auch den Kollegen, die sich um die Gedenkstätte der Revolution kümmern“, sagte Ana Blandiana, Lyrikerin und Präsidentin der Stiftung „Academia Civica“ sowie Vorsitzende der Gedenkstätte für die Opfer des Kommunismus in Sighetul Marmatei.
Im Rahmen der Veranstaltungsreihe kamen, unter anderen, auch László Tökés, Mitglied im Europäischen Parlament, die Politikwissenschaftlerin Anneli Ute Gabanyi, der französische Historiker Stéphane Courtois und der rumänische Journalist Petre Mihai Bacanu zu Wort. Während Anneli Ute Gabanyi über „ex-postkommunistische Aspekte und Entwicklungen in Deutschland und in Rumänien“ sprach, hielt der französische Historiker eine Rede über die politischen Agenten in Russland, in Tschechien und über die heutige Auffassung des Kommunismus in verschiedenen Staaten. „Wir haben eine tragische Erinnerung an das kommunistische Regime. Es gibt aber viele, die ein gloriöses Gedenken an den Kommunismus entwickeln. Ein solcher Fall ist, zum Beispiel, Russland. Wir haben noch negativistische Historiker, die alles verneinen, was die Kommunisten angerichtet haben. Wir müssen uns dessen bewusst werden“, schlußfolgert Stéphane Courtois. Der Journalist und Dissident Petre Mihai Bacanu sprach über seine Gefängnisjahre und über die Presse im kommunistischen Regime, die sich zu einer „Mauer, die die Welt von der Wahrheit trennte“ entwickelte. „Der größte Besitzer der Presse war damals die kommunistische Partei. Die Lyrikerin Ana Blandiana und die Dissidentin Doinea Cornea zählten damals zu den größten Vertreterinnen der Freiheit“, sagte Bacanu auf der Tagung. „Ich danke Temeswar, ich danke den Temeswarern, dass sie den Aufstand durchgeführt haben“, fügte er noch hinzu.


Fotoausstellung „Solidarisch mit Rumänien“

Der Regisseur Sorin Iliesiu stellte zwei seiner Kurzfilme über die Revolte der Bergarbeiter (die „Mineriaden“) im Jahre 1995 vor und wie diese von ausländischen Medien präsentiert wurden. Projiziert wurde auch ein Film der TV-Produzentin Lucia Hossu-Longin über den Temeswarer Journalisten Iosif Costinas, der unter myteriösen Umständen ermordert wurde. „Der Film ist eine Hommage an den Temeswarer Journalisten. Er war eine harte Nuss bei der Untersuchung der Revolution, ständig auf der Suche nach der Wahrheit. 2005 habe ich den Präsidenten Traian Basescu gebeten, dass die Gerichtsakte Costinas nicht geschlossen wird. Dies ist aber nicht geschehen...“, sagte Lucia Hossu-Longin. Im Rahmen der Veranstaltungsreihe fand auch die Vernissage der Fotoausstellung „Solidarisch mit Rumänien“ statt. Hauptveranstalter der Schau war das Polnische Institut in Bukarest. Der Historiker Stéphane Courtois hat im Rahmen der Tagung sein Buch „Der blinde Fleck des europäischen Gedächtnisses“ vorgestellt. Im Anschluss an die Veranstaltungsreihe wurde der Film „Wir sterben nicht“ des Regisseurs Gabriel Burza ausgestrahlt.

Fotos: Zoltán Pázmány

Unsere armen pervertierten Seelen


Die Ereignisse von damals haben wir erlebt und darüber gelesen, die Fragen, die sie aufwerfen, finden keine Antwort... Und zwischendurch ist noch so viel mehr geschehen, und, vor allem, wir haben entdeckt, dass unsere Seele pervertiert ist. So pervertiert, dass jene Tage uns immer ferner scheinen, fremder, und wir erkennen alldas gar nicht mehr, was sie uns, trotz späterer Widrigkeiten, eingebracht haben.
Unser Leben hat sich dank jener Tage grundlegend geändert. Jener Tage, die wir nie richtig verstanden haben und die wir immer weniger verstehen.Immer weniger in dem Maße, wie wir zunehmend unsere pervertierte Seele entdecken, denn das Paradox ist groß: jene unglaublichen Ereignisse, die unser Leben verändert haben, sind von uns losgetreten und vollbracht worden. Oder – um mich nicht zu überschätzen – von Menschen wie wir. (...) Sie ähneln uns dermaßen, dass wir jene Menschen sind.
Jene Menschen waren keine Märchenhelden. Es waren gewöhnliche Wesen, die nichts vorhersahen, nichts planten, sich nicht vorgenommen hatten, Ereignisse zu schaffen. Sie wachten selber inmitten der Ereignisse auf, ohne zu wissen, wie ihnen geschah. Plötzlich waren die Ereignisse über sie hereingebrochen, sie wurden von ihnen weitergespült und, die ganze Zeit über hatten sie Angst.
Sie litten unter furchtbarer Angst. Für sich konnten sie nur, als Ansporn, die jämmerliche Offensichtlichkeit in Anspruch nehmen: ihr Leben hatte keinen Sinn. Sie lebten es aus Gewohnheit, doch wert war es keine faule Zwiebel.
Dies war, vielleicht, ein Impuls und eine mögliche Erklärung: indem sie sich darüber Rechenschaft gaben - oder auch nicht – sie hätten ohnehin so nicht mehr leben wollen.
Der nächste Impuls: sie beobachteten, ja nahmen teil an etwas Unvorstellbarem, an etwas Unmöglichem für diese armen Menschen, etwas, an dem sie und nur sie teilnehmen durften. Diese Tatsache hatte Magnetwirkung. Sie konnten ihr nicht widerstehen. Sie faszinierte sie, ergriff von ihnen Besitz, obwohl sie Angst hatten und diese Angst sie nie verließ.
Und wie sollten sie vom Unmöglichen nicht fasziniert sein, denn das Unmögliche, statt abzuflauen, wuchs in dem Maße, wie es verwirklicht wurde. Was kann schwieriger zu verstehen sein, als dass dir passiert war, was trotz all deiner Angst eigentlich nie hätte passieren dürfen, was du nie geglaubt hättest, dass es dir passieren könnte, nachdem auf dich geschossen wurde, mit richtigen Gewehrkugeln, nachdem rechts und links von dir Menschen gefallen sind, um nie wieder aufzustehen? Dass du dann am nächsten und am dritten und am vierten Tag, du jener arme Mensch mit pervertierter Seele, wieder hingegangen bist, dorthin, wo gestorben wurde, und wieder und wieder ist auf dich scharf geschossen worden. So lange, bis, erstaunt vielleicht über das, was sie sahen, (...) bis also die anderen, die scharf geschossen hatten, aufhörten zu schießen.“
Livius Ciocâlie

Meinungen über die Revolution


„Wir kämpfen, um den ehemaligen totalitären Staat in einen Rechtsstaat umzuwandeln. Ich hoffe, dass unsere Aussagen die Politiker beeinflussen und dass sie die Punkte der Proklamation von Temeswar mehr in Betracht ziehen werden.
(Ana Blandiana, Lyrikerin)

“Wir brauchen sowohl eine wissenschaftliche als auch eine juridische Lustration. Auch im Unterrichtswesen muss noch vieles geändert werden. Es gibt noch zahlreiche Wissenschaftler, die mit Diplomarbeiten von der Parteihochschule „Stefan Gheorghiu“ verschiedene Posten im Unterrichtswesen inne haben.“
(Daniel Vighi, Schriftsteller)

„20 Jahre nach der Revolution, und wir sprechen trotzdem weiterhin über die Befreiung vom Kommunismus. Der Kommunismus wurde verurteilt, aber es wurde nicht abgerechnet.“
( Petre Mihai Bacanu, Journalist)

„Die wahre Revolution kam nicht 1989 zu einem Ende. Wir müssen noch Mittel finden, um miteinander zu reden. Wir brauchen noch eine Revolution zur Reinigung unserer Seele.“
(Teodor Stanca, ehemaliger politischer Häftling)

„Wir sprechen hier von sieben Tage der Geschichte. Sieben Tage, die aber unser Leben total verändert haben“.
(Traian Orban, Leiter der Temeswarer Gedenkstätte der Revolution)

„Die Temeswar Gedenkstätte der Revolution ist ergreifend und erhebend für die Geschichte Rumäniens. Wir danken Temeswar dafür.“
(Mugur Isarescu, Gouverneur der Rumänischen Notenbank, BNR)

(Zusammengestellt von Ana Saliste)

„Der Wahlkampf ist inzwischen vorüber“

Ciuhandu rechtfertigt die Unterzeichnung des Wiederaussöhnungsvertrags
Von Olivian Ieremiciu

„Ich hätte eigentlich einen Gruß seitens des Bürgermeisteramtes und nicht eine solche Rhetorik, die eher an dem Wahlkampf erinnert, erwartet“. Diese Worte stammen von der Lyrikerin Ana Blandiana und waren an den Bürgermeister der Stadt Temeswar/Timisoara, Gheorghe Ciuhandu, gerichtet.
Während der Tagung zum Anlaß des 20-ten Revolutionsjahres, „Memorial der Opfer des Kommunismus und des Widerstands“, das im AMG-Haus abgehalten wurde, kam es zu einigen verbalen Disputen. Die Schreie aus dem Saal zielten auf den Bürgermeister der Stadt. Grund dafür waren insbesondere seine (vielleicht sogar als Rechtfertigung anzusehende) Erklärung zu seiner Unterschrift zum „Vertrags der Wiederaussöhnung“. Dieser wurde am 1. Dezember zwischen der PNTCD und PSD unterzeichnet. Mit dabei waren auch Crin Antonescu, der Vorsitzender der Liberalen PNL und Klaus Johannis, Bürgermeister von Hermannstadt und vor den Präsidentschaftswahlen als künftiger Premier gehandelt.

Antikommunismus und Eingeständnis der Fehler
„Manche sagten, dass ich die Kommunisten nach Temeswar gebracht und die Ideale der Revolution verraten habe“, sagte Ciuhandu. „Wir haben uns jedoch nicht umsonst auf den Tanz mit ihnen eingelassen. Wir haben von der PSD gefordert, dass sie nach den Wahlen uns Zusicherungen für die Finanzierungen wichtiger Projekte für die Stadt geben und außerdem sollten die Sozialdemokraten ihre Verantwortung für den Dezember 1989 und für die Mineriade im Juni 1990 eingestehen“, fügte Ciuhandu hinzu. Aus dem Wiederaussöhnungsvertrag, der unterschrieben wurde, zitierte Ciuhandu sechs Punkte, in denen es hauptsächlich um Antikommunismus und um das Eingeständnis der Fehler der Vergangenheit ging. „In einem der Punkte wurde darauf hingewiesen, dass die Revolution nicht nur Anti-Ceau{escu sondern anti-kommunistisch war, ein anderer Punkt wies auf das Eingeständnis der Fehler und die Reue derjenigen, die in der Vergangenheit Fehler gemacht haben“.
Was am Opernplatz am 1. Dezember, nach der Unterschrift des Wiederaussöhnungsvertrags geschah, als ein Wahlplakat der Sozialdemokraten, auf dem die Gesichter von Geoana, Iliescu und weitere Persönlichkeiten der PSD zu einem „Anti-PSD“-Plakat umfunktioniert wurde (im Verlaufe des Protests zerrissen und bespuckt, von wem genau ist noch unklar – manche meinen es wären PDL-Anhänger, andere munkeln, es wären einfach PDL-bezahlte Bürger gewesen) bezeichnete der Bürgermeister als Manipulation. „Ich kannte nicht alle Gesichter, die an der sogenannten spontanen Manifestation teilgenommen hatten, die, die ich jedoch kannte, waren mir bislang nicht als Antikommunisten bekannt. Viel eher erinnerten sie mich an die Kumpels aus der Mineriade“, fuhr Ciuhandu fort.

Die Lyrikerin Ana Blandiana moderierte die Tagung zum 20-jährigen Gedenken an die Revolution „Das Memorial der Opfer des Kommunismus und des Widerstands“

Foto: Zoltán Pázmány

Ana Blandiana zeigte sich über Ciuhandus Rede enttäuscht
Eigentlich schien der Bürgermeister noch fortfahren zu wollen, aus dem Saal kamen jedoch immer lautere Gegensprüche zu der Ansprache Ciuhandus. „Ihr habt die Kommunisten hierher gebracht“, „Es ist eine Unverschämtheit“ oder „Wir haben den Wahlkampf satt, heute sind wir hier, um uns an den Umsturz zu erinnern“ sind nur einige der Widerworte, die aus dem Saal kamen. Ana Blandiana und Traian Orban, Leiter der Temeswarer Gedenkstätte der Revolution zeigten sich über die Rede des Bürgermeisters enttäuscht. Versöhnlicher zeigte sich der Schriftsteller Daniel Vighi (der sich in der Vergangenheit, mit seinen Aussagen, als großer Basescu-Anhänger etabliert hat). „Natürlich brauchen wir eine Wiederaussöhnung. Besonders der Rechten mit sich selbst. Die jetzige Rechte wird zurzeit jedoch von den Interessen eines Dinu Patriciu dominiert“, meinte Vighi. „Wir können uns nicht mit diesen Sozialdemokraten wiederausversöhnen“.

Revolution Revue passieren lassen


Nach 20 Jahren: Zeitzeugen erinnern sich

Von Siegfried Thiel

Volksaufruhr, Tumult, Tote, Revolution und erste demokratische Ansätze – wohl auch in dieser Reihenfolge hat Temeswar/Timisoara die Ereignisse vom Dezember 1989 wahrgenommen. „Ich hätte nie gedacht, dass sie auf ihr eigenes Volk schießen werden. Und doch haben sie es getan”, diese Aussage einer Hinterbliebenen ist mittlerweile zum Slogan für eine Radioaufzeichnung geworden. Mitten im Tumult der Ereignisse befanden sich Menschen aller ethnischen, religiösen und beruflichen Kategorien. Manche kamen aus Überzeugung, andere aus Abenteuerlust, oder beruflich in den Sog der Revolution, andere wieder brachte der Zufall in die ersten Reihen. Die Erinnerungen zweier Temeswarer, die aus verschiedenen Perspektiven die Revolution erlebt haben, zeichnen wir in der Folge auf. Es soll damit nicht etwa ein Kapitel Geschichte geschrieben werden, sondern gebliebene Erinnerungen mit den Einschätzungen nach zwei Jahrzehnten wiedergeben werden.

Unverhofft mitgerissen und hängen geblieben

„Ich stand am 19. Dezember mit zwei Metallstangen zu medizinischen Zwecken vor dem Orthopädie-Krankenhaus als die Kolonnen von Demonstranten vorbeizogen. Studenten erkannten mich und nahmen mich mit. Mit den Stangen in der Hand gingen wir so auf die Sperren von Militär und Sicherheitsdienst zu. Ich in der ersten Reihe. ´Beim ersten Schuss trifft es mich mit großer Wahrscheinlichkeit´, dachte ich. Dann bog der Zug der Demonstranten zum Glück ab und ging nicht direkt auf das Bürgermeisteramt und auf die Sperren zu und ich beruhigte mich etwas“.
Vom Sog der Straße mitgerissen, könnte man es heute in einem Satz zusammenfassen, was Dr. Karl Singer, dem, heutigen Vorsitzenden des Demokratischen Forums der Deutschen im Banat in den Tagen der Revolution widerfahren ist. Das Eingangszitat geht auf die Erinnerungen von Karl Singer auf seinen ersten Kontakt mit der Revolution von 1989 zurück. Kuriose Ereignisse
und Zufälle sollten die Tage der Revolution für den Hochschullehrer mitbestimmen. Ob sein späterer Werdegang von diesen Ereignissen mitbestimmt war, vermag Singer heute nicht mehr zu sagen. Gewollt hat er eigenen Aussagen nach weder Ämter noch Funktionen, dass er trotzdem seit 1990 und bis heute an der Spitze des Banater Forums geblieben ist, kommt daher, „dass man eine Aufgabe und Verantwortung übernimmt, die einen nicht mehr loslässt“.
Aus den Fernsehnachrichten hatte Singer erfahren, dass er in den ersten Stadtrat von Temeswar gewählt wurde; einen Tag später war er bereits Stellvertreter des ersten freien Stadtrates. „In etwa 50 Einrichtungen war ich dabei, als in Schulen und Betrieben die Direktoren gewechselt wurden“. Dass die Neuen nicht unbedingt nach Kompetenzkriterien ausgewählt wurden, hat sich danach herumgesprochen - bis heute sind viele Außenstehende überzeugt davon. Karl Singer – selbst dabei – kann das bezeugen: „Schwache Führungspersonen, die nichts zu sagen hatten, wurden damals in Direktorenämter eingesetzt. Sie entsprachen eher den Erwartungen und dem Bild der Mitarbeiter in der jungen Demokratie“.

Zunächst Zuschauer, dann in der ersten Reihe: Dr. Karl Singer

Foto: Privat

Die Silvesternacht 1989-1990 hatte dann etwas ganz Besonderes für den damaligen Stadtratsvize Karl Singer. Von hoher Stelle wurde mitgeteilt, dass die Mitglieder des 37köpfigen Stadtrates in der Silvesternacht getötet werden sollen. „Der Vorschlag, jedem Stadtratsmitglied eine Waffe zu geben, wurde schnell aufgegeben. Wäre es zu einer Extremsituation gekommen und man hätte versucht uns zu töten, hätte wohl kaum einer eine Möglichkeit der Gegenwehr gehabt“, sagt Singer. So beschlossen die meisten, Silvester zumindest nicht zu Hause zu verbringen. Auch Karl Singer nicht. Seine Kinder brachte er zu den Großeltern nach Bakowa/Bacova, er selbst verbrachte den Abend zusammen mit seiner Frau bei Freunden. „Spät in der Nacht wollten wir aufs Land fahren, um die Kinder zu besuchen. Nahe bei Cheveres hielt uns eine Polizeistreife auf“. In der Milizuniform und unweit des Waldes bei Cheveres – wo sich angeblich Ceausescu treue Securitate-Offiziere und sogenannte Terroristen aufhalten sollten – vermutete Singer, dass die Vorhersagen mit der Ermordung der Stadtratsabgeordneten hautnahe Realität geworden seien. „Tun sie, was sie tun müssen, aber machen sie es schnell“, hatte Singer den Männern in Milizuniform gesagt, als diese zugestiegen waren. Als in der Nähe der Kleinstadt Busiasch/Buzias noch immer nichts geschehen war, raste Singer auf eine Patrouille der Revolutionären zu und noch bevor sich die Mitfahrer von der Überraschung erholen konnten, übergab er die Milizleute an die Patrouille – in dem Glauben, er habe seine potentiellen Mörder überführt. Es stellte sich jedoch heraus, dass es Polizisten waren, die nach Hause und nur ein Stückchen mitfahren wollten. Das diese Ereignisse noch bei Karl Singer so ganz gegenwärtig sind, ist auch darauf zurückzuführen, dass seine Gattin Edith es ihm bis heute nicht so ganz verziehen hat, dass sie nicht in die Gefahr eingeweiht war. Singer hatte mit keinem Wort erwähnt, dass die Mitglieder des Stadtrates auf der Abschussliste gestanden haben sollen. Und noch einen Ungläubigen hat er bis heute an seiner Seite. Sein Sohn Harald kann es nicht glauben, dass Singer nicht mehr und früher von der Revolution gewusst hat: Bereits im Sommer war Singer nämlich eine Wette eingegangen, dass bis Silvester die Wende auch in Rumänien kommt. „Die Ereignisse im Vorfeld hatten mich dies so einschätzen lassen“, erläutert Singer, woher seine Prävision stammte.

An dieser Brücke wollte es Karl Singer wissen. Er raste los und übergab die Männer in Uniform den Revolutionären.

Foto: Raluca Nelepcu


Grenzer: impliziert und im Wechselbad der Gefühle

„Wenn ich wüsste, wer geschossen hat, wäre ich heute entweder um einiges besser positioniert, oder tot”, sagt Radu Andrei 20 Jahre danach zu einem Thema, dass wohl die meisten Fragen aufgeworfen, aber auch offen gelassen hat. „Wer hat auf uns geschossen, vor allem nach dem 22. Dezember 1989” - also nach dem Sturz von Ceausescu – wurde zu einem wichtigen Slogan bei der Aufarbeitung der Revolution.
Der damalige Oberstleutnant ist heute 50 Jahre alt, und seit kurzem in Rente. Damals war er als Offizier bei den Grenzsoldaten mitten im Geschehen. Andrei hält große Stücke auf Kommandanten der Armee, aber auch auf die Ausbildung der Soldaten jener Tage. Wohlgemerkt – auf die Grenzsoldaten, zu denen er selbst gehört, soll dies besonders zugetroffen. „Ich kann nur aus meiner Sicht und über die Soldaten sprechen, über die ich bescheid weiß”, schränkt Andrei ein. Er selbst ist im Frühjahr d.J. als Chefkommissar der Grenzschutzpolizei in Rente gegangen. Zuletzt war er Leiter der Temeswarer Ausbildungseinrichtung für Grenzpolizisten.
Die tödlichen Auswirkungen der Ereignisse vom Dezember 1989 reduzieren, dass glaubt Radu Andrei, hätten die Kommandanten - zumindest jene der Grenzschützer - von damals geschafft. Er selbst dürfte am Anfang der Kette gestanden haben, in der die Befehle von ganz oben in jenen Tagen zumindest interpretiert wurden.
Auch in seinem Fall ging das Gerücht, dass sich Gegner der Revolution an den Familien der Implizierten rächen werden. „Ich habe einen Befehl missachtet, wenn mir was zustößt, sollen meine Kinder sich nicht meinetwegen schämen müssen”, hatte Radu Andrei zu seiner Frau gesagt. Den einjährigen Sohn versteckte sie über geraume Zeit unter der Liege. Er selbst hatte am 17. Dezember über eine Spezialleitung telefonisch den Befehl erhalten, auf die Demonstranten zu schießen. Seinen Namen hatte der Anrufer nicht genannt, nur seinen militärische Funktion angegeben. „Wir werden den Befehl so ausführen, wie wir es müssen”, hatte er darauf geantwortet. Für ihn hieß das im Klartext, dass nicht geschossen wird. Sein Vorgesetzter in der Militäreinheit an der Lippaer Straße sei damit einverstanden gewesen, sagt Radu Andrei.

Damals Armeeoffizier, heute Chefkommissar in Rente: Radu Andrei

Foto: Privat

Hat das Militär nun geschossen oder nicht? Radu Andrei will sich diesbezüglich nicht festlegen. „Die gegebene Situation war von Fall zu Fall verschieden, unterschiedlich agierende Kommandanten haben die Einheiten und Untereinheiten angeführt, das Ausbildungsniveau war ebenfalls grundverschieden”, sagt der Chefkommissar a.D. heute. Ob nun Offiziere der Armee anderswo den Befehl gegeben haben, auf die Bevölkerung zu schießen, kann Radu Andrei nicht sagen. Bei einem Angriff auf ihn, auf seine Untergebenen, oder auf die zivile Bevölkerung würde er jedoch von der Waffe Gebrauch machen. Damals hätte er es getan, heute würde es genauso vorgehen. „Nie würde ich untätig zuschauen, wenn ein Soldat oder Offizier angegriffen wird”, sagt er. Er erinnert sich an einen Fall, als der Fahrer eines Panzerfahrzeugs bloß aus seinem Vehikel ausgestiegen war und man ihn mit einem Brecheisen am Hals verletzte. Und um wieder auf eine generell positive Einstellung der Armee zurückzukommen. Der damalige Oberstleutnant hatte Bedenken, wie die Revolution ausgehen würde, wenn man nun die Soldaten auf die Straße schickt. „Jeder hatte 60 Geschosse bei sich, und bei unbedachtem Gebrauch kann man viel Unheil anrichten”. Was ihn heute stört: Politiker sind in allen Strukturen präsent. Auch in Verteidigung und öffentlicher Sicherheit. „Wenn du heute deinen orangefarbenen Schal aus dem Schrank nimmst, bist du einer Partei freundlich gesinnt, wenn du rote Rosen verschenkst, einer anderen”, zieht er ein wenig positives Fazit über eine Gesellschaft, die heute eher auseinanderdriftet, statt zusammen zu rücken.
Mindestens zwei Personen hat Radu Andrei den Status eines Revolutionshelden vereitelt: Zum einen als er zögerte, auf einen angeblichen Terroristen zu schießen, der eigentlich als angehöriger der sogenannten Patriotischen Garden ein Gebäude bewachen sollte und danach, als er bei einem Feuergefecht einer Zivilperson den Befehl zum Niederwerfen gab. Begleitet mit Schimpfworten, damit sie den Befehl auch sofort ausführt. „Sekunden später waren da, wo die Frau eben noch gestanden hatte, Einschusslöcher zu sehen”.