Freitag, 11. Dezember 2009

Davongekommen

Von Richard Wagner

Es ist nichts Außergewöhnliches, wenn an einem Oktobermittag im Jahr 1984 die Türglocke läutet. Ich gehe in den Flur, um zu öffnen. Vor der Wohnungstür steht niemand, aber links und rechts davon haben sich, außerhalb des Blickwinkels des Türspions, die beiden Männer postiert. Ich stehe in der offenen Tür, und die beiden Männer links und rechts von mir blicken mich erwartungsvoll an. Sie sind es. Den einen kenne ich bereits, den anderen nicht. Der, den ich kenne, spricht jetzt. Dürfen wir hereinkommen, fragt er. Es ist der Tag, an dem sie gekommen sind. Es ist der 26. Oktober 1984. Ich sehe ihn überrascht an, und sage ja. Falls Sie nicht eine Hausdurchsuchung vorhaben, füge ich hinzu.
Er lacht und ist plötzlich in bester Stimmung. Hausdurchsuchung, sagt er und lacht schon wieder. Das Wort gefällt ihm ausnehmend gut, er kann sich gar nicht mehr von ihm trennen. Warum meinst du denn, dass wir eine Hausdurchsuchung vorhätten?
Es ist dieses changierende rumänische „dumneata“, das er als Anrede verwendet. Es liegt zwischen dem Du und dem Sie, und kann alles bedeuten. Es ist leutselig und kumpelhaft, obszön und niedermachend. Es ist weder Du noch Sie. In seinem Fall ist es die Sprache der Macht.





Der Sitz der Temescher Kreispolizei, wo in den 80er Jahren die Securitate das Kellergeschoss als Verhör- und Gefängnisräume benutzt hatte.

Niederlagen
Bis zu jenem Zeitpunkt bin ich dem Oberstleutnant Padurariu zweimal begegnet. Das erste Mal sah ich ihn im Oktober 1975, also 9 Jahre zuvor, als man uns, die Aktionsgruppen-Mitglieder Gerhard Ortinau, William Totok und mich, so wie unseren Bukarester Leitkritiker Gerhardt Csejka, nach einer Woche Untersuchungshaft freilassen musste, weil man vorschnell gehandelt hatte. Vier Literaten der deutschen Minderheit zu verhaften, dieser frühe Fehler der Securitate, wurde später zum Schutz für uns. P²durariu führte damals ein kurzes Gespräch mit mir, in dem es vor allem darum ging, unsere Inhaftierung und die damit verbundenen Vernehmungen als Missverständnis darzustellen. Für ihn war es eine Niederlage.
Das zweite Mal sah ich ihn im September 1984, beim Schulinspektorat in Temeswar, das war anderthalb Monate her. Dorthin hatte ich Herta Müller begleitet. Ihr war der Aspekte-Literaturpreis zugesprochen worden und sie wollte einen Reise-Antrag stellen, wegen der Preisverleihung in Mainz. Dazu benötigte man damals eine Bescheinigung vom Arbeitgeber. Als wir beim Schulinspektorat ankamen, empfing uns dort eine angebliche Schulinspektorin namens Melnic. Aus Herta Müllers Akte geht hervor, dass es sich um Oberst Melnic handelte. Diese sagte ohne Umschweife, der Antrag werde auf kurzem Wege bearbeitet, und schon trat aus dem Nebenzimmer ein Mann herein, den die Schulinspektorin Melnic als Passamtsbeamten bezeichnete, und der Passamtsbeamte war wie die Melnic Schulinspektorin, ich Kommunist und Herta Müller „Mitarbeiterin der Bukarester ZK-Propagandaabteilung“, was die „Banater Post“ behauptete, kurzum, es war der Oberstleutnant P²durariu.
Er strahlte eine lückenlose Freundlichkeit aus, so, als hätte er im Nebenzimmer noch schnell im Volks-Knigge nachgeschlagen. Mich begrüßte er mit der frappierenden Bemerkung: Kennst du mich noch? Als hätte er mir schon hundert Pässe ausgehändigt. In Wahrheit war es aber so, dass er in meinem Fall, wie aus der Akte hervorgeht, zwei Reisen verhindert hat, die zwei mickrigen Reisen, die ich bis zu jenem Datum im Herbst 1984 beantragen konnte. Eine nach Polen und eine in die Bundesrepublik. Jetzt hat er nur noch ein Thema, die bevorstehende Paradies-Fahrt Herta Müllers nach Mainz. Das Schulinspektorat und das Passamt hatten plötzlich das dringende Bedürfnis, Herta Müller in Mainz zu sehen.
Padurariu begründete die Kontaktaufnahme in einem ebenfalls späteren Analysebericht in meiner Akte mit unserem Protestbrief an die regionale Parteiführung wegen der Gewaltanwendung bei einer Vernehmung unseres Kollegen und Mitstreiters Helmuth Frauendorfer im Sommer 1984 durch den Major Ioan Adamescu. Das aber trifft nicht zu. Den Brief haben wir erst nach der Abreise von Herta Müller dem Parteikomitee zukommen lassen, zusätzlich überreichte ich ihn auch dem damaligen Vorsitzenden des Schriftstellerverbands in Bukarest.
Der Grund für die Kontaktaufnahme im September war ein ganz anderer. Es hatte sich nämlich ein ZDF-Team angekündigt, das an den Originalschauplätzen der „Niederungen“ drehen wollte und die Securitate befürchtete eine „verzerrte“ Darstellung des Lebens der Banater Schwaben durch das Zweite Deutsche Fernsehen.
Die regionale Parteiführung hat uns am 12. Oktober empfangen, um uns in dümmster Weise die Leviten zu lesen. Wortführer war Eugen Florescu, Propagandasekretär und Miterfinder des Jubel-Nationalismus und des geschlechtergerechten Doppelpersonenkults. Der Vorfall bestätigte meine bereits bestehende Illusionslosigkeit, was die Lage und unsere Lage in dieser Lage betraf. Wir hatten zwar keine Chance, aber wir nutzten sie.





Das Schulinspektorat Temesch, wo Securitate-Leute als Schulinspektoren getarnt auftraten.

Kontaktaufnahme
Sie sind also da. Wir nehmen am großen Tisch im Wohnzimmer Platz.
Das ist mein Kollege Manda, sagt der Oberstleutnant Padurariu. Padurariu, der, wie ich heute weiß, meine Akte betreut hat, von Anfang an, und schon vor diesem Anfang, lange davor bereits mit mir beschäftigt war. Dieser Mann, der alles über mich hätte wissen können, wenn er andere Kriterien der Beurteilung gehabt hätte. Die hatte er aber nicht, wie ich heute weiß. Die Arbeitsgruppe, die sich mit uns, den deutschen Schriftstellern beschäftigte, folgte der Titulatur: „Deutsche Faschisten und Nationalisten“. Vom Anfang bis zum Ende. Alles, was man gegen uns sammelte, wurde unter dieser Prämisse zum Beweis für die Richtigkeit der Titulatur. Aber darüber hinaus? Im Oktober 1984 war ich seit einem dreiviertel Jahr arbeitslos und ohne jede Perspektive. Ich hatte vor einem dreiviertel Jahr im Streit und im Zorn den AMG-Kreis verlassen, weil Nikolaus Berwanger den F.J. Bulhardt aufnehmen wollte, und ich trug meinen Kollegen Lippet, Samson und Totok nach, dass sie mich nicht unterstützt hatten. Darüber hinaus war es im Sommer zu Ermittlungen gegen meinen Mitstreiter Helmuth Frauendorfer gekommen, wobei der Major Adamescu, ein Untergebener von Padurariu, der nach der Revolutionswende, von 1990 bis 1995 Stellvertretender Leiter des SRI in Temeswar werden sollte, handgreiflich wurde.
Das Vorkommnis war insofern alarmierend, weil bis zu diesem Zeitpunkt zwar alle Register der Verleumdung, Manipulation und Intrige gezogen wurden, zu Prügeln aber war es in unserem Umfeld nie gekommen. Angesichts dieser Entwicklung beschloss ich, den Streit vorläufig zu begraben und nahm den Kontakt zu meinen Ex-Verbündeten wieder auf. Wir einigten uns auf einen gemeinsamen Brief an die Regionalparteiführung und an den Schriftstellerverband.
Als Grund für die Kontaktaufnahme an diesem Oktobermittag gibt Oberstleutnant Padurariu an, man habe überprüfen wollen, ob die Platzierung des Mikrophons, dass man aus der Wohnung ein Stockwerk tiefer, in den Parkettfußboden getrieben hatte, nicht Spuren hinterlassen habe. Das war eine Erfindung. In Wirklichkeit ging es um die Ratlosigkeit der Securitate. Sie hatten geglaubt, ihnen wäre die Zersetzung des Kreises gelungen, jedenfalls hatten sie von der Briefaktion nichts mitbekommen. Sie waren blamiert und ohne Aussicht auf eine baldige Gehaltserhöhung.
Padurariu kommt auf den Brief zu sprechen, sein eigentliches Anliegen. Dieser wird in den Securitate-Akten allgemein als „memoriu colectiv“, kollektive Eingabe, bezeichnet. Er fragt, wer denn der Initiator gewesen sei und ich sage, nicht faul, wir alle zusammen. Ich habe ganz gute Karten an diesem Mittag im Oktober 1984. Ich weiß, man wird mich nicht verhaften können, und irgendwie ist es mir auch egal. So mache ich am Ende der Unterredung den Vorschlag, zu einem freien Gespräch („discutie libera“) in die Securitate-Zentrale zu kommen.

Das Gespräch
Das vereinbarte „freie Gespräch“ findet am 21. November 1984 statt. Beim Sitz der Securitate, in einem öden Amtszimmer mit Tisch und Stühlen. Wahrscheinlich ein Vernehmungsraum. Was ich in Erinnerung habe: Er sitzt hinter dem Schreibtisch. Wie ich sitze, weiß ich nicht mehr. Ich weiß nur, wir sitzen ziemlich weit auseinander. Es könnte eine Vernehmungssituation sein, ist es aber nicht. Oder doch?
Liest man sein Protokoll von diesem Gespräch, verstärkt sich der Eindruck. Es ist im Tonfall und in der Frage-Antwort-Wiedergabe einem Vernehmungsprotokoll bisweilen täuschend ähnlich. Und ist doch keines. Es ist seine Art zu schreiben, die diesen Eindruck erweckt. Mein Anliegen und meine Forderungen sind ausführlich aufgelistet. Er lässt sich darauf in zum Teil recht ungewohnter Weise ein, und als er dabei so weit geht, zu sagen, wir hätten mit unserem Anliegen zu ihnen, zur Securitate, kommen sollen, anstatt zur Partei zu rennen, vermerkt einer der Chefs, der das Protokoll liest, in einer Randbemerkung: Achtung! Nicht dass er (also ich!) sich als Wortführer versteht und von uns Rechenschaft verlangt. „Rechenschaft“ hat er in Anführungsstriche gesetzt. Schlussfolgernd heißt es zu dem Vorgang im Chef-Kommentar: Lasst uns zur Überprüfung und Beeinflussung dieser Personen handeln.
Ja, sie haben gehandelt. Sie haben uns abgehört und abgeschöpft und ihre Intrigen weiter gesponnen. Weiter und weiter. Manche der Fälschungen von damals kursieren heute noch. Nein, ich hatte keine Chance, ich habe sie aber genutzt.

Curriculum
Zuletzt, als gar nichts mehr half, schrieb ich das Gedicht „Curriculum“. Darin heißt es:
Nicht erschlagen, fertiggemacht.
Belogen, bis ich selber log.
Nicht nackt, nur mir selber entzogen.
Nicht mit Steinen beworfen, nicht mit Worten.
Bloß mit Schweigen traktiert.
Nicht verhungert, aber der Kopf eine Höhle.
Davongekommen, überlebt, das auch, ja.
Das Gedicht „Curriculum“ las ich kurz nach meiner Ausreise im März 1987 in Darmstadt beim Leonce-und Lena-Wettbewerb vor. Ich erhielt dafür den Sonderpreis für das politische Gedicht. Der Preis war mit 1000 D-Mark dotiert. Es war mein Begrüßungsgeld als Schriftsteller.
Davongekommen, überlebt.

Fotos: Zoltán Pázmány

Dezember 1989 in Augenzeugenberichten

Temeswarer berichten über die Revolutionsereignisse


Das Pfarrhaus von Laszló Tökés am Temeswarer Marienplatz

Krisztina Jost, 20, Studentin
„Ich erwarte den Herrn ..."
,,Es war am Samstagabend, dem 16. Dezember 1989, gegen 21 Uhr, als mein Mann Norbert und ich am Pfarrhaus von Laszló Tökés ankamen. Zu jenem Zeitpunkt war die Lage in Temeswar schon kritisch. Wir fühlten das. Die Entscheidung näherte sich. Die Straßenbahnen verkehrten nicht mehr durch das Stadtzentrum. Obwohl ein Großteil der Stadtbevölkerung wusste oder ahnte, was hier vorging, versuchte man, die Leute davon abzuhalten, zum Pfarrhaus zu gelangen. Man hatte Angst vor neuen Augenzeugen, man fürchtete sich vor einer Ausweitung der Protestkundgebung. Norbert und ich fühlten, dass wir unbedingt dabei sein mussten, um Laszló zu unterstützen und, wenn nötig, mit dem Preis des Lebens zu verteidigen. Laszló Tökés, dieser hartnäckige, ehrliche, gerechte und vor allem gläubige Mann, hatte alles aufs Spiel gesetzt: Sich selbst und seine Frau Edith, seine treue Gemeinde von Gläubigen, die trotz wiederholter Versuche nicht von der Securitate kontrolliert werden konnte. Das - für uns alle. Die Worte aus Laszlós letzten Sonntagspredigten begleiteten uns überallhin: Wir haben bis zum letzten gekämpft, jetzt müssen wir uns für das höchste Opfer vorbereiten! Es war gegen 21 Uhr, als man Norbert und mich ins Pfarrhaus eintreten ließ. Zwei von Laszlós Getreuen, Vater und Sohn, überprüften jede Person gründlich, da die Secu­ritate es öfter versucht hatte, Spitzel, Provokateure und gar Diebe einzuschleusen. Laszló Tökés saß, rauchend und nervös, am Tisch. Seine Frau Edith machte einen weit ruhigeren Eindruck als in den letzten Tagen, sie hatte Beruhigungsmittel genommen. Außer den beiden waren noch sieben Personen anwesend. Etwa um 21.30 Uhr wurde das Tor von innen verriegelt. Es war uns klar, dass wir hier bleiben mussten, dass wir das Pfarrhaus nicht mehr verlassen konnten. Der damalige Bürgermeister von Temeswar, Mot, hatte versprochen, dass Tökés nicht versetzt werden würde, wenn sich die Menge vor dem Pfarrhaus zurückziehe. Doch wer konnte solchen hohlen Versprechen, solchen dreisten Lügen Glauben schenken? In jenen schweren Augenblicken versuchten wir, realistisch unsere Überlebenschancen abzuwägen. Wir hofften alle im Geheimen, dass die Securitate in nächster Zeit alle Hände voll zu tun haben würde. Laszló Tökés vergaß auch in diesen Augenblicken nicht die bevorstehende Sonntagsmesse. Wenn es nicht anders ginge, würde er für uns acht Gläubige diese Messe halten. Wir hörten es aus seinen Worten heraus: Kommt zum Herrn, nach diesem Kampf werden wir ruhen! Und dann kam der Augenblick, als man plötzlich von draußen aus der versammelten Menge klar den Ruf ´Nieder mit Ceausescu!´ vernahm. Laszló ging zum Fenster und sprach beruhigende Worte zur Menge. Er versuchte, sie davon zu überzeugen, dass sie das nicht hier, vor der Kirche fordern sollen. Es war klar, dass er ein Blutbad verhindern wollte. Wenige verstanden den wahren Sinn seiner Worte, viele glaubten, dass Tökés sich nun als Anführer an ihre Spitze stellen würde. ´Wir lieben dich, wir lieben dich! Wir werden dich nicht verlassen!´ So rief man ihm aus der Menge zu. Es war gegen 22 Uhr, als die Antiterrortruppen der Securitate auftauchten. Aus einer Nebenstraße griffen Milizeinheiten an. Diese wurden jedoch von der aufgebrachten Menge in die Flucht geschlagen. Wir sahen sie davonlaufen, begleitet vom Triumphgeheul der Menge, Helme, Schilde und einige Schlagstöcke blieben auf dem Asphalt zurück. Darauf kamen Lastkraftwagen mit Soldaten, die bloß mit Helmen und Schaufeln ausgerüstet waren. Nach einiger Zeit wurde es ruhig draußen, man hatte es geschafft, die Menge auseinanderzutreiben. Ich ging mit Edith Toth in die Küche, um etwas zum Essen zuzubereiten. Vor dem Pfarrhaus war niemand mehr, außer sieben Securitate-Leuten. Um uns Angst einzujagen, schleppten sie demonstrativ einen Mann auf den Gehsteig vor dem Fenster und schlugen ihn brutal zusammen. Mit Schlagstöcken hieben sie auf ihn ein. Selbst als ihr Opfer regungslos liegen blieb, versetzte ihm von Zeit zu Zeit jeder, der vorbeiging, verächtliche Fußtritte. Ohnmächtig mussten wir zusehen, wie sie ihr Opfer wie einen Sack Kartoffeln in einen Wagen warfen und abtransportierten. Wir wussten es: Diese Kraftübungen galten uns! Es war gegen Mitternacht, und man hörte, dass es in mehreren Stadtteilen Massenunruhen gab.
´Wenn sie das Tor aufbrechen, ziehen wir uns in die Kirche zurück´, sagte Laszló Tökés. Um ein Uhr versuchten einige von uns zu schlafen, um neue Kräfte zu sammeln. Als die Kirchenuhr viermal schlug, hörten wir Autos vor dem Pfarrhaus vorfahren, Befehle und Stiefelgetrampel folgten. Und die ersten dumpfen Axthiebe ans Pfarrhaustor. Es war schrecklich. Tökés, seine Frau Edith, deren Schwager und Árpád Gaz kletterten über eine Leiter aus der Küche in die Sakristei hinauf. 'Ich möchte neben dem Tisch des Herrn sterben', hatte Laszló Tökés gesagt. In jenen Augenblicken fühlte ich mich wie losgelöst, entrückt von der Wirklichkeit. Ich kam nicht mehr dazu, etwas aus der Bibel zu lesen, da man das Tor aufgebrochen hatte. Es waren Soldaten mit Äxten. Securitate-Leute in Zivil stürmten ins Haus. ´Was macht ihr da´, schrien sie uns an. ´Was machen wir mit denen da? Wo ist Tökés?´ Die wilde Horde kletterte hinauf, man brach auch die Sakristeitür auf. Laszló Tökés hatte sich den Talar umgehängt und ruhig die Bibel auf dem Tisch des Herrn aufgeschlagen. Hier war seine letzte Zufluchtsstätte. Die Bibel liegt heute noch auf dem Tisch des Herrn, aufgeschlagen bei den Psalmen 125, 126 und 127. ´Wenn der Herr nicht das Haus baut, so arbeiten umsonst, die daran bauen. Wenn der Herr nicht die Stadt behütet, so wacht der Wächter umsonst...´, verkündet der Psalm 127. Der erste der Securitate-Schergen, der in das Heiligtum stürmte, schrie verächtlich und frohlockend: ´Ha, Pope, seit wann warte ich auf diesen Augenblick!´ Er schlug mit der Faust und dann mit dem Schlagstock auf den Wehrlosen ein. Ohnmächtig vor Schmerz mussten wir zusehen, wie sie Tökés und seine kranke Frau wegschleppten. ´Ich brauche meine Medikamente´, bat Edith. ´Lass das, du wirst sie nicht mehr brauchen´, kam die zynische Antwort. Wir, die sieben Gläubigen, wurden in einem geschlossenen Polizeiwagen zum Securitate-Sitz am Salajan-Boulevard geschafft. Vier Unteroffiziere und ein Securitate-Mann bewachten uns im Wagen. Der Letztere schlug wahllos und fluchend bis zur Ankunft mit einem Gummiknüppel auf uns ein.“



Einer der blutigen Schauplätze der Temeswarer Volkserhebung: Der Freiheitsplatz

Petru Ispas, 30, Arbeiter
Die Militärparade
„Es war am Sonntag, dem 17. Dezember 1989, um 11.30 Uhr, auf dem Temeswarer Opernplatz, wo sich spontan eine Menschenmenge angesammelt hatte. Eine Kompanie Soldaten, an deren Spitze ein Offizier in Paradeuniform stand, tauchte mit wehender Kampffahne, begleitet von Marschmusik, auf und marschierte wie bei einer Militärparade an der empörten Menge vorbei. Man rief ihnen Schimpfworte hinterher. Als eine heisere Stimme ´Nieder mit Ceausescu!´ rief, wurde dieser Ruf im Nu zu einem zornigen Kampfruf aus hunderten Kehlen.“

Victor Dima, 60, Rentner
Panzer am Freiheitsplatz

„Es war am Sonntagnachmittag, dem 17. Dezember, auf dem Freiheitsplatz. Auf Befehl eines Offiziers hin streckte sich eine Gruppe Soldaten auf dem Asphalt aus und schoss kaltblütig in die Menschenmenge hinein. Als sich ein Panzerwagen bedrohlich der Menge näherte, versperrte ihm ein Mann, er war vielleicht um die vierzig, den Weg. Er riss seinen Mantel auf, verfluchte das Stahlungetüm und schrie ihm wie einem Menschen zu: ´Komm, komm, überfahre mich!´ Der Panzer­wagen fuhr eine Handbreit an ihm vorbei. Mit stummem Grauen sah die Menge den Mann plötzlich stürzen. Eine mörderische Kugel in den Kopf hatte ihn, feige, aus dem Hinterhalt niedergestreckt.“


Mahnmal gegen das Vergessen: Eine zerschossene Hausfassade im Stadtzentrum

Dan Moga, Medizinstudent
Diagnose „Schusswunde“

„Am Montag, dem 18. Dezember 1989, um acht Uhr, konnte man noch ungehindert ins Kreiskrankenhaus hinein, eine halbe Stunde später wurde nur noch dem ärztlichen Personal der Eintritt gestattet. Das Krankenhaus glich einer belagerten Festung, es war von starken Securitate- und Miliztruppen umzingelt. Im zweiten Stock, in der Anästhesie-Abteilung, lagen zahlreiche Patienten, die im Laufe der vorigen Nacht mit der Diagnose ´Schusswunde´ eingeliefert worden waren. Ein Großteil waren Jugendliche, Männer, aber auch einige Frauen. Einige waren bei Bewusstsein und erzählten gequält, was geschehen war. ´Ich befand mich im Laden, eine Kugel, die durch das Schaufenster drang, traf mich in die Brust´, erzählte eine Frau. ´Mich erwischte es auf der Straße´, sagte ein Mann. Ich war kaum einige Meter aus unserem Haus, da erwischte mich eine Kugel im Bauch.´ Auf einem Bett, bleich und unbeweglich, ein Mann. Auf seine Brust hatte man einen Leukoplaststreifen geklebt, darauf hatte jemand mit einem Kugelschreiber Namen, Alter und Diagnose gekritzelt: Ein Toter. Etwas später schaffte man den Toten in die Leichenkammer, die unzureichend Raum für die unzähligen Opfer bot. Die Leichen lagen in denselben Positionen und mit jenem meist entsetzten Gesicht, wie sie der Tod getroffen hatte, auf dem Zementboden. Es waren vor allem junge Männer und Frauen. Unter ihnen entdeckte ich auch ein vier- oder fünfjähriges Kind mit einer Brustwunde. Der Tod musste erst vor Kurzem eingetreten sein, denn seine winzigen Haarlocken auf der Stirn waren noch nass von seinem Atem. Viele Tote hatten noch ihre Straßenkleidung. So, wie sie der Tod ereilt hatte. Sie waren auf dem Weg zum Krankenhaus gestorben. Um neun Uhr besetzten Securitate-Leute auch den Eingang zur Leichenkammer.“
(Aufzeichnung und Übersetzung: Balthasar Waitz)

Foto: Zoltán Pázmány


Zwanzig Jahre sind vergangen, seitdem die Temeswarer die Einschüchterung der Securitate und des kommunistischen Regimes ignorierend auf den Straßen protestiert und „Freiheit!“ gerufen haben. Viele mussten für diese „Frechheit“ mit ihrem Leben bezahlen. Insgesamt 1.104 Bürger sind in den Tagen der Revolution ums Leben gekommen, weitere 3.321 wurden verletzt. In der Zeitspanne 16. – 21. Dezember 1989 starben 73 Personen allein in Temeswar/Timisoara, 296 Verletzte wurden damals registriert. Nach dem 22. Dezember kamen weitere 20 Bürger ums Leben und andere 77 wurden auf den Straßen der Stadt verletzt. Die Erinnerungen an die Tage der Revolution sind zunehmend erloschen. Wir vergessen, dass Mitbürger, die den Mut aufbrachten, sich gegen ein diktatorisches Regime zu erheben, sogar mit ihrem Leben büßen mussten. Vergessenheit? Für die Nachkommen, Familien und Freunde der insgesamt 1.104 rumänischen Märtyrer der Revolution kommt das gar nicht in Frage.




„17. Dezember 1989: Der Tag, den ich nie vergessen werde!“

Harald Pinzhofer will endlich Fakten

Harald Pinzhofer (34) ist Nikolaus-Lenau-Absolvent und nun seit einigen Jahren Sportlehrer in der kleinen Lenau-Schule in Temeswar/Timisoara. Mehrere Jahre hat er versucht, „gegen die Wirklichkeit anzukämpfen“, um sein Leben wieder in Ordnung zu bringen. Letztendlich hat er verstanden: Sein Leben wird nie mehr so sein, wie vor zwanzig Jahren.
Dezember ´89 war Harald Pinzhofer 14 Jahre alt. Er lebte zusammen mit seinem Bruder Bruno Robert, der elf Jahre alt war, mit seiner Tante, seinem Cousin und natürlich mit der allerwichtigsten Person in seinem Leben, der Mutter. Die 35-jährige, alleinerziehende Mutter Georgeta Pinzhofer war als Reinigungskraft im Temeswarer Kreiskrankenhaus angestellt. Ihr bisher recht eintöniger Alltag änderte sich brutal an einem Sonntagabend. Es war der 17. Dezember 1989.
Immer mehr Leute erfuhren von dem großen Rummel in der Stadt und immer mehr Leute schlossen sich den Protesten gegen den Kommunismus an. „Ich erinnere mich heute noch klar, wie es damals war. Einige Nachbarn kamen zu uns und erzählten meiner Mutter von den Ereignissen, die bereits am 16. Dezember in Temeswar angefangen hatten. Sie wollten auch mitmachen – und dem grausamen Kommunismus ein Ende bereiten. Meine Mutter wollte sich ihnen anschließen, doch ich bat sie, nicht zu gehen“, erzählt Harald Pinzhofer. Georgeta Pinzhofer hörte nicht auf ihn. Sie zog einen blauen Hausmantel über und verließ das Haus. Sie sollte sich mit den Nachbarn treffen. Es war das letzte Mal, dass Harald und sein Bruder ihre Mutter lebend sahen. Die Revolutionäre protestierten an der Lippaer-Straße, unmittelbar gegenüber einer Militäreinheit „Es war halb acht abends, als sie ausging, gegen acht hörten wir schon die ersten Schüsse. Wir versteckten uns im Haus, vor Angst, und ich hatte in dem Moment ein ungutes Gefühl – ich hoffte nur, dass meine Mutter heil nach Hause kommt“, erinnert sich der Sportlehrer. Einer nach dem anderen kehrten die Nachbarn zurück. Georgeta Pinzhofer nicht. Erst gegen 21 Uhr kam ein junger Mann, der sich im Wohnblock an der Lippaer-Straße verstecken wollte. Er sagte, dass er eine Frau, die zu ihren Beschreibungen passe, in seiner unmittelbaren Nähe von Kugeln getroffen fallen gesehen hatte. Die Frau wurde nicht weit von ihrer Wohnung auf einem freien Gelände zwischen den Plattenbauten gefunden. Sie war tot. Eine Gewehrkugel hatte sie direkt ins Herz getroffen. Ein Nachbar trug sie ins Haus. „Dies ist der Anblick, den ich niemals vergessen werde. Immer, wenn ich an sie denke, habe ich diese schreckliche Szene vor Augen“, sagt Harald Pinzhofer.


Auf dem Gelände, wo die Mutter von Harald Pinzhofer erschossen wurde, ist jetzt ein Park angelegt.
Foto: Andreea Oance

Die ganze Nacht behielten sie den leblosen Körper der Mutter im Haus. Erst am kommenden Morgen kam Georgeta Pinzhofer ins Leichenschauhaus des Kreiskrankenhauses. „Es war grausam. Vier Tage lang mussten wir sie im Krankenhaus verstecken und lügen, dass sie an einem Herzinfarkt gestorben sei, damit die Securitate-Offiziere sie nicht finden und eventuell ins Krematorium bringen“, erzählt der ehemalige Lenau-Schüler. Erst am 22. Dezember fand sie endlich ihre Ruhe auf dem Eroilor-Friedhof.
„Am meisten schmerzt, dass ich nach zwanzig Jahren noch immer nicht weiß, wer meine Mutter getötet hat“, sagt Pinzhofer. „Man hat mir gesagt, es wurde von der Militäreinheit aus geschossen, andere sagen, ein weißes Auto habe neben dem Einkaufskomplex im Stadtviertel an der Lippaer-Straße gestanden und von dort aus sei geschossen worden. Ich habe genug von den Spekulationen, ich möchte endlich Fakten. Leider - fürchte ich - werde ich nie die Wahrheit erfahren“, schließt der 34-jährige Pinzhofer.
Er kämpft trotzdem für Gerechtigkeit und gibt den Kampf nicht auf. Aus Anlass des 20. Jahrestages der Revolution ist Pinzhofer zusammen mit anderen Nachfolgern der Märtyrer nach Brüssel gefahren, um dort die Problematik der Revolutiongedenkstätte zu Debatte zu bringen. Dazu eingeladen hat die rumänische Ex-Justizministerin und EU-Parlamentarierin Monica Macovei.

ANDREEA OANCE

Ohne Gerechtigkeit bleibt nur die Trauer

Temeswarer wurden verletzt, erschossen, ihre Leichen verbrannt/
Von Andreea Oance

Die blutige Revolution in Temeswar lässt auch nach zwanzig Jahren offene Wunden – Seelenschmerz der Nachkommen jener, die sich für die Freiheit geopfert haben. Doppelte Dramen mussten Familien vieler Märtyrer erleben. Zwei Jahrzehnte später müssen sie mit der Ungerechtigkeit kämpfen. Zahlreiche Bürger, die während der Proteste bloß leicht verletzt und ins Krankenhaus eingewiesen wurden, verschwanden danach spurlos. Im Temescher Kreiskrankenhaus sollen Hinrichtungen stattgefunden haben. Die Leichen der Märtyrer wurden danach ins Bukarester „Cenusa“-Krematorium gebracht, verbrannt und die Asche in einen Abwasserkanal bei Popesti-Leordeni geworfen. Andere landeten in Massengräbern auf dem Eroilor- oder Armenfriedhof.

Auf dem Eroilor-Friedhof brennt die „ewige Flamme“ für die Revolutionsopfer.


Remus Tasala wurde während den Protestaktionen in Temeswar am Hals verletzt. Er wurde ins Krankenhaus gebracht. Stunden später war er nach einem Kopfschuss tot. Remus Tasala wurde 23 Jahre alt. Ein Freund, der im Kreiskrankenhaus arbeitete, entdeckte seine Leiche und versteckte sie vor den Securitate-Offizieren. Zwei Monate später wurde auch er, Alexandru Ciuplina, in einem Graben tot aufgefunden. „Er wurde, genauso wie mein Sohn, von den Securisten hingerichtet“, meint Vasilica Tasala, die Mutter.
Dass im Temescher Kreiskrankenhaus Verletzte hingerichtet wurden, ist heute noch ein Tabu-Thema. Die Fälle Remus Tasala und Dumitru Gârjoaba sind Beispiele, dass 1989 im Krankenhaus Menschen erschossen wurden. Dumitru Gârjoaba wurde mit einer Hüftwunde ins Krankenhaus gebracht. Er verließ es nie wieder. Sein Körper wurde wahrscheinlich im Bukarester Krematorium eingeäschert. Auch Untersuchungsregister und wichtige Dokumente, die den Tod von Patienten bewiesen, wurden dort zu Asche. Man sagt, dass Offiziere der Securitate die Opfer der Revolution in einem Aufzug des Krankenhauses erschossen. Noch heute weigern sich die Leute, davon zu erzählen. Man behauptet, mindestens zehn Morde hätte es im Temeswarer Kreiskrankenhaus gegeben. Nachgewiesen wurden zwei.
Der damalige Leiter des Kreiskrankenhauses, Dr. Ovidiu Golea, erzählt, dass er vom Temescher Securitate-Chef Traian Sima beauftragt wurde, die Tür des Leichenschauhauses zu öffnen. 43 Leichen wurden in einem Gefriertransporter des ehemaligen Schweinemastbetriebs COMTIM ins „Cenusa“-Krematorium gebracht.
Ähnlich auch in anderen Krankenhäusern in Temeswar. Maria Mihaiescu war Anästhesie-Assisentin im CFR-Krankenhaus. „Wir hatten Angst und wussten nicht mehr, wem zu vertrauen. Spitzel der Securitate waren auch unter den Krankenhausangestellten. Es herrschte totales Chaos. Die Offiziere suchten wie verrückt nach Revolutionsopfern“, erzählt die heutige Rentnerin. „Viele der Verletzten flohen aus dem Krankenhaus, nachdem ihnen erste Hilfe gewährt wurde. Als wir morgens die Krankenzimmer betraten, fanden wir die Fenster offen – sie waren alle aus Angst geflohen“, erinnert sie sich.

Ioan Bânciu: Ungerechtigkeit und Gleichgültigkeit schmerzen.

Ioan Bânciu. Seine Frau, Leontina, wurde am 17. Dezember auf der Decebal-Brücke durch einen Schuss verletzt. Er brachte die Frau ins Kreiskrankenhaus. Da es schon spät war, haben ihm die Ärtzte empfohlen, nach Hause, zu seinen Kindern zu gehen. Am nächsten Morgen war die Leiche seiner Frau weg. Ihre Asche landete wahrscheinlich im Kanal bei Popesti-Leordeni. „Mehr als alles in der Welt tut die Gleichgültigkeit der Menschen weh. Zusammen mit anderen Familien haben wir gefordert, dort, auf dem Feld bei Popesti-Leordeni, ein Kloster oder zumindest ein Denkmal zu errichten. Nach zwanzig Jahren steht das Feld noch immer leer“, schließt Ioan Bânciu.

Fotos: Andreea Oance, Zoltán Pázmány

Erinnerung an die Helden der Revolution


16 Denkmäler zu Ehren der Gefallenen/ Von Raluca Nelepcu

„Öffnung“ von Ingo Glass vor dem Jugendhaus, unweit des Kreiskrankenhauses


Sie gingen auf die Straßen von Temeswar/Timisoara, um gegen das repressive System anzukämpfen. Es waren Hunderte von Bürgern und sie hielten zusammen. Zum ersten Mal, nach vielen Diktaturjahren. Wir schrieben den 16. Dezember 1989. Und sie schafften es: Sie stürzten das System, sie errangen die lang ersehnte Freiheit. Manche davon mussten mit dem Leben bezahlen. Ihnen zu Ehren wurden in Temeswar Denkmäler gebaut. 16 an der Zahl – wie das Datum, an dem der Befreiungskampf begonnen hatte. Bildhauer, Architekten und Künstler legten all ihre Kenntnisse zusammen, um für die Märtyrer Ehrenmale zu errichten. Damit niemand vergisst, dass damals Blut vergossen wurde. Unschuldiges. Blut für Freiheit.

Das ewige Licht
Für die Märtyrer der 1989-er Revolution brennt das ewige Licht an zwei Orten in der Stadt: auf dem Eroilor-Friedhof und in der Kapelle der Revolutionsgedenkstätte. Dies sind zwei der 16 Mahnmale, wo alle Namen der Verstorbenen gelesen werden können. Im Stadtzentrum sind gleich mehrere Denkmäler zu sehen. „Triptychon“ vor der orthodoxen Kathedrale besteht aus drei Holzkruzifixen, die von Privatpersonen und Unternehmen aus dem Marmarosch-Gebiet gespendet wurden. „Kreuzigung“, gleich gegenüber der Kathedrale, wurde 1999 vom Bildhauer Paul Neagu geschaffen. „Der Märtyrerbrunnen“ hinter dem Sommergarten des ehemaligen Capitol-Kinos ist ein Bronze- und Travertinwerk des verstorbenen Victor Gaga. Ebenfalls in Zentrumsnähe befinden sich vier weitere Heldendenkmäler: „Der Heilige Georg“ inmitten des Sfântu-Gheorghe-Platzes, von Silvia Radu, „Die Märtyrer“ von Peter Jecza auf der Grünfläche hinter dem Museum des Banats, „Der Mensch als Ziel“ von Béla Szakács am 700er Markt und „Evolution“ von Gheorghe Iliescu-Calinesti vor dem Continental-Hotel.

Vor dem Continental-Hotel: „Evolution“ von Gheorghe Iliescu-Calinesti

Da, wo Leute gefallen sind
Auch in den jeweiligen Stadtvierteln, wo Märtyrer gefallen sind, wurden Mahnmale errichtet. „Der weinende Brunnen“ erinnert am Mocioni-Platz (ehem. Küttel) an die Gefallenen. Das Werk befindet sich in einer Nische der orthodoxen Kirche und wurde von Marian Zidaru geschaffen. Am Trajansplatz steht eine riesige Travertin-Glocke: Es ist das Werk von Stefan Calarasanu. Auf dem Universitätscampus, an der Cluj-Straße, steht das „Mahnmal der Studenten“ von Stefan Kelemen.
Ein etwas schockierendes Werk ist am Take-Ionescu-Boulevard zu sehen: „Der Sieger“ nennt sich die Bronzeskulptur von Constantin Popovici, die einen Mann mit erhobenem Schwert verkörpert. Er hat im Krieg sein linkes Bein und den linken Arm verloren. „Die Heroische“ steht an der Lippaer Straße und wurde von Paul Vasilescu geschaffen. Neben der Decebal-Brücke wurde eine Bronze - „Pietá“ von Peter Jecza aufgestellt.

Schockierend: „Der Sieger“ von Constantin Popovici am Take-Ionescu-Boulevard

Auch im Süden der Stadt soll ein Denkmal an die Helden der Revolution erinnern. Die Monumentalskulptur am Eroilor-Boulevard nennt sich „Öffnung“ und wurde von dem in Lugosch/Lugoj geborenen Ingo Glass aus Stahl geschaffen. Das Werk unweit des Kreiskrankenhauses besteht aus zwei Stahlplatten, die eine grabähnliche Struktur eingrenzen. Darauf stehen 42 Namen: Personen, deren Leichen im Dezember 1989 aus dem Kreiskrankenhaus regelrecht „gestohlen“ und ins Bukarester Krematorium gebracht wurden. Ein untypisches Werk für Glass, denn all seine Stahlskulpturen sind bunt. „Die Farbe der Plastik wird mit der Zeit erdfarben sein. Ich sehe darin die Assoziation Opfer – Grab“, sagt der Künstler.
„Die Denkmäler stehen da, wo 1989 Leute erschossen wurden“, erklärt Traian Orban, Leiter der Revolutionsgedenkstätte. Zwölf der Denkmäler, die den Helden gewidmet sind, kamen mit Unterstützung des Vereins der Gedenkstätte der Revolution zustande. Weitere vier ließ das Bürgermeisteramt bauen.

Fotos: Zoltán Pázmány

Wege der Kunst – Wege der Geschichte

Informationsmappe zur Gedenkstätte der Revolution

Zwei Monate lang haben die Schüler gearbeitet, nun lassen sich die Ergebnisse ihres Projekts sehen: Zwei Informationsmappen – eine für die Gedenkstätte der Revolution und eine für das Kunstmuseum – liegen an den jeweiligen Pforten vor. Diese können sich Lehrer bei Bedarf kopieren. „Wege der Kunst – Wege der Geschichte“ heißt das Projekt, das Sarah Smelczyes von der Robert-Bosch-Stiftung in die Wege geleitet hat. Die Praktikantin am Nikolaus-Lenau-Lyzeum in Temeswar/Timisoara hat zusammen mit 20 Schülern der elften Klasse, Fachrichtung Fremdsprachen, daran gearbeitet.
„Ich finde es extrem wichtig, Schulklassen ins Museum zu führen. Ich habe das Gefühl, dass es in Rumänien noch nicht so richtig funktioniert“, sagt Sarah Smelczyes. Damit das Museum häufiger als Unterrichts- und Lernort genutzt wird, hat sich Robert-Bosch-Stipendiatin etwas ausgedacht: Eine Mappe mit Infos, kleine Spielchen, Fragen und Geschichten, die sich auf zwei Temeswarer Museen beziehen. „Ich muss zugeben, dass ich über die Revolution in Temeswar fast gar nichts gewusst habe. Durch die Arbeit mit den Schülern und vor allem in der Gedenkstätte habe ich sehr viel dazu gelernt und mitgenommen“, gesteht Sarah Smelczyes. Die Gedenkstätte der Revolution wurde 1990-1999 von der gleichnamigen Stiftung gegründet. Es ist landesweit die einzige Museumseinrichtung für sieben Tage Geschichte – die rumänische Revolution 1989. „In der Schule wird ganz wenig über die Revolution 1989 gelernt. Die Ereignisse dürfen nicht in Vergessenheit geraten“, sagt Museumsleiter Traian Orban.

Museumsleiter Traian Orban bekam von den Lenau-Schülern eine Informationsmappe, die Schulklassen bei einem Museumsbesuch nutzen können. Rechts im Bild: Projektinitiatorin Sara Smelczyes

Foto: Zoltán Pázmány

Inwiefern das Projekt der Lenau-Schüler gefruchtet hat, wurde vor Ort getestet. Eine fünfte und eine sechste Klasse der Nikolaus-Lenau-Schule kamen ins Kunstmuseum - die Schüler wurden auf Entdeckungsreise durch die Galerie geschickt. Sie mussten anhand kurzer Quiz-Fragen verschiedene Gemälde ausfindig machen. Auch in der Revolutionsgedenkstätte gab es für die Anwesenden ein „Spielchen“: Jeder sollte sich ein Bild aussuchen und auf einen Zettel schreiben, was für Gefühle dieses in ihm auslöst. „Die Schüler mussten sich ausdenken, was man alles in einem Museum machen kann, ohne das es langweilig wird. Sozusagen den Staub aus dem Museum rausputzen“, sagt Smelczyes. „Wir waren vier-fünf Mal im Museum und haben Fragen gesammelt und Rätsel erfunden. Es war ein außerschulisches Projekt und es hat Spaß gemacht“, sagt Sylvia Weinschrott, Schülerin der elften Klasse am Nikolaus-Lenau-Lyzeum.
In der Gedenkstätte der Revolution übernahm Museumsleiter Orban die Informationsmappe. Er drückte seinen Wunsch aus, die gesammelten Materialien ins Internet zu stellen, „damit man erfährt, dass es uns gibt“. Die Mappen mit Materialien und Ideen für einen ansprechenden und pädagogischen Museumsbesuch sind zweisprachig: rumänisch und deutsch.

Raluca Nelepcu

Der erste Hilfstransport

Bis Tekendorf/Bistritz kamen wir 1989 nicht durch/
Von Gertrude Adam*, Österreich

Am späten Abend des 17. Dezember 1989 rief ein Freund an und sagte, ich möge rasch die Nachrichten im Fernsehen schauen, es werde über Unruhen in Temeswar/Timisoara berichtet. Von da an verfolgte ich alle Meldungen über die „Revolution in Temeswar“.
Ich wollte den Menschen in Temeswar helfen, irgendetwas Nützliches tun. Ein Hilfszug des Landes Burgenland war geplant. Auf den Gemeindeämtern wurden Sachspenden gesammelt. Ich meldete mich am 25. Dezember 1989 als eine Person mit bescheidenen rumänischen Sprachkenntnissen.
Danach ging es rasch. Am Nachmittag an der Grenze in Nickelsdorf traf ich zwei Herren in einem roten „Puch G“ vom Amt der Burgenländischen Landesregierung. Einer war der verantwortliche Leiter des Hilfszuges. Dem Burgenland war der Raum Teaca/Tekendorf in Bistritz-Nassod/Bistrita-Nasaud zugeteilt. Wir fuhren nach Großwardein/Oradea, wo wir an der rumänischen Grenze auf die LKW warteten. Der Konvoi bestand aus 14 Lkw aus allen Teilen des Burgenlandes. Kleine und ganz große Firmen hatten ihre Fahrzeuge zur Verfügung gestellt. Die Hilfsgüter bestanden aus Lebensmitteln. Zusätzlich zu den Lkws waren Fahrzeuge des Roten Kreuzes, von Autofahrerklubs sowie von Presse und Rundfunk dabei. Auch einige, nicht sehr bedeutende, Politiker.
An der ungarisch-rumänischen Grenze trafen wir ein paar rumänische „Revolutionäre“, sympathische junge Leute, vom neuen Geist erfüllt. Sie geleiteten uns zur Kreisbehörde nach Großwardein/Oradea. Die Gespräche wurden ausschließlich in ungarischer Sprache (!) geführt. Glücklicherweise hatten wir an der Grenze einen jungen Mann vom Oberösterreichischen Roten Kreuz mitgenommen. Der sprach ungarisch. Uns wurde von der Weiterfahrt nach Teaca abgeraten: die Straßen seien winterlich und schlecht passierbar, es werde vereinzelt noch geschossen.
Dem dringenden Rat der rumänischen Behörden folgten wir und luden unsere Hilfsgüter in Oradea ab. Man werde die Güter dann mit rumänischen Fahrzeugen in einigen Tagen weiter leiten, wurde versprochen.
Die Autorin 1989 inmitten von Großwardeiner Revolutionären im Kühlhaus. Foto: privat

Als unseren Lkw-Fahrern das mitgeteilt wurde, waren sie unzufrieden, murrten, kritisierten. Es blieb dabei. Als wir in Oradea einfuhren, winkten die Passanten, machten das Siegeszeichen, riefen uns freudig zu. Ich hatte von all diesen Leuten einen guten Eindruck, der Ehrlichkeit. Es herrschte eine entspannte, fröhliche Atmosphäre, die wohl auch von der herumgereichten Ţuica herbeigeführt wurde.
Nach dem Abladen löste sich der Konvoi auf. Von meinen zwei Begleitern im roten Puch G habe ich später erfahren, dass unsere Hilfsgüter, wie von der revolutionären Behörde versprochen, nach Tekendorf gelangt sind. Tekendorf wird auch heute noch von den Burgenländern betreut.
Dieser Hilfszug aus dem Burgenland war der erste nach Rumänien nach der Revolution. Auf der Rückfahrt kamen uns in Ungarn Konvois aus anderen Ländern entgegen.

*Unsere Autorin stammt aus dem Banat und organisiert auch heute noch Hilfssendungen nach Rumänien. Ihr Beitrag kam durch Vermittlung von Dr. Hans Dama aus Wien zustande.

Rumänien im Herbst 1989

Von Elke Sabiel

Der rumänische Journalistenverband hatte der Friedrich-Ebert-Stiftung erlaubt, den deutschen Redaktionen Gerätschaften und Materialien zu überbringen, was Ende Oktober 1989 geschah. Mit dem Dienstwagen fuhren unser Fahrer und ich am 30. Oktober bei Hatzfeld/Jimbolia über die Grenze. Leider waren wir bei der Passkontrolle unachtsam, indem wir beide das Auto verließen. Wir entdeckten 3 Tage später, dass im Wagen eine „Wanze“ platziert war.
Nur Stunden blieben wir in Temeswar/Timisoara, Hermannstadt/Sibiu, Kronstadt/Brasov und Bukarest, bei „NBZ“, „Die Woche“, „Karpatenrundschau“ und „Neuer Weg“, wo man sich über Fotoapparate, Kleinkopierer, Lexika und weitere Materialien freute.
Abgeschnitten von jeglicher Information, wunderten wir uns bei der Rückfahrt am 5. November über die zahlreichen „Trabis“, die von Ungarn Richtung Westen unterwegs waren.
14 Tage später war ich wieder in Bukarest, als SPD-Beobachterin beim XIV. Parteitag der RKP. Die Teilnahme im Plenum war ätzend. Wir saßen im Sektor „D“, Reihe 8, und keiner durfte während der Reden den Saal verlassen. Da wir die „standing ovations“ konsequent ignorierten, setzte man kurzerhand eine Gruppe Claqueure vor uns, damit der „conducator“ in fröhliche Gesichter blicken konnten.
Als Rahmenprogramm hatte ich darum gebeten, den jüdischen Friedhof zu besuchen und mich mit Prof. Zoe Dumitrescu-Busulenga zu treffen. Wir sprachen über die Möglichkeit, 1990 ein gemeinsames Symposium durchzuführen. Ungläubiges Staunen! Das Literatur-Seminar fand dann tatsächlich Ende Oktober 1990 statt!
Am 16. Dezember begann der Aufstand in Temeswar, der das ganze Land in eine neue Zeit katapultieren sollte! In Berlin fand fast zeitgleich der SPD-Parteitag statt, zu dem auch zwei rumänische Journalisten eingeladen wurden, die ich während dieser Tage begleitete. Die beiden Journalisten waren sehr verunsichert: zum einen waren sie nicht in West-Berlin untergebracht, sondern in ihrer Botschaft, im Osten. Telefonischer Kontakt mit Bukarest war unmöglich und nach Ende des Parteitags konnten sie nicht zurück, da in der Weihnachtszeit die Flughäfen in Rumänien gesperrt waren.
Ich versuchte, die Redaktion des „Neuen Wegs“ in Bukarest zu erreichen; hoffnungslos! Weihnachten fand vor dem Fernseher statt, denn ARD und ZDF lieferten uns nicht nur Hintergrundinformationen und die ausgezeichneten Kommentare von Anneli-Ute Gabanyi, sondern auch erschreckende Bilder aus Bukarest, einschließlich der Hinrichtung des „conducators“ und seiner Frau.
Am Silvesterabend kam ich telefonisch nach Bukarest durch, konnte mit Ernst Breitenstein, dem NW-Chefredakteur, sprechen, und hörte, dass alle Redaktionen, vor allem die Temeswarer, die blutigen und chaotischen Tage unversehrt überstanden hatten!
Im Januar 1990 nahm die FES offizielle Kontakte in Rumänien auf, sandte im Februar einen Hilfstransport – wieder zu den deutschsprachigen Redaktionen - und richtete sich auf eine langjährige, ersprießliche Kooperation ein.