Es ist nichts Außergewöhnliches, wenn an einem Oktobermittag im Jahr 1984 die Türglocke läutet. Ich gehe in den Flur, um zu öffnen. Vor der Wohnungstür steht niemand, aber links und rechts davon haben sich, außerhalb des Blickwinkels des Türspions, die beiden Männer postiert. Ich stehe in der offenen Tür, und die beiden Männer links und rechts von mir blicken mich erwartungsvoll an. Sie sind es. Den einen kenne ich bereits, den anderen nicht. Der, den ich kenne, spricht jetzt. Dürfen wir hereinkommen, fragt er. Es ist der Tag, an dem sie gekommen sind. Es ist der 26. Oktober 1984. Ich sehe ihn überrascht an, und sage ja. Falls Sie nicht eine Hausdurchsuchung vorhaben, füge ich hinzu.
Er lacht und ist plötzlich in bester Stimmung. Hausdurchsuchung, sagt er und lacht schon wieder. Das Wort gefällt ihm ausnehmend gut, er kann sich gar nicht mehr von ihm trennen. Warum meinst du denn, dass wir eine Hausdurchsuchung vorhätten?
Es ist dieses changierende rumänische „dumneata“, das er als Anrede verwendet. Es liegt zwischen dem Du und dem Sie, und kann alles bedeuten. Es ist leutselig und kumpelhaft, obszön und niedermachend. Es ist weder Du noch Sie. In seinem Fall ist es die Sprache der Macht.

Der Sitz der Temescher Kreispolizei, wo in den 80er Jahren die Securitate das Kellergeschoss als Verhör- und Gefängnisräume benutzt hatte.
Niederlagen
Bis zu jenem Zeitpunkt bin ich dem Oberstleutnant Padurariu zweimal begegnet. Das erste Mal sah ich ihn im Oktober 1975, also 9 Jahre zuvor, als man uns, die Aktionsgruppen-Mitglieder Gerhard Ortinau, William Totok und mich, so wie unseren Bukarester Leitkritiker Gerhardt Csejka, nach einer Woche Untersuchungshaft freilassen musste, weil man vorschnell gehandelt hatte. Vier Literaten der deutschen Minderheit zu verhaften, dieser frühe Fehler der Securitate, wurde später zum Schutz für uns. P²durariu führte damals ein kurzes Gespräch mit mir, in dem es vor allem darum ging, unsere Inhaftierung und die damit verbundenen Vernehmungen als Missverständnis darzustellen. Für ihn war es eine Niederlage.
Das zweite Mal sah ich ihn im September 1984, beim Schulinspektorat in Temeswar, das war anderthalb Monate her. Dorthin hatte ich Herta Müller begleitet. Ihr war der Aspekte-Literaturpreis zugesprochen worden und sie wollte einen Reise-Antrag stellen, wegen der Preisverleihung in Mainz. Dazu benötigte man damals eine Bescheinigung vom Arbeitgeber. Als wir beim Schulinspektorat ankamen, empfing uns dort eine angebliche Schulinspektorin namens Melnic. Aus Herta Müllers Akte geht hervor, dass es sich um Oberst Melnic handelte. Diese sagte ohne Umschweife, der Antrag werde auf kurzem Wege bearbeitet, und schon trat aus dem Nebenzimmer ein Mann herein, den die Schulinspektorin Melnic als Passamtsbeamten bezeichnete, und der Passamtsbeamte war wie die Melnic Schulinspektorin, ich Kommunist und Herta Müller „Mitarbeiterin der Bukarester ZK-Propagandaabteilung“, was die „Banater Post“ behauptete, kurzum, es war der Oberstleutnant P²durariu.
Er strahlte eine lückenlose Freundlichkeit aus, so, als hätte er im Nebenzimmer noch schnell im Volks-Knigge nachgeschlagen. Mich begrüßte er mit der frappierenden Bemerkung: Kennst du mich noch? Als hätte er mir schon hundert Pässe ausgehändigt. In Wahrheit war es aber so, dass er in meinem Fall, wie aus der Akte hervorgeht, zwei Reisen verhindert hat, die zwei mickrigen Reisen, die ich bis zu jenem Datum im Herbst 1984 beantragen konnte. Eine nach Polen und eine in die Bundesrepublik. Jetzt hat er nur noch ein Thema, die bevorstehende Paradies-Fahrt Herta Müllers nach Mainz. Das Schulinspektorat und das Passamt hatten plötzlich das dringende Bedürfnis, Herta Müller in Mainz zu sehen.
Padurariu begründete die Kontaktaufnahme in einem ebenfalls späteren Analysebericht in meiner Akte mit unserem Protestbrief an die regionale Parteiführung wegen der Gewaltanwendung bei einer Vernehmung unseres Kollegen und Mitstreiters Helmuth Frauendorfer im Sommer 1984 durch den Major Ioan Adamescu. Das aber trifft nicht zu. Den Brief haben wir erst nach der Abreise von Herta Müller dem Parteikomitee zukommen lassen, zusätzlich überreichte ich ihn auch dem damaligen Vorsitzenden des Schriftstellerverbands in Bukarest.
Der Grund für die Kontaktaufnahme im September war ein ganz anderer. Es hatte sich nämlich ein ZDF-Team angekündigt, das an den Originalschauplätzen der „Niederungen“ drehen wollte und die Securitate befürchtete eine „verzerrte“ Darstellung des Lebens der Banater Schwaben durch das Zweite Deutsche Fernsehen.
Die regionale Parteiführung hat uns am 12. Oktober empfangen, um uns in dümmster Weise die Leviten zu lesen. Wortführer war Eugen Florescu, Propagandasekretär und Miterfinder des Jubel-Nationalismus und des geschlechtergerechten Doppelpersonenkults. Der Vorfall bestätigte meine bereits bestehende Illusionslosigkeit, was die Lage und unsere Lage in dieser Lage betraf. Wir hatten zwar keine Chance, aber wir nutzten sie.

Sie sind also da. Wir nehmen am großen Tisch im Wohnzimmer Platz.
Das ist mein Kollege Manda, sagt der Oberstleutnant Padurariu. Padurariu, der, wie ich heute weiß, meine Akte betreut hat, von Anfang an, und schon vor diesem Anfang, lange davor bereits mit mir beschäftigt war. Dieser Mann, der alles über mich hätte wissen können, wenn er andere Kriterien der Beurteilung gehabt hätte. Die hatte er aber nicht, wie ich heute weiß. Die Arbeitsgruppe, die sich mit uns, den deutschen Schriftstellern beschäftigte, folgte der Titulatur: „Deutsche Faschisten und Nationalisten“. Vom Anfang bis zum Ende. Alles, was man gegen uns sammelte, wurde unter dieser Prämisse zum Beweis für die Richtigkeit der Titulatur. Aber darüber hinaus? Im Oktober 1984 war ich seit einem dreiviertel Jahr arbeitslos und ohne jede Perspektive. Ich hatte vor einem dreiviertel Jahr im Streit und im Zorn den AMG-Kreis verlassen, weil Nikolaus Berwanger den F.J. Bulhardt aufnehmen wollte, und ich trug meinen Kollegen Lippet, Samson und Totok nach, dass sie mich nicht unterstützt hatten. Darüber hinaus war es im Sommer zu Ermittlungen gegen meinen Mitstreiter Helmuth Frauendorfer gekommen, wobei der Major Adamescu, ein Untergebener von Padurariu, der nach der Revolutionswende, von 1990 bis 1995 Stellvertretender Leiter des SRI in Temeswar werden sollte, handgreiflich wurde.
Das Vorkommnis war insofern alarmierend, weil bis zu diesem Zeitpunkt zwar alle Register der Verleumdung, Manipulation und Intrige gezogen wurden, zu Prügeln aber war es in unserem Umfeld nie gekommen. Angesichts dieser Entwicklung beschloss ich, den Streit vorläufig zu begraben und nahm den Kontakt zu meinen Ex-Verbündeten wieder auf. Wir einigten uns auf einen gemeinsamen Brief an die Regionalparteiführung und an den Schriftstellerverband.
Als Grund für die Kontaktaufnahme an diesem Oktobermittag gibt Oberstleutnant Padurariu an, man habe überprüfen wollen, ob die Platzierung des Mikrophons, dass man aus der Wohnung ein Stockwerk tiefer, in den Parkettfußboden getrieben hatte, nicht Spuren hinterlassen habe. Das war eine Erfindung. In Wirklichkeit ging es um die Ratlosigkeit der Securitate. Sie hatten geglaubt, ihnen wäre die Zersetzung des Kreises gelungen, jedenfalls hatten sie von der Briefaktion nichts mitbekommen. Sie waren blamiert und ohne Aussicht auf eine baldige Gehaltserhöhung.
Padurariu kommt auf den Brief zu sprechen, sein eigentliches Anliegen. Dieser wird in den Securitate-Akten allgemein als „memoriu colectiv“, kollektive Eingabe, bezeichnet. Er fragt, wer denn der Initiator gewesen sei und ich sage, nicht faul, wir alle zusammen. Ich habe ganz gute Karten an diesem Mittag im Oktober 1984. Ich weiß, man wird mich nicht verhaften können, und irgendwie ist es mir auch egal. So mache ich am Ende der Unterredung den Vorschlag, zu einem freien Gespräch („discutie libera“) in die Securitate-Zentrale zu kommen.
Das Gespräch
Das vereinbarte „freie Gespräch“ findet am 21. November 1984 statt. Beim Sitz der Securitate, in einem öden Amtszimmer mit Tisch und Stühlen. Wahrscheinlich ein Vernehmungsraum. Was ich in Erinnerung habe: Er sitzt hinter dem Schreibtisch. Wie ich sitze, weiß ich nicht mehr. Ich weiß nur, wir sitzen ziemlich weit auseinander. Es könnte eine Vernehmungssituation sein, ist es aber nicht. Oder doch?
Liest man sein Protokoll von diesem Gespräch, verstärkt sich der Eindruck. Es ist im Tonfall und in der Frage-Antwort-Wiedergabe einem Vernehmungsprotokoll bisweilen täuschend ähnlich. Und ist doch keines. Es ist seine Art zu schreiben, die diesen Eindruck erweckt. Mein Anliegen und meine Forderungen sind ausführlich aufgelistet. Er lässt sich darauf in zum Teil recht ungewohnter Weise ein, und als er dabei so weit geht, zu sagen, wir hätten mit unserem Anliegen zu ihnen, zur Securitate, kommen sollen, anstatt zur Partei zu rennen, vermerkt einer der Chefs, der das Protokoll liest, in einer Randbemerkung: Achtung! Nicht dass er (also ich!) sich als Wortführer versteht und von uns Rechenschaft verlangt. „Rechenschaft“ hat er in Anführungsstriche gesetzt. Schlussfolgernd heißt es zu dem Vorgang im Chef-Kommentar: Lasst uns zur Überprüfung und Beeinflussung dieser Personen handeln.
Ja, sie haben gehandelt. Sie haben uns abgehört und abgeschöpft und ihre Intrigen weiter gesponnen. Weiter und weiter. Manche der Fälschungen von damals kursieren heute noch. Nein, ich hatte keine Chance, ich habe sie aber genutzt.
Curriculum
Zuletzt, als gar nichts mehr half, schrieb ich das Gedicht „Curriculum“. Darin heißt es:
Nicht erschlagen, fertiggemacht.
Belogen, bis ich selber log.
Nicht nackt, nur mir selber entzogen.
Nicht mit Steinen beworfen, nicht mit Worten.
Bloß mit Schweigen traktiert.
Nicht verhungert, aber der Kopf eine Höhle.
Davongekommen, überlebt, das auch, ja.
Das Gedicht „Curriculum“ las ich kurz nach meiner Ausreise im März 1987 in Darmstadt beim Leonce-und Lena-Wettbewerb vor. Ich erhielt dafür den Sonderpreis für das politische Gedicht. Der Preis war mit 1000 D-Mark dotiert. Es war mein Begrüßungsgeld als Schriftsteller.
Davongekommen, überlebt.
Fotos: Zoltán Pázmány












