Zürich: Die Schweizer haben die Zeit erfunden / von Nareda CerdyVon einer Großstadt der Welt erwartet man Hektik. Mit diesem Vorurteil betrachtet, pulsiert das Leben in Zürich wie im Zeitraffer, so langsam und bedächtig, als hätten sie die Zeit erfunden oder alle Zeit der Welt zu ihrer alleinigen Verfügung. Dabei behaupten die Züricher auch noch von sich selber, sie seien schnell im Vergleich zu Bern.
Züricher Altstadt am Limatquai
Morgens vor zehn Uhr bewegt sich gar nichts. Da schläft die Stadt noch und abends nach 21 Uhr bekommt man in keinem Restaurant mehr was zu essen, um 21:30 Uhr, spätestens 22 Uhr werden die Restaurants geschlossen. Zur Mittagspause ist natürlich obligatorisch alles zu und die Banken arbeiten auch überhaupt nur bis mittags oder im besten Fall bis 16 Uhr. Die Schweizer sind die einzigen die ich kenne, welche die Deutschen im Bereich Ordnung und Pedanterie übertreffen.
Hier gilt das akademische Viertelstündchen umgekehrt, man muss 15 Minuten vor einem Termin da sein, um als pünktlich zu gelten. Wenn man in Deutschland schon für das Nichtbenutzen von Müllsäcken einen Strafzettel bekommen kann, gibts den in der Schweiz auch schon einen, wenn man einen Müllsack in der falschen Farbe benutzt. Zürich ist eine Großstadt mit dem Flair und der Atmosphäre eines kleinen Bergdorfes. Still und friedlich, am Züricher See gelegen, klettert die Stadt die umliegenden Berge hoch. Das Herz der Altstadt erstreckt sich zwischen Bahnhof und Seepromenade (hier Quai genannt). Um das zu erkunden braucht man keine halbe Stunde. Diskret ist hier die Crème de la Crème aller Designerboutiquen versteckt, so dezent, dass man sie beharrlich suchen muss.
Nur die Uhrengeschäfte und Schweizer Taschenmesser in den Läden fallen auf. Das wahre Schweizer Altstadtgefühl kriegt man aber nur auf der anderen Limatflussseite, jenseits der Einkaufsstraße am Bahnhof, den Berg hoch. Viele kleine Restaurants laden hier zum Verweilen ein. Immer der Nase nach: da wo es am stärksten nach Käse stinkt - hinsetzen und Fondue bestellen. Das schweizer Käsefondue ist ein Topf über einem kleinen Stövchen, in dem erhitzter geschmolzener Käse ist. Dazu gibt es klein geschnittene Brotwürfel, die man aufspießt und in den geschmolzenen Käse tunkt. Dazu ein Glas Wein und man stellt überrascht fest, dass Käsefondue immer nur den Nachbarn stinkt, aber nie dem Essenden selber.
Zürichsee während der Streetparade
Fotos: Wikipedia In derselben Altstadthälfte auf dem Berg, über dem Fluss, ist versteckt ein Arabisches Bad, in einem unscheinbaren Altstadtgässchen. Man steigt hinunter in den Keller und befindet sich plötzlich in der Welt von 1001 Nacht. Es ist eine Oase des Friedens und der Entspannung und vor allem für unerfahrene Anfänger geeignet, weil man wasserfeste schriftliche Anleitungen mitbekommt, was man in welchem Raum zu tun hat.
Egal, ob man im Winter der Kälte oder im Sommer der Hitze entfliehen möchte, ist das ein wenig beworbenes touristisches Juwel, an dem man auf keinen Fall vorbeigehen sollte. Da nur sehr wenige Räume im Bad FKK-Räume sind und man ansonsten ein Handtuch um haben muss, ist es auch für Schüchterne geeignet. Der Züricher See und die ihn umgebenden Promenaden sind die beliebtesten Flaniermeilen in Zürich. Zu Recht, denn die Aussicht auf die umliegenden Berge ist atemberaubend. Auf dem See selbst kann man Bootsausflüge buchen und so auch die entlegeneren Teile der Stadt kennenlernen oder zum Beispiel den Chinagarten besuchen.
Ebenfalls am See findet jeden Sonntag Vormittag ein Flohmarkt statt, den man sich auf keinen Fall entgehen lassen sollte, wenn man zufällig sonntags in Zürich ist. Vom See, der Strassenbahn entlang zum Bahnhof spazierend, nach einem obligatorischen Abstecher zur Sprüngli Confisserie (beste Schweizer Schokolade) am Paradeplatz, erreicht man den Straßenbahnknotenpunkt der Stadt, von wo aus fast alle Straßenbahnlinien starten – auch die zum Zoo. Der Zoo liegt hoch oben auf dem Züriberg und man muss nach der Endstation der Straßenbahn noch ein Stückchen zu Fuß laufen.
Bevor man sich die Reise antut, ist zu bedenken, dass der Eintritt recht teuer ist – damit man nicht davor steht und gleich wieder zurück will, wenn man den Ticketpreis von 25 CHF pro Person sieht. Aber da man schon bis hoch gelaufen ist, sollte man auch rein gehen. Es ist einer der schönsten Zoos, nicht in letzter Linie wegen der Masoala-Regenwald-Halle, die als solche in Europa einmalig ist. In allen Reiseführern wird empfohlen, mit der Ütlibergbahn auf den Ütliberg zu fahren. Es ist aber nur was für hartgesottene Bergwanderer, alle anderen können sich die lange Fahrt sparen, denn es gibt dort nichts, außer Wanderwegen, noch nichtmal eine lohnenswerte Aussicht, welche für die Strapazen entschädigen würde. Der Aussicht wegen und vor allem, wenn man sich zu besonderen Anlässen etwas Dekadentes genehmigen möchte, sollte man sich bei der Hotelwahl für das Dolder Grand Hotel entscheiden. Nicht gerade günstig, aber dafür jeden Cent wert, mit dem Endloswhirlpool außen, in dem man auch im kältesten Winter eine herrliche Aussicht über die Stadt und den See hat.
Wenn man zufällig im Sommer in Zürich ist, dann ist die Zeit der Streetparade und/oder des Caliente-Straßenfestes die rechte Besuchszeit der Wahl, weil dabei die Stadt in einem Meer von Musik und Straßenfestatmosphäre auflebt und man von der sonstigen Schweizer Verschlafenheit nichts mehr merkt. Eigentlich sollte man als Teen- oder Tweenager Zürich nur dann besuchen, es sei denn, man/frau ist ein sehr gemütlicher Mensch und stellt sich unter einem Städtetrip ein Kurwochenende vor, mit viel Zeit für Müßigang und von den Uhrzeiten her mit den Essensgewohnheiten eines Rentners.