Gespräch mit dem in Temeswar geborenen Künstler Diet Sayler
Mit 16 hat er Landschaften gemalt, danach konnte er nur noch Schwarz-Weiß Bilder schaffen. Erst mit 50 hat er wieder Farbe in seine Werke fließen lassen. Inzwischen sind seine markanten Zeichen in über 40 Museen aus aller Welt zu finden. Diet Sayler wurde zu einem der international renommiertesten Vertreter der Konkreten Kunst. Seine „Gedächtnisspuren“ sind derzeit auch in der Temeswarer Triade-Stiftung zu sehen. „Norigramme. Farbstücke in der Noris“ nannte Diet Sayler die Schau.
Über die Wiederentdeckung der Farbe, über Italien - die seelische Brücke zwischen Rumänien und Deutschland - und über Revolution und Immigration führte BZ-Redakteurin Ana Saliste ein Gespräch mit dem Künstler.
Sie sind in Temeswar geboren und aufgewachsen. Hier beginnt auch Ihre künstlerische Laufbahn. Was bedeutet noch die Stadt und Rumänien für Sie?
Es bedeutet sehr viel für mich. Die erste Ausstellung mit nicht realistisch-sozialistischer Kunst in Kalinderu-Museum in Bukarest war ein großer Schritt für mich. Wir hatten Malverbot. Die Ausstellung kam nur darum zustande, weil ein Besuch von DeGaulle zu erwarten war. Ceausescu wollte zeigen, was für eine Kunst wir haben. Da wurde die internationale Szene auf mich aufmerksam. Da kam der erste Museumsankauf vom Museum für Moderne Kunst in New York.
Sie haben zuerst eine Technische Hochschule besucht. Wie sind Sie auf Malerei und auf die Konkrete Kunst gekommen?
Ich habe mein Studium früh begonnen, auf Wunsch meiner Eltern, einen ernsthaften Beruf zu erlernen. Mit 16 habe ich Abitur gemacht und bin dann zur Hochschule gegangen, aber ich wollte das nicht. Ich wollte Kunst machen und bin zum Julius Podlipny gegangen. Er war die große Vaterfigur meiner Generation.
Als ich mit Mathematik beschäftigt war, habe ich Landschaften gemalt. Das war natürlich der Ausgleich. Dann entdeckte ich die Konkrete Kunst, vielleicht auch deswegen, weil die Jugend immer ein Bedürfnis zur Opposition hat. Diese Kunst war damals verboten und deshalb besonders interessant. Es hängt mit der totalen Abneigung zu einer gegenständlichen Kunst ab, die uns auferlegt worden war.
Wie war für Sie die Auswanderung nach Deutschland?
Die Auswanderung nach Deutschland war damals unmöglich. Ich habe Bilder an den Feind verkauft – das Museum der Modernen Kunst in New York. Dafür brauchte ich eine Genehmigung, hatte aber keine. Ich weiß auch heute nicht, wie die Sache rauskam. Dann hatte ich Geld bekommen, das man mir hier wegnahm. Ausländische Journalisten kamen und interviewten mich. Ich durfte ihnen nichts erzählen, tat es aber. Eines Tages kam jemand und sagte, die Ausreise für unsere Familie sei genehmigt worden. Aber wir hatten gar keinen Antrag gestellt. Meine Mutter ist zwei Tage vor der Ausreise gestorben. Die Ausreise war ein Schock für sie. Wir waren nicht vorbereitet. Ich bin 1973 mit meinem Vater und Bruder ausgereist. Auf dem Flughafen wurden wir vom Roten Kreuz abgeholt und ins Lager in Nürnberg geführt. Wir sind dort geblieben, weil wir niemanden kannten.
Wie schwer war es, sich dort als Künstler durchzusetzen?
Es war sehr schwer, weil so viele in dieser Situation waren. Ich habe in einem Fachgymnasium für bildende Kunst Mathematik, Physik und Kunstgeschichte unterrichtet. Parallel habe ich auch gearbeitet und bin zunächst kaum in eine Ausstellung gekommen. Immigration ist ein dramatischer Schnitt in einem Leben, man wird als Immigrant von niemandem erwartet. Es gibt auch Ausnahmen. Die Herta Müller, zum Beispiel, kam schon mit Preisen, man kannte sie. Bei mir kam der Erfolg sehr spät.
Fühlen Sie sich mit Herta Müller irgendwie verbunden, was das Schicksal angeht?
Ja, sicherlich. Für mich ist heute Herta Müller schwer zu lesen, weil mich jede Seite an meine Biographie erinnert. Ich kann das nicht mehr lesen. Sie erzählt ihre Sachen, aber wenn ich die lese, erkenne ich meine Sachen.
Zuerst haben Sie nur noch schwarz-weiß gemalt. Wie haben Sie die Farbe wieder entdeckt?
Ich wollte etwas machen, das hier aneckt. Da war es nur noch Schwarz-Weiß. Kleine Arbeiten, die man verstecken konnte. Ich bin nach Deutschland gekommen, konnte mich aber vom Schwarz-Weiß nicht trennen. Die Probleme mit der Securitate haben noch viele Jahre gedauert. Es wurde mir gesagt: wenn du in Deutschland Politik machst, erreichen wir dich. Es reichte, dass ich abends aus dem Fenster rausschaute und irgend jemand mit schwarzen Brillen sah. Das hat bis Mitte der 80er gedauert. Dann, mit 50, wollte ich nicht mehr die Welt verbessern und die Italienreisen von damals haben mir schrittweise die Farbe wieder gegeben. Farbe ist Freiheit.
Warum Italien? Hatte Deutschland nicht genug Farbe?
Für mich war Deutschland ein Kulturschock, wegen der Konsumwelt. In Italien habe ich ein Gleichgewicht zwischen Rumänien und Deutschland gefunden. Für mich war es eine seelische Brücke zwischen diesen zwei Ländern. Damals war mir nicht bewusst, dass die Farbe um das Jahr 1989 zurückkam.
„Malerei lügt nicht“ schreibt der Kunsthistoriker Lucio Barbera in einem Essay über ihre Werke. Wann lügt Kunst?
Die Malerei lügt nicht, weil sie ja nichts sagt. Sie ist! Dieser Titel hat mir sowohl im poetischen Sinne gefallen, aber er hat auch eine polemische Bedeutung. Er hat immer Stoff zu einem Dialog. Immer wenn Kunst im Dienste von irgend jemand ist, lügt sie. In dem Moment, wo Kunst völlig unabhängig ist, dann erreicht sie ein Stück Wahrheit.
Die Basis-Elemente wurden zu ihrem Markenzeichen. Wie stehen Sie dazu?
Dass sie diesen Grad von Individualität erreicht haben, steckt tief in meiner künstlerischen Haltung. Die Geometrie ist das objektive Bild. Indem ich aber zum italienischen Humanismus kam und mir die Prinzipien der Freiheit, Individualität und Subjektivität ganz wichtig wurden, wollte ich eine Geometrie, die nicht objektiv, sondern subjektiv ist. So wurde sie indirekt zum Markenzeichen. Ich wollte meine Geometrie, meine ´Gramme´.