„Kaum jemand in Temeswar hat eine Versicherung abgeschlossen“ Von Olivian Ieremiciu
Die Fenster des zweiten und dritten Stockwerks sind zersprungen. An der Eingangstür des Wohnblocks ist das Fenster ebenfalls nicht mehr ganz. Am Eingang fällt der erste Blick auf die Post die herumliegt: meist sind es Rechnungen vom hiesigen Gasbetreiber eon-Gas. Im dritten Stockwerk angelangt, wo die Explosion am 15. Januar um fünf Uhr in der früh stattgefunden hat, ist ein Bild der Verwüstung. Schutt, herumliegende Sachen, Ratten die herumirren, Stützbalken, damit die Struktur nicht einstürzt. Von der Druckwelle der Explosion völlig verbogene Türen aus Eisen, eingestürzte Wände und fehlende Fenster. Ein paar Kommunalpolizisten die am Eingang stehen, damit nicht die von den Bewohnern zurückgelassenen Sachen verschwinden. Und dies wohl für die nächsten sechs Monate. Der Wohnblock ist auf der Constantin-Br²iloiu-Straße, hinter der Martirilor-Straße gelegen. Die Gegend zählt nicht unbedingt zu den „Highlights“ aus Temeswar.

Der Flur des dritten Stockwerks des Wohnblocks: Jetzt ist es ein Zuhause für Ratten.
„Tja, ihr habt es gut, jetzt müsst ihr kein Geld mehr bezahlen“. „Dies sagte ein kleiner Penner zu mir. Ich war etwas konsterniert“, erzählt mit einem etwas bitteren Lächeln Marius Truic² das Ereignis vor dem Internat des „Ion Mincu“-Lyzeums. Er ist auf Besuch bei seiner Schwester, die seit der Explosion hier untergebracht wurde.
Er versucht, die Geschehnisse vom 15. Januar mit bitterem Humor zu nehmen. An diesem Tag ist nämlich der Wohnblock, in dem er selbst ebenfalls ein Appartement besaß, in die Luft geflogen. Es wird gemutmaßt, dass der Schlauch, der die Flüssiggasflasche mit dem Herd verbindet, leck war und so Gas ausströmte.
Nach einigen Jahren hatte er zusammen mit seiner Schwester es geschafft, sich das Nötigste zu kaufen, um ein einigermaßen komfortables Leben führen zu können. „Willst du einen Kühlschrank oder eine Waschmaschine? Die sind neu. Zur Zeit kann ich sie nicht gebrauchen,“, so der Geschädigte. “Ich wohne jetzt bei meiner Freundin. Ohne die Explosion glaube ich kaum, dass ich bei ihr so schnell eingezogen wäre“. Worüber er sich zurzeit Sorgen macht, ist die eigene Heizzentrale, die sie sich montiert haben, und die „so ziemlich viel“ gekostet hat. Ob er sie abmontieren soll, ob jemand sie klaut? „Glücklicherweise war kein Parkplatz in der Nähe frei, also wurde mein Auto etwas weiter geparkt. Später hatte keiner mehr Lust, es näher zu bringen. Sonst hätte ich auch kein Auto mehr, zumindest keine Scheiben“, so Truic².
Manche hatten Glück...andere weniger
Die Ereignisse vom besagten Abend schildert er so: „Wir waren zu Hause, ich glaube, ich sah mir einen Film an. Man hörte einen Knall, danach waren Leute auf der Straße. Die Feuerwehr und die Polizei räumten den Wohnblock. Zu uns kamen sie jedoch nicht, weil wir einen separaten Eingang an einer Seite des Blocks haben. Die meisten Fenster sind zersplittert, überall waren Glassplitter“, erzählt er.
Einige hatten Glück, jedenfalls erzählt man es sich so. „Einer ging gerade ins Bad. Er war gerade im Türrahmen des Bades, als die Eingangstür dreißig Zentimeter an ihm vorbeischoss. Die Explosion hatte sie nämlich aus der Verankerung gerissen. Ein Kind schlief in einem Klappbett. Es hatte ebenfalls Glück, dass das Bett zusammengeklappt ist, und ihm fast nichts passiert ist“, erinnert sich Truic².
Einige hatten jedoch weniger Glück. Der 50-jährige, in dessen Wohnung die Flüssiggasflasche explodierte, verstarb einige Zeit nach der Explosion. Er erlag den schweren Verbrennungen. Ebenfalls schwere Verbrennungen erlitt die 28-jährige Lebensgefährtin des Verstorbenen. Im Wohnblock waren weitere 15 Familien die Gasflaschen verwendeten, die meisten übrigen waren an das Gas-Netz angeschlossen.

Der Plattenbau hat kleine Zimmer, auch an Armierung wurde bei der Konstruktion gespart.
Pflichtversicherung. Seit Jahren nur Debatte
„In meiner Wohnung habe ich alles auf Elektrizität umgerüstet. Ich wollte kein Gas, irgendwie hatte ich Angst davor“, sagt eine Betroffene, die am Eingang des Wohnblocks mit den Kommunalpolizisten plaudert. Und, Ironie des Schicksals: gerade das Gas ließ sie jetzt – wenigstens für die nächsten Monate – ohne ein Dach über dem Kopf. „Ich habe mich nicht geschämt, hier zu wohnen, wir haben unsere Wohnung schön eingerichtet. Und es ist unsere Wohnung. Es ist schon mal was, eine Wohnung sein Eigentum nennen zu können“, sagt die etwa 30-jährige. „Jetzt sind wir zu viert zu ein paar Freunden gezogen. Wir haben jedoch auch einen Antrag für eine provisorische Unterkunft im Schulheim eingereicht. Wir können doch nicht ewig von der Gutmütigkeit unserer Freunde profitieren“. Schäden an ihrem Appartement hat sie keine, da sie im ersten Stock wohnt. „Es sind keine Schäden, wir können aber unser Appartement nicht benutzen“, sagt die Frau. Dass sie keine Versicherung abgeschlossen hat, bedauert sie sehr. „Wer hätte gedacht, dass so etwas passiert? Wenn man überhaupt in Temeswar die Leute fragt, haben sie keine Versicherungen abgeschlossen. Nach dieser Sache schließe ich ganz bestimmt eine Versicherung ab“, bekräftigt die Frau. Obwohl seit Jahren die Diskussion immer wieder auftaucht, ob es eine Pflichtversicherung für Wohnungen geben sollte, ist diese Angelegenheit bis heute nicht geklärt. Vor Wahlen blasen Politiker solche Angelegenheiten wohl immer kurzerhand ab. Und besonders populär, denjenigen, die sowieso nicht viel besitzen auch noch mehr Geld aus der Tasche zu ziehen, wäre diese Maßnahme nicht.
Die Reparaturarbeiten
Insgesamt mussten 126 Personen ihre Wohnungen räumen. Die meisten der Familien wohnten zu Miete hier. Einige davon leben jetzt in Heimen von Schulen („Henri Coand²“ und „Ion Mincu“), andere haben bei Freunden einen Schlafplatz gefunden. Der Wohnblock braucht Konsolidierungsarbeiten, da seine Stabilität infolge der Explosion zu leiden hatte. Gemutmaßt wird mit einer Dauer von sechs Monaten, bis die Bewohner im besagten Wohnblock wieder einziehen können. Die Kosten belaufen sich auf ungefähr 200.000 Euro, so jedenfalls den jetzigen Schätzungen zufolge. Die Gelder sollen aus dem Reservefonds der Regierung kommen. Es gab ursprünglich zwei Varianten: eine war die billigere, die vorsah, dass nur das nötigste an Reparaturarbeiten vorgenommen werden, die andere (die 200 Tausend Euro Variante) sieht größere Arbeiten vor. Nach Bukarest wurde die zweite Variante geschickt. „Wir hoffen jetzt, dass wir dadurch vielleicht auch eine Wärmedämmung auf unseren Wohnblock bekommen“, meint eine Einwohnerin. Man braucht nicht unbedingt Experte zu sein, um zu bemerken, dass es dem Plattenbau von vor 1989, besonders an Armierung fehlte, noch waren die Wände besonders dick.
„Ich habe selber Angst, dass mir so etwas passieren könnte. Wo ich wohne, werden Flüssiggasflaschen verwendet. Ich habe etwas ältere Mitbewohner, einige sind über 80 Jahre alt, und man weiß nie, ob sie vergessen, das Gas abzudrehen oder sonst was passiert“, sagt ein besorgter Eigentümer eines Appartements in Temeswar. Eine Versicherung hat er jedoch bislang nicht abgeschlossen. Vor einigen Tagen gab es in Klausenburg/Cluj-Napoca eine Explosion, mehrere Personen kamen ins Krankenhaus. Grund der Explosion: Anhäufung von Gas.
Am Eingang des Wohnblocks: Die Gasrechnungen springen einem gleich ins Auge
Fotos: Zoltán Pázmány