Gelegentlich funkt jedoch die Wirtschaftskrise dazwischen / Von Siegfried Thiel
Es hängt wie so oft an kleinen Dingen, die Pessimismus von Optimismus trennen. Das ganz persönliche Schicksal, das Einkommen, die Ausbildung, die Einstellung und im Detail auch der jeweilige Arbeitsplatz können entscheiden, ob es einem (angeblich) gut geht oder nicht. Großsanktnikolaus/Sannicolau Mare an Rumäniens Westgrenze im Verwaltungskreis Temech/Timis hatte bis Ende vergangenes Jahres noch Vollbeschäftigung, ein gewisser Wohlstand war gesichert, auch wenn die Löhne nicht auf dem Niveau der Fabriken im 60 Kilometer entfernten Temeswar/Timisoara lagen – die Preise waren ebenfalls dementsprechend niedriger. Bedingt von Branche und Arbeitsplatz, geht es heute den Unternehmern, den Groß- und Einzelhändlern unterschiedlich. Fakt ist, dass seit Monaten in so manchem Restaurant der Kellner lange auf Kosumenten warten muss, Verkäufer im Allzweckladen warten die Hälfte des Arbeitstages auf Kunden und die meisten Unternehmen mussten Arbeitsplätze streichen. Optimismus ist in der Stadtverwaltung angesagt, wo der Bürgermeister sagt, die Haushaltseinnahmen seien durch „effizientes Arbeiten trotz Krisenjahr gestiegen“.

Bürgermeister Groza ist auf „effiziente Haushaltsplanung“ bedacht.
Großbetriebe stellen wieder Personal ein
„´Zoppas´ und ´Delphi´, die großen Arbeitgeber der 12.700 Einwohner zählenden Stadt Großsanktnikolaus haben zuletzt sogar wieder Personal eingestellt“, sagt der Bürgermeister D²nu] Groza (PDL). Anfang des Jahres war es nicht seht gut um die beiden ausländischen Betriebe bestellt, Arbeiter wurden entlassen. „Ich habe gefordert, dass die Betriebsleitungen Rücksicht darauf nehmen, dass sie in unserer Stadt angesiedelt sind und zunächst die Arbeitnehmer aus den anrainenden Gemeinden entlassen“, hatte der Ortsvorsteher der Banater Zeitung in einer Umfrage vor einigen Monaten gesagt. „Sie haben sich daran gehalten“, zieht Groza heute Fazit. „Nicht zuletzt hat das doch auch einen ökonomischen Hintergrund, wenn sie nicht mehr in die Nachbardörfer fahren müssen, um das Personal aufzulesen“, setzt er noch einen drauf. Auf der anderen Seite der Landstraße, gegenüber dem Zoppas-Werk, in der ehemaligen Kantine der längst geschlossenen Hanfspinnerei, ist Dorin Munteanu mit seinem Automec-Betrieb angesiedelt.

Im Stadtzentrum von Großsanktnikolaus - auch in Krisenzeiten viel los
Am Tag unseres Besuchs laufen die Einstellungspapiere für fünf Frauen, die das derzeit 70köpfige Team bei Automec vervollständigen sollen. Ende vergangener Woche feierte Automec das 20jährige Betriebsjubiläum. Zu Beginn waren natürlich auch Risiken da, danach kam ihm die Ansiedlung der Amerikaner von Delphi (Europavertretung in Österreich) und der Italiener von Zoppas entgegen, erzählt heute Munteanu. Zunächst machte er mit Delphi Geschäfte, sattelte dann aber auf eine Zusammenarbeit mit Zoppas um: „Die Kabelsätze für Zoppas sind einfacher herzustellen“, begründet Munteanu, und fügt hinzu, dass „die Kontakte zu den Österreichern freundschaftlich gut“ geblieben sind.
Nur Ausländern sitzt das Geld noch locker
An den beiden ausländischen Niederlassungen halten alle fest, der Bürgermeister, Unternehmer und Stadtrat Munteanu, aber auch die Bürger. „Die haben hier viel investiert, ich glaube nicht, dass sie kurzfristig ihre Zelte abbrechen werden“, hofft Bürgermeister Danut Groza. Diese Unternehmen sind Steuer- und Löhnezahler für einige Tausend Arbeitnehmer, ihre Gäste, Mitarbeiter und Partner aus dem Ausland geben gutes Geld in der Stadt aus. Im Restaurant des Drei-Sterne-Hotels Malvina – der Nobeleinrichtung der Stadt – meint der Kellner, in Großsanktnikolaus sei die Wirtschaftskrise noch nicht angekommen: „Die ist an der Grenze (Anm.: 18 Kilometer entfernt) hängen geblieben“, scherzt er. Auch der Carrefour-Laden gegenüber ist angeblich nicht von der Geldflaute in den Taschen der Bürger eingeholt – zumindest die Kassiererinnen sehen das so. In manch anderem Laden und Restaurant geht jedoch das Geschäft schleppend. Im Restaurant „Kam“ sind am frühen Nachmittag nur wenige Tische besetzt, einst war hier um die gleiche Uhrzeit Hochbetrieb. Die Bedienung kommt trotzdem – oder gerade deshalb – nach überdurchschnittlich langem Warten mit dem Bestellten. Der Allzweckladen von Ghizela und Gheorghe Petcov läuft ebenfalls nur mühsam – „in den letzten Monaten ist der Absatz gewaltig zurückgegangen“, sagen sie. Trotz Expansion in den Nachbarkreis Arad ist der Absatz des Erfrischungsgetränke- und Biervertreibers Leul Impex zuletzt erheblich zurückgegangen. „Sogar Personal mussten wir entlassen“, sagt der Lagerleiter der Firma, Ioan Morar. Er weiß, dass die Wirtschaftskrise im Allgemeinen die Bürger mit weniger Geld in der Tasche lässt, viele sind im Ausland beschäftigt, andere kaufen billiger in den Läden in Ungarn ein. „Im Preisvergleich können wir mit den Billigläden in Ungarn nicht mithalten. Die Biernachfrage ist um etwa 20 Prozent zurückgegangen“, erklärt er die Schwierigkeiten der Firma mit ihren über 100 Arbeitnehmern.
Zur freien Wahl: Deutsch intensiv und Sport
Er kommt unweigerlich immer auf seine Lieblingsbeschäftigung zurück: den Handball. Eine Herren-Mannschaft in der A-Liga, Kinder- und Jugendmannschaften betreut er sowohl als Vorsitzender der Handballabteilung des Sportvereins Unirea, aber auch als Trainer. Ein gutes Freizeitangebot für die Jugendlichen, glaubt sowohl Bürgermeister Groza, als auch Ioan Morar, sei der vom Bürgermeisteramt getragene Sportverein „Unirea“ (mit Abteilungen in Handball, Fußball und Kunstturnen). Umwerfend viel, als Freizeitgestaltung gibt es in Großsanktnikolaus nicht: Ich kann keine kostspieligen Vergnügungseinrichtungen bauen, „wenn es großen Nachholbedarf beim Straßenbau gibt“, konzentriert sich der Bürgermeister auf das Wesentliche. Etwas kommt doch hinzu: Den Fischteich am Stadtrand - in Richtung ungarischer Grenze - bringt gerade ein privater Investor auf Vordermann.
Für Sonja-Veronika Ditschinger gilt: heute Kinderbetreuung als freiwilliges Praktikum, morgen vielleicht schon Studiumsausrichtung
Jahre lang hörte praktisch das sonst gemütlich-nette Stadtbild hinter dem alten Hotel – heute Timisoara-Hotel - auf. Ein Feldweg mitten in der Stadt führte durch den Park und über den Aranca-Fluss in Richtung Stadion. Ein neuer Gehsteig verbindet heute die Stadionului-Straße mit dem Stadtzentrum. Unterwegs reihen sich Spielplatz, deutscher Kindergarten und Finanzamt aneinander. Im Kindergarten selbst – vom Roten-Kreuz aus Ludwigsburg/Deutschland gebaut – sind derzeit 41 Kinder in zwei Gruppen aufgeteilt. Adina Talpo{ und Corina Mala]cov sind die Erzieherinnen, Sonja-Veronika Ditschinger macht seit September „und mindestens bis zum 20. Dezember“ ein Praktikum im Kindergarten. Sonja ist 21, kommt aus Deutschland, ihre Mutter ist im benachbarten Tschanad/Cenad aufgewachsen. „Ich wollte schon immer wissen, wie es in dem Land aussieht, in dem ich geboren bin“. Als Kleinkind wanderten ihre Eltern mit ihr aus, nun hat sie sich schnell an neue Aufgabe und neues Umfeld gewöhnt. Vorbereitung auf den Kindergartenalltag, Betreuung und Sprache – so kann die Neue den beiden Kindergärtnerinnen helfen. „Vor allem in Hinsicht Sprache ist ihre Präsenz wichtig, denn die Kinder, die aus rumänischen Familien kommen, haben die Tendenz, mit uns rumänisch zu sprechen“, sagt Corina. Sprachkenntnisse sind besonders wichtig, „denn viele Eltern haben nicht den Mut, anschließend ihre Kinder in die deutsche Acht-Klassen-Abteilung in der Schule im Ort zu schicken. Zu groß ist nämlich die Angst, dass es die Kinder nicht schaffen werden“, weiß Adina Talpo{. Eine Alternative dazu gibt es bereits seit einigen Jahren: Die Grundschullehrerinnen bereiten Kinder Monate lang vor Beginn der ersten Klasse und unentgeltlich in deutscher Sprache vor.
Traditionspflege und bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt – dies als Grund, deutsch zu lernen, das sieht Bürgermeister Groza ein, wenn er auf die deutschen Bildungseinrichtungen hinweist: „Es gehört einfach zur Allgemeinbildung, eine Weltsprache zu beherrschen“, sagt er.
Rückkehrer mit neuen Ideen
Das Land dieser deutschen Weltsprache hat Hartwig Zahn verlassen, und ist seine Heimat zurückgekehrt. Aus der IT-Branche in Deutschland sattelte er auf Landwirtschaft um. „Precision farming“ nennt er das, was er gerade macht: Börsendaten liefern ihm die Informationen, die er in und für seine Verkaufs- und sogar Anbaustrategie braucht. Der Anbau seiner Mais- und Weizenkulturen auf überdimensionalen Flächen ist für ihn nicht das Allerbeste – obwohl Landwirte hierzulande gerade darin eine intensive Landwirtschaft sehen: „Das Ackerland in einem größeren Umkreis verteilt, ist mir lieber. Nicht überall ist in trockenen Jahren die Dürre gleich groß“, sagt Hartwig Zahn, der vor kurzem auch seinen letzten Traktoristen entlassen hat. Zuviel Ärger hatte er mit dieser Berufsgruppe, für die – anscheinend - ein sicherer Arbeitsplatz auch in Zeiten der Wirtschaftskrise nur bedingt ein Thema ist.
Fotos: Siegfried Thiel (2), Zoltán Pázmány (1)