Gespräch mit Herbert Grün, Geschäftsführer der Caritas Temeswar
Von Kinderheimen über Frauenhäuser bis hin zu Obdachlosenstätten und Pflegestationen: Der Caritas-Verband der Diözese Temeswar/Timisoara widmet sich seit 1993 allen Formen von Sozial- und Gemeinschaftshilfe. „Gemeinsam für die Menschen“ lautet das Motto der römisch-katholischen Hilfsorganisation „Caritas“. Und gerade dieser Einsatz zum Wohle der Gemeinschaft ist der Motor des Verbandes, der Jahr für Jahr einigen Hundert Menschen in Not aus den Verwaltungskreisen Temesch, Arad, Karasch-Severin und Mehedin]i unter die Arme greift. Welche Bedeutung die Projekte der Caritas haben und wie es der Verband schafft, diese über Jahre hinweg auszubauen und zu erhalten, erzählte Geschäftsführer Herbert Grün der BZ-Redakteurin Raluca Nelepcu.
Welche sind die Sozialprojekte der Caritas?
Die Caritas Temeswar hat mehrere Sozialprojekte, die verschiedene Gebietsebenen decken. Es sind hauptsächlich Projekte für Waisenkinder, Obdachlose und alte Leute sowie Projekte zur medizinischen Betreuung. Zu den Kinderheimen gehören das Mutter-Kind-Heim in Temeswar, ein Kinderheim in Wetschehausen/Pietroasa bei Lugosch/Lugoj, eines in Neutpetsch/Peciu Nou und eines in Neubeschenowa/Dudestii Noi. In unseren Heimen finden 70 Kinder eine Unterkunft. Dann gibt es die Tagesstätte für Kinder in Bakowa/Bacova - das Pater-Berno-Haus mit 28 Kindern. Eine weitere Tagesstätte mit 35 Kindern haben wir in Nadrag und eine in Perjamosch/Periam – für 30 Roma-Kinder. Außerdem funktioniert auch in Wetschehausen eine Tagesstätte, wo wir mit etwa 40 Kindern aus der Schule arbeiten und ihnen Nachhilfestunden anbieten. Für Obdachlose gibt es das Temeswarer Nachtasyl mit 80 Plätzen und die Jugendfarm in Bakowa, ein Integrationsprojekt für Obdachlose und Straßenkinder, wo den Nutznießern 22 Plätze zur Verfügung stehen. Das Frauenhaus mit sechs Plätzen in Temeswar ist eine Notstelle für Frauen, Opfer häuslicher Gewalt. Frauen und Kinder können hier bis zu drei Monaten bleiben und inzwischen ihre rechtliche Situation klären. Wir haben Sozial- und Pflegestationen insbesondere für alte und sozialschwache Leute. Solche gibt es in diesem Jahr in Temeswar, Busiasch/Buzias, Ferdinandsberg/Otelu Rosu, Karansebesch/Caransebes, Steierdorf-Anina und Reschitza/Resita, wo alte Leute zu Hause medizinisch versorgt werden. Für Alte haben wir auch Suppenküchen. Eine Suppenküche für 90 Personen gibt es in Temeswar, in Nadrag funktioniert eine für 40 Nutznießer. Wir haben außerdem ein Hospiz, eine Palliativpflege und Sterbebegleitung vor allem für krebskranke Menschen. Das Hospiz funktioniert auf Krankenhausbasis, weil wir einen Vertrag mit der Krankenkasse abgeschlossen haben.
Welches von diesen Projekten halten Sie für das Wichtigste?
Alle sind wichtig. Ein besonderes Projekt ist aber die Jugendfarm in Bakowa, wo wir nicht nur soziale, sondern auch wirtschaftliche Dienstleistungen anbieten. Wir haben Produktionsstätten und betreiben Landwirtschaft. Wir bewirtschaften 230 Hektar Land, Schweine und Kühe werden gezüchtet. Wir können dadurch unsere Grundnahrungsmittel selbst produzieren. Die Farm ist praktisch als eine Selbstversorgung gedacht. Von hier werden also die meisten unserer Projekte, die an Lebensmittel hängen, beliefert. Wir haben auch eine Getreidemühle hier, wo wir Mehl mahlen und mit fünf Bäckereien zusammenarbeiten, die für unsere Projekte Brot backen.
Seit wann gibt es dieses Produktionsprojekt?
Dieses Projekt ist in einer ständigen Aufbauphase. Wir haben mit der Einrichtung der Farm im Jahr 2000 begonnen. Seit fünf Jahren wird in Bakowa auch Landwirtschaft betrieben.
Wie finanziert sich die Caritas im Jahr 2010?
Die Caritas finanziert sich im Jahr 2010 wie auch bis jetzt: zumeist aus Spenden. Ungefähr 70 Prozent unserer Einnahmen sind Spenden, vor allem aus dem Ausland. Einen Teil der Kosten übernehmen die Gemeinden und ein Teil fließt aus dem Staatshaushalt - das ist aber sehr wenig. Wenn es um medizinische Dienstleistungen geht, übernimmt auch die Krankenkasse einiges.
Von wo kommen die meisten Spenden?
Die meisten Spenden kommen aus Österreich und Deutschland.
Wie groß ist die Entlastung, die die Caritas dem rumänischen Staat bietet?
Es ist schon eine sehr große Entlastung für den Staat, wenn wir die Zahl der Nutznießer und unsere Ergebnisse im Jahr betrachten. Wir versorgen täglich an die 500 Leute über Suppenküchen und Tagesstätten. 80 Obdachlose haben eine Übernachtungsmöglichkeit, im Frauenhaus finden über 40 Frauen pro Jahr eine Unterkunft. Außerdem sind es die zahlreichen Waisenkinder, die seit über 15 Jahren bei uns wohnen. Das sind also Kinder, die nicht in staatlichen Heimen untergebracht werden müssen.
Inwiefern wird die Caritas von der Stadt Temeswar unterstützt?
Von der Stadt Temeswar bekommen wir eine gute Unterstützung. Wir haben zu Jahresbeginn eine Finanzierungslücke beim Nachtasyl gehabt, aber durch den Stadtrat und den Bürgermeister haben wir eine sehr gute finanzielle Möglichkeit gefunden. Ich möchte mich hiermit beim Bürgermeister und beim Stadtrat bedanken. 60 Prozent der Betriebskosten und fünf Löhne für unsere Angestellte werden vom Kommunalhaushalt gesichert.
Was wünschen Sie sich dringend für die nächste Zukunft?
Für die nächste Zukunft würde ich mir wünschen, dass der rumänische Staat vielmehr von unseren Kosten übernehmen würde, weil wir ja eine Dienstleistungsorganisation für die Bevölkerung sind. Ich glaube nicht, dass es für immer solche Dienstleistungen geben kann, die von anderen Ländern finanziert werden.

Herbert Grün: „Das Nachtasyl war Anfang des Jahres in Frage gestellt, nun wurde eine Finanzierungsmöglichkeit gefunden“.
Foto: Zoltán Pázmány