Wie die Bewohner aus Nitzkydorf den Erfolg der Schriftstellerin finden / Von Ana Sălişte
Still ist es an diesem sonnigen Oktobertag vor Herta Müllers Geburtshaus. Still ist es in allen Gassen des kleinen Banater Nitzkydorf, rund 30 Kilometer von Temeswar entfernt. Das Bellen einiger Hunde und das Schnattern der Gänse sind zwischen den etwas verwahrlosten Häusern zu hören. Menschenstimmen hört man nur in der kleinen Bar mit roten Plastikstühlen. Josef Kradi, ehemaliger Nachbar von Herta Müller, trinkt Kaffee. Anton Kohl, einstiger Schulfreund von ihr, trinkt ein Bier. Ihre Blicke wirken müde. Emilia Marta, jetzige Besitzerin des Geburtshauses von Herta Müller, bäckt gerade Käsekuchen, den sie später einem deutschen Journalisten anbieten wird.
Ab und zu kommt ein Dorfbewohner zu Fuß oder auf dem Fahrrad vorbei. Autos sind kaum auf den Gassen zu sehen. Dass hier die 56-jährige Nobelpreisträgerin Herta Müller geboren ist, interessiert die Vorbeigehenden kaum. „Ich kenne sie nicht“, sagt eine Frau, die gerade am Geburtshaus vorbeigeht. „Fragen sie die jüngeren Leute, vielleicht wissen die was“, meint sie und trägt ihren halb vollen Sack auf der Schulter weiter. Manche der Dorfbewohner gucken misstrauisch zu den fremden Gesichtern der Journalisten hinüber, die neugierig zu ihren Höfen blicken. Andere weichen ihnen aus, wenn diese sie ansprechen wollen. Die Reporter selbst reden kaum miteinander und beäugen sich misstrauisch. Geistiger Diebstahl beginnt bei der Dokumentation.
Der Rumänischlehrer liest aus ihren Büchern vor
„Viele Bewohner sind einfache Bauern und kannten Herta Müller nicht. Erst nach diesem großen Medienrummel haben sie was von ihr gehört“, sagt Tiberiu Laurenţiu Buhnă-Dariciuc, Rumänischlehrer an der Allgemeinbildenden Schule in Nitzkydorf. Er hat die Kinder mit Herta Müllers Werke vertraut gemacht, ihnen daraus vorgelesen. „Es fiel mir ziemlich schwer, Auszüge auszuwählen, die Kinder nicht abschrecken“, sagt er lächelnd.
Tagtäglich pendelt er aus Silasch/Silagiu, um die 250 Schüler, die die Schule in Nitzkydorf besuchen, zu unterrichten. Stolz kommt er uns mit einem Buch von Herta Müller entgegen. 2005 hat er in Temeswar ein Autogramm von ihr bekommen. Er wollte die Schule nach ihr benennen. Die Schriftstellerin war aber dagegen. „Sie meinte, sie will nur durch ihre Werke bekannt bleiben, nicht durch Plakatierung an irgendwelchen Schulen“, sagt Buhnă-Dariciuc.
Im Dezember – wenn die feierliche Nobelpreisverleihung an Herta Müller stattfindet - will er gemeinsam mit Schulsekretärin Anneliese Ivan ein Schulfest veranstalten. „Wir müssen das sorgfältig planen“, sagt er zu Anneliese. Er besitzt alle ins Rumänische übersetzten Bücher von Herta Müller und interessiert sich schon seit Jahren für ihr Leben. Im Dorf sind ihre Bücher nirgends zu finden. Keine Schulbibliothek, längst keine Buchhandlung. In Temeswar sind in den letzten Tagen alle ihre Bücher ausverkauft worden.
Neun Schwaben leben noch in Nitzkydorf
Als Herta Müller noch ein Kind war, lebte im rumänischen Banat eine große Gemeinde von Schwaben. Mehrere süddeutsche Dialekte schmolzen dabei zusammen. „Einerseits war der schwäbische Dialekt da, andererseits ware es der österreichische Dialekt, von den Kolonisten aus Tirol“, erinnert sich eine Dorfbewohnerin. Derzeit leben aber nur noch neun Schwaben in Nitzkydorf. Die anderen sind entweder gestorben oder ausgewandert. Auch Herta Müller ist 1987 mit ihrem damaligen Mann, Richard Wagner, nach Westberlin geflohen.
Ukrainer und Moldauer wurden in den 80-er und 90-er Jahren im Dorf ansässig. Deshalb ist die katholische Kirche fast jeden Sonntag leer. Nur einmal im Monat wird eine heilige Messe für die verbliebenen Katholiken von einem Priester zelebriert, der aus dem 10 km entfernten Busiasch/Buzias kommt. Eine 88-jährige Schwäbin ist die Einzige, die noch die traditionelle Alltagstracht trägt. Oft sitzt sie einsam vor ihrem Haus. An Herta Müller kann sie sich nicht erinnern.
Die Schwaben warfen ihr Nestbeschmutzung vor
Die Meinungen der hier gebliebenen Schwaben über die Nobelpreisträgerin sind geteilt. „Sie wird von manchen Schwaben misstrauisch beäugt“, sagt Ivan. „Sie fühlten sich betrogen, weil Herta Müller viel Intimes über sie preisgegeben hat, in ihrem ersten Buch ´Niederungen´. Die Schwaben empfanden das als Nestbeschmutzung. Wollten ihr das immer vorwerfen. Haben sie aber nicht mehr getroffen“, erzählt sie, während sie Herta Müllers Abschlussdiplom der achten Klasse aus einer hölzernen alten Schublade holt.
„Sie war eine sehr gute Schülerin. Hatte nur Höchstnoten. Nur in Rumänisch hatte sie in der ersten Klasse eine Sieben. Wahrscheinlich, weil sie die Landessprache in der Schule erst erlernt hat – in einem Dorf, wo alle deutsch - schwäbisch – sprachen. Denn sie selbst hat zugegeben, sie hätte erst spät Rumänisch gelernt“, sagt Anneliese Ivan.
Auch die in Rente gegangene Lehrerin Mărioara Doboşan erinnert sich an die Schriftstellerin, als diese noch im Kindergarten war: „Ich hab´ sie auch heute noch vor den Augen, in ihrer Uniform mit blau karrierter Musterung. Immer sehr energisch und ständig mit den Mädchen zusammen. Herta war nicht eingebildet, obwohl ihre Eltern sehr reich waren“, sagt Doboşan, während sie zwischen den hölzernen Bänken eines etwas dunklen Klassenzimmers langsam spaziert, als ob das ihr dabei helfen würde, sich besser an das zierliche Mädchen von damals zu erinnern. Das Lehrerpult und manche Möbelstücke sind vielleicht noch die gleichen von Herta Müllers Schuljahren, die Bänke aber ganz bestimmt nicht.
In der Schule sind noch zwei Bücher aus ihrer Bibliothek zu finden: „La Medeleni“ (Bei Medeleni) von Ionel Teodoreanu, ein Roman über Kindheit und Jugend und „Gefährliche Liebschaften“ von Choderlos de Laclos. Ihr Name steht noch, mit blauer Tinte geschrieben, auf die ersten Seiten der Bücher. „Ihre Mutter hat vor dem Auswandern alle ihre Habseligkeiten verkauft“, erinnert sich Anneliese Ivan.
Herta Müllers Mutter zu Besuch
Das Haus von Herta Müller hatten wir auf der Hauptstraße entdeckt, ein graues Eckhaus. Auf der einen Seite sind noch die alten Rollläden zu sehen, ein wenig verrostet. Die Fenster auf der anderen Seite sind mit Wärmedämmfenstern ersetzt.
Die Lehrerin Emilia Marta ist 1987 - einen Monat, nachdem Herta nach Deutschland ausgewandert ist - ins Haus eingezogen. Im Garten treffen wir einen Journalisten von DIE ZEIT. Emilia Marta erzählt ihm gerade von ihrem Umzug: „Alles war ordentlich und sauber. Richtig beeindruckt war ich von den Erdbeeren im Garten“, sagt sie. „Ihre Eltern waren reich, sie hatten einen Laden und sie verkauften auch viel Getreide aus eigener Produktion“, ist das, was Marta damals von den Dorfbewohnern über Herta Müllers Familie erfahren hat. Sie ist 1987 aus Siebenbürgen hierher gezogen ist. Anfang der 90er Jahre, während der Frühlingsferien, bekam sie Besuch von Hertas Mutter. „Sie war sehr aufgeregt und hatte Tränen in den Augen“, erinnert sich Emilia Marta.
Neben dem Geburtshaus entdecken wir den Nachbarn von Herta Müllers Familie, Josef Kradi. Er sitzt einsam auf der kleinen Bank vor seinem Haus und ahnt sofort, wer wir sind. Kradi ist der Verwalter des Friedhofs und fährt bei Begräbnissen den Leichenwagen des Dorfes. An diesen Tagen hat er mehreren Journalisten den Grabstein von Herta Müllers Vater, Josef Müller, der 1978 gestorben ist, gezeigt. Anbei sind auch ihre Großeltern mütterlicherseits begraben, Franz und Elisabeth Gion. Von Hertas Nobelpreis hat Josef Kradi von den Journalisten erfahren. „Ich habe vor ein paar Tagen drei Autos vor ihrem Haus gesehen und habe die Nachbarn gefragt, was die wollen. Die haben mir dann gesagt, die Herta hat was gewonnen“, sagt Kradi.
Herta Müller – ein Vorbild für die Kinder von Nitzkydorf
„Herta und ihre Familie haben hier viel gelitten“, bilanziert Schulsekretärin Anneliese Ivan. Ihr Großvater war ein wohlhabender Bauer und Kaufmann, der von den Kommunisten enteignet wurde. Herta Müllers Mutter musste 1945 zur Zwangsarbeit in die UdSSR. Herta Müller selbst war ständig von Sekuritate-Leuten und deren Handlangern verfolgt. Kühl und bitter erzählt sie in einem Artikel, wie sie das Essen mit Entsetzen schluckte, voller Angst, dass es vergiftet sein könnte. Mehrere Male wollte sie sich das Leben nehmen. Ihre Bücher zeugen von traurigen Erinnerungen an diese düstere Vergangenheit. “Vielleicht vermeidet sie deshalb diesen Ort. Das Böse hat sich aber auch zu etwas Gutem gewandelt. Hätte sie nicht so Vieles erlebt, hätte sie auch nicht darüber geschrieben und vielleicht keinen Nobelpreis bekommen. Ich finde es toll, dass sie damit ausgezeichnet wurde“, meint Anneliese Ivan. Sie würde sich freuen, wenn Herta Müller ihre alte Schule besuchen würde und den Kindern von ihrer Kindheit in Rumänien erzählte, wie im Hörbuch „Die Nacht ist aus Tinte gemacht.“ „Herta Müller könnte für die Kinder ein Vorbild sein“, schließt Anneliese Ivan.
Das Geburtshaus von Herta Müller
Anneliese Ivan und der Rumänischlehrer Tiberiu-Laurentiu Buhna-Dariciuc
Herta Müllers Abschlussdiplom der achten Klasse
Josef Kradi, Nachbar von Herta Müller und Verwalter des Friedhofs
Fotos: Zoltán Pázmány