Hans/Ion Stendl wird am 18. Februar 70 Jahre alt / Von Werner Kremm
„Ich fühle mich wohl in dieser postmodernen Welt, wo ein Kentaur authentischer sein kann als ein Ferrari. Ich lasse meine Blicke oder meine Gedanken schweifen durch das wunderbare imaginäre Museum und bin fasziniert von den Schätzen des Sichtbaren, die mich umgeben. Nach einem Tag der Plage setze ich mich müde aufs Floß der Medusa, das am Rande der Lehmwüste gestrandet ist und ich sehe von hier aus, wieder und wieder, das Entstehen der Dinge. Häufig kuschelt sich die Melancholie neben mich und im dichter werdenden Schatten des Abends schaffe ich es, mich wohlzufühlen in dieser postmodernen Welt, wo ein Kentaur...“
Hans/Ion Stendl, der kommende Woche seinen 70. Geburtstag feiern wird, hat diese eigenwillig-poetischen Worte einer seiner großen Ausstellungen im Rundsaal/Sala Ronda des Nationaltheaters in Bukarest/Bucuresti vorangestellt. Und er synthetisiert in diesem originellen Geleitwort zur Ausstellung – Stendl organisiert große Ausstellungen meist dann, wenn er eine Werkschau als Schlusspunkt einer Schaffensetappe zeigen möchte – einige der Konstanten seines Werks: der Kentaur (mit seinen Pendants: Thrakischer Reiter, Pferd, trojanisches Pferd), die Melancholie (Dürer und die Großen der italienischen Renaissance, allen voran Michelangelo Buonarotti und Leonardo da Vinci, die ihm Vor-Bilder, Stützen und Zeugen seiner durch Kunst und handwerkliche Meisterschaft geschaffenen Welten sind), das Floß der Medusa (als Sinnbild von Hoffnung in der Verzweiflung, des Schwimmens trotz Allem), das „imaginäre Museum“ (für das bei Stendl nicht nur die zahlreichen „archäologischen Zitate“ auf der Leinwand oder diversen anderen flachen, zweidimensionalen Unterlagen stehen, sondern auch die „Buchobjekte“, die Versuche zur Rettung und Veredlung schriftlich festgehaltenen Gedankenguts in Form neuer Kunstgegenstände), die Faszination, welche das mit dem Auge Erfassbare ausübt, das „Entstehen der Dinge“ (gleichzusetzen mit dem allgemeinen Werden, aber auch mit der Prozessualität des Schaffens beim Künstler).

Der Thrakische Reiter, 1976
Der in Reschitza geborene Hans/Ion Stendl ist einer der wenigen Künstler Rumäniens, die hohen Wert auf Bildung und Handwerk legen und der Kunstgeschichte der Menschheit in ihrem Lebenswerk einen festen Platz eingeräumt haben: als kongeniale Inspirationsquelle, als Legitimation der Wahrheit der Aussage, als handwerkliche Voraussetzung für die Perfektion der Botschaft. All das verleiht Stendls Werk nicht nur eine schier unverkennbare Individualität und die Originalität des bescheiden gebliebenen Einzigartigen, es enttarnt ihn auch als Lehrer und Meister – vergessen wir nicht: Hans Stendl war lebenslang Lehrer an der Akademie für Bildende Kunst in Bukarest, zuletzt als deren Dekan, ein Posten, den er per Ausschreibung (man verstehe: nicht durch „ein gutes Wort“ oder eine Parteienseilschaft) besetzt hatte, wie er nie vergisst zu unterstreichen


Selbstporträt auf der Schiefertafel, 2000
An einer Wand seines Ateliers in Bukarest ist, links unter einer zentralen Dornenkrone, ein mit turnenden Modellen geschriebenes „DANKE unserem Meister Stendl“ zu sehen. Die Botschaft seiner Lehrlinge. Übrigens: rechts oberhalb der Dornenkrone, diagonal zum DANKE: ein Porträtfoto seiner Mutter (beide Eltern Hans Stendls waren 1945 aus Reschitza in die Sowjetunion zur „Wiederaufbauarbeit“ deportiert worden).
Das Werk von Hans/Ion Stendl strahlt Abgeklärtheit aus. Jedoch keineswegs eine Altersabgeklärtheit, die Abgeklärtheit dessen, der sich mit dem Leben abgefunden hat, sondern eindeutig eine Haltung des Über-den-Dingen-Stehens-infolge-von-Wissen/Weisheit. Ein Wissen, das man sich durch Bildung und durch „das größte Vergnügen der menschlichen Rasse“(Brecht), das Denken, aneignen kann.
Hans Stendl entpuppt sich beim genaueren Hinsehen als Fragender, als einer, der sich die Antworten „verdient“ durch ehrliche und strebsame Arbeit, also mit Mühe („Wer immer strebend sich bemüht...“, heißt es im „Faust“). „Die Renaissance war nicht nur eine `Wiedergeburt`“, schreibt Hans Stendl in seiner Doktorarbeit („Die Zeichnung. Ästhetik. Grundlagen. Materialien“, Bukarest 2004), „sie hat auch zahlreiche `Geburten` initiiert. Eine von diesen war die Zeichnung, so wie wir sie auch heute in hohem Maße verstehen.“ Dieser Feststellung geht ein Loblied auf die Renaissance voraus, das auch als Motivation des Künstlers Hans/Ion Stendl verstanden werden muss: „Die Renaissance brachte eine Re-Evaluierung der antiken Konzepte der Filosofie, der Künste, ein Wiedererwachen der Gefühle für die Natur und eine Entzifferung der Realität mittels Mathematik. Und die Renaissance favorisierte das Heraustreten des Künstlers in den Vordergrund des Geschehens. Der Künstler verließ die handwerklichen Statute des Mittelalters und wurde zur selbstständigen, wichtigen und bewunderten Persönlichkeit. Dieser Künstler entfaltete seine Tätigkeit auf dem Unterbau der Wissenschaft. Seine Kreativität wird durch die Erkenntnisse der Mathematik und der Geometrie beflügelt. Auftauchende Probleme werden mit Vernunft geregelt. Die Wege dazu zeigt der Künstler auf, indem er im Atelier schafft.(...) `Die Proportionen der Natur reflektieren die Harmonie der Welt, und das geordnete System bildet eine Hierarchie, an deren Endpunkt sich Gott befindet`.(Uwe Westfehling: Zeichnen in der Renaissance)“.
Mir scheint, dass der perfekte Zeichner Hans/Ion Stendl diese Aussage in seiner Doktorarbeit auch als Selbstdefinition und Eigeninterpretation des Künstlers Hans/Ion Stendl verstanden wissen will. Denn sie illustriert vollkommen, was er tat und tut, seinen nachhaltigen und ununterbrochenen Versuch, die Welt mittels Zeichnen und gestützt auf das Vor-Wissen und die Vor-Arbeit von als kongenial aufgefassten Vorgängern zu verstehen.
Dass Stendls Fragen rund ums Geschehen in der Welt mal augenzwinkernd gestellt werden („Goethe – Odaliske“, 2002), mal kraftvoll-provokativ („Thrakischer Reiter“, 1978), dann wieder besinnlich und voller dürerhafter Symbolik („Der Philosoph“, 1998, „Dürer malt die Melancholie“, 1999) oder auch mal resigniert-gedankentraurig („Selbstporträt auf Schiefertafel“, 2000) oder gar vorgeblich blindlings („Tastsinn“, 2000), in allen Fällen versucht Stendl, die vorgegebene Zweidimensionalität der Zeichenfläche zu sprengen: mittels kollagenhaften Überlagerungen und auseinanderdriftenden Bild- und Gedanken-Suggestionen, mittels des Versuchs, die Momentaufnahme in der Bewegung aufzuweichen, mittels Neudeutung zitierter Motive durch Neuzusammensetzungen, mittels Relativierung von Zeit- und Raumzusammenhängen

Der Philosoph, 1998
Vielleicht macht das die Aktualität und möglicherweise auch das Zeitenüberdauernde des denkenden Zeichners und des sozialaktiven Künstlers Hans/Ion Stendl aus.

Goethe – Odaliske, 2002

Tastsinn, 2000