Traditioneller Hirtenberuf mit vielen Engpässen konfrontiert Von Siegfried Thiel
Wann er denn mit dem Schafe Hüten und Züchten angefangen hat? Nicolae Podean umgeht es, die Antwort mit genauen Daten zu belegen: „Von Kind auf ist das bei uns so, dass der Sohn Schafe und Job vom Vater einfach erbt“, erklärt er die „Generationssache Hirtendasein“. Doch der Wendepunkt steht an: Im hügligen Murani, eingemeindetes Dorf der Temescher Gemeinde Bruckenau/Pi{chia, nimmt seine Herde zusehends ab. Fortschreitendes Alter, wenig Entgegenkommen der Behörden, kaum Nachwuchs für den Schäferberuf, niedrige Preise für die Produkte. Er sieht geringe Chancen für einen Beruf, der dem rumänischen Volk über Jahrtausende Nahrung, Tradition, Balladen und eine Prise Humor eingebracht hat. Ein Schäfer selbst schämt sich seines Status´ nicht - trotz aller ausgelassener Witze über seinen Berufsstand.

EU-Auflagen. Streng ist etwas anderes
Elektroschocker vor dem Schlachten, elektrische Melkmaschinen, Fahrzeuge für den Wechsel zwischen Sommer- und Winterweide, das alles hatte kurz vor und gleich nach dem EU-Beitritt Rumäniens die Schäfer in helle Aufregung versetzt. Seitdem ist vielleicht auf dem Papier so einiges geschehen, im Hinterland wird „klassisch“ mit dem Messer abgeschlachtet, Melkmaschinen sind teuer und bei Schafen wenig effizient („Da brauchst du für eine Herde den ganzen Tag, nur um zu melken“, sagt Nicolae Podean) und der Weidewechsel ist zumindest in Flachland und Hügelgegend so gut wie abgeschafft.
Also gar nicht so streng genommen, die EU-Auflagen, die den archaischen Schäferberuf einen Tick humaner und moderner erscheinen lassen sollten. Trotzdem schaut Niculina Podean, die Frau des Hirten, betrübt über die Herde, die in der Ferne grast. Innerhalb von drei Jahren ist der Bestand an Schafen und Lämmern um ein Drittel zurückgegangen. 600 waren es damals, 400 sind geblieben. Jetzt wäre eigentlich die Zeit, Geld zu machen. Vor Ostern ist das Lammfleisch zu 9,5 Lei lebendes Vieh zu verkaufen, danach fällt der Preis auf etwa die Hälfte. Die Rumänen haben nicht etwa ihre Vorliebe für Lammfleisch zu Ostern aufgegeben: Die Lämmer sind einfach zu klein, um derzeit geschlachtet zu werden. Die meisten wiegen gerade mal halb so viel, wieviel sie geschlachtet an reinem Fleisch ergeben müssten. Kein gutes Weideland und die auf Anfang April fallenden Ostern sind die Hauptgründe, warum die Lämmer zum Teil erst wenige Tage alt sind. „Gutes Weideland mit saftigem Gras ist mit einer Bedingung, dass Mutterschafe frühzeitig Lämmer haben“. Schuld an dem teilweise kargen Weideland trägt nicht so sehr die Gegend, die nicht mit den Weiden in Siebenbürgen vergleichbar ist, sondern die Art, wie Konzessionsverträge angelegt werden. „Sehen Sie, das sind die 32 Hektar Weideland, die wir von der Gemeinde gepachtet haben“, zeigt Nicolae Podean über das Tal und bis hinauf zum gegenüberliegenden Hügel. Ein Fünf-Jahres-Vertrag zur Konzession der Weide läuft in Kürze aus, wahrscheinlich wird auf weitere zweieinhalb Jahre verlängert. „Verträge dieser Art müssten über zehn oder fünfzehn Jahre laufen, sonst macht es keinen Sinn, in das Weideland zu investieren“, weiß der Hirte.
Gehilfen, Farm und Konzession – alles nur Mankos
Gute und verlässliche Schäfergehilfen zu finden, ist heute schwer. „Die meisten sind im Ausland als Erntehelfer, aber auch als Hirten beschäftigt“, so die Podeans. Ihr letzter Gehilfe hat vor kurzem seinen Job geschmissen: Er wurde von Hirten einer angrenzenden Weide wegen einer Lappalie verprügelt. Er wollte nämlich Schafe seiner Herde von der Nebenweide holen. Die anderen sahen dies jedoch als ein Eindringen auf ihr Territorium. „Es gibt Reibereien zwischen den Hirten“, erläutert Niculina Podean. Der einzige für sie derzeit in Frage kommende Hirte stammt aus einem Nachbardorf und ist 70 Jahre alt: Er kommt jedoch nur, wenn es warm ist.
Sehr viel Sorgen scheinen Nicolae Podean all die Kontroversen und Probleme trotzdem kaum noch zu machen. Etwa zwei Jahre will er den Hirtenberuf noch ausüben, dann in Rente gehen. Er hat es moderner angestellt als viele Städter: Seit Jahren zahlt er in eine Privatrente ein, vor 1989 haben sich ebenfalls noch einige Jährchen angesammelt, als er bei Arad auf einer Farm tätig war. An die Farm eines Großbauern ist Podean, wie auch die anderen Schäfer aus Murani angeschlossen. Es ist eben dieser Teufelskreis: Um Fonds zu erhalten, müssen die Herdenbesitzer offiziell als Farm registriert werden. Seine Niederlassung wenige Kilometer außerhalb des Dorfes mit Futterplatz und Schlafbehausung für den Hirten reicht dazu sicher nicht. Und Strukturfonds heranziehen, kann man nur als registrierte Farm. Nicolae Podean ist auch mit dem Begriff Sapard-Fonds vertraut. Doch vertrauen tut er diesen nicht: „Das ist so kompliziert, dass viele aufgeben, lange, bevor das erste Geld fließt“.
Einen Ansatz zur Farmgründung wollten sich die Podeans vor Jahren schaffen. Den Sohn hatten sie nach Temeswar auf die Abendschule geschickt, um später mal Farmer zu werden. Mittlerweile ist dieser von zu Hause ausgezogen und die Tochter kennt die Arbeit bei der Herde so gut wie gar nicht. „Sie pendelt in die Stadt in die Berufsschule, besucht zwar die Fachausrichtung Handel, doch den Farmer wird Tochter Elena kaum abgeben“, weiß ihre Mutter.
Einfach Abschied
Sie selbst können keine Anträge auf EU-Unterstützung stellen: „Wir sind zu alt dazu“, sagt der Hirte. Was Mutter Niculina Podean jedoch am meisten kränkt: Elena sollte ihre gute Stimme mehr nutzen, um Volksmusiksängerin zu werden. Trotz einiger bisher guten Ansätze träumt Elena davon, einen Schönheitssalon in Temeswar zu eröffnen. Den biederen Kindheitstraum von vor drei Jahren, dies im Heimatort zu tun, hat sie aufgegeben: „Wer soll denn da im Dorf in den Schönheitssalon gehen“? fragt sie sich rhetorisch.
Die Herde verkaufen, „ein paar Schafe neben der Wirtschaft“ und nach vielen Jahren ins Heimatdorf in den Verwaltungskreis Alba zurückkehren, so sinnieren die Senioren aus der Familie Podean. Es sieht nach „was bleibt uns anderes übrig?“ aus. Aber nicht sehr das Wirtschaftliche oder die Frage, ob die Kinder den Umzug befürworten, bedrückt derzeit die Frau, sondern mehr ihr tief verwurzelter Glaube und die Furcht vor Gott: Dass zuletzt massiv Schafe ihrer Herde verenden, schreibt sie ihrem Mann zu. Er hat in diesem Jahr vor Ostern auf Fasten verzichtet.
Hader wegen hoher Kosten. Niculina Podean weist auf hohe Preise für Weideland und Futtermittel hin.
Fotos: Zoltán Pázmány