„Nein“, sagen Historiker, Schriftsteller und Kunstkritiker. „Eine schöne Erinnerung an das 19. Jahrhundert“ sei die Bezeichnung, Ähnlichkeiten zwischen Temeswar/Timi{oara und Wien gebe es heutzutage jedoch kaum noch. Dies ergab eine Umfrage, die von den BZ-Redakteurinnen Raluca Nelepcu und Andreea Oance durchgeführt wurde. Eine Mehrheit der Befragten findet, dass die Benennung „Klein-Wien“ heute zu Temeswar nicht mehr passt. Lesen Sie im Folgenden die relevantesten Aussagen.
Annemarie Podlipny-Hehn, Schriftstellerin und Kunstkritikerin
Nein, heute kann Temeswar nicht mehr als „Klein-Wien“ bezeichnet werden. Im 19. Jahrhundert war Temeswar tatsächlich eine der modernsten Städte Europas. Bedeutende Literaten, englische, italienische Autoren lobten damals Temeswar als saubere, blühende, blendende Stadt. Das Kulturleben und die Atmosphäre waren von der österreichischen Gemütlichkeit geprägt, aber auch aus sozialem und wirtschaftlichem Gesichtspunkt war Temeswar Wien sehr ähnlich. Heute ist der Unterschied zwischen den beiden Städten sehr groß und auch das Gemüt der Leute hat sich verändert. Obwohl viele Historiker versuchen, dieses geflügelte Wort für Temeswar zu gebrauchen, finde ich, dass es bloß eine Erinnerung an das 19. Jahrhundert ist und heute nicht mehr gültig.
Ioan Ha]egan, Historiker
Im 18. und 19. Jahrhundert konnte Temeswar noch zu gutem Recht „Klein-Wien“ bezeichnet werden. Andere zehn Städte der ehemaligen Monarchie wünschten sich damals ebenfalls diesen Titel.
Nach den Veränderungen, die das 20. Jahrhundert mit sich gebracht hat, ist diese Bezeichnung für Temeswar nicht mehr angebracht. Einige Altbauten sind zwar erhalten geblieben, aber die zahlreichen neuen Gebäude, die entstanden sind, sowie die Änderungen in der Bevölkerungsstruktur führen dazu, dass wir uns als „kleine Wiener“ nicht mehr so richtig wohl fühlen. Es ist auch eine Änderung in der Mentalität der Bürger zu verzeichnen. Wir können heute eher von der Metropole Temeswar sprechen.

Der Domplatz in Temeswar
Marcel Tolcea, Journalist und Leiter des Kunstmuseums
Es ist ziemlich schwer, das zu behaupten. Ich bin sehr skeptisch, was die Ähnlichkeit der Stadt Temeswar mit der Stadt Wien angeht. Das große Glück Temeswars war, dass in derselben Zeitspanne wie in Wien Bauten von österreichischen Architekten entworfen wurden. Der Geist einer Stadt wird aber nicht von den Gebäuden verliehen, sondern von der kulturellen Atmosphäre. In Temeswar geschieht viel zu wenig Kulturelles, um es mit einer so bedeutenden Kulturstadt wie Wien vergleichen zu können. Die Rumänen sollten allgemein Vergleiche vermeiden. Bei uns kommen immer wieder Bezeichnungen wie „Klein-Wien“, „Klein-Paris“, „Maradona aus den Karpaten“ oder „Pavarotti aus dem Banat“ vor. Warum können wir nicht originell sein, eigene Bezeichnungen finden und nicht einfach im Schatten anderer großen Werte stehen?
Meine Meinung ist einfach: Nein, Temeswar kann nicht mehr als „Klein-Wien“ bezeichnet werden. Die Manieren sind nicht die selben, Sitten und Bräuche sind verschieden, das Gedränge in der Stadt ist ein anderes und die Leute sind einfach unterschiedlich!
Daniel Vighi, Hochschullehrer und Schriftsteller
Der Slogan ist ziemlich abgegriffen und strapaziert. Wir müssen uns von dieser „musealen Idee“ trennen. Vor allem, dass, soweit ich weiß, auch andere Städte Europas im Laufe der Zeit als Klein-Wien bezeichnet wurden, wie zum Beispiel Pressburg in der Slowakei. Was die Infrastruktur und das Kulturerbe betrifft gibt es riesige Unterschiede.
Die Bezeichnung hat keinen Sinn mehr – Temeswar soll einfach Temeswar sein. Leider verwenden einige Leute diese Bezeichnung als Werbung für die Stadt – doch Touristen sind um so mehr enttäuscht, wenn sie hier keine Ähnlichkeit mit Wien entdecken. Darum versuchen wir nun das Projekt „Temeswar – Open Art City“ bekannt zu machen. Die Temeswarer finden die Bezeichnung „Temeswar Klein-Wien“ langweilig, denn der Ausdruck wurde zu viel verwendet und die meisten haben bemerkt, dass Ähnlichkeiten schon seit langer Zeit nicht mehr existieren.
Else von Schuster, Schriftstellerin
Nur dann, wenn alle Altbauten saniert sind! Leider wird das noch eine Zeit dauern. Ich bemerke aber guten Willen beim Bürgermeisteramt. Sehr wichtig ist, die Bevölkerung in diesem Sinne zu erziehen. Leider ist auch die deutsche Bevölkerung ausgewandert. Dies war auch eine Ähnlichkeit zu Wien. Wien war ein Völkergemisch, Temeswar auch. Früher war Temeswar ein großes Kulturzentrum, jetzt müsste mehr Basis da sein.
















