Emil Sebesan spricht über das Grauen des Experiments von Pitesti
Von Ana Saliste
In der Silvesternacht, am 31. Dezember 1949, durchlebte er die längste Prügelei seines Lebens. Acht Stunden lang schlugen sie ihn. Acht Stunden lang. Ohne Pause. Ohne Verteidigungsmöglichkeit. Mit Stöcken schlugen sie ihn über den Rücken. Mit Fäusten auf den Kopf. Mit Stiefeln sprangen sie ihm auf die Brust. Acht Stunden lang. Von 22 Uhr abends bis sechs Uhr morgens. In der Silvesternacht. Wie groß der Schmerz war, das konnte er niemals beschreiben. Der 84-jährige Emil Sebesan: „Die Prügelei im Gefängnis von Pitesti? Es ist so, als versuche man, die Farben in Grigorescus Gemälden zu beschreiben“. Dann beugt er sich vor und zeigt mir auf das „Loch“ im Hinterkopf, die Einbuchtung unter seinen weißen Haaren. „Von einem Revolver. Ein Offizier schlug mich damit“, sagt er.
Der Temeswarer Emil Sebesan ist einer der letzten Überlebenden, die im Zeitraum 1949-1951 im Gefängnis von Pitesti festgehalten wurden. Rund 2.000 Menschen - meist Studenten, die verschiedene politische und religiöse Ansichten vertraten und als „Volksfeinde“ bezeichnet wurden - waren es damals, die das von der Securitate durchgeführte „Experiment Pitesti“ erlebt hatten. Ein „Experiment“ von unmenschlicher Grausamkeit, das noch weitgehend im Wissensschatten der Zeit liegt. Auch heute wissen nur Wenige, dass hinter den Gittern des strategisch abseits von der Stadt gelegenen Gefängnisses grausame Foltermethoden angewandt wurden.
„Das grausamste Verbrechen der Gegenwart“
Tag und Nacht wurden die Häftlinge geschlagen, fast ohne Pause. Alles Menschliche in ihnen sollte dadurch zerstört werden: das Gedächtnis, die Seele, die Liebe zur Familie, die Menschlichkeit. Alles. „Neue Menschen“ sollten aus Prügel und Psychoterror entstehen. Und dadurch „ein neues Bewußtsein“. Jeder musste seinen Glauben und seine Gefühle aufgeben, um zu einem „neuen Menschen“ umgeformt zu werden, der dann vom Securitate-Mechanismus übernommen wird und die Doktrin des kommunistischen Regimes ohne zu überlegen anwendet. Dazu ließ sich die Securitate eine diabolische Methode ausdenken: Die Prügler des Gefängnisses (rumänisch: tortionari) saßen in der selben Zelle mit den Häftlingen, um die „Umerziehung“ Tag und Nacht, pausenlos durchzuführen. Ein Experiment, das der Literatur-Nobelpreisträger Alexander Solschenizyn – selbst ein Inhaftierter im sowjetischen Gulag – als das „grausamste Verbrechen der Gegenwart“ bezeichnete.
37 Verhaftungen in acht Jahren
Emil Sebesan blickt mit seinen braunen Augen müde durch das Zimmer, wenn er die Erinnerungen an Pite{ti hochkommen lässt: „Ich kann es auch heute noch genau hören, das Klirren und Knirschen der Ketten, hrrsch-hrrsch“. Es war der 7. Dezember 1949 als Sebe{an, damals Mitglied in der National-Christlichen Organisation, von Securitate-Offizieren zu Hause erwartet wurde. Zum 37. Mal verhafteten sie ihn. In einem Güterwaggon wurde er diesmal nach Pitesti gebracht. Rund fünf Kilometer musste er an dem kalten Dezembertag vom Bahnhof in Pitesti bis zum Gefängnis außerhalb der Stadt laufen. Zu zweit waren die Häftlinge zusammengefesselt. „In vor Ort zusammengeschweißten Ketten“, erinnert er sich. Insgesamt 36 Temeswarer Studenten kamen an jenem Tag völlig entkräftet im Gefängnis von Pitesti an. Doch der mühsame Weg, „das war nichts“ im Vergleich zu dem, was sie erwartete.
Emil Sebesan kam ins „Zimmer 4 Spital“, den größten Raum des Gefängnisses. Eine der Dunkelkammern der Geschichte. Hier lernte er am nächsten Tag den Häftling Eugen Turcanu kennen. Zwei Wochen lang passierte nichts, zwei Wochen galt Turcanu als ein gewöhnlicher Häftling. Zwei Wochen lang waren sie alle gleich: Inhaftierte, die sich getraut haben, das System zu kritisieren.
Bis in der Silvesternacht. Da sprach Turcanu die auslösenden Worte: „Los, drauf auf sie!“. Und die „Häftlinge“, die zusammen mit Turcanu „verhaftet“ worden waren, wurden urplötzlich zu Schlägern. Sie nahmen die versteckten Stöcke hervor und schlugen zu. Den ganzen Jahreswechsel über. Turcanu und seine Leute waren keine Häftlinge mehr. Sie waren dafür zuständig, das Grauen umzusetzen. „Am Ende stapelten sie uns wie Holzscheite übereinander. Einer über den anderen. Ich war unten, im ersten Stapel“, sagt Sebe{an. „Da wurde mir klar, was der Securitate-Kommandant bei der letzten Verhaftung gesagt hatte, als ich mit ihm ironisch scherzte: ´Wohin du jetzt kommst, da wird es dir nicht mehr zum Lachen zumute sein´“.
Er aß Seife, um sich das Leben zu nehmen
Einen Monat lang wurde Emil Sebesan tagtäglich geschlagen, musste aus dem gleichen Topf essen, der ihm auch als Toilette diente. Durfte kein Wasser, sondern musste Urin trinken. Er musste seine Eltern, seine Freunde verfluchen und verdammen, um dadurch alles „hinter sich zu lassen“ und „ein neuer Mensch“ zu werden. Musste den Marxismus auswendig lernen und interpretieren. Tage wurden zu Nächten. Feiertage zu Alpträumen. „Zu Ostern mussten wir aus Seife das männliche Geschlechtsorgan schnitzen und anstatt des Kreuzes küssen“, sagt Sebesan und lässt den Kopf sinken. Einige Sekunden später hebt er den Blick wieder: „Ja, seht mich an. Ich habe das alles gemacht“, sagt er und macht eine kurze Pause. „Wenn ich heute daran denke, wird mir schlecht. Doch damals, damals taten wir alles mit äußerlich ruhigen Gesichtern“, sagt er.
Einen Ausweg gab es aus Pitesti nicht. „Ich habe mir damals den Tod gewünscht“, erzählt Sebesan mit nach wie vor ruhiger Stimme. Er versuchte mehrere Male, Selbstmord zu begehen, um so einen „Ausweg aus der Hölle“ zu finden. „Ich aß Seife, ich aß so viel Kernseife, dass beim Schlagen Seifenblasen aus mir herauskamen“, lächelt er bitter und meint, gescherzt zu haben. „Doch es war nie genug Seife da, um zu sterben“.
Emil Sebesan konnte nur entsetzt zusehen, wie andere vor seinen Augen starben. Er war dabei, als Turcanu den jungen Legionär Bogdanovici folterte. „Er sprang mit Bestialität auf seine Brust, minutenlang, bis er ihn zerquetschte. Er tat alles mit so viel Vergnügen. Das waren einfach keine Menschen, es waren Bestien“, erinnert sich der Temeswarer. Nach etwa sechs Monaten wurde er aus dem Gefängnis in Pitesti nach Gherla verlegt. Das war auch seine Rettung, denn „in Gherla war es leichter, die Gefangenschaft zu verkraften“, sagt er.
Kein Securitate-Offizier wurde verurteilt
Das Projekt zur „Umerziehung der Jugendlichen in Pitesti“ wurde vom General Alexandru Nikolski in die Wege geleitet und vom Jura-Absolventen Eugen Turcanu umgesetzt. Diese „Operation der Zerstörung von Vertrauensverhältnissen“ und des planmäßig durchgeführten Anschlags auf eine Minimalmoral wurde 1948 erstmals in Suceava angewandt, erreichte im Gefängnis von Pitesti den Höhepunkt an Grausamkeit und wurde dann in etwas abgeschwächter Form in den Gefängnissen Gherla und Târgu-Ocna weitergeführt. Durch eine Untersuchung und einen (Schein)Prozess in den Jahren 1953-1954 wurde ihr ein Ende gesetzt.
Als die Grausamkeit (teilweise) ans Tageslicht kam, distanzierte sich das kommunistische Regime von diesen Methoden: 22 Mitglieder des von Eugen Turcanu geführten Kommandos wurden zum Tode verurteilt. 16 Urteile wurden vollstreckt. Die Securitate-Offiziere, unter deren Kommando die Schergen ihren niedrigsten Bestialtrieben freien Lauf ließen, wurden nicht verurteilt. Diese wurden im Verlauf der Untersuchung nur des „kriminellen Mangels an Aufmerksamkeit und Sorge“ beschuldigt. Nein, die Offiziere wurden nicht verurteilt. Jahrelang spazierten sie noch über die Straßen. Emil Sebesan traf sie mehrere Male in der Stadt oder sah sie im Fernsehen. Er wollte vor Wut den Fernseher aus dem Fenster werfen, als er die Aussage des Generals a.D. Nikolski in der Fernsehserie „Memorialul durerii“ hörte: „Ich weiß nicht, ob in Pitesti Menschen gestorben sind“, sagte Nikolski mit Unschuldsmiene, Mitte der 90er Jahre.
40 Jahre Schweigen
Nach insgesamt fünf Jahren Haft kam Emil Sebesan aus dem Gefängnis. Und musste schweigen. Etwa 40 Jahre lang durfte er nichts sagen, sonst wäre er tot gewesen. Denn das kommunistische Regime war nicht vorbei. Jahrelang wurde er noch bespitzelt. „Alle Häftlinge mussten unterschreiben, dass sie nichts von dem erzählen werden, was sie erlebt hatten. Hätten sie das getan, wäre das als Hochverrat angesehen worden. Ich hätte die Todesstrafe bekommen können“. Nicht einmal seine Frau wusste etwas. Niemand. Deshalb konnte sich Frau Sebesan den entsetzten Schrei ihres Mannes im Temeswarer Capitol-Kino nicht erklären, als er einmal im Film eine Prügel-Szene sah. Er brüllte damals so laut, dass die Lichter im Kinosaal angingen und er entsetzt den Saal verlassen musste. Erinnerungen gingen in ihm hoch. Schmerz, der niemals weggelöscht werden konnte.
„Die Anpassung an das Leben draußen war schwieriger als die Jahre im Gefängnis“, erinnert sich der Temeswarer. Monatelang konnte er nicht auf die Straße spazierengehen. Jede menschliche Nähe jagte ihm Angst ein. Das Gefängnis hatte diese menschliche Nachbarschaft längst zerstört. Emil Sebesan musste sie neu erlernen.
„Ich konnte nicht auf dem Gehsteig, neben Menschen, gehen. Ich ging immer auf der Fahrbahn, allein“, erzählt der 84-Jährige. Eines Tages, nach der Revolution traf er den ehemaligen Fahrer der Securitate auf der Straße. Sie setzten sich auf ein Bier zusammen, als ihm dieser lächelnd gestand: „Ich war einer der zwanzig Informanten, die dich nach dem Gefängnis bespitzelten. Auch Mitglieder deiner Familie waren darunter“. Gewundert hat er sich nie darüber, er wusste es schon immer. Daher auch das jahrelange Schweigen. Vergessen hat er aber nichts. Und niemandem verziehen. Doch Emil Sebesan hat bis heute nicht seine Akte vom Nationalrat für das Studium der Securitate-Akten (CNSAS) angefordert. „Ich habe so meine Ahnungen, wer von meinen Freunden unter den Spitzeln war. Ich warte aber, bis alle gestorben sind. Sonst wäre es zu schmerzlich für mich, meine Freunde mit ihrer Schäbigkeit zu konfrontieren“, schließt Emil Sebesan.

Emil Sebesan: „Versuchen sie andauernd, Streichhölzer anzuzünden, um sie dann gleich zu löschen. In einer Minute wird es Ihnen schwindelig sein. Das war auch eine Foltermethode. Wir konnten das Geräusch nicht mehr ausstehen“.
Foto: Die Verfasserin