Mittwoch, 20. Januar 2010

Ein Vollblutmusiker verließ sein Fahr-Zeug

Würdigung des Béla Kamócsa durch den Landwirt, Komponisten, Jazz-Gitarristen und Keyboarder Kurt „Toni“ Kühn, Totina

Donnerstag, am 14. Jänner, ist Kamócsa Béla aus seinem nun unbrauchbar gewordenen Körper ausgestiegen, wie ein erfahrener Fahrer ein ausgedientes Fahrzeug einfach stehen lässt. Vorher ließ er noch ganz langsam das Fenster runter, und gab uns, den um den verbeulten Schrott Herumstehenden, sein unverwechselbares schelmisches Lächeln. Dies in aller Ruhe zu tun ist eine Herausforderung, welcher nur einer gewachsen ist, der kaum einer Herausforderung auswich. Dr. Dorel Sandesc, Leiter der Intensivstation des Kreiskrankenhauses: „Ich habe in meiner ganzen ärztlichen Laufbahn niemanden erlebt, der mit solcher Eleganz und Würde hinübergegangen ist.”
Aus professioneller Sicht war Kamo für mich ein verlässlicher Partner als Bass- oder Begleitgitarrist und als publikumsfreundlicher Sänger. Doch da waren noch andere Facetten einer Persönlichkeit, die nur manchmal und nur für manche aufblitzten.
Kamos Lebenslauf ließ mich oft an eine Predigt des Dorfpfarrers meiner Kindheit denken, wo es um einen alten getreuen Soldaten ging, dem Napoleon alle seine Schlachten nannte, wobei jener ungerührt antwortete: „Dabeigewesen!”.


Bela Kamocsa war bei allen wichtigen Ereignissen der Musik in Temeswar nicht nur dabeigewesen, sondern hat auch die meisten davon verursacht. Seine Gefechte hatten weit edlere Ziele; deshalb hat er nie eins verloren.
Da seine Aktivitäten als Musiker und Promoter bekannt sind oder im Internet nachgelesen werden können, beschränke ich mich fortan auf Aspekte, die eher persönlicher Natur sind.
Sfintii, Phoenix, Paul Weiner-Trio, Eugen Gondi-Trio, Gramophon, Post Scriptum, Bega Blues Band sind die Formationen, bei denen ich teilweise auch mitgemacht habe und die von Kamo ab 1962 entscheidend mitgeprägt wurden. Dutzende Spitzenmusiker Rumäniens waren dabei. Fast alle waren Autodidakten. Natürlich auch Kamo (er war Ingenieur).
1971 spielten wir zum erstenmal in der selben Band im damals wohl bedeutendsten Unterhaltungsorchester der Stadt, mit prominenten Instrumentisten wie Tubi Holz (p), Stefi Müller (sax), Nicu Enache (dr) und dem sehr populären Sänger Sandi Tatarici.
Am besten im Gedächtnis: sein fruchtbares und sehr bekanntes Wirken in der „Bega Blues Band”. Den Kern bildeten Béla Kamócsa (voc, g), Johnny Bota (b, viola), Lica Dolga (dr, perc). Die gelegentlichen Mitarbeiter sind so zahlreich wie die grandios durchgeführten Projekte: Veronica Luta (voc), Dan Ionescu (g), Mircea Bunea (g), Istvan Gyarfas (g), Bujor Hariga (g), Horea Crisovan (g), Toni Kühn (keyb), Lucian Nagy (sax), Maria Chiorean (voc).

















Béla Kamócsa (rechts) mit seiner Bega Blues Band in Wolfsberg

Foto: Zoltán Pázmány


Kamo habe ich gehört, bevor ich ihn gesehen habe.
Zum ersten Mal an einem für mich denkwürdigen Tag: Ich war in der XI. Klasse des 2-er Lyzeums (heute Lenau-Lyzeum) und war gerade vom zornigen Anatomielehrer – für den Rest des Schuljahres - aus der Stunde gewiesen worden. Ich hatte schlimmste Erwartungen, die Exmatrikulation schien unabwendbar.
Ich versteckte ich mich hinter dem Bühnenvorhang des Festsaals. Ich schrie in tiefster Verzweiflung innerlich um Hilfe.
Da hörte ich Klänge. Plötzlich, unverhofft, änderte sich alles. In mir. Ich wollte singen. In diesem Frohsinn war ich allem und allen gut gesinnt. Dankerfüllt. Ich wunderte mich, daß ich den Lehrer noch vor Augenblicken überhaupt hassen konnte. Ich hatte Verständnis für ihn, denn ich war mit ihm ganz ein-verstanden. Die Welt schien heil und verheißungsvoll.
Ich blickte auf, durchs offene Fenster: drüben, auf Augenhöhe, im ersten Stock, saß ein blonder Junge nonchalant im offenen Fenster und spielte Gitarre.
Und die Angst war fort.
Mir ist überhaupt nichts passiert. Die Anatomiestunden des dritten Trimesters verbrachte ich hinfort auf der Bühne und empfand sie als eine Gnade Gottes. Nie hatte ich die Neugier zu erfahren, was im zweiten Teil des Lehrbuches für Anatomie und Physiologie des Menschen steht. Den ersten Teil hatte ich bald vergessen.
Danke Kamo!
Doch die Erinnerung an dieses Erlebnis wurde unscharf und gleichsam von der Emsigkeit der Welt verdunkelt. Die Angst rückte wieder auf ihren alten Platz und die Hass-Liebe schien erstrebenswert. Ab und zu gab es Augenblicke, wo jenes ureigene Gefühl wie ein Vorgeschmack oder eine Ahnung fast bis zum Ergreifen hochwollte; doch ließ ich es nicht zu. Es sollte noch ein Jahrzehnt vergehen, bis ich wieder am Rande der Verzweiflung stand. Erst jetzt ließ ich es zu, indem ich kapitulierend in mich horchte; und dann war es da. Jetzt wusste ich, dass mir in seiner Anwesenheit nichts Ungutes zustoßen kann.
Diese Erfahrung erwies sich als ein Erwerb von unschätzbarem Wert. Irgendwann fasste ich ihn in diesem für mich richtungweisenden Grundsatz zusammen: wer horchsam ist (das Wort ist von Heidegger), braucht nicht zu gehorchen, nicht hörig dazugehören. Denn er gehört sich SELBST. Dieses Selbst – und kein anderes – weiß, was sich gehört.
Danke Kamo!
1980 besuchte mich Kamo in einer Nachtbar an der Küste, wo ich in einer renommierten Bukarester Band die damaligen Schlagerstars begleitete (Gil Dobrica, 5 T, Aurelian Andreescu, Dan Spataru, Jeanina Matei usw.) Kamo sagte einfach: „Toni, Gondi se întoarce la Timisoara. Hai sa cântam jazz!” Ich tat etwas, was man unter diesen Umständen normalerweise nicht tut: Ich sagte ebenso einfach „Da!” und kündigte. Im Herbst begannen die Proben mit Eugen Gondi (dr), Liviu Butoi (sax), Kamo (bassg), Toni Kühn (g). Im Frühjahr nächsten Jahres hatten wir einen Auftritt beim Jazz Festival in Hermannstadt, der Sensation machte. Schon das Plakat, ein Meisterwerk des Lugoscher Künstlers Constantin (Tica) Raducan, irritierte die geflissentlichen Kulturbonzen. Dann wurden die Titel zweier meiner Kompositionen (Das Erwachen des Theophrastus; Theophrastus in Totina) – richtig! – als „Sopârle” empfunden, und nur das intelligente und selbstbewusste Eingreifen von Altmeister Johnny Raducanu bändigte die Raserei des Securisten. Doch als Monate später Horst Samson in der Banater Zeitung ein Porträt unter dem Titel „Theophrastus in Totina” veröffentlichte, ging das Gerangel weiter: Horsti benachrichtigte mich, er habe eben Hausdurchsuchung gehabt, ich soll auf alles gefasst sein. Was die „Jungs” nicht ahnen konnten, war, dass ich, horchsam, für die Angst nicht erreichbar bin.
Kamo hätte geradesogut an jenem Abend an der International Bar vorbeigehen können. Danke Kamo, dass du dir für mich Zeit genommen hast!


Wir bedienten uns beide im sprachlichen Umgang nicht unserer Muttersprache, sondern des Rumänischen. Gab es vielleicht darum keine Missverständnisse?
Beide hatten wir früh eine Nische entdeckt: Ab 1969 hatten wir dazu alle vier-fünf Jahre eine Prüfung abzulegen und erlangten so den Status eines freischaffenden Künstlers. Dies hat sich als ein wohlinspirierter Kunstgriff erwiesen, der uns fortan ungeahnte Freiheit im Rahmen eines repressiven Systems bot. Ein buchstäblich weiter Spielraum (234.000 Quadratkilometer), und es gab so viel zu lernen, so viel zu tun! Ich kann mir nicht vorstellen, dass Kamo sich je gelangweilt hat. Ebensowenig wie ich selbst. Selbstverständlich kam für uns ein Auswandern nicht in Frage.
Er wie ich (ich bin im Lager geboren, das Herta Müller in der „Atemschaukel“ beschreibt, mein Vater war ein deutscher Kriegsgefangener) sind ohne leiblichen Vater aufgewachsen; aus meiner Sicht ein zweckdienlicher Vorsprung, den wir genutzt haben.
Es gab Themen, wo ich nie mithalten konnte: Debatten über sportliche und politische Ereignisse. Besonders in den ersten Jahren nach der Wende waren diese in Liviu Butois Jazz-„Club 16“ das einzige Gesprächsthema. Natürlich fiel es Kamo irgendwann auf, dass ich bei den unausbleiblichen politischen Witzen einfach nur mitlache, angesteckt vom Gelächter. Geradeheraus wie immer, offenbarte er: „Hei, v-ati prins ca Toni nu s-a prins de poanta! Habar n-are nici de personaje, nici de dedesubturi!” Die Heiterkeit war allgemein. Wieder hatte mich Kamo vor eine Entscheidung gestellt: Entweder mit dem politischen Geschehen auf dem Laufenden zu sein und über irgendjemand lachen können, oder aus dem Rahmen fallen! Ich fand, dass mit jemandem lachen freundlicher ist als über jemand zu lachen, denn dieser wird, mindestens psychologisch, zum Feind. Ein Luxus, den man sich intelligenterweise nicht leisten sollte.
Kamo ist am Heiligenabend (1944) geboren, ist also, in manchem Volksmund, ein Christkindle. Seine allgemeine Haltung in Sachen Religion oder Mystik schien dies keineswegs zu bestätigen. Ganz im Gegenteil: wollte man so ein Thema anschlagen, konnte man schon auf eine Hänselei oder mindestens auf eine ironische Randbemerkung gefasst sein.
Ich wusste, dass unter seiner des öfteren rauhen Schale ein zartgestimmtes Herz schlägt. Wie er bei ausschlaggebenden Momenten meines Lebens präsent war, war auch ich anwesend in manch bitterer Stunde der Bedrängnis. Vor einer unserer Ausfahrten – es sind Jahrzehnte her – erhielt er eine niederschmetternde Nachricht. Man mag unglaublich den Kopf schütteln, doch hat Kamo sich sozusagen auf unseren Schultern – Eugen Gondi, Puiu Lazaru und ich - ausgeweint. Dazu gehört ein Mann, der das Herz am rechten Fleck hat. Ein paar Stunden darauf standen wir auf der Bühne. Das ist Blues!
In den letzten Wochen schimmerte sein Wesen – ich nenne es wieder den Fahrer - zunehmend durch das transparent werdende Fahrzeug.
Auch Liviu Butoi und Johnny Bota stimmen mir zu. Da lag ein zutiefst verwandelter Mensch. Zartgefühl in seiner Stimme, eine aparte Diskretion, eine unleugbare Unschuld kontrastierten mit unseren alten Vorstellungen von ihm. All dies zeugte nicht von Schwäche, eher von seiner sanften Autorität.
Kamos Krankenhauserfahrung begann schon vor Jahren mit einer Herzoperation. Komplikationen. Mariana, seine Frau, erzählte, dass er in ein künstliches Koma versetzt wurde. Als er aufwachte, verlangte er eine Cola, zeigte auf den Bettrand und sagte: „Hier sitzt jetzt Jesus!”
Womöglich kam in den letzten Tagen auch noch eine Nahtod-Erfahrung dazu. Die ist immer transformierend. Darauf realisierte er seine größten Projekte.
Béla Kamócsa (links) und Toni Kühn
Foto: Privat

Im Juni: Lenau-Treffen in Temeswar

Anmeldung bis am 15. Februar erwünscht

Temeswar - Es wird sicherlich ein Familientreffen sein: Am 5. Juni 2010 werden ehemalige Schüler, Lehrer und Freunde des Nikolaus-Lenau-Lyzeums nach Temeswar zum Lenau-Treffen 2010 eingeladen. Die Veranstaltung findet im Adam-Müller-Guttenbrunn-Haus und in der Schule an der Gheorghe-Laz²r-Straße Nr. 2 statt. Geplant sind, unter anderen: ein Empfang der Teilnehmer im Festsaal der Lenau-Schule, eine Sonderaufführung des Deutschen Staatstheaters und – falls Interesse besteht – eine besondere Stadtführung durch Temeswar. Am selben Wochenende wird auch der Else-Lucia-Kappler-Preis verliehen.
Unerwartet war der überwältigende Erfolg des Lenau-Treffens in Neusäß bei Augsburg November 2009. Fast 400 Teilnehmer waren damals dabei, Absolventen aus den verschiedensten Weltecken reisten nach Deutschland, um Kollegen und Freunde wiederzusehen. 15 Euro pro Person mussten die Teilnehmer bezahlen – hinzu kamen Spenden. „Der Reingewinn des Treffens kommt der Schule zu Gute“, versprach damals Franz Quint, der Vorsitzende des Vereins der Freunde der Lenau-Schule. Das Treffen in Neusäß war ein gutes Argument für eine neue Begegnung: Die Vorstandssitzung des Lenau-Vereins entschied, das Treffen in Temeswar zu organisieren, „mit der Hoffnung, dass mehr der in Rumänien verbliebenen Ex-Lenauschuüler die Gelegenheit nutzen, ihre Verbundenheit mit ihrer ehemaligen Schule aufzufrischen“.Informationen und Details zum Rahmenprogramm werden rechtzeitig auf der Vereinswebseite
www.lenauschule.net veröffentlicht. Um die Teilnehmerzahl abschätzen zu können, bitten die Veranstalter um eine unverbindliche Anmeldung bis zum 15. Februar 2010 unter verein@lenauschule.net. Ein weiteres Lenau-Treffen in Deutschland ist für den Frühsommer 2011 anberaumt.
Raluca Nelepcu

Die meistverkauften Bücher des Jahres

Temeswarer bevorzugen Abenteuerromane

Trotz des rückläufigen Lese-Interesses, das die Buchbranche in Krisenzeiten immer wieder beklagt, gibt es auch in diesem Jahr eine Liste mit den bestverkauften Büchern von 2009. Die rumänische Presseagentur „Mediafax“ ermittelte vor Kurzem die Bestseller des vergangenen Jahres in den rumänischen Buchhandlungen.
Im Trend liegen insbesondere biographische Romane und Tagebücher. Dabei übertreffen eine TV-Moderatorin und eine Schauspielerin mit ihren Romanen sogar die Nobelpreisträgerin Herta Müller an verkauften Büchern.
Denn die meist verkauften Bücher bei den rumänischen Verlagen „Polirom“ und „Humanitas“ sind „Einige Antworten“ von Mihaela Radulescu bzw. „Tagebuch“ von Oana Pellea. Herta Müllers „Herztier“ plazierte sich auf dem zweiten Platz der meistverkauften Bücher, die beim „Polirom“-Verlag erschienen sind. Der Roman zeichnet ein eindringliches Bild eines totalitären Staates und den elementaren Gefühlen seiner Bewohner. Auch die „Memoiren“ von Valeriu Anania, dem Metropoliten Nordsiebenbürgens und hervorragenden Bibel-Neuübersetzer ins Rumänische, und „Tödliche Geschichten“ von Mihai Gainusa zählen zu den Bestsellern des Jahres 2009.
Phantasie stand bei den Temeswarern womöglich auch hoch im Kurs, denn die Temeswarer Buchhändler erwähnen noch Stephenie Meyers Vampirreihe „Twilight“, „New Moon“ und „Eclipse“ – in deutscher Fassung: „Bis(s) zum Morgengrauen“, „Bis(s) zur Mittagsstunde“ bzw. „Bis(s) zum Abendbrot“ - unter den meist gelesenen Büchern. Die Romane werden als All-Age-Bücher eingestuft. Wenn es aber um Büchergeschenke geht, so setzen die Temeswarer auf Romane der Weltliteratur. „Mit einem Roman von Umberto Eco oder Dostojewski, zum Beispiel, kann man nie falsch liegen, wenn man ihn verschenkt. Falls es sich um ein Geschenk für ein Kind handelt, so liegen die Harry-Potter-Abenteuerbücher im Trend“, sagt der Temeswarer Buchhändler Virgil Radulescu.
Doch auch Kochbücher zählen zu den viel verkauften Büchern. Dem britischen Koch Jamie Oliver ist es zu verdanken, dass Kochen bei unter 40-Jährigen wieder zum Trend geworden ist. Seine Bücher mit unkonventionellen und leckeren Rezepten ließen sich im vergangenen Jahr so gut verkaufen, dass sie in der Bestsellerliste des „Curtea Veche“-Verlags die ersten Plätze belegen.
Bücher – auch in Krisenzeiten ein passendes Geschenk
Text und Foto: Ana Saliste

Die Donau sammelt Geschichten

Drittes „danube connects“ erschienen

Zehn Länder, zehn Sprachen, zehn Kulturen, 75 Millionen Menschen – mit einem Wort, der Donauraum. Für die zehn Donauländer ist vor Kurzem ein Magazin erschienen: „danube connects“ („Die Donau verbindet“). Nun liegt bereits die dritte Ausgabe vor. Das Magazin ist bei der Süddeutschen Verlagsgesellschaft Ende Dezember erschienen und wird von Redakteuren aus dem gesamten Donauraum gestaltet. Die Journalisten – nicht alle hauptberuflich bei Printmedien tätig - schreiben ehrenamtlich für das zweisprachige Magazin (Deutsch und Englisch). Der Europäische Journalistenverband (European Journalists Association) unterstützt das Unterfangen.
Die Idee zum Magazin hatten Andrea Toll und Sabine Geller aus Ulm, Deutschland. Die beiden bemühten sich, Sponsoren heranzuziehen, um das Erscheinen des Magazins überhaupt möglich zu machen. Es war das Ulmer Bürgermeisteramt, das zu Beginn das Projekt unterstützte – nun sollen Werbepartner aus dem gesamten Donauraum und nicht nur herangezogen werden. Themen aus den Bereichen Wirtschaft, Umwelt und Kultur werden auf den 25 Seiten des Magazins behandelt. Die Seitenanzahl verdoppelt sich mit der englischen Übersetzung der Reportagen. Hinzu kommt in jeder Ausgabe eine persönliche Geschichte - erzählt von einer Person, die an der Donau gelebt hat bzw. es weiterhin tut. Dem jüngsten EU-Land Rumänien wird ein besonderes Augenmerk geschenkt.
Seit Januar gibt es in Temeswar/Timisoara eine Kontaktperson, die für „danube connects“ zuständig ist. Alexandra Cioclov von der West-Universität soll Werbepartner für das Magazin heranziehen. Für weitere Infos steht den Interessenten die Internetseite
http://www.danube-connects.eu/ zur Verfügung. Alexandra Cioclov kann per Email (alexandra.cioclov@gmail.com) angeschrieben werden.

Raluca Nelepcu


Dicke Preisnachlässe, wenig Kunden

Winterschlussverkauf in Temeswar

Temeswar - S, M, L – sie sind alle noch im Laden zu finden, die Größen, die eine Mehrheit der Frauen heutzutage bei Kleidung trägt. Vor einem Jahr war das in dieser Zeitspanne anders. Die üblichen Größen waren schon längst verkauft, an Kleiderständern hingen nur entweder zu kleine, oder zu große Blusen, Röcke und Hosen. Vor knapp zwei Wochen hat in Temeswar/Timi{oara der Winterschlussverkauf begonnen. Obwohl dieser offiziel erst am 15. Januar begonnen hat, haben die meisten Geschäfte mit Sonderangeboten schon Anfang des Monats ausgestellt. Im Vergleich zu anderen Jahren lassen Kunden und Kundinnen aber noch auf sich warten. „Die meisten schauen sich im Laden um, überlegen, was sie kaufen wollen, und kommen vielleicht an einem anderen Tag wieder“, sagt eine Verkäuferin in einem Kleidergeschäft in der Temeswarer Innenstadt. Die Finanzmarktkrise hat die Geldbeutel verkleinert und da muss man schon ganz genau wissen, wieviel Geld man zur Verfügung hat und wofür man es ausgibt.
Im Stadtzentrum sind die Schaufenster voller Zahlen: Um 30 – 40 – 50 – 60 Prozent billiger sollen die meisten Produkte sein, in vielen Läden ist dies jedoch keine große Hilfe. Die Preise in der Innenstadt sind trotz dicker Rabatte sowieso nicht die niedrigsten. Nur zum Vergleich: Ein kurzes, schwarzes Kleid, das vor der Preisreduzierung 300 Lei gekostet hat, kostet nun „nur“ 200 Lei. Das Gleiche bei Schuhen: Lederstiefel für Damen, die im Dezember 2009 genaue 599 Lei gekostet haben, kosten nun 299 Lei. Auch Männerschuhe sind nicht allzu billig: 149 Lei statt 249 Lei. Wer ein billiges, jedoch nicht unbedingt gutes Geschäft machen möchte, der kann in Billigschuhläden unweit des Stadtzentrums einkaufen. Hier gibt es Lederstiefel für Damen zu 100 Lei das Paar und Schuhe aus Kunstleder zu 59 oder 79 Lei pro... zwei Paar. „Das beste, man geht mit einer Freundin hin und teilt sich dann die Endsumme“, sagt eine Temeswarerin. Dass die Schuhe, die man hier kaufen kann, länger als eine Saison halten, ist nur selten der Fall. Doch auch die Mode ändert sich schnell.



„Kauf eins und du bekommst das zweite gratis!“
Foto: Zoltán Pázmány


Wer aber Wert auf Qualität legt, der kann in der Iulius Mall zahlreiche Angebote bekommen. International bekannte Markenläden haben schon kurz nach Neujahr die Schaufenster mit Sonderangeboten verziert. Egal, ob „Sale“, „Rabatt“, „Stark reduziert“ oder einfach „Winterschlussverkauf“: Die großen bunten Aufschriften ziehen sowohl die Blicke der Kunden, als auch deren Geldbeutel wie ein Magnet an.
Und wenn plötzlich eine Bluse von 160 Lei nun 90 Lei kostet, dann hat sich das Warten gelohnt. Ein bekannter Blue-Jeans-Markenladen in der Mall bietet eine Jeans für 100 Lei oder zwei Paar zu 150 Lei. „Ein wahres Schnäppchen“, meinen die Kunden.
Offizielle Schlussverkäufe dürfen bloß zwei Mal im Jahr veranstaltet werden – zwischen dem 15. Januar und dem 15. April und im Sommer zwischen dem 1. August und dem 31. Oktober. Vor diesen Zeitspannen dürfen die Händler reduzierte Ware nur unter der Bezeichnung „Sonderpreise“ anbieten. „Kauf zwei und du bekommst drei“ oder „Kaufe um 100 Lei und du bekommst ein Geschenk“ - so werden die Kunden auch vor dem Saisonschlussverkauf in den Laden gelockt.

Weltweit erste „Junk Food“-Gebühr

Rumänien erhebt Steuern auf Süßigkeiten und Fast-Food
/ Von Andreea Oance

Richtig schön lecker, doch richtig schön fettig – ungesundes Essen zieht Rumänen wie ein Magnet an. Zuviel ungesundes Essen schadet nicht nur unserer Figur, sondern auch unserem Gehirn, lautet eine der neusten Studien in den USA: Fettiges Essen wirkt auf die Intelligenz und lässt das Gehirn schrumpfen. Das Risiko, an Alzheimer zu erkranken, steigt also durch häufiges Essen von Junk-Food, sagen US-Forscher.
Rumänien hat beschlossen, etwas dagegen zu unternehmen und führt als erstes Land der Welt eine Steuer für ungesunde Lebensmittel ein. Die „Junk Food“-Steuer soll unter anderen für Fast-Food-Produkte, Kuchen und die Süßwaren, Snacks und Chips sowie zuckerhaltige Getränke erhoben werden. Die Einführung der Steuer ist für Anfang März geplant. Die Steuereinnahmen sollen in staatliche Gesundheitsprogramme fließen.
Die Temeswarer sind aber nicht sehr froh darüber. Obwohl sich viele nicht als bedingungslose Freunde des Junk-Foods erklären, wollen sie lieber selbst entscheiden, was gesund ist für ihren Körper und was nicht. „Die neue Steuer schränkt uns nicht die Möglichkeiten ein, Fast-Food zu genießen. Im Gegenteil – das Essen wird verführerischer“, sagt Zanfira Cretu, Fachärztin im Bereich der Familienmedizin und Kinderheilkunde. Dass immer mehr rumänische Kinder an Übergewicht leiden, so begründet das Gesundheitsministerium seine Initiative. Damit seien Risiken wie Diabetes, Bluthochdruck, Herzkrankheiten und andere Gesundheitsprobleme verbunden.
Vertreter der verschiedenen Fast-Food-Ketten sollen vom neuen Gesetz betroffen sein. Der Inhaber eines Fast-Food-Restaurants im Temeswarer Studentenviertel meint aber, die Junk-Food-Steuer würde keinen großen Einfluss auf sein Geschäft haben. „Die Studenten werden weiterhin Fast-Food bevorzugen. Die Preise werden auch mit der Steuer nicht so hoch sein wie in einem Restaurant“, sagt der Geschäftsführer. Zwischen den Zeilen ist zu verstehen, dass die neue Steuer ohnehin auf die Konsumenten abgewälzt und nicht von den Produzenten getragen wird.
Falls am 1. März die neue „Junk Food“-Steuer in Rumänien eingeführt wird, wird das Land zum weltweit ersten mit so einer Gebühr. Doch auch andere Länder der Welt haben an Möglichkeiten gedacht, ungesundes Essen zu besteuern. Die USA debattieren schon seit Jahren über eine ähnliche Initiative, haben aber bislang nichts beschlossen. Dänemark ist das Land, das den Appetit für Süßigkeiten stillen will. Die Schokolade oder das Eis werden bald in Dänemark mit Steuern belegt. Eine Gebühr für Erfrischungsgetränke gibt es hier bereits. Fettsäuren werden bald auch in Spanien steuerpflichtig. Eine Frage bleibt noch offen: Kann man denn wirklich durch eine Steuer die Bevölkerung gesünder und schlanker werden lassen?





















Rumänien will ungesundes Essen besteuern.
Foto: Zoltán Pázmány

Clubtreffen mit Lesung zur Revolution

Lenau-Schüler trugen aus ihrem Buch vor

„Ich habe Menschen befragt, die die Revolution vor 20 Jahren miterlebt haben, und in diesem Sinn hatten wir auch im Dezember Gäste zu unserem Clubtreffen eingeladen, die keine Helden der Revolution sind, aber das Geschehen hautnah miterlebt haben“, sagte Peter Hochmuth, Präsident des Deutschsprachigen Wirtschaftsclubs im Banat. Es war dann beim Mitgliedertreffen im Januar eine willkommene Gelegenheit, die Dezember-Veranstaltung (wir berichteten) zu ergänzen, als Schüler der Spezialabteilung der Lenau-Schule Texte zu den Ereignissen von 1989 lasen. Die Texte hatten sie eigentlich anhand von Interviews selbst erstellt und in einem Buchband „Wo warst du im Dezember 1989“? veröffentlicht.
„Ich habe mir bereits im Herbst 2008 in Hinblick auf den Dezember 2009 gesagt, ´Jahrestage sind eben Jahrestage´“, so Brigitte Röllig, Geschichtslehrerin an der Lenau-Spezialabteilung. Davon ausgehend hat die damalige 9. Klasse unter ihrer Koordination begonnen, Zeitzeugen der Revolution zu befragen. Es ist in vielen Familien fast ein Tabu-Thema, die Ereignisse von vor 20 Jahren Revue passieren zu lassen. „Die Schüler haben so ein Normalbild erhalten, ein Bild darüber, was in der Realität Revolution heißt“, sagt Röllig. Peter Hochmuth als Wahltemeswarer hat selbst ganz privat Menschen befragt, wie diese die Revolution erfasst haben, wie sie heute darüber denken. Das Buch wähnt sich natürlich nicht als chronologische oder fachliche Aufarbeitung der Ereignisse in Temeswar vom Winter 1989, doch „die einzelnen Teile ergeben ein Gesamtbild und eine Übersicht“, sagt Hochmuth, dem auch die Art der Präsentation gefallen hat.
Die Schüler trugen am Clubabend aus ihren Texten vor, begleitet wurde die Lesung von einer Leinwandprojektion aus den Tagen der Revolution. Dass die Revolution nicht zu den Lieblings-Gesprächstehmen der Temeswarer gehört, weiß auch die Schülerin Andreea Costa: „Vor allem Details sind der jüngeren Generation verborgen geblieben“. Flavia Bianu hat ein „neues Bild über die Bedeutung der Revolution erhalten“, Harald Weisz glaubt, dass in einer Zeit, in der Computer und moderne Musik die Jugendlichen in ihrem Bann halten, das Interesse an den damaligen Ereignissen ins Hintertreffen geraten ist. Victor Jivanescu findet, dass er durch die geführten Interviews auch einiges über das Gefühlsleben der Menschen während der Ereignisse erfahren hat, aber „es war auch unser erstes, nach professionellen Maßstäben geführtes, Interview“.
Siegfried Thiel

Inder mit IT-Outsourcing nach Temeswar

Zweiter Rumänienstandort im Business Centre

st. Temeswar - Der IT-Dienstleister Wipro Technologies Romania eröffnet Informationen zufolge noch in diesem Monat eine Niederlassung in Temeswar/Timisoara. Das Unternehmen ist eine Tochtergesellschaft des indischen Mutterkonzerns Wipro und in Rumänien auf IT-Outsourcing-Dienstleistungen spezialisiert. Zur Ausweitung der Geschäftstätigkeit hat Wipro, die bereits in Bukarest einen Standort hat, 4.500 Quadratmeter im City Business Centre in Temeswar angemietet.
Die Rumänienniederlassung von Wipro sucht seit geraumer Zeit nach neuen Standorten in Rumänien, liebäugelt aber auch mit einer Ausweitung wirtschaftlicher Unterfangen in der Hauptstadt. Die seit 4-5 Jahren in Rumänien ansässige Firma habe in Temeswar „alle Bedingungen vorgefunden, die unseren Entwicklungsvorhaben nach europäischen Maßstäben entsprechen“, sagte Vivek Bakshi, Vorsitzender des Wipro-Konzern ins Rumänien. „Hier gibt es Fachleute, die unseren technischen Anforderungen entsprechen, Fremdsprachen beherrschen und dazu kommen die Räumlichkeiten, die gute Arbeitsbedingungen, aber auch Möglichkeiten zur Expansion bieten“, sagte der Wipro-Rumänienchef für Mediafax.
In der Bukarester Niederlassung bietet Wipro Dienstleistungen für Firmen aus der Halbleiterindustrie, aus der Automobilbranche, aus dem Bereich der medizinischen Ausrüstungen und der Technologie-Infrastruktur. Wipro beschäftigt weltweit 98.000 Arbeitnehmer, nahezu ein Viertel davon ist in der Outsourcing-Sparte tätig.
















Zwei Gebäude des Business Centre mit Büros der A-Klasse sind bereits bezogen. Ein drittes ist vor der Fertigstellung, zwei weitere sind geplant.
Foto: Nicoleta Dobos

Impfung gegen Schweinegrippe

Bevölkerung lässt sich trotz Skepsis impfen / Von Andreea Oance und Raluca Nelepcu

Emina Szöcs (24) hat keine Angst – weder vor Schweinegrippe, noch vor den Nebenwirkungen der Impfung. Sie hat sich vor zwei Wochen in Temeswar/Timisoara gegen Schweinegrippe impfen lassen. „Ich fahre in etwa einer Woche nach England. Hinzu kommt, dass meine Mama zuckerkrank ist. Da haben wir uns entschlossen, uns impfen zu lassen. Die ganze Familie ist zum Arzt gegangen“, sagt Emina Szöcs. Die junge IT-Fachfrau hat in diesem Winter auch die Impfung gegen die Saisongrippe bekommen. Und es hat tatsächlich geholfen. Sie war in diesem Winter noch nicht erkältet gewesen. Eine Freundin von ihr hatte nicht das gleiche Glück. Sie ließ sich am Freitag impfen und am Montag war sie erkältet. „Schlimm war es nur an einem Tag. Wieso das passiert ist, weiß ich nicht“, sagt Emina Szöcs. Eine Antwort auf diese Frage geben aber die Fachärzte. „Die Immunisierung geschieht innerhalb von zehn Tagen nach der Impfung. Eine Erkrankung kann somit gleich nach der Impfung auftauchen – jedoch eine leichte Art“, erklärt Hausärztin Carmen Vancea.
Faltbogen warnt vor Impfung
Eine einzige Unannehmlichkeit gibt es bei der Impfung: „Es tut ein bisschen weh“, gesteht Emina Szöcs. Ihre Mutter ist als Buchhalterin ständig mit Ärzten im Kontakt – so hat sie sich über die Impfung informiert und schließlich entschlossen, dass es eine gute Sache ist. „Die Menschen um mich herum sind sehr zurückhaltend der Impfung gegenüber. Ich sage ihnen, dass ich die Impfung bekommen habe, und sie staunen: ´Eeecht?´“ Für Emina Szöcs ist die Impfung gegen Schweinegrippe eine Vakzination wie jede andere.
Einer anderen Meinung ist die 48-jährige Arzthelferin Angela Damian (Name auf Wunsch geändert). Sie ist komplett gegen die Impfung, obwohl sie es als medizinisch Ausgebildete eigentlich nicht sein dürfte. Einen Flyer mit Gegenargumenten hat sie von einem berühmten Temeswarer Arzt bekommen – den schickt sie weiter an Freunde und Bekannte. Auf dem Faltbogen steht geschrieben, dass die Nebenwirkungen der Impfung noch nicht genau bekannt sind. Sie sei krebserregend, steht da. Details können – bei Interesse – vom Weblog http://nuvaccinurilor.blogspot.com/ abgerufen werden.
Tod einer Persönlichkeit löst Panik aus
Ein rumänischer Komödienschauspieler ist vor zwei Wochen gestorben – eine Komplikation der Lungenfunktion, verursacht vom Virus der neuen Grippe A(H1/N1), teilten die Ärzte mit. Der Tod des Schauspielers Toni Tecuceanu löste landesweit Hysterie aus: Menschen standen plötzlich stundenlang Schlange vor der Klinik für ansteckende Krankheiten „Matei Bals“ in Bukarest, um sich gegen Schweinegrippe impfen zu lassen. Mit oder ohne die notwendigen Informationen ließen die Bürger Rumäniens die Skepsis beiseite und impften sich massenweise. Auch in Temeswar wurden mehrere Impfzentren eingerichtet und in den Praxen der Hausärzte können sich die Bürger gegen den A(H1/N1) Virus immunisieren lassen. Bis am vergangenen Mittwoch ließen sich 19.000 Temescher impfen.
Auf dem Studentencampus können sich die Studierenden in der Studentenklinik impfen lassen. Viele Studenten haben jedoch Bedenken, was die rumänische Cantgrip-Impfung angeht. „Mich impfen lassen? Nein, kategorisch nicht. Ich habe Bedenken: Was, wenn die Ärzte uns als Versuchskaninchen benutzen?“ sagt Ivona Radulescu, Studentin an der Technischen Universität „Politehnica“ in Temeswar. Die Cantgrip-Impfung enthält Quecksilber – diesbezüglich gab es Debatten, ob das nicht toxisch für den menschlichen Organismus sei. „Ich bin hier, um einen Termin beim Zahnarzt festzulegen, doch ich würde gern einige Infos bezüglich der Impfung bekommen wollen“, sagt eine andere Studentin. Die Ärzte aber haben keine Lust, die Studenten persönlich aufzuklären, so dass sie an die Wand neben der Praxistür zwei eng beschriebene Papierbogen geklebt haben. Kaum hätte jemand geahnt, dass dort wichtige Infos sind. Wenig lesbar und schief geklebt gibt es da Details bezüglich der Impfung „Cantgrip“.
Geteilte Meinungen unter Hausärzten
Anders ist es in der Praxis der Hausärztin Carmen Vancea. Auf der Tür steht groß geschrieben: „Hier können Sie sich gegen die neue Grippe impfen lassen!“ Die Ärztin ist nett und erläutert den Interessenten Details. „Jeder sollte sich gegen die Schweinegrippe impfen lassen. Eine wahre Psychose wurde durch die Medien ausgelöst, es wird aber sehr viel übertrieben. Die Impfung sichert zu 99 Prozent Abwehr gegen das neue Virus“, sagt Hausärztin Vancea.
Umstritten ist nicht nur die Impfung, sondern auch die Art und Weise, wie der Staatssekretär im Gesundheitsministerium Adrian Streinu Cercel damit umgeht. „Jener Arzt, der sich weigert, die Impfung zu bekommen, darf keine Patienten mehr behandeln“, droht der Staatssekretär. Und jene Mediziner, die ihren Patienten empfehlen, sich lieber nicht impfen zu lassen, sollen bestraft werden. Die Ärzte sind nicht alle für die Schweinegrippeimpfung. Trotzdem sind viele zurückhaltend, wenn es darum geht, Tacheles zu reden.
„Man soll nicht viel überlegen, wenn man sich impfen lassen möchte. Am liebsten nicht zu viel recherchieren, dann lässt man es schließlich sein“, sagt Emina Szöcs. Rumänienweit haben die Bürger inzwischen mit dem Überlegen aufgehört. Die Skepsis ist aber bei vielen noch immer da.



Das Impfzentrum auf dem Studentencampus – Studierende bleiben skeptisch.
Fotos: Zoltán Pázmány

Reschitza, aus Künstlersicht

Zu Gheorghe Jurma, Erwin Josef Tigla „Resita: Viziuni. Reschitza: Visionen“, Demokratisches Forum der Deutschen im Kreis Karasch-Severin, Kultur- und Erwachsenenbildungsverein „Deutsche Vortragsreihe Reschitza“, Verlag „Banatul Montan“ Reschitza 2009, ISBN 978-973-1929-25-5, 120 Seiten.

„In Reschitza habe ich das Weltzentrum entdeckt. Denken wir einen Augenblick über diese Wahrheit nach“, schreibt Vasile Bogdan 1979 in seinem Beitrag „Reschitza, jenseits der Worte“. Für Arthur Silvestri heißt Reschitza „die Stadt mit den Dichtern“. Teodor Bulza nennt sie „die Stadt der Paradoxa“. Petre Stoica, der sich in den 70er und 80er Jahren gern in Reschitza aufgehalten hat und eifrig den sehr aktiven Literaturkreis „Semenicul“ besuchte, schrieb: „Die ehemalige Hauptstadt der Dampflokomotiven stellt einen Leuchtpunkt, einen Sieg des Geistes, dar“.
Das Buch “Resita: Viziuni. Reschitza: Visionen“ versucht durch eine Reihe von Beiträgen, Fotos, Reproduktionen und Gedichten einen Teil des Reschitza gewidmeten künstlerischen Schaffens, vor allem der letzten 50-60 Jahre, zu umfassen. Die Stadt wird dabei durch die Augen und den Geist von zahlreichen Schriftstellern, Dichtern, Malern, Graphikern und Fotographen in poetischen Bruchstücken dargestellt. Auch Gedichte von Aron Cortus und Virgil Birou, Dichtern der Zwischenkriegszeit, sind im Band zu finden. Die verschiedenen Facetten der Stadt – ein bedeutendes Zentrum der industriellen und künstlerischen Traditionen – wurden somit auch von Historikern und Forschern aus unterschiedlichen Bereichen (Geschichte, Theater, Musik, u.a.) ins Rampenlicht gestellt.
Der Band erbringt einen Beweis dafür, dass Industrie und Kultur gut zusammenpassen. Dass sich Menschen verschiedener Ethnien gegenseitig verstehen und harmonisch zusammenleben können. All dies und die Tugenden der zum Kult gewordenen gut gemachten Arbeit und des Schaffens wurden oft in den Texten, die im Laufe der Jahre erschienen sind, hervorgehoben.
Der Band umfasst Beiträge in deutscher, rumänischer, ungarischer und serbischer Sprache, ohne Übersetzungen, als ob er voraussetzte, dass ein guter Banater, wie früher, all diese Sprachen spricht. Im Buch gibt es auch Reproduktionen verschiedener Kunstwerke, die von in Reschitza geborenen Künstlern oder von Künstlern, die die Stadt besucht haben oder sich dort zeitweilig oder definitiv niedergelassen haben, stammen und dadurch „Zeugnisse in Worten, in Stein, auf Leinwand oder Filmstreifen über diesen Ort, als ein Weltzentrum, hinterlassen haben“, wie die Herausgeber, der pensionierte Kulturjournalist und Literaturkritiker Gheorghe Jurma und Erwin Josef Tigla es treffend zusammenfassen.
Auch die Gründung und Gestaltung der Lebensweise und Gebräuche der Reschitzaer deutschen Bevölkerung wird im Buch beschrieben. Der Band enthält zudem einen Beitrag über den Reschitzaer Gesangverein, der im Jahre 1869 gegründet wurde, aus dem Nachlass des ehemaligen Stadtpfarrers, Monsignore Paul Lackner, sowie einige traditionelle Volkslieder.
Ana Saliste

Stetige Einbeziehung des Andersseins

Zu: Erwin Josef Tigla: „Offenbarungen. Destainuiri, 21 Mal den Medien gegenüber. Destainuiri. De 21 de ori in fata mass-media“, Kultur- und Erwachsenenbildungsverein „Deutsche Vortragsreihe Reschitza, Verlag „Banatul Montan“ Reschitza 2009, Illustrationen Ion Stendl, ISBN: 978-973-1929-29-3, 230 Seiten.

Er ist ein Phänomen, dieser Vorsitzende des Demokratischen Forums der Banater Berglanddeutschen. Und er weiß es auch selbst“ – So das dicke Lob für Erwin Josef Tigla, den charismatischen Vorsitzenden des DFBB, von einem vertrauenswürdigen Kenner der rumäniendeutschen Kulturpolitik, Prof. Dr. Paul Philippi, den Ehrenvorsitzenden des DFDR, in seinem Vorwort. Über Wirken und Wirkung der „Deutschen Vortragsreihe Reschitza“ und ihres langjährigen Leiters - Es sind 22 Jahren seit der Gründung dieser Kulturinstitution der Berglanddeutschen - geht es in diesem 43. Band des Kultur- und Erwachsenenbildungsvereins, der anlässlich des 20jährigen Bestehens des DFBB veröffentlicht wurde. Herausgegeben wurde das Buch, das überraschend mit Farbzeichnungen des aus Reschitza gebürtigen Malers Ion Stendl illustriert wurde, mit großzügiger Unterstützung aus Kärnten (Österreich), des Departements für Interethnische Beziehungen des Generalsekretariats der Regierung Rumäniens durch das FDDR. Wo ein Wille, da ein Weg! Erwin Josef Tigla (geb. 1961 in Reschitza), geht aus dem engen Kreis und der richtungsweisenden Tradition der Reschitzaer deutschen Operettengruppe hervor, deren Mitglied er 1980-83 war. Eine ausführliche Bio- und Bibliographie als Anhang führt durch die Tätigkeit des heutigen Kulturmanagers, Herausgebers, Bibliothekars, Mitglieds des Rumänischen Schriftstellerverbandes und nicht zuletzt des angesehenen Politikers der deutschen Minderheit.
Die 21 Interviews des Bandes, die Tigla in der Zeitspanne 1987-2009 verschiedenen Publikationen, im Rundfunk und Fernsehen, hier und im Ausland, in den drei Sprachen Deutsch. Rumänisch, Ungarisch (zusätzlich auch in der Reschitzaer deutschen Mundart) erteilt hat, listen Nachhaltiges und Vielsagendes aus diesen fruchtbaren Jahren des deutschen Kulturlebens aus Reschitza und dem Banater Bergland auf. Wie kann man den engen Rahmen einer kleinen Volks- und Kulturgemeinschaft sprengen? Das Erfolgsrezept scheint nicht nur der bekannte Gemeinschaftssinn der Banater Berglanddeutschen zu sein. Darüber hinaus ist es in der stetigen Einbeziehung der gesamten multikulturellen Landschaft der Heimatregion, der Anderen und des Andersseins, aufgegangen. Mit derartigen Initiativen, die einen Kreis enger Mitarbeiter herangebildet haben, wuchs die Reschitzaer deutsche Kulturbewegung, Schritt für Schritt, über sich selbst hinaus und wurde zu einem überregionalen Zentrum des deutschen Kulturlebens in unserem Land. Beeindruckend ist die lange Liste der Publikationen, außer dem „Echo“ noch 43. Bände der Deutschen Vortragsreihe Reschitza aber auch unzählige eigene Bücher wie auch seine Herausgebertätigkeit. Die „Offenbarungen“ könnten jederzeit weitere Fortsetzungen erleben.
„Er ist ein glücklicher Mensch“, resümiert einfach und treffend die Temeswarer Schriftstellerin Maria Pongrácz-Popescu.
Balthasar Waitz

Eine Systematik des „menschlichen Landschaftsraums“

Zu: W.G. König, K. L. Lupsiasca, E.J. Tigla: „Die Banater Berglanddeutschen : ein Handbuch“, Kultur- und Erwchsenenbildungsverein „Deutsche Vortragsreihe Reschitza“, Verlag „Banatul Montan“ Reschitza 2009, ISBN 978-973-1929-24-8, 363 Seiten, eine Landkarte

Die drei Autoren argumentieren mit Alexander Tietz, es hätte sich „in dem verhältnismäßig inselhaft abgeschlossenen Raume des sogenannten Montangebietes“ nicht nur ein eigener, kastenhaft abgeschlossener Standes- und Klassencharakter entwickelt, sondern auch ein proletarisches Überlieferungsgut eigener Färbung, ein kollektives überindividuelles Wesen, das sich in einem besonderen Lebensstil, in gemeinsamen Sitten, Bräuchen und Festen äußert und in Scherzreden, Sagen, Märchen“, so dass sich „ein menschlicher Landschaftsraum, eine besondere landschaftliche Atmosphäre“ herausbilde, „die Menschen und Dinge gleich umfängt und deren Geruch (...) spürbar ist.“
Mit diesem „Handbuch“ wird tatsächlich eine Informationslücke gefüllt und vieles, was vor allem der Hobbyhistoriker Karl Ludwig Lupsiasca und der Sammler Erwin Josef Tigla dokumentiert haben kompakt zugänglich gemacht. Nützlichkeit für jeden am Bergland Interessierten kann dem Buch auf keinen Fall abgestritten werden, aber ob es dann gleich als ein „unermessliches Beispiel betreffend Schaffenskraft und Ausdauer einer Volksgruppe, die sich immer wieder aus der eigenen Glut wiedergefunden und nach vorne, in die Zukunft geblickt hat“ deklariert werden muss, wie im Vorwort voller Euphorie beschrieben?
Trotz der hier fehlenden Bescheidenheit: strukturiert ist das Buch so, dass man hier ziemlich viel von dem finden kann, was über das Bergland wissenswert und relevant ist, angefangen von den soliden Zeittafeln über das Bergland und seine Besiedlung durch deutsche oder deutschsprechende Siedler aus den habsburgischen Kernländern, über „Deutsche als ethnische Minderheit im Banater Bergland“ und eine Statistik der Ortschaften, wo hier Deutsche leben, über Vereine mit deutscher Beteiligung, deutschen Zeitungen und Zeitschriften, die im Laufe der Zeit im Banater Bergland erschienen sind, aber auch sehr viel und detailreich Dokumentiertes über die „Deutsche Vortragsreihe Reschitza“ und das Demokratische Forum der Banater Berglanddeutschen (DFBB). Entstehungsgeschichten, eine Erklärung des Funktionsmodells der Vortragsreihe, Filialen und Ortsforen des DFBB, statistisches darüber (schließlich war einer der Autoren, Waldemar G. König, Statistiker, bevor er in Rente ging) und auch Angaben über den „Heimatverband der Banater Berglanddeutschen aus Rumänien in Deutschland e.V.“ sind hier zu finden.
Besonders aufschlußreich sind die Übersichten über den Unterricht in deutscher (Mutter-)Sprache im Banater Bergland, als Geschichte und Entwicklung nach 1990, die etwas eigen-willige Übersicht über „Mundartliteratur und –veröffentlichungen im Banater Bergland“, vor allem aber die enorme Fleißarbeit, die K.L.Lupsiasca vorgelegt hat mit seiner Aufstellung über „Deutsche und deutschsprechende Persönlichkeiten aus dem Banater Bergland“.
Ein Buch, das man in seiner Bibliothek vorzeigen kann.

Werner Kremm

Tribut-Konzert für verstorbenen Gitarrenspieler

Freunde von Béla Kamocsa treten im Club 30 auf


rn. Temeswar – Ein Gedenkkonzert für ihren verstorbenen Freund, den Gitarrenspieler Béla Kamocsa, das planen die Musiker der Temeswarer Jazz- und Blues-Szene morgen. Um 21 Uhr kommen sie im Club 30 im Stadtzentrum von Temeswar/Timisoara zusammen und bieten den Anwesenden eine Jam Session der Superlative. Die Mitglieder der Bega Blues Band Johnny Bota (b, viola) und Lica Dolga (dr, perc), die jahrelang mit Béla Kamocsa gespielt haben, werden dabei sein. Auf die Bühne treten auch zahlreiche Künstler, die im Laufe der Jahre mit dem Temeswarer Gitarristen gespielt haben: Mircea Bunea, Istvan Gyarfas, Bujor Hariga, Horea Crisovan, Toni Kühn, Lucian Nagy, Ilie Stepan u.a.

Florian Lungu und Béla Kamocsa bei der Blues-Jazz-Gala 2009

Foto: Raluca Nelepcu


Béla Kamocsa ist am 14. Januar im Alter von 65 Jahren in Temeswar gestorben. Der Musiker war krebskrank, verbarg jedoch sein Leiden vor der Öffentlichkeit. Der Gitarrenspieler ist einer der Mitbegründer der rumänischen Rockband Phoenix und der Temeswarer Bega Blues Band. Vor fast 20 Jahren hat er in Temeswar die Blues-Jazz-Gala ins Leben gerufen.