Donnerstag, am 14. Jänner, ist Kamócsa Béla aus seinem nun unbrauchbar gewordenen Körper ausgestiegen, wie ein erfahrener Fahrer ein ausgedientes Fahrzeug einfach stehen lässt. Vorher ließ er noch ganz langsam das Fenster runter, und gab uns, den um den verbeulten Schrott Herumstehenden, sein unverwechselbares schelmisches Lächeln. Dies in aller Ruhe zu tun ist eine Herausforderung, welcher nur einer gewachsen ist, der kaum einer Herausforderung auswich. Dr. Dorel Sandesc, Leiter der Intensivstation des Kreiskrankenhauses: „Ich habe in meiner ganzen ärztlichen Laufbahn niemanden erlebt, der mit solcher Eleganz und Würde hinübergegangen ist.”
Aus professioneller Sicht war Kamo für mich ein verlässlicher Partner als Bass- oder Begleitgitarrist und als publikumsfreundlicher Sänger. Doch da waren noch andere Facetten einer Persönlichkeit, die nur manchmal und nur für manche aufblitzten.
Kamos Lebenslauf ließ mich oft an eine Predigt des Dorfpfarrers meiner Kindheit denken, wo es um einen alten getreuen Soldaten ging, dem Napoleon alle seine Schlachten nannte, wobei jener ungerührt antwortete: „Dabeigewesen!”.
Da seine Aktivitäten als Musiker und Promoter bekannt sind oder im Internet nachgelesen werden können, beschränke ich mich fortan auf Aspekte, die eher persönlicher Natur sind.
Sfintii, Phoenix, Paul Weiner-Trio, Eugen Gondi-Trio, Gramophon, Post Scriptum, Bega Blues Band sind die Formationen, bei denen ich teilweise auch mitgemacht habe und die von Kamo ab 1962 entscheidend mitgeprägt wurden. Dutzende Spitzenmusiker Rumäniens waren dabei. Fast alle waren Autodidakten. Natürlich auch Kamo (er war Ingenieur).
1971 spielten wir zum erstenmal in der selben Band im damals wohl bedeutendsten Unterhaltungsorchester der Stadt, mit prominenten Instrumentisten wie Tubi Holz (p), Stefi Müller (sax), Nicu Enache (dr) und dem sehr populären Sänger Sandi Tatarici.
Am besten im Gedächtnis: sein fruchtbares und sehr bekanntes Wirken in der „Bega Blues Band”. Den Kern bildeten Béla Kamócsa (voc, g), Johnny Bota (b, viola), Lica Dolga (dr, perc). Die gelegentlichen Mitarbeiter sind so zahlreich wie die grandios durchgeführten Projekte: Veronica Luta (voc), Dan Ionescu (g), Mircea Bunea (g), Istvan Gyarfas (g), Bujor Hariga (g), Horea Crisovan (g), Toni Kühn (keyb), Lucian Nagy (sax), Maria Chiorean (voc).
Béla Kamócsa (rechts) mit seiner Bega Blues Band in Wolfsberg
Foto: Zoltán Pázmány
Kamo habe ich gehört, bevor ich ihn gesehen habe.
Zum ersten Mal an einem für mich denkwürdigen Tag: Ich war in der XI. Klasse des 2-er Lyzeums (heute Lenau-Lyzeum) und war gerade vom zornigen Anatomielehrer – für den Rest des Schuljahres - aus der Stunde gewiesen worden. Ich hatte schlimmste Erwartungen, die Exmatrikulation schien unabwendbar.
Ich versteckte ich mich hinter dem Bühnenvorhang des Festsaals. Ich schrie in tiefster Verzweiflung innerlich um Hilfe.
Da hörte ich Klänge. Plötzlich, unverhofft, änderte sich alles. In mir. Ich wollte singen. In diesem Frohsinn war ich allem und allen gut gesinnt. Dankerfüllt. Ich wunderte mich, daß ich den Lehrer noch vor Augenblicken überhaupt hassen konnte. Ich hatte Verständnis für ihn, denn ich war mit ihm ganz ein-verstanden. Die Welt schien heil und verheißungsvoll.
Ich blickte auf, durchs offene Fenster: drüben, auf Augenhöhe, im ersten Stock, saß ein blonder Junge nonchalant im offenen Fenster und spielte Gitarre.
Und die Angst war fort.
Mir ist überhaupt nichts passiert. Die Anatomiestunden des dritten Trimesters verbrachte ich hinfort auf der Bühne und empfand sie als eine Gnade Gottes. Nie hatte ich die Neugier zu erfahren, was im zweiten Teil des Lehrbuches für Anatomie und Physiologie des Menschen steht. Den ersten Teil hatte ich bald vergessen.
Danke Kamo!
Doch die Erinnerung an dieses Erlebnis wurde unscharf und gleichsam von der Emsigkeit der Welt verdunkelt. Die Angst rückte wieder auf ihren alten Platz und die Hass-Liebe schien erstrebenswert. Ab und zu gab es Augenblicke, wo jenes ureigene Gefühl wie ein Vorgeschmack oder eine Ahnung fast bis zum Ergreifen hochwollte; doch ließ ich es nicht zu. Es sollte noch ein Jahrzehnt vergehen, bis ich wieder am Rande der Verzweiflung stand. Erst jetzt ließ ich es zu, indem ich kapitulierend in mich horchte; und dann war es da. Jetzt wusste ich, dass mir in seiner Anwesenheit nichts Ungutes zustoßen kann.
Diese Erfahrung erwies sich als ein Erwerb von unschätzbarem Wert. Irgendwann fasste ich ihn in diesem für mich richtungweisenden Grundsatz zusammen: wer horchsam ist (das Wort ist von Heidegger), braucht nicht zu gehorchen, nicht hörig dazugehören. Denn er gehört sich SELBST. Dieses Selbst – und kein anderes – weiß, was sich gehört.
Danke Kamo!
1980 besuchte mich Kamo in einer Nachtbar an der Küste, wo ich in einer renommierten Bukarester Band die damaligen Schlagerstars begleitete (Gil Dobrica, 5 T, Aurelian Andreescu, Dan Spataru, Jeanina Matei usw.) Kamo sagte einfach: „Toni, Gondi se întoarce la Timisoara. Hai sa cântam jazz!” Ich tat etwas, was man unter diesen Umständen normalerweise nicht tut: Ich sagte ebenso einfach „Da!” und kündigte. Im Herbst begannen die Proben mit Eugen Gondi (dr), Liviu Butoi (sax), Kamo (bassg), Toni Kühn (g). Im Frühjahr nächsten Jahres hatten wir einen Auftritt beim Jazz Festival in Hermannstadt, der Sensation machte. Schon das Plakat, ein Meisterwerk des Lugoscher Künstlers Constantin (Tica) Raducan, irritierte die geflissentlichen Kulturbonzen. Dann wurden die Titel zweier meiner Kompositionen (Das Erwachen des Theophrastus; Theophrastus in Totina) – richtig! – als „Sopârle” empfunden, und nur das intelligente und selbstbewusste Eingreifen von Altmeister Johnny Raducanu bändigte die Raserei des Securisten. Doch als Monate später Horst Samson in der Banater Zeitung ein Porträt unter dem Titel „Theophrastus in Totina” veröffentlichte, ging das Gerangel weiter: Horsti benachrichtigte mich, er habe eben Hausdurchsuchung gehabt, ich soll auf alles gefasst sein. Was die „Jungs” nicht ahnen konnten, war, dass ich, horchsam, für die Angst nicht erreichbar bin.
Kamo hätte geradesogut an jenem Abend an der International Bar vorbeigehen können. Danke Kamo, dass du dir für mich Zeit genommen hast!
Beide hatten wir früh eine Nische entdeckt: Ab 1969 hatten wir dazu alle vier-fünf Jahre eine Prüfung abzulegen und erlangten so den Status eines freischaffenden Künstlers. Dies hat sich als ein wohlinspirierter Kunstgriff erwiesen, der uns fortan ungeahnte Freiheit im Rahmen eines repressiven Systems bot. Ein buchstäblich weiter Spielraum (234.000 Quadratkilometer), und es gab so viel zu lernen, so viel zu tun! Ich kann mir nicht vorstellen, dass Kamo sich je gelangweilt hat. Ebensowenig wie ich selbst. Selbstverständlich kam für uns ein Auswandern nicht in Frage.
Er wie ich (ich bin im Lager geboren, das Herta Müller in der „Atemschaukel“ beschreibt, mein Vater war ein deutscher Kriegsgefangener) sind ohne leiblichen Vater aufgewachsen; aus meiner Sicht ein zweckdienlicher Vorsprung, den wir genutzt haben.
Es gab Themen, wo ich nie mithalten konnte: Debatten über sportliche und politische Ereignisse. Besonders in den ersten Jahren nach der Wende waren diese in Liviu Butois Jazz-„Club 16“ das einzige Gesprächsthema. Natürlich fiel es Kamo irgendwann auf, dass ich bei den unausbleiblichen politischen Witzen einfach nur mitlache, angesteckt vom Gelächter. Geradeheraus wie immer, offenbarte er: „Hei, v-ati prins ca Toni nu s-a prins de poanta! Habar n-are nici de personaje, nici de dedesubturi!” Die Heiterkeit war allgemein. Wieder hatte mich Kamo vor eine Entscheidung gestellt: Entweder mit dem politischen Geschehen auf dem Laufenden zu sein und über irgendjemand lachen können, oder aus dem Rahmen fallen! Ich fand, dass mit jemandem lachen freundlicher ist als über jemand zu lachen, denn dieser wird, mindestens psychologisch, zum Feind. Ein Luxus, den man sich intelligenterweise nicht leisten sollte.
Kamo ist am Heiligenabend (1944) geboren, ist also, in manchem Volksmund, ein Christkindle. Seine allgemeine Haltung in Sachen Religion oder Mystik schien dies keineswegs zu bestätigen. Ganz im Gegenteil: wollte man so ein Thema anschlagen, konnte man schon auf eine Hänselei oder mindestens auf eine ironische Randbemerkung gefasst sein.
Ich wusste, dass unter seiner des öfteren rauhen Schale ein zartgestimmtes Herz schlägt. Wie er bei ausschlaggebenden Momenten meines Lebens präsent war, war auch ich anwesend in manch bitterer Stunde der Bedrängnis. Vor einer unserer Ausfahrten – es sind Jahrzehnte her – erhielt er eine niederschmetternde Nachricht. Man mag unglaublich den Kopf schütteln, doch hat Kamo sich sozusagen auf unseren Schultern – Eugen Gondi, Puiu Lazaru und ich - ausgeweint. Dazu gehört ein Mann, der das Herz am rechten Fleck hat. Ein paar Stunden darauf standen wir auf der Bühne. Das ist Blues!
In den letzten Wochen schimmerte sein Wesen – ich nenne es wieder den Fahrer - zunehmend durch das transparent werdende Fahrzeug.
Auch Liviu Butoi und Johnny Bota stimmen mir zu. Da lag ein zutiefst verwandelter Mensch. Zartgefühl in seiner Stimme, eine aparte Diskretion, eine unleugbare Unschuld kontrastierten mit unseren alten Vorstellungen von ihm. All dies zeugte nicht von Schwäche, eher von seiner sanften Autorität.
Kamos Krankenhauserfahrung begann schon vor Jahren mit einer Herzoperation. Komplikationen. Mariana, seine Frau, erzählte, dass er in ein künstliches Koma versetzt wurde. Als er aufwachte, verlangte er eine Cola, zeigte auf den Bettrand und sagte: „Hier sitzt jetzt Jesus!”
Womöglich kam in den letzten Tagen auch noch eine Nahtod-Erfahrung dazu. Die ist immer transformierend. Darauf realisierte er seine größten Projekte.
Béla Kamócsa (links) und Toni KühnFoto: Privat








