Ciprian Cipu: „Die Investition im Kulturbereich hat sich gelohnt“.
Foto: Raluca NelepcuGespräch mit Ciprian Cipu, Leiter des Temescher Zentrums für Kultur und Kunst
Für Ciprian Cipu ist die Kulturszene des Verwaltungskreises Temesch/Timis Teil seines Lebens und das seit mehr als 40 Jahren. Der Leiter des Zentrums für Kultur und Kunst möchte die „wahre Kunst“ fördern und schenkt der Volkskunst besonderes Augenmerk. Was genau er mit „wahrer Kunst“ meint und wie er das in Zeiten schwieriger konjunktureller Rahmenbedingungen schaffen wird, erzählt er den BZ-Redakteurinnen Ana Saliste und Raluca Nelepcu in folgendem Interview.
Sie leiten seit vielen Jahren das Zentrum für Kultur und Kunst des Kreises Temesch. Wie groß ist die Verantwortung einer solchen Funktion?
Der Job an sich ist nicht so schwer. Groß ist aber die Verantwortung, die man dafür tragen muss, wenn man den Job als Leiter einer kulturellen Einrichtung richtig ausüben möchte. Wenn du eine Kulturveranstaltung planst, kannst du es dir nicht leisten, mit der Kultur und den Traditionen eines Volkes zu spielen und den Kitsch bzw. die Non-Kultur zu fördern. Der größte Feind der Volkskultur ist heutzutage der Kitsch. Ein weiterer Feind der Kultureinrichtungen sind die Medien, vorwiegend das Fernsehen. Die deutsche Sendung zum Beispiel respektiert ihre Zuschauer und fördert die Volkskunst. Die sogenannten „Manele“-Sendungen promoten jedoch die vulgäre Kleidung und die Non-Kultur. Der Leiter einer Kulturinstitution muss in erster Linie seinen Beruf schätzen und von seinem Zweck überzeugt sein.
Wie schaffen Sie es denn, die „wahre Kunst“ zu fördern?
Indem man echte und repräsentative Kulturveranstaltungen organisiert. Das ist die beste Waffe gegen den Kitsch. Ein gutes Beispiel dafür ist der Kreis Temesch/Timis. Als hier ein Manele-Konzert veranstaltet wurde, kauften nur wenig Leute Karten. Andererseits unterstützen uns die regionalen Fernseh- und Radiosendungen in unserem Unterfangen und fördern unsere Veranstaltungen.
Wie reagiert das Publikum darauf?
Wir haben es geschafft, insbesondere das Publikum aus den Dörfern wieder anzusprechen und es zu unseren Veranstaltungen zu locken. Die Auswanderung der Deutschen trug dazu bei, dass Bürger von etwa 30 rumänischen Verwaltungskreisen die Banater Dörfer besiedelten. Und es waren nicht die Besten, die hierher kamen. (lächelt) Beispiele dafür sind Nitzkydorf/Nitchidorf, Alexanderhausen/Sandra oder Triebswetter/Tomnatic. Dort hatten wir am Anfang viele Probleme: mit der Anpassung der Leute an die lokale Tradition, mit der Einhaltung der Sitten und Bräuche. Wir haben aber zusammen mit dem Temescher Kreisrat verschiedene kulturelle Veranstaltungen organisiert, um den Menschen diese Volkskultur näher zu bringen. Sie begannen, das Kulturzentrum zu respektieren, sich eigene Volkstrachten zu besorgen und selbst Tanzgruppen zu bilden. Wir haben in einigen Ortschaften kleine Museen gegründet und dafür gesorgt, dass in den Ortschaften, wo es auch eine deutsche und ungarische Minderheit gibt, deren Bräuche ebenfalls zur Geltung kommen.
Sie haben von Kultur und Traditionen gesprochen. Hat sich etwas in der Mentalität der Bürger nach 1989 verändert, was das Interesse für die Volkskunst angeht?
Gleich nach der Revolution gab es schwere Zeiten für die traditionelle Kunst. Die Bürger haben nach Demokratie gelechzt und jetzt wissen sie nicht, was sie damit machen sollen. Aber das ist eine andere Diskussion. Anfang der 90er sind die sogenannten „Laienkünstler“ verschwunden. Die Jugendlichen wurden ursprünglich von ihren Lehrern gezwungen, bei traditionellen Veranstaltungen mitzumachen. Im Laufe der Jahre ist aber eine andere Art von Kultur auf dem Lande entstanden. Für unser Festival „Lada cu zestre“, zum Beispiel, hat sich mit der Zeit ein neues Zielpublikum gebildet: junge Leute, die wirklich aus Liebe zur Kultur unseren Veranstaltungen beiwohnen.
Wie schaffen Sie es, die Leute für Volkskunst zu begeistern?
Durch die zahlreichen Events, die wir organisieren. Inzwischen ist sogar ein Wettbewerb unter den Gemeinden entstanden. Es geht darum, wer die schönsten Trachten hat, die beste Tanzgruppe usw. Durch diesen Wettbewerb ist aber auch eine besondere Beziehung zwischen den Dörfern und Gemeinden entstanden. Wenn zum Beispiel Großscham/Jamu Mare die Kirchweihe feiert, dann kommen hierher auch Gäste aus Tschakowa/Ciacova oder Morawitza/Moravita. Mit den Schulbussen, die uns die Kommunen zur Verfügung gestellt haben, konnten die Gäste die Veranstaltungen erreichen. Und noch etwas: Der Tanz verbindet Menschen, verbindet Minderheiten und erzieht die Bürger. Das ist der Banater Geist, den wir aufrecht erhalten müssen. In Triebswetter wurde die deutsche Volkskultur wieder belebt. Bis vor ein paar Jahren kam es immer wieder zu Streitigkeiten zwischen den Bürgern aus Murani und Orzydorf/Ortisoara zum Beispiel. Nun bilden sie gemeinsam eine Tanzgruppe und können es kaum erwarten, sich zu treffen. Das ist ein Beweis dafür, dass sich unsere „Investition“ gelohnt hat. Viele meckern, dass man mit dem Geld besser die Straßen reparieren sollte. Aber ein Kilometer Asphalt kostet in Rumänien soviel wie all unsere Kulturveranstaltungen in einem Jahr. Wir pflegen gute Beziehungen mit dem Schulinspektorat, der Kirche, dem Kreisrat und den Bürgermeisterämtern in den Kommunen.
Welche sind die bedeutendsten Errungenschaften des Zentrums für Kultur und Kunst in den letzten zehn Jahren?
Die größte Errungenschaft ist die jährliche Aufstellung der kulturellen Agenda zusammen mit dem Kreisrat, der uns recht stark finanziell unterstützt. Zweitens: Die stabilen Beziehungen und die gegenseitige Zusammenarbeit der Künstler mit den Einrichtungen des Kreisrats. Unsere dritte Errungenschaft ist die Volkskunstschule, die Ausbildungen in 25 Kulturbereichen bietet. Wir haben über 600 Schüler da, Tanzensembles für Jugendliche, einen Mini-Verlag und eine Druckerei. Eine vierte Errungenschaft ist die Organisierung von verschiedenen Veranstaltungen auf den Dörfern in Zusammenarbeit mit den Kommunen. Wir haben in fast allen Kulturheimen Kulturreferenten, die gute Arbeit leisten.
Für welchen Kulturbereich der Volkskunstschule besteht die größte Nachfrage?
Das größte Interesse besteht für die Folklore, aber auch die Grafik-Abteilung ist gut besucht. Unsere Schüler haben viele internationale Preise nach Hause gebracht. Zahlreiche Reporter und Kameraleute sind Absolventen der Foto- und Filmabteilung, worauf wir sehr stolz sind.
Wie werden Sie ihre Kollegen motivieren können ab dem Zeitpunkt, wo es durch die angesagten Gehaltskürzungen keine finanzielle Motivation mehr geben wird?
Die Mehrheit meiner Kollegen übt ihren Beruf mit Herz und Seele aus. Natürlich beklagen sie sich auch und das ist auch verständlich. Aber wenn du wirklich eine besondere Neigung dazu hast und deine Arbeit wirklich von Herzen gern tust, dann kommst du auch mit den Schwierigkeiten klar. Wir Künstler sind träumerische Seelen. Wenn wir einen großen Erfolg haben, dann ist es uns egal, ob wir zwei Gerichte auf dem Tisch haben, oder nicht. Aber endlos darf das trotzdem nicht weitergehen.