Montag, 1. Februar 2010

Ein Dach für Temeswars Obdachlose

Bei frostigen Temperaturen: Nachtasyl deckt Bedarf nicht


Von Raluca Nelepcu und Olivian Ieremiciu


Sie hat ihr Kind seit Jahren nicht mehr gesehen, trotzdem erwähnt sie wie beiläufig, dass sie eins hat. Zehn Jahre alt ist Leti]ia heute – die Kleine lebt in einem Kinderheim in Sathmar/Satu-Mare. Das Zugticket sei zu teuer, um sie zu besuchen, beteuert Estera Lakatos (31). Sie lächelt, während ihr Blick ständig hin und her schweift. Ihr in die schwarzen Augen zu schauen ist schwierig. Locker erzählt sie, wie sie vor acht Jahren sogar in der Temeswarer Kanalisation geschlafen hat. Hungrig, ungewaschen, ungekämmt, im Dunkeln, von Leuten umgeben, die aus Tüten die Straßendroge „Aurolac“ – billige, lack- und aluminiumhaltige Farbe – einatmeten. Ihrem Partner zuliebe sei sie damals in einen Kanal am Volkspark gegangen. „Ich bin ihm gefolgt, weil ich ihn gemocht habe“, erinnert sich Estera heute.

Sie ist „Zigeunerin“, wie sie sich selbst bezeichnet. Ihre Eltern waren von Anfang an gegen ihre Freundschaft mit C²t²lin, einem Rumänen. Sie hätte einen Rom heiraten sollen, was sie aber nicht wollte. Mit Mutter und Vater zerstritten, aber ihrem Herzen folgend, entschied Estera Lakatos, von zu Hause wegzugehen. So landete sie auf der Straße.

Zusammen mit Catalin - ihrem Lebensgefährten seit über zehn Jahren - übernachtet sie nun im „Pater Jordan“-Nachtasyl der römisch-katholischen Hilfsorganisation „Caritas“. Drogen habe sie nie genommen und man sieht es ihr an, dass sie stolz darauf ist. Auch ihren Mann habe sie überzeugt, mit dem Schnüffeln der gehirnzerstörenden Straßendroge aufzuhören. Im Nachtasyl an der Brancoveanu-Straße ist es „gut und fein“, sagt Estera Lakatos. Tagsüber hält sie sich am Nordbahnhof auf. Sie sagt es nicht direkt, aber wir verstehen: Sie bettelt. „Ich habe versucht, mich bei einer Firma anstellen zu lassen, aber ich bin beim Lebenslauf (sie sagt: "CV") durchgefallen“, erzählt sie betrübt. Sie würde gern arbeiten, doch eine Chance gibt ihr kaum jemand. Sie hat nur wenig Arbeitserfahrung: Diese resümiert sich auf einen Job bei der Firma „Kinder“ für Überraschungseier und in der Küche eines italienischen Restaurants - als Geschirrspülerin.


Ein Abend im Nachtasyl

Estera Lakatos und ihr Mann Catalin sind zwei der über hundert Mitbewohner des „Pater Jordan“-Nachtasyls. Das Tischgebet wird gesprochen, als wir das Gemeinschaftszimmer betreten. Neugierige Augenpaare starren uns an und durch die Runde flüstert man: „Cine-s astia, ba?“ Das Essen wird gebracht: Es gibt Maisbrei mit Fleischsauce. Die Köchin ruft die Obdachlosen beim Namen. Niemand drängt sich vor, alle warten ruhig auf die warme Mahlzeit, die ihnen gebührt. „Regel ist Regel und das wissen die meisten auch. Wenn sie Ärger machen, bleiben sie nächstes Mal vor der Tür“, sagt Aufpasser Petru Bârza (27). 87 Schlafplätze gibt es im Nachtasyl der „Caritas“, doch am Abend unseres Besuchs dürfen über hundert Obdachlose rein. „Bei dieser Kälte können wir sie doch nicht auf der Straße lassen“, sagt Bârza. Zwei Sozialarbeiter kümmern sich abwechselnd Nacht für Nacht um die Betreuten. Petru Bârza ist seit fünf Jahren im Asyl tätig. „An meinem ersten Arbeitstag haben sich zwei Obdachlose gestritten und einer hat begonnen, seinen Arm mit einem scharfen Messer aufzuritzen. Ich habe mir gesagt: Wenn die Nacht vorbei ist, komme ich nie wieder“, erinnert sich der Psychologie-Absolvent. Gegangen ist er am zweiten Morgen dann doch nicht. Er hat gelernt, die Ruhe zu bewahren, wenn es zu Streitigkeiten kommt. „Das ist nur selten der Fall“, teilt er uns mit. Betrunken dürfen die Obdachlosen nicht in die Notübernachtung. Auch nicht mit Messern und sonstigen Stichwaffen. „Wenn ein alter Mann nach Alkohol riechend bei diesen frostigen Temperaturen zu mir kommt, soll ich ihn dann auf die Straße schicken?“ fragt Petru Bârza rhetorisch. Jede Regel hat ihre Ausnahmen.


Abend im Nachtasyl: Manche schauen fern, andere spielen Backgammon.


Wiedertreffen am Nordbahnhof

Nächster Tag. Bei klirrender Kälte – um 10 Uhr in der früh – am Temeswarer Nordbahnhof. Ein paar Leute, die auf den Bahnsteigen auf den nächsten Zug warten. Einige Obdachlose haben sich im Wartesaal ein warmes Plätzchen gesucht. Die Blicke gesenkt, mit einer trüben Miene. Estera Lakatos befindet sich nicht unter ihnen.

„Ich bin gestern aus Oltenien angekommen. Ich suche mir jetzt einen Job. Übernachtet habe ich im Nachtasyl“. Unser Gesprächspartner ist 44, sieht aber wie 60 aus. Wir geben die Hoffnung auf, Estera wiederzutreffen. Dann eine Stimme: „Guten Morgen“. Sie kommt aus einer kleinen Bude neben dem Bahnhof, die als Bar funktioniert. Es ist unsere Gesprächspartnerin vom Vortag. „Bei dieser Kälte hocke ich meistens in den Bars hier. In die Zugwaggons dürfen wir nicht mehr, seit vor einigen Tagen einer abgebrannt ist“, sagt Estera. Sie geht ein paar Schritte mit uns, kehrt dann zurück in die Bar, wo ihr Freund auf sie wartet. Und sie warten gemeinsam auf abends acht Uhr, wenn das Nachtasyl wieder seine Pforten öffnet.

„Ein Großteil derjenigen, die auf der Straße landen und dann bei uns Unterschlupf suchen, sind wegen Alkoholproblemen auf der Straße. Es gibt auch einige, die psychische Störungen aufweisen. Das sind jedoch nicht so viele“, sagt uns Bârza. Zu hören sind auch einige andere Geschichten. Ein Siebzigjähriger hatte sein Haus für ein paar Wochen seinem Sohn und seiner Schwiegertochter überlassen. Bei seiner Rückkehr fand er nicht seine Kinder – sondern ein paar Fremde in seinem Haus. Die Zwei hatten inzwischen das Haus verkauft und haben sich ein „sonnigeres Plätzchen“ im Ausland gesucht. „Seitdem lebt er auf der Straße“, erzählt uns der Betreuer. 70 Prozent derjenigen, die das Nachtasyl in Anspruch nehmen, sind „Stammkunden“. Von diesen ist knapp die Hälfte über das mittlere Alter hinaus. Viele der Jüngeren sind ehemalige Heimkinder.


Finanzierungsschwierigkeiten

In seiner jetzigen Form besteht das Nachtasyl seit 2000. Eine der Regeln hier besagt, dass ein Unterkunftssuchender für drei hintereinander folgende Monate hier beherbergt werden kann. Dann muss er das Haus verlassen. Vier Monate müssen vergehen, bis er erneut, für weitere drei Monate, einen Schlafplatz in Anspruch nehmen darf. Die Plätze reichen trotzdem nicht aus. „Es gab mal den Fall, wo 20 Leute aus Bârlad nach Temeswar gekommen waren“, sagt uns Bârza.

An einen Ausbau wird zurzeit nicht gedacht. „Solange wir nicht über die nötige Finanzierung verfügen, können wir nicht an eine Erweiterung denken“, sagt uns Herbert Grün, Geschäftsführer der „Caritas“ Temeswar. „Im vorigen Jahr wurden 80.000 Euro für das Nachtasyl ausgegeben. Ein Großteil des Geldes stammt aus Spenden, der Stadtrat hat mit drei Gehältern pro Monat beigesteuert“, so Grün. Dass dies nicht besonders viel ist, wird aus der Höhe des Gehalts ersichtlich: 1000-1100 Lei bekommt ein Angestellter der Einrichtung. Jetzt hofft man auf eine Aufstockung auf sechs Gehälter und die Übernahme der Nebenkosten - Gas, Wasser und elektrischer Strom. „Wir hoffen in diesem Jahr auf ungefähr 40.000 Euro vom Stadtrat“, so der Caritas-Leiter. Seitens des Staates gibt es keine Subventionen. Vielleicht etwas befremdlich, aber es wurden nicht die nötigen 60 Punkte eines standardisierten sozialen Evaluierungssystems erreicht, um Gelder vom Staat zugeschossen zu bekommen.

Zwei Jahrzehnte Banater Forum


DFDB-Vorstandssitzung und Vertreterversammlung


Mit einer Festveranstaltung im Temeswarer AMG-Haus werdem am Samstag, dem 6. Februar, 20 Jahre seit der Gründung des Demokratischen Forums der Deutschen im Banat DFDB gefeiert. Bekanntlich fand die Gründungssitzung, woran sich damals Vertreter aus drei Banater Kreisen beteiligten, am 5. Januar 1990 im Festsaal der Temeswarer Lenauschule statt. Zum ersten DFDB-Vorsitzenden wurde Prof. Erich Pfaff, der damalige Leiter des Lenaulyzeums, gewählt.
Das Temeswarer AMG-Haus: Ein bunter Reigen banatschwäbischer Trachten aus vier Landeskreisen bei den Heimattagen 2009
Foto: Zoltán Pázmány

Eingeladen sind diesmal, laut DFDB-Vorsitzenden Karl Singer, Vertreter aller Banater Ortsforen aus den vier Verwaltungskreisen Temesch, Arad, Karasch-Severin und Mehedinti, Vertreter öffentlicher Institutionen, Ämter und Behörden, des deutschen Konsulats Temeswar, allen voran DFDR-Abgeordneter Ovidiu Gant. Zum Auftakt wird um 9 Uhr eine Vorstandssitzung abgehalten. Als Schwerpunkte sind dabei eine Besprechung der kürzlich in Hermannstadt abgehaltenen alljährlichen Planungskonferrenz, eine Haushaltsplanung und die Entlastung des Vorstands vorgesehen. Im Anschluss findet im AMG-Festsaal, um 11 Uhr, die Vertreterversammlung statt: Eingeplant sind u.a. ein Bericht des DFDB-Vorsitzenden Karl Singer und das Abstimmen über alle neuen Vorstandsbeschlüsse. Im Rahmen der Festveranstaltung zum 20. Jubiläum des DFDB sind ab 13 Uhr ein Festvortrag und ein umfassendes Programm der Kulturgruppen des Deutschen Forums anberaumt. Als Gäste wirken der Reschitzaer Franz-Stürmer-Chor und das Orchester unter der Leitung von Walter Kindl mit.
Zu diesem festlichen Anlass wird dem DFDR-Abgeordneten Ovidiu Gant für seine Verdienste die DFDB-Ehrennadel in Gold überreicht. Desgleichen erfolgt die Verleihung des Stefan-Jäger-Preises 2009 der gleichnamigen Temeswarer Stiftung an die Hatzfelder Deutschlehrerin Sorina Deatcu. (bw)


Namenlose wird Johann-Wolf- Straße


Temeswarer Straßen nach lokalen Persönlichkeiten benannt


Auf Beschluss des Temeswarer Stadtrats wurden nun mehrere neue oder namenlose Straßen in den Zonen Torontaler- und Mures-Straße sowie im Stadtviertel Freidorf getauft. Von der alten, kuriosen Namensgebung blieb nichts mehr übrig, unsere Stadträte entschieden sich grundsätzlich für die Namen verdienstvoller lokaler Persönlichkeiten.
In der Zone Torontaler Straße wurden neue Straßen mit den Namen von Johann Wolf (angesehener deutscher Hochschullehrer und Schriftsteller), Martin Gemeinhardt (bekannter Architekt wertvoller Altbauten), Karoly Kos (ungarischer Schriftsteller und Architekturlehrer) und George Ardelean (Temeswarer Jurist) benannt. Eine Straße erhielt den Namen des erst vor Kurzem gestorbenen Bildhauers Peter Jecza. Weitere neue Straßennamen in dieser Stadtzone: Maria Dogaru (erste Bauernschriftstellerin des Landes), Alexandru Jebeleanu (Dichter und Prosaautor), Petru Bandu (Lehrer und Schuldirektor), Corneliu Ursu (Schriftsteller) und Erno Kallai (Kritiker und Historiker von Weltruf).

Weiterhin in friedlichem Nebeneinander: Sorin Titel und Leningrad

Foto: Zoltán Pázmány


Die Josef- Preyer-Straße im historischen Stadtviertel Josefstadt trägt ab nun den Namen Johann Nepomuk Preyer. Preyer, verdienter Bürgermeister der Stadt (1844-1858) ging auch als Verfasser der ersten Temeswar.Monographie in die Stadtgeschichte ein. Eine andere Straße erhielt den Namen von Iosif Sârbu, des Olympiasiegers von Helsinki 1952.
Einen Namen erhielten auch zwei bisher namenlose Straßen aus dem Stadtviertel Freidorf: Die erste heißt nun Petre-Stoica-, die zweite Adam-Anavi-Straße. Der in Neupetsch 1931 geborene und 2009 in Hatzfeld gestorbene Petre Stoica war einer der bedeutendsten Banater Lyriker. Adam Anavi (1909 in Turda- 2009 in Temeswar), Banater ungarischer und deutscher Autor sowie Lehrer in Temeswar, war mehrere Jahre ältestes Mitglied des Rumänischen Schriftstellerverbandes.
Wenn die ständige Namensgebung und –änderung der Straßen die Temeswarer auch verunsichert und ihnen das Leben erschwert, so ist sie doch als positiv zu bewerten: So kommt man in der Begastadt von den kommunistischen Altlasten, dem Salat unmöglicher Straßennamen, ab: So gab es unzählige Blumenstraßen (von Lilien bis Dahlien), Tierstraßen (von Ziegen bis Tiger), Stern- und Planetenstraßen (Venus bis Saturn), Handwerkerstraßen (Rauchfangkehrer bis Milchmänner). Davon sind die Temeswarer bisher nicht ganz abgekommen, zusätzlich gibt es jetzt über 50 Märtyrer-, zehn Generals-, sieben Heiligenstraßen usw. Waschechte Temeswarer wussten sich da schon immer abzuhelfen: Sie benutzen einfach die alten Namen und basta!


Balthasar Waitz


Neues Xing-Treffen steht an


„Timisoara/West Romania“ zählt 600 Mitglieder

Nahezu 600 Mitglieder zählt die Xing-Gruppe „Timisoara/West Romania“ derzeit, ein neues Treffen steht in diesem Frühjahr an, verspricht Radu Ticiu, CEO des Geschäftsinkubators in Temeswar/Timisoara. „Es ist höchste Zeit, dass wir uns wiedersehen“, sagt der IT-Fachmann. Xing ist eine Online-Plattform, entwickelt von der Firma epublica, in der natürliche Personen ihre geschäftlichen und privaten Kontakte zu anderen Personen sichern können. Jeder Internetnutzer kann sich auf
www.xing.com sein eigenes Profil erstellen und mit anderen Benutzern Kontakt aufnehmen. Kernfunktion des Systems ist das Sichtbar-Machen des Kontaktnetzes; beispielsweise kann ein Benutzer sehen, über „wie viele Ecken“ – also über welche Mitglieder – er einen anderen kennt. Gleichzeitig können Personen, die auf Jobsuche sind, von Arbeitgebern kontaktiert werden.
Die Gruppe „Timisoara/West Romania“ wurde Oktober 2007 von Radu Ticiu ins Leben gerufen und erreichte in knapp einem Jahr die Mitgliederzahl von fast 300 Personen. Mitarbeiter und Unternehmer aus Temeswar, Reschitza/Resita und Arad waren am Anfang dabei, nun kommen die Mitglieder aus der ganzen Welt. Informationen, News und Diskussionen über Geschäftemachen sowie allgemein Themen, die die in Temeswar und der Westregion Rumäniens lebendenden Xing-Mitglieder betreffen, werden innerhalb der Gruppe diskutiert.
Neue Kontakte finden, Geschäftschancen auf regionaler, nationaler oder internationaler Ebene wahrnehmen, Infos über Hilfsprogramme der EU, Konkurrenz- und Kostendruck in Westrumänien sowie über das Sozial- und Kulturleben in Westrumänien bietet die Plattform. Die Mitglieder der Gruppe können ihre Unternehmen fördern und über öffentliche Veranstaltungen, die ihr Geschäft betreffen, informieren. Die Xing-Gruppe „Timisoara/West Romania“ fördert die grenzüberschreitende Zusammenarbeit in der DKMT-Euroregion, der die rumänischen Verwaltungskreise Arad, Karasch-Severin/Cara{-Severin, Hunedoara und Temesch/Timis sowie ungarischen Komitate Bács-Kiskun, Békés und Csongrád und die Autonomen Provinz Vojvodina in Serbien angehören. „Es ist eine gute Gelegenheit für mich, Kunden zu finden“, sagt der Unternehmer Adrian Sofronie, Co-Moderator der Gruppe.
Das erste Treffen der Xing-Gruppe „Timisoara/West Romania“ fand im September 2008 statt. Von den damals 300 Mitgliedern der Gruppe beteiligten sich etwa 50 an der Veranstaltung. Mit dabei war auch Peter Hochmuth, Präsident des Deutschsprachigen Wirtschaftsclubs in Temeswar, der über Geschäftemachen in Rumänien sprach und die Lage der ausländischen Investitionen unter die Lupe nahm. Die Mitglieder äußerten damals den Wunsch, das Treffen ein Mal pro Monat zu organisieren, was sich jedoch nicht umsetzen ließ. In diesem Jahr sollen sich die Mitglieder der Xing-Gruppe „Timisoara/West Romania“ voraussichtlich im März treffen.
Raluca Nelepcu

Banater Persönlichkeiten



Schöner Versuch eines Banater Alphabets


Nicht von ungefähr hieß der Erstling des Banater Lyrikers und Erzählers Johann Lippet „biographie.ein muster“ (Kriterion Verlag Bukarest, 1980). Programmatisch und einfühlsam hat dieser Schriftsteller in drei Jahrzehnten sein Vorhaben verfolgt, dem Banat ein literarisches Denkmal zu setzen, Orte, Ereignisse, Menschen und Lebensgefühl aus der Banater Heide lyrisch oder in der Prosa zum Ausdruck zu bringen. Lippet wurde am 12. Januar 1951 in Wels (Österreich) geboren, wuchs in Wiseschdia auf und machte sein Abitur an der deutschen Abteilung des Lyzeums Großsanktnikolaus. Nach dem Germanistik-Studium (1970-74) in Temeswar war er bis 1978 als Deutschlehrer in Temeswar tätig. Von 1978 bis zu seiner Aussiedlung nach Deutschland, 1987, war er Dramaturg des DSTT. Heute lebt er als freischaffender Schriftsteller in Sandhausen, bei Heidelberg. Sein literarisches Debüt geht auf das Jahr 1969 (NBZ) zurück. Lippet, Mitglied der „Aktionsgruppe Banat“, erhielt 1980 den AMG-Förderpreis für Prosa. Für „biographie.ein muster“ wurde er im gleichen Jahr mit dem Debütpreis des Rumänischen Schriftstellerverbandes ausgezeichnet. 1983 erhielt Lippet auch den AMG-Literaturpreis für Lyrik. 1984 erschien sein Lyrikband „so wars im mai so ist es“ im Kriterion Verlag. In Deutschland sind die meisten seiner Werke, abwechselnd Lyrik und Prosa, im Heidelberger Verlag „ Das Wunderhorn“ erschienen. So u.a. die Lyrikbände „Abschied, Laut und Wahrnehmung“ (1994), „Banater Alphabet“ (2001), In der Lyrikedition 2000 München brachte er die Bände „Anrufung der Kindheit“ (2003), „Vom Hören vom Sehen vom Finden der Sprache“ (2006) und „Im Garten von Edenkoben“ (2009) heraus. Für die Erzählung „Der Totengräber“ (Das Wunderhorn, 1997) erhielt der Autor den Preis des Landes Baden Württemberg. Hier weitere Prosabände: „Die Falten im Gesicht“ (1991), „Die Tür zur hinteren Küche“ (2000), „Das Feld räumen“ (2005), „Migrant auf Lebzeiten“ (2008). Unter dem Titel „Das Leben einer Akte. Chronologie einer Bespitzelung. Dokumentation (Das Wunderhorn, 2009) veröffentlichte Lippet ein Buch zu seiner Securitate-Akte. 2004 übersetzte Lippet Gedichte von Petre Stoica („Aus der Chronik des Alten“). Johann Lippet wurde u.a. auch mit dem Deutschen Sprachpreis 1989 ausgezeichnet und erhielt mehrere Förder- und Arbeitsstipendien.
Balthasar Waitz

Theater des Absurden vom Besten

Das Februar-Event am DSTT: Premiere mit „Warten auf Godot“ von Samuel Beckett

Der unsteten Krisenzeit bestens angepasst scheint man beim Deutschen Staatstheater Temeswar zu sein: Mit „Warten auf Godot“ von Samuel Beckett soll an der deutschen Schaubühne am Samstag, dem 21. Februar, um 19 Uhr, im DSTT-Saal eines der repräsentativsten Stücke des absurden Theaters Premiere haben. „Warten auf Godot“ (En attendant Godot) wird heute als das bedeutendste Stück des irischen Schriftstellers und Literaturnobelpreisträgers (1969) Samuel Barclay Beckett (1906, Dublin- Dezember 1989, Paris) angesehen. Sein Nachruhm gründet sich hauptsächlich auf dieses Stück, dessen Titel im Deutschen zu einer Redewendung geworden ist. 1949 fertiggestellt, erlebte das Stück 1953 im Pariser Theatre de Babylone seine Uraufführung. Eine erste deutsche Aufführung fand im gleichen Jahr in Berlin statt. Mit einer Handlung als Leerlauf, Gestalten, die sich im Kreise drehen und dem kaum Hoffnung schaffenden Schluss wird „Godot“ der Philosophie des Existenzialismus nahegebracht.
Beckett, der ab 1937 ständig in Frankreich lebte, verfasste seine ersten Texte in englischer Sprache, schrieb dann Französisch, um darauf abzuwechseln oder seine Werke selbst in die jeweils andere Sprache zu übersetzen.
Das DSTT gastiert mit Ioneso-Stück in Arad: Szene aus „Die kahle Sängerin“ von Eugene Ionesco
Foto: DSTT
Die DSTT-Premiere erfolgt in der Spielleitung der jungen deutschen Gastregisseurin Christiane J. Schneider Die Regisseurin (1974 in Düsseldorf geboren) studierte Regie bei Cornel Franz an der Bayrischen Theaterakademie August Everding in München. Nach dem Studium arbeitete sie als Regieassistentin am schauspielfrankfurt (u.a. bei Andre Wilms, Armin petras und Anselm Weber). In Frankfurt inszenierte sie 2004 „Jack und Jill“ von Jane Martin und „Red Rubber Balls“ von Peter Verhelst. Seit der Spielzeit 2006/07 ist sie Hausregisseurin am Nationaltheater Mannheim. Mit „Jack und Jill“ wurde sie 2005 zu Radikal jung eingeladen.
Für Bühnenbild und Kostüme zeichnet Sandra Meurer als Gast aus Mannheim, für die Kampfszenen Attila Balazs. Es spielen Rare{ Hontzu, Radu Vulpe, Peter Papakostidis, Horia S²vescu und Simona Vintil². Die Vorstellung wird simultan ins Rumänische übersetzt. Eine weitere Darbietung ist für Mittwoch, den 24. Februar, um 19 Uhr, ebenfalls im DSTT-Saal, anberaumt.
Weiterhin absurdes Theater (Ionescos „Die kahle Sängerin“) aber auch viel Komödie steht auf dem restlichen DSST-Spielplan des Februars, im hauseigenen Saal: „Komödie im Dunkeln“ von Peter Shaffer (5.Februar, 19 Uhr), das Märchenmusical „Der Zauberer von Oz“ nach einer Vorlage von L. Frank Baum (9., Februar, 11 Uhr), „Alles zu seiner Zeit“ von Davis Ives (9. Februar, 19 Uhr ), „Fräulein Braun“ von Ulrich Hub (10. Februar, 19 Uhr) sowie „Die kahle Sängerin“ von Eugen Ionesco (26. Februar, jeweils 19 Uhr). Zudem wird das Lustspiel „Alles zu seiner Zeit“ am 15. Februar, um 20 Uhr, in Sarajevo gezeigt. Für den 23. Februar, um 11 und 19 Uhr, ist ein Gastspiel im Arader Ioan-Slavici-Theater mit „Der Zauberer von Oz“ und „Die kahle Sängerin“ eingeplant.
Eintrittskarten sind an der Theaterkasse Dienstag, Donnerstag und Samstag von 10 bis 13 Uhr und freitags von 10 bis 13 sowie von 17 bis 19 Uhr erhältlich. Abendkasse eine Stunde vor Vorstellungsbeginn. Reservierungen auch unter Telefon 0256-43 57 43 und Fax 0256-20 12 93 sowie auch im Internet unter
www.deutschestheater.ro
Balthasar Waitz

„Der Revisor“ auf der Temeswarer Bühne


Gogols Stück bleibt nach wie vor aktuell
Es regnet und es riecht nach gebratenem Fleisch, wenn die Zuschauer den ehemaligen Reitsaal des k.u.k.-Siebenbürgerregiments betreten, um das neueste Stück des Temeswarer Nationaltheaters „Der Revisor“ von N.V.Gogol zu sehen. In dieses Ambiente verlegt der Regisseur Petru Vutcarau die Gestalten einer russischen Stadt, die den Besuch eines Revisors erwarten.
Das Stück handelt von Korruption, der Förderung sinnloser Werte und der Angst vor einer strafenden Instanz. Erfolgreich bringt Vutcarau eine Gesellschaft auf die Bühne, die von Gier, Heuchelei und Korruption definiert wird. Eine Welt, in der charakterlose Menschen und korrupte Beamte das letzte Wort haben. Ein Stück, das an manchen Stellen mit dem heutigen Rumänien identifizierbar ist.

Catalin Ursu in der Rolle des Revisors

Foto: Privat


Die Beamten einer russischen Kleinstadt sind aufgeregt, weil die Ankunft eines Revisors angesagt worden ist. Die Panik ist umso mehr gerechtfertigt, da rund um jedes Amt ein korrupter Filz herrscht: Bestechung steht in den staatlichen Institutionen auf der Tagesordnung. Ein unterhaltsames Stück mit Substanz, politischen Anspielungen, ziselierten Rollen und originellen Kostümen. Dynamik und Lebendigkeit prägen die dreistündige Vorstellung. Der Szenenübergang erfolgt tänzerisch und rhythmisch, so dass der Zuschauer den Puls der Stadt fühlen kann.
Gogol (1809–1852) hat mit seinem Stück „Der Revisor“ ein überaus komisch-groteskes Stück über korrupte Strukturen und die ihnen zugeordneten menschlichen Deformationen geschrieben, die sich in der heutigen Gesellschaft zu oft widerspiegeln. Vutcarau gelingt es, eine erfolgreiche Verzahnung zwischen Gegenwart und Vergangenheit zu schaffen. Die Gestalten weisen moderne, grundsätzlich negative Charakterzüge auf: Ein Kellner, der agrammatisch im Slang spricht und die jungen Schlauberger der heutigen Gesellschaft ins Gedächtnis ruft, ein falscher Revisor (Catalin Ursu), der von allen gepriesen wird, und eine leicht manipulierbare Gesellschaft, die sinnlose Poplieder singt – eine Anspielung auf die seichten Pophits, die derzeit „in“ sind. Der Zuschauer lacht, wird aber gleichzeitig zum Nachdenken gezwungen.
Wo die Fiktion endet und wo die Realität beginnt, bleibt für jeden offen.
Ana Saliste

Alcatel-Lucent eröffnet Global-Center

200 neue Arbeitsplätze für Fachleute in Temeswar
/ Von Andreea Oance

Der weltweit führende Hersteller und Anbieter von Telekommunikations- und Netzwerkausrüstung, Alcatel-Lucent (ALU), erweitert seinen Service in Temeswar/Timisoara. Ein neues Ressort wurde am Freitag offiziell eingeweiht. Das Zentrum für die globale Netzwerkverwaltung bei Alcatel-Lucent wird künftig 200 neue Arbeitsplätze bereit stellen. Derzeit arbeiten in der Abteilung für Dienstleistung insgesamt 310 Personen. Die französisch-amerikanische Gesellschaft hat derzeit insgesamt 1.300 Angestellte in Rumänien und verspricht weiterhin landesweit zu investieren. „Einer der Hauptgründe zur Niederlassungsgründung in Rumänien war für Alcatel-Lucent neben den niedrigen Kosten auch die gute Ausbildung der Fachleute. Wir glauben weiterhin an die Kompetenz der Rumänen und wollen hier weiter ausbauen“, sagte Raoul Ros, Leiter der Gesellschaft in Zentral- und Osteuropa. Somit soll die Anzahl der Angestellten hierzulande bis Jahres Ende 1.500 erreichen. Gerüchte über weitere Stellenstreichungen sollen dadurch abgebaut werden. Nahezu einhundert Mitarbeiter der Firma Alcatel-Lucent in Temeswar protestierten vergangenen Herbst und sorgten für Schlagzeilen: Mehrere Arbeitsplätze wurden zum indischen Unternehmen Wipro verlagert. Die Mitarbeiter befürchteten, dass nach der Verlegung der Arbeitsplätze viele ihren Job verlieren würden. „Die Auslagerung betraf 500 Arbeitsplätze, die an Wipro und HP abgetreten wurden. Wir hatten leider keine Wahl, denn wir mussten uns eben an den Wirtschaftsmarkt anpassen. Wipro ist eine sehr große Gesellschaft und wird in Temeswar ausbauen“, sagte Ros.

Netzwerke aus Europa, dem Mittleren Osten und Afrika werden in Temeswar verwaltet.

Foto: Andreea Oance

Nun werden hier neue Arbeitsstellen gegründet. Der Hersteller und Anbieter im Bereich der Telekommunikations- und Netzwerkausrüstung sucht in den kommenden zwei, drei Monaten Fachleute, die bereit sind, im neuen Ressort zu arbeiten.
Das neue Zentrum bietet Service für Kommunikationsnetzwerke in Europa, im Mittleren Osten und in Afrika. Die Kunden sind unter anderen Britisch Telecom (Großbrittanien), e-plus (Deutschland) und Base (Belgien). 2006 ging das französische Unternehmen Alcatel mit dem amerikanischen Lucent Technologies eine Fusion ein. Alcatel-Lucent ist derzeit ein weltweit führender Hersteller und Anbieter im Bereich Telekommunikations- und Netzwerkausrüstung. Die Firma beschäftigt etwa 1.300 Personen in Rumänien und erzielte auf Konzernebene im Jahr 2008 einen Umsatz von 192 Millionen Euro.

Elektronische Gesundheitskarte vorgestellt

Hausärzte könnten Bürokratie vermeiden

/ Von Raluca Nelepcu


„Will es die Regierung nicht oder kann sie es nicht?“, fragt sich der Temeswarer Arzt Florin Bîrsasteanu rhetorisch, wenn es um die elektronische Gesundheitskarte mit eingeschlossener medizinischer Datenbank eines jeden Patienten, eine Realisierung der Firma „Syonic“, geht. IC Med heißt das System, das vor zwei Jahren in ganz Rumänien eingeführt werden sollte – eine diesbezügliche Ausschreibung des Ministeriums für Gesundheit hatte das IT-Unternehmen „Syonic“ mit Sitz in Temeswar/Timisoara gewonnen. Nach dem Regierungswechsel als Folge der Wahlen von 2008 wurde das Projekt nicht mehr umgesetzt. Vor Kurzem stellten Dr. Florin Bîrsasteanu und Andreas Kuglis, Managing Partner bei Syonic, das IC Med-System und die elektronische Gesundheitskarte in Temeswar vor. Das Röntgenzentrum von Dr. Bârs²{teanu ist Nutznießer des Systems.
Das IC Med-System für Ärzte wurde 2007 auf den rumänischen Markt gebracht. Im Verwaltungskreis Temesch kommt es etwa 500 Nutznießern aus über 240 Arztpraxen zu Gute. Die elektronische Patientenkarte wurde 2009 flächenübergreifend eingeführt. In acht Notaufnahmestationen der Region gibt es ein System, das die elektronischen Gesundheitskarten liest. In Temeswar wurden das Kreiskrankenhaus und das städtische Krankenhaus mit dem System ausgestattet.


Andreas Kuglis präsentiert die elektronische Gesundheitskarte. „Die Karte kann Leben retten“, sagt der Managing Partner bei Syonic.
Foto: Zoltán Pázmány

„Die Karte kann Leben retten“, sagt Andreas Kuglis. Darauf sind alle klinischen Daten des Patienten gespeichert. Der Arzt hat anhand einiger Mouse-Clicks Zugang zu allen Informationen, die die Gesundheit bzw. bisher behandelte Krankheiten des Patienten betreffen. „Man kennt die medizinische Vorgeschichte und weiß zum Beispiel, ob der Patient auf irgendwas allergisch reagiert. So können schwerwiegende medizinische Unfälle vermieden werden“, erklärt Andreas Kuglis die Vorteile einer solchen Karte. Der Patient selbst kann online seinen Gesundheitszustand überprüfen, Änderungen des Eingespeicherten kann jedoch nur der Arzt vornehmen. Hinzu kommt, dass alle Infos auch in drei Fremdsprachen abrufbar sind: Englisch, Deutsch und Ungarisch. „Viele Banater reisen ins Nachbarland Ungarn – vor allem nach Szeged – zur medizinischen Behandlung. Mit Hilfe der elektronischen Karte können Kosten gespart werden: Der Arzt aus Ungarn schickt den Patienten nicht mehr zu allen Untersuchungen, weil er die Vorgeschichte des Kranken von der Karte abgelesen hat“, erklärt Kuglis. Auf der Karte können auch Röntgenbilder im PDF-Format gespeichert werden. In einer Apotheke, die mit einem Kartenleser ausgestattet ist, kann die Wartezeit des Kranken erheblich reduziert werden. Die Karte wird in den Kartenleser eingeführt und das Rezept quasi sofort abgerufen.
Hausärzte, die das System bereits eingeführt haben, weisen ausschließlich auf Vorteile hin. Die Bürokratie sei endgültig aus dem Weg geschafft, sagen sie, weil das Rezept sofort und fehlerlos gedruckt werden kann. Eine doppelte Untersuchung kann ebenfalls vermieden werden, sagen Hausärzte. Die Kosten von rund 150 Lei im Monat, die Hausärzte für das System zahlen müssen, seien gerechtfertigt. Die elektronische Karte kann von Patienten für 45 Lei für ein Jahr, 72 Lei für zwei Jahre und 90 Lei für drei Jahre beantragt werden. Interessenten können von der Internetseite
www.carddesanatate.ro
derartige Gesundheitskarten bestellen.


Gefängnis erfolgreich im Geschäft

Kosten durch Eigenwirtschaft herabgesetzt
/ Von Andreea Oance

Arbeit gegen freie Tage – dies ist die Losung in der Temeswarer Haftanstalt. Die meisten Häftlinge, die im offenem und halboffenem Vollzug inhaftiert sind, arbeiten und können somit Geld verdienen, aber auch bis zu einer Woche pro Monat frei bekommen. Eine Tischlerwerkstatt, Ausbildungskurse für Köche und Kellner, aber auch im Bereich der Landwirtschaft und der Viehzucht - den Häftlingen wird die Möglichkeit geboten, sich nach der Haftentlassung leichter wieder in die Gesellschaft zu integrieren. Die Inhaftierten können in Temeswar/Timisoara eine Ausbildung in verschiedenen Arbeitsbereichen machen und bekommen Zeugnisse vom Arbeitsministerium.
Die Verwaltung der Temeswarer Haftanstalt sichert durch die Arbeit der Inhaftierten das Notwendige für die Anstalt. Das Essen wird zum Großteil von der Haftanstalt durch eigene Produktion von Lebensmitteln gesichert und das durch die Arbeit auf den Nutzflächen für Landwirtschaft und Viehzucht sowohl in Temeswar, als auch im Temescher Kurort Busiasch/Buzias.



Temperatur und Luftfeuchtigkeit sind wichtige Faktoren für den Anbau der Austernpilze (Pleurotus).


Novum: Pleurotus-Pilze
Im Kuncz-Viertel stehen zehn Hektar Fläche zur Bearbeitung zur Verfügung. Obst, Getreide und Gemüse werden hier angepflanzt. 14 Häftlinge arbeiten im agro-zootechnischen Garten der Haftanstalt Temeswar. Seit Dezember gehen sie einer neuen Beschäftigung nacht. Es ist der Anbau von Austernpilzen (Pleurotus). Dies ist zurzeit ein Pilotprojekt. Die Verwaltung der Temeswarer Haftanstalt testet die neue Technik zum Anbau von Austernpilzen. „Die Technik ist komplex und stark unterschiedlich zu anderen Arten von Pilzen“, erklärt der Gartenbauingenieur Adrian Iordanescu. „Auf der Nutzfläche im Kuncz-Viertel haben wir bis im Herbst vergangenen Jahres Schweine gezüchtet, doch wir haben die Genehmigung für die Tierzucht aus umwelttechnischen Gründen nicht verlängert bekommen, so dass wir nun neue Ideen umsetzen. Die Pilze gelten als guter Fleischersatz, vor allem vom Eiweißgehalt her, sie sind gesünder und auch günstiger“, sagt Georgica Alexeev, Leiter der Haftanstalt mit offenem und halboffenem Vollzug in Temeswar.
Diese Art von Pilzen werden in keiner anderen Haftanstalt in Rumänien angebaut. Auf der Nutzfläche in Temeswar werden die Pilze auf ungefähr 100 Quadratmetern gezüchtet. Zwei Räumlichkeiten wurden speziell dafür eingerichtet. Eine Anlage sichert die notwendige Temperatur und Luftfeuchtigkeit für die Entwicklung der Pilze. In Nylonsäcken befindet sich eine spezielle Mischung aus zellulosehaltigen Stoffen (hauptsächlich Stroh) und das Myzel. Laut Gartenbauingenieur Iord²nescu dauert ein Produktionszyklus der Pilze etwa drei Monate. Bei der kommenden Phase der Ernte erwarten die Züchter etwa 1.200 bis 1.500 Kilogramm Pilze. Die ersten Pleurotus-Pilze wurden bereits geerntet. „Eine Malzeit auf Pilz-Basis ist sehr proteinreich. Ich wünsche mir für die Zukunft, den Häftlingen zwei bis drei Mal in der Woche ein Menü mit selbst angebauten Pilzen anzubieten“, sagt Alexeev.

200 Hektar Nutzfläche in Busiasch
Etwa 200 Hektar besitzt die Haftanstalt in Busiasch. Dort werden derzeit Getreide (Mais und Futterwicke) angebaut, Kühe und Schafe gezüchtet. Die Nutzfläche in Busiasch ist die größte und am besten ausgestattete von allen Grundstücken, die die Temeswarer Haftanstalt besitzt. Zwölf Häftlinge sind dort untergebracht und arbeiten sowohl im Viehzucht- als auch im Ackerbaubereich. Das angebaute Getreide wird als Futter für die Tiere in der Busiascher Farm verwendet. 1.000 Schafe und fast 60 Kühe sichern das tägliche Essen für die 1.200 Häftlinge und 300 Angestellte der Anstalt mit offenem und halboffenem Vollzug.
„Da wir eben vom Staatshaushalt abhängig sind, versuchen wir, unsere Kosten auf das Geringste zu reduzieren. Darum möchten wir die eigene Produktion entwickeln“, sagt Gefängnisleiter Georgica Alexeev. Der Anbau von Pilzen könnte somit auch auf die Produktionsfläche für Landwirtschaft und Viehzucht in Busiasch ausgeweitet werden. Der Leiter der Temeswarer Haftanstalt wünscht sich in Zukunft auch eine Rinderfarm, sowie eine Schweinefarm in unmittelbarer Nähe der Modoscher-Brücke bei Temeswar.



Der agro-zootechnische Garten der Haftanstalt in Temeswar


2009 - Gewinn aus eigener Produktion
Laut der Jahresbilanz 2009 hat die Haftanstalt Temeswar im Bereich Landwirtschaft und Viehzucht 111 bzw. 103 Prozent des Vorgenommenen realisiert. Die Milchproduktion ist um 30 Prozent gestiegen. Für das laufende Jahr möchte die Verwaltung der Haftanstalt auch die Geflügelzucht erweitern.
Um die Haftzeit schneller vergehen zu lassen, wählen viele der Inhaftierten, in den verschiedensten Bereichen zu arbeiten. Wie bereits erwähnt, sorgt die Haftanstalt auch für die Ausbildung der Häftlinge. Eine Werkstatt für Holzverarbeitung und Tischlerei wurde neulich im Kuncz-Viertel eingerichtet. Die Inhaftierten werden dort Möbel für die Haftanstalt anfertigen.
Fast drei Millionen Lei hat das Temeswarer Gefängnis im vergangenen Jahr aus gemeinnütziger Tätigkeit verdient – weniger als in den vergangenen drei Jahren. Die Arbeit eines Inhaftierten kann für bis zu 80 Lei pro Tag entlohnt werden. Das Durchschnittsgehalt eines Häftlings kann sogar 1.245 Lei im Monat betragen. Aus diesem Gehalt bekommt der Häftling 30 Prozent, der Rest des Gelds geht in die Kasse der Haftanstalt.


Berufsausbildung wird angeboten. Inhaftierte fertigen hier Gefängnismöbel.

Fotos: Andreea Oance


Vom Callcenter zur Fliegerei

Die in Reschitza gegründete „Netex“ feierte ihr zehnjähriges Bestehen

200 Doppelbettzimmer und den Festsaal hatte die in Reschitza/Resita gegründete und in Temeswar/Timisoara beheimatete „Netex Consulting SRL“ zur Feier ihres zehnjährigen Bestehens im noblen Hermannstädter „Continental Forum“ reserviert. Es reisten diesmal auch die Mitarbeiter aus Serbien und der Ukraine an sowie aus den fünf rumänischen Filialen. Mit der Firmengründerin und -mitbesitzerin Andreea Kremm führte die BZ das folgende Gespräch:

Die gegenwärtige Leitung von „Netex“ und die beiden Firmenbesitzer (Mitte) (v.l.n.r.): Anita Taras (Assistent Manager), Claudiu Patt, Andreea Kremm, Leo Frumuzache (Geschäftsführer).

Hat die finanzielle Unterstützung durch die „Banater Stiftung für Internationale Kooperation `Banatia`“ bei der Gründung der Firma „Netex“ genutzt?

Bei der Gründung nicht. Ein Jahr später, als die Expansion finanziert werden musste und wir noch nicht genügend Kapital hatten, bekamen wir einen zinslosen Kredit mit fünfjähriger Laufzeit von der Banatia-Stiftung, der es uns ermöglicht hat, neue Kunden zu gewinnen und unsere Entwicklung als Firma fortzusetzen. Für Banken waren wir noch nicht kreditwürdig und die Banatia Stiftung machte es uns möglich, von einem kleinen zu einem mittleren Unternehmen zu wachsen.

Welches sind die Verzweigungen von „Netex“? Welche anderen Standbeine hat „Netex“?

Der Netex-Konzern hat zurzeit zwölf Standorte in fünf Städten Rumäniens: Temeswar, Hermannstadt/Sibiu, Agnetheln/Agnita, Klausenburg/Cluj-Napoca und Reschitza, in Serbien, in Neusatz/Novi Sad, der Ukraine, in Lemberg/Lviv und in Deutschland, in Sondershausen. Die Standorte in Osteuropa sind die eigentlichen „Produktionsstandorte“ und da Osteuropa nach wie vor mit Problemen wie Strom- oder Internetausfall zu kämpfen hat, mussten wir uns breitgefächert verteilen, um trotzdem eine große Erreichbarkeit unseren Kunden anzubieten. Außerdem ist die Personalaquise für uns an mehreren Standorten gleichzeitig leichter als an nur einem, was unsere Wachstumsrate enorm beschleunigt hat. Die ausländischen Standorte geben uns Stabilität und Immunität gegenüber der rumänischen gesetzlichen Willkür, mit der finanziell relevante Gesetze geändert werden, manchmal auch rückgängig wirksam. Außerdem ermöglicht es uns, einen Feiertagsservice anzubieten, da die verschiedenen Religionen in den verschiedenen Ländern an jeweils anderen Kalendertagen die religiösen oder nationalen Feiertage begehen.
Außer Call Center beinhaltet der Netex-Konzern noch eine Baufirma und ein Luftfahrtunternehmen, das vorläufig einen Heißluftballon in Temeswar betreibt (www.balloony.ro).

Wie groß ist in Rumänien die Konkurrenz unter den Call-Centern?

In Rumänien hat sich der Call-Center-Markt weitestgehend kristallisiert. Die meisten Call Center sind Filialen westeuropäischer Unternehmen, die nur den jeweiligen Eigenbedarf decken und nicht für andere Kunden tätig sind. Durch die hohe dafür erforderliche Spezialisierung des Personals stellen sie als Arbeitgeber keine direkte Konkurrenz für uns dar. Netex Ukraine und Serbien sind Marktführer in den jeweiligen Städten. In Serbien konnten wir 2009 sogar ein Konkurrenzunternehmen aufkaufen und sind dadurch explosionsartig gewachsen.


Einer der ersten Temeswarer Angestellten von „Netex“, Tiberiu Jasz, heute Abteilungsleiter.


Warum sollte man in Rumänien, warum in der Ukraine, warum in Serbien investieren?

Die Zeiten, wo eine Investition in Rumänien eine gute Idee war, ist meiner Meinung nach vorbei. Die Gehaltsforderungen sind gestiegen, die Qualitätsleistung konnte nicht mithalten. In Rumänien findet man zurzeit nur schlecht qualifizierte Mitarbeiter mit hohen Gehaltsforderungen. Wegen dem EU-Beitritt. In der Ukraine und Serbien sind die Gehaltsvorstellungen noch sehr realistisch und die Kaufkraft ausländischer Währungen relativ hoch. Außerdem gibt es in Serbien EU-finanzierte kostenlose Starthilfeunternehmen für Auslandsinvestoren, was Serbien besonders attraktiv macht. Kostenlose Unterstützung für die Firmengründung und die ersten nötigen organisatorischen Maßnahmen, wie Räume mieten und Personal einstellen, bekommt man. In der Ukraine gibt es solche Hilfen nicht und man muss nach wie vor extrem teure Rechtsanwälte bezahlen, um eine etwa 6-12 Monate dauernde Firmengründung zu überstehen.
Das größte Problem für ausländische Investoren in allen drei Ländern stellt die Tatsache dar, dass keines der drei die Mehrwertsteuer-Rückerstattungen in einer für die Firmen annehmbaren Weise geregelt hat und man die Vorsteuer entweder nach Jahren, unvollständig oder teilweise gar nicht zurück bekommt.

Durchschnittsalter der Netex-Arbeitnehmer? Der Chefs/Abteilungsleiter?

Wir stellen vorwiegend Berufsanfänger ein, entweder frisch gebackene Abiturienten, Hochschulabgänger oder Studenten im letzten Studienjahr. Daher liegt das Durchschnittsalter bei unter 25 Jahren. Die Abteilungsleiter sind zusammen mit uns gewachsen und sind daher entsprechend älter, im Durchschnitt Anfang 30.

Spezifische Probleme – Heiraten, Scheidungen, Mutterschaftsurlaub... und: Wie leicht/ schwer sind ältere Arbeitnehmer integrierbar bei „Netex“?

Wir haben überhaupt keinen Grund, irgendjemanden zu diskriminieren. Daher stellen wir gerne jeden älteren Bewerber ein, der für den Job qualifiziert ist. Da aber das Team jung ist, tun sich manche, die schon in den 40ern sind, schwer, sich bei uns wohl zu fühlen. Aber bei Abteilungen, die Berufs- und Lebenserfahrung fordern, wie Buchhaltung oder Personalmanagement, da haben wir auch Kollegen, deren Lebensjahre schon mit 4 anfangen.
Weil alle noch so jung sind, passiert es relativ oft, dass bei uns im Betrieb auch der Partner fürs Leben gefunden wird. Wir haben jedes Jahr mindestens eine betriebsinterne Hochzeit. Bald folgen die zwei Jahre Mutterschaftsurlaub, aber durch unsere sehr hohe Expansionsrate stört uns das nicht, da wir immer neues Personal einstellen können, wenn jemand ausfällt. In Serbien allerdings ist es ein großes Problem, weil dort der Arbeitgeber über die ganzen zwei Jahre Mutterschaftsurlaub das Gehalt bezahlen muss, um es dann vielleicht irgendwann vom Staat wieder zu bekommen – oder auch nicht.

Jahresumsatz von „Netex“ vor Steuern?

Die Jahresabschlüsse gibt es in Osteuropa nicht vor März, also weiss ich selber den Umsatz noch nicht, aber er ist sicher im 7stelligen Eurobereich. Unser jährliches Wachstum war in den ersten drei Jahren 100 Prozent, wir haben also jedes Jahr verdoppelt. Zwischenzeitlich hat sich unser Wachstum auf ca. 20-30 Prozent eingependelt. Einzige Ausnahme war das Jahr 2008, in dem es kein Wachstum gab, weil es uns vor der Wirtschaftskrise sehr schwer fiel, genügend neues Personal einzustellen, wegen der hohen Gehaltsvorstellungen in Rumänien. Heute beschäftigt der Netex-Konzern über 360 Mitarbeiter.

Alle Teilnehmer am Netex-Zehnjahrestreffen in Hermannstadt.

Beziehungen zur rumänischen, ukrainischen, serbischen Steuerbehörde.

Wir sind brave Steuerzahler, so brav, dass wir in Rumänien jedes Jahr von der Handelskammer einen Preis für den höchsten Gewinn unserer Branche, also auch die höchstbezahlten Steuern, bekommen. In den letzten zwei Jahren haben wir auch Preise von der Handelskammer Rumäniens bekommen, nicht nur von der aus Temesch, unserem Hauptsitz. Wir sind inzwischen so weit, dass wir jedes Jahr mehrmals selber eine Kontrolle vom Finanzamt verlangen, um die mit dem Umsatzwachstum zusammenhängenden „obligatorischen“ Strafzahlungen so gering wie möglich zu halten. Mit den ukrainischen und serbischen Steuerbehörden sind wir zum Glück bisher noch nicht in Kontakt gekommen.

Staatliche Schikanen gegen Privatunternehmer?

Bis auf die Tatsache, dass man weder vor zehn Jahren, noch heute, die Mehrwertsteuer vollständig und rechtzeitig zurückbekommt vom Finanzamt, wird man weitestgehend in Ruhe gelassen vom Staat. Vorausgesetzt, man bezahlt brav die Steuern und alle staatlichen Abgaben und natürlich die „obligatorischen“ regelmäßigen kleinen „Feiertagsaufmerksamkeiten“ an alle Behörden, die einen möglicherweise kontrollieren kommen könnten. Schmiergeld hat aber keine Behörde mehr verlangt, mit der wir in Kontakt gekommen sind. Seit 2003.

Perspektiven, geschäftlich, personalmäßig, europaweit?

Wir sind noch lange nicht am Ende der Fahnenstange. Mitte Februar sind wir auf der Call Center World in Berlin, der größten europäischen Branchenmesse, vertreten und suchen aktiv neue Geschäftspartner, um unsere Expansionsrate auch in Zukunft beibehalten zu können. In Temeswar bauen wir einen neuen Firmensitz, in Hermannstadt kaufen wir uns einen. Wir sind also dabei, unsere Standorte zu festigen und weiter auszubauen. Als Expansionsprojekt ist 2010 die Republik Moldau angedacht.
Der Schritt vom Call Center in die Luftfahrt, den wir 2009 mit unserem Heißluftballon gemacht haben, wollen wir weiter ausbauen, indem wir ein kleines Flugzeug zu kaufen planen, mit 9 Passagierplätzen. Damit möchten wir die kleinen Flughäfen in Rumänien anfliegen, wo es keine Betonpiste für grosse Linienflieger gibt, aber trotzdem wirtschaftliches Potential vorhanden ist, wie zum Beispiel Bra{ov/Kronstadt. Wir denken, dass die Luftfahrt in Rumänien noch in den Kinderschuhen steckt, was das Know-how und die Technik betrifft, aber dass genügend Geld schon vorhanden ist, um für Privatjets zu bezahlen. Bei den ziemlich geringen Kosten von 150 EUR / Flugstunde wird es sicherlich so mancher Geschäftsmann vorziehen, eine oder zwei Stunden in eine rumänische Großstadt ohne Flughafen mit Betonpiste zu fliegen, anstelle einen ganzen Tag damit zu verbringen, auf den schlechten, gefährlichen und langsamen rumänischen Straßen von einer Ortschaft zur anderen zu schunkeln.

Fotos: Max