Eybl-Prevent - mit kleinen Schritten zurück in die Normalität Von Siegfried Thiel
„Es ist eben ein Einkommen mehr“ – Valentina Natanticu strahlt, als hätte sie ein wunderschönes Geschenk bekommen. Es kommt zwar nach Weihnachten, doch vielleicht hat sie sich dies ja auch ganz stark zu Neujahr gewünscht – wieder an ihren alten Arbeitsplatz zurückkehren. Und dieser Arbeitsplatz ist ihre Nähmaschine bei Eybl International in Detta/Deta, an der sie vor ihrer Entlassung zweieinhalb Jahre lang gearbeitet hatte. Die kleine Stadt im westrumänischen Verwaltungskreis Temesch/Timi{ war vor zwei Jahren noch wahrhaftig eine Hochburg der Automobilzulieferer. Sitzbezüge bzw. Lederlenkräder wurden in drei Produktionseinrichtungen internationaler Konzerne hergestellt, doch dann kam die Wirtschaftskrise. Nach einem harten Jahr mit sozialen Einschnitten zeichnet sich seit kurzem ein Aufwind ab. Auch sonst ist Optimismus angesagt, denn in der Stadt, die vor der Wende von Furnierherstellung lebte, sind die Automobilzulieferer auf der Suche nach neuem Personal, mieten Hallen an und planen zumindest mittelfristig im Bereich Ausbildung.
Eybl: Von der Pleite zum Neuaufbau
Der Werksleiter Ernst Holzheimer muss sich bei seinem Amtsantritt im Herbst 2008 wie ein Konkursverwalter vorgekommen sein. Eybl International war pleite, und damit auch der Rumänienstandort des österreichischen Konzerns. „Ich wollte zu einem Zeitpunkt gar nicht mehr in die Produktionshalle“, sagt heute die Personalchefin Teodora Bandur. Das allein zeigt schon, welcher Gemütszustand im Werk neben dem Stadtpark von Detta herrschte, als Personalentlassungen auf der Tagesordnung standen. Innerhalb weniger Monate wurden etwa 1.400 der ehemals 1.700 Arbeitnehmer entlassen; aber auch für die anderen war der Job in Frage gestellt, als in der Eybl-Zentrale im österreichischen Krems Konkurs gemeldet wurde. Allein der neue Werkschef Ernst Holzheimer versprühte in kurzen Sätzen immer wieder Optimismus: „Wir werden die letzten Arbeitsplätze retten. Die Aussichten auf einen neuen Aktionär sind nicht schlecht“. Mit solchen und ähnlichen Aussagen ließ er gelegentlich aufhorchen. Und plötzlich war der deutsche Automobilzulieferer Prevent im Gespräch, kurze Zeit später war der Erhalt der Eybl-Niederlassung in Detta Fakt. „Eybl ist ein Markenname und deshalb bleibt er auch unter den neuen Gegebenheiten erhalten“, sagte bereits gleich nach der Übernahme der Projektleiter von Prevent, Karl-Heinz Bierenbreier.
„Es war weder von vornherein klar, dass Eybl als Standort erhalten bleibt, noch darf die Rettung des Konzerns an mir und meinem Namen festgemacht werden“, sagt heute Ernst Holzheimer. Dass Detta mitübernommen wurde, geht laut Holzheimer vor allem auf die gesamte Belegschaft zurück, die auch in einer schlechten wirtschaftlichen Lage - nach der Insolvenz der Österreicher - flexibel war und den Anforderungen der Kunden gerecht wurde. „Wir haben uns einfach gut verkauft und damit wieder ins Spiel gebracht", lobt der Werksleiter seine Mitarbeiter. Solche Aspekte waren letztendlich wohl ausschlaggebend für die Entscheidung in der Chefetage bei Prevent.
Ausbildung für VW-Ansprüche
Etwa 125 Arbeitnehmer hat das Dettaer Unternehmen in den letzten Monaten eingestellt, die Strategie des Betriebs zeigt, dass weitere Aufstockungen nicht auszuschließen sind. Ernst Holzheimer und Ion Jinaru, Direktor der Schulgruppe „Sfântul Nicolae“ in Detta basteln an einer Zusammenarbeit, die in den kommenden Jahren beiderseitige Vorteile bringen soll. In der Fachausbildung wollen Schule und Werk einen gemeinsamen Weg gehen: Praktikum bei Eybl für die Abteilung der NäherInnen steht an, aber auch die Ausstattung des Schulateliers mit Nähmaschinen und Stoffen zum Anlernen will Eybl übernehmen. In Klartext heißt dies auch, dass der Faktor Qualität bei Eybl für ihre Sitzüberzüge für den Prevent-Kunden VW ganz groß geschrieben wird. Zwar bringen Fabrikbusse wieder Personal aus den umliegenden Ortschaften – und sogar aus dem Raum Orawitza/Oravi]a im Verwaltungskreis Karasch-Severin/Cara{-Severin – doch für eine eventuelle Personalaufstockung werden nicht generell die ehemaligen Arbeitnehmer berücksichtigt. Eybl hat bisher zwar bei den Neueinstellungen auf die entlassenen Mitarbeiter zurückgegriffen, wird jedoch in Zukunft, um den VW-Standard halten zu können, fachgerecht im Werk Personal ausbilden. In Zusammenarbeit mit dem örtlichen Gymnasium soll an der Abteilung für Textilfachleute eine Vorausbildung junger NäherInnen erreicht werden. Dazu will Werksleiter Ernst Holzheimer mit Nähmaschinen für die Schulwerkstatt, mit Fachpersonal und Betriebspraktika der Bildungseinrichtung entgegenkommen. Die Abteilung für Lederlenkräder bleibt wohl bei Eybl für immer geschlossen. Ein Teil der ehemaligen Belegschaft hat sich jedoch bei dem auf Lederlenkräder spezialisierten japanischen Unternehmen Takata einen Job gefunden – und für diese Kategorie hat sich außer dem Namen ihres Arbeitgebers nicht viel geändert: Takata hat nämlich die Produktion in der ehemaligen Werkhalle für Lederlenkräder bei Eybl angefahren.
Kommunalprojekte auch im Krisenjahr
Bau von Wohnungen für Jugendliche (ANL-Projekte), Asphaltierung von Straßen und Wegen, ein nach gehobenem Standard saniertes Krankenhaus: Das alles zählt der Bürgermeister Petru Roman unter der Rubrik „Detta lebenswerter machen“ auf. Einige der Projekte sind abgeschlossen, andere werden gerade durchgeführt. Weitere Investitionen stehen auf der Planungs- und Prioritätenliste. Bald schon soll ein Kulturhaus mit einem Kostenvoranschlag von mehr als drei Millionen Euro errichtet werden, weitere ANL-Wohnungen (36 sind fertig, weitere 64 werden demnächst errichtet) und ein Gebäude mit Sozialwohnungen kommen im Bereich Bauvorhaben hinzu. Die Ausweitung des Wasser- und Kanalisationsnetzes wird über einen Masterplan des regionalen Wasserbewirtschaftungsunternehmens „Aquatim“ erfolgen. Investitionsgelder aus nationalen Fonds, aber auch EU-Finanzierungen machten/machen die Projekte möglich: Der Bürgermeister der 6.500 Einwohner zählenden Kleinstadt blickt auf ein recht gutes Jahr 2009 zurück, auch wenn Wirtschaftskrise und die direkt damit verbundenen Einbrüche in der Automobilindustrie seinen Haushalt geschmälert haben.
Konsumvertrauen unten angesetzt
Eine kürzliche Umfrage hat ergeben, dass 48 Prozent der rumänischen Bürger seit Beginn der Wirtschaftskrise weniger Geld in der Tasche haben als zuvor. Nur 14 Prozent haben ein höheres Einkommen. Dass die Flaute auch auf Detta zutrifft, bedarf keines Fachwissens. Allein die mehr als 1000 Arbeitsplätze, die innerhalb relativ kurzer Zeit verloren gegangen sind, sprechen Bände. „Wir fühlen den Abbau der Arbeitsplätze schon, denn früher haben nicht nur die Dettaer, sondern auch die Pendler aus den Nachbarorten mit ihren Lebensmitteltickets und mit einem Teil ihres Lohnes bei uns eingekauft“, hatte bereits kurz nach Ausbruch der Wirtschaftskrise eine Verkäuferin im Allzweckladen im Stadtzentrum gesagt. „Manche haben Verkaufsfläche und Personal reduziert, einige wenige haben geschlossen“, sagt Ortsvorsteher Petru Roman über die Entwicklung des letzten Jahres im Handel. Trotzdem hat er auf seiner Liste der Sozialhilfeempfänger nur ganze 46 Bürger stehen.
Andere Aspekte machen ihm da mehr zu schaffen: Personal, das innerhalb der Dezentralisierung von Behörden unter die Obhut der Kommunalverwaltung musste, kommt dem Bürgermeister weder vom Hauhalt noch von der Personaldecke her gelegen. Neuesten Gerüchten zufolge soll die Anzahl der im Rathaus Beschäftigten recht genau mit der Anzahl der Bevölkerung in der jeweiligen Kommune in Verhältnis gebracht werden. In einer Stadt wie Detta, die dann verschiedene Ämter für 50.000 Bürger aus dem weiteren Umkreis beherbergt, ist das sofort eine doppelte Last. Und als separates Beispiel: Als das Personal der Behörde für Katastrophenschutz dezentralisiert wurde, kam das Geld für dessen Entlohnung gerade mal sieben Monate lang aus dem Staatshaushalt, danach wurde es ein Thema für die Kommunalkasse.
Der Bürgermeister will in seiner Einrichtung kein Personal entlassen, die Schule hat Eleven genug, um mit ihrem derzeitigen Schüler-, Klassen- und Lehrerbestand weiter zu machen und in den Werken der Stadt ist allgemein Aufbruchsstimmung angesagt. Trotzdem trägt das Konsumverhalten im Ort nach wie vor den Stempel der Wirtschaftskrise: Im Stadtzentrum, im Restaurant „Majestic“, wurde laut Insiderinformationen im September zum ersten Mal seit Eröffnung der Einrichtung im Jahr 1991 das Küchenpersonal zumindest bis zum Frühjahr entlassen. Nicht einmal ein kostengünstiges Tagesmenü im Angebot hat die Kunden angelockt – und an dieser Tatsache ist bestimmt nicht allein der Wintereinbruch schuld.
Profitierte von der Personalaufstockung bei Eybl: Valentina Natanticu

Schulleiter Ion Jinaru (links) und Ernst Holzheimer wollen schon ab 2. Semester gemeinsame Ausbildungswege gehen

Bürgermeister Petru Roman (rechts) hält Kontakt zur Wählerschaft
Fotos: der Verfasser