Viel Kleinkrieg in westrumänischer Kleinstadt/ Von Olivian Ieremiciu
Die Stadt Curtici hat keinen Krankenwagen. Seit einigen Monaten gibt es auch keinen Notfalldienst mehr. Die Kommunalbehörden machen für diesen Zustand die Ärzte verantwortlich. „Sie wollten den neuen Krankenwagen nicht. Für die Geräte und Instrumente hätten sie ein paar Lehrgänge absolvieren müssen. Sie hatten aber keine Lust dazu. Der Krankenwagen der Marke Mercedes, den sie hätten bekommen können, war ultramodern“, sagt der Vizebürgermeister der Stadt Curtici, Petru Miloaca. Was er außerdem noch bedauert, ist die Haltung der Ärzte der Stadt. „Wir haben ihnen die Immobilien zu einem Zehntel des Marktpreises verkauft. Nur um ihnen einen Gefallen zu tun, damit sie nicht wegziehen. Und das ist jetzt der Dank“, fügt der Vize hinzu.
Seit dem 01.05.2008 verfügt die Stadt über keinen Notfalldienst mehr. Aus Personalmangel, so auf einem Informationsblatt im Wartesaal des medizinischen Ambulatoriums der Stadt Curtici zu lesen.

Auf die Anschuldigungen aus dem Bürgermeisteramt wurde mit Empörung reagiert. Den Ärzten sollte kein Krankenwagen übergeben werden, sondern es wurde ihnen einer genommen. Der versprochene Krankenwagen sei kein Mercedes, sondern ein Fiat Punto gewesen. Und außerdem war es kein Krankenwagen an sich, sondern ein medizinischer Einsatzwagen. „Und wenn die vom Bürgermeisteramt so blöd waren, die Räumlichkeiten für die Arztpraxen unter Marktwert zu verkaufen, sollten sie wenigstens die Intelligenz haben, sich nicht auch noch damit zu rühmen“, sagt ein Befragter, der anonym bleiben möchte. Außerdem soll es auch nicht rentabel sein, einen Bereitschaftsdienst und einen Krankenwagen zu haben. „Wenn man wirklich einen Notfall hat, ruft man über 112 den Krankenwagen aus Arad - in einer Viertelstunde ist er da“, wird weiterhin erklärt. Nach Meinung einiger soll bei einer Stadt von ungefähr 8.500 Bürgern ein solcher Dienst nicht unbedingt nötig sein.
Unterkommissar Nicolae Scolobiuc, von der städtischen Polizei ist anderer Ansicht. „Falls ein Unfall passiert, und biologische Proben entnommen werden müssen, sollte dies gleich passieren und nicht eine Stunde später. Und die Proben müssen von Fachkräften abgezapft werden“.
„Das Bürgermeisteramt ist keine Distributionsfirma“
Das Bürgermeisteramt scheint zurzeit auch andere Probleme zu haben. Die Parlamentswahlen stehen an. Jetzt müssen die vom Staat versprochenen und von der EU gespendeten Zucker- und Mehlunterstützungen zu den Bürgern gebracht werden. Den Bedürftigen stehen 20 Kilogramm Mehl und fünf Kilogramm Zucker zu. Diese müssen aus den Depots gebracht werden. Da das Bürgermeisteramt über keine Lagerräume verfügt (zurzeit werden sie in Räumlichkeiten der Feuerwehr untergebracht), müssen die Hilfsgüter den Familien Freihaus geliefert werden. „Das auch deshalb, damit die Leute nicht zum Rathaus kommen und Streitereien anfangen. Dies sind zwar Zusatzkosten, die auf uns zukommen, aber wir müssen die Sache schnellstens erledigen“, sagt Miloaca.

Curtici: die Stadt ohne Geldsorgen
Ein Empfehlungsschreiben der Regierung besagt, dass die Städte- und Kommunalverwaltungen die Freiheit haben zu entscheiden, ob sie den Lehrern Lebensmitteltickets geben oder nicht. „Die Sachlage ist jedoch etwas anders. Wir können nicht unseren Lehrern sagen, dass wir ihnen keine Tickets geben. Ein Dorf weiter aber bekommen die Lehrer die Unterstützung. Die schlagen uns die Köpfe ein“, sagt weiter der Vize der Stadt Curtici.
Über Geldmangel klagt die Kommunalverwaltung jedoch nicht besonders. Die Einnahmen stammen von den Betrieben der „Freihandelszone“ bei Curtici und von der Industrie. In der Gegend sind auch Großunternehmer wie das Agrarkombinat des Dr. Dimitrie Musca, dem rund 7.000 Hektar Land, eine Molkerei und eine Wurstwarenfabrik in der Gegend gehören. „Diese steuern am meisten zum Stadthaushalt bei. Die Steuereinnahmen aus den Reihen der Bevölkerung sind eher gering“, sagt Miloaca.
Daher kann die Stadt auch Investitionen machen. 1,2 Millionen Euro sollen in einer Trinkwasser-Aufbereitungsanlage, Pumpen und neue Rohre für die Wasserversorgung in der Stadt investiert worden sein. Dies, nachdem in jedem Frühjahr die Kleinstadt mit dem Problem konfrontiert wurde, dass statt Wasser eine gelblich-braune Brühe aus den Wasserhähnen lief.
Für nächstes Jahr steht auch die Eröffnung eines neuen Grenzübergangs auf dem Programm. Derzeit führt aus dem rumänischen Grenzstädtchen Curtici eine Eisenbahnlinie nach Ungarn, für die Zukunft wird die Durchfahrt von Großlastern anvisiert. Dafür soll im Frühjahr der Bau der acht Kilometer langen Straße nach Ungarn (Lökeshaza) angefangen werden, Ende 2009 würden laut Plan die ersten Autos den Grenzübergang passieren. Die Stadtverwaltung machte sich besonders darüber Sorgen, wieviel in die neuen Grenzeinrichtungen wie Gebäude und sonstiges investiert werden müsse. Derartige Sorgen wurden der Kommunalverwaltung vom Arader Präfekten genommen, der angeblich gemeint hat, dass die Ungarn diese Sachen schon übernehmen werden.
Gute Absichten, schlechte Ausführung
Zurzeit wird in Curtici eine neue orthodoxe Kirche gebaut. „Die alte bietet nicht ausreichend Platz für die Glaubensgemeinschaft“ meint eine Passantin. „Die alte orthodoxe Kirche fällt bereits auseinander“ sagt der Bürgermeister der Stadt Curtici, Nicolae Anitei. Dass die neue Kirche ungefähr fünf Meter von der alten gebaut wird, sieht der Bürgermeister als Schwachsinn an. Trotzdem steuerte das Bürgermeisteramt voriges Jahr 100.000 Lei für die Errichtung der Kirche bei.
Womit sich der Bürgermeister rühmt, ist, dass Curtici seit fünf Jahren eine „Tradition“ eingeführt hat, das es zum Unikat in Rumänien macht. Jedes Jahr werden die 18-Jährigen der Gemeinde zu Paten der Kirche gemacht. „Eine derartige Tradition gibt es nur noch in einem Kleindorf in der Marmarosch. Hier werden jedoch die Dorfbewohner mit 50 zu Kirchenpaten“ sagt der Bürgermeister.

Ein kleiner Zoo ist in der Stadt auch zu besichtigen: Ein paar Rehe, zwei Lamas, Enten und Papageien. Die Kinder der Stadt sind oft bei der „Tierschau“ zu sehen. Ein Manko gibt es jedoch: Der Stacheldraht, der die Kinder vom zu nahe Kommen an dem Zoogitter hindern soll, ist auf Augenhöhe eines 6-7 jährigen angebracht. „Bislang haben wir das noch nicht gemerkt, wir werden es überprüfen“ sagt der Bürgermeister.
Viele Arbeitsplätze – aber auch Sozialhilfeempfänger
Die Stadt hat 8.480 Einwohner. Arbeitsplätze stehen genügend zur Verfügung: „Zurzeit sind ungefähr 8.000 Arbeitsplätze in der Stadt, einschließlich der Freihandelszone“, so vom Bürgermeisteramt zu hören. Trotzdem muss Geld für Sozialhilfe aus der Stadtkasse fließen. Die Erklärung ist ethnischen Ursprungs. „Der Großteil der Sozialhilfeempfänger sind Roma. Sie lieben den Tourismus und sind mal hier, mal in Belgien oder Frankreich. Für die Tage, die sie mal hier sind, verlangen sie Sozialhilfe“, sagt Miloaca. Und dass ihnen keine Chancen zur Beschäftigung geboten wurden, das verneint der Vize: „Die Unternehmer haben sich als sehr tolerant und offen gezeigt. Sie haben sie angestellt und haben Jobs gefunden, die die Roma auch hätten erledigen können. Nach zwei-drei Tagen waren sie aber weg“, so der Stadtvize.