Von Raluca Nelepcu und Olivian Ieremiciu
Freitag, 23 Uhr, am Domplatz in Temeswar/Timi{oara. Die kleine Kneipe ist voll, die Geräuschkulisse dementsprechend bunt. Bei Rockmusik wird geplaudert, gelacht, debattiert. Dichter Rauch füllt den Raum. Es ist eine Raucherbar, wie die meisten Kneipen am Domplatz. Auf jedem Tisch, mindestens ein Bier – das Gebräu passt bestens zur alternativen Atmosphäre. Der Rauch dringt tief in die Nase – und es ist nicht nur Tabak, was da geraucht wird. „Marihuana und Haschisch sind die beliebtesten Drogen der Konsumenten im Verwaltungskreis Temesch“, sagt Adela [leam vom Zentrum für Drogenprävention, -evaluierung und –beratung der Temescher Polizei. Eine aktuelle Studie der Drogenberatungsstelle am Freiheitsplatz zeigt, dass 8,3 Prozent der 866 befragten Personen – Schüler und Studenten – mindestens ein Mal im Leben illegale Drogen genommen haben. Es gibt zwei Arten von solchen Drogen, deren Besitz für den Konsum vom Gesetz bestraft wird: harte, wie zum Beispiel Haschisch oder Marihuana, und sehr harte – Kokain und Heroin.
Traumläden: Manche der Kunden landen schon mal im Krankenhaus.
Drogenprobleme in der Pubertät
Die meisten der befragten Personen gaben an, in der Pubertät mit dem Drogenkonsum angefangen zu haben. „Bei vielen ist es die Neugierde und der Wunsch, einer Clique anzugehören“, sagt Adela [leam. In die Drogenberatungsstelle kommen oft Eltern, die den Verdacht haben, dass ihre Kinder Drogen nehmen, aber auch Freunde der Konsumenten. Die Süchtigen selbst sehen nur selten ein, dass sie ein Problem haben. „Die meisten Jugendlichen, die mit dem Konsum anfangen, stammen aus Familien mit Schwierigkeiten“, sagt Adela [leam. In der Drogenberatungsstelle werden diese Jugendlichen von einem Psychologen beraten und überzeugt, mit dem Konsum aufzuhören. „Unser Erfolg ist nur schwer messbar. Die Resultate sind erst nach längerer Zeit sichtbar“, erklärt [leam.
Auf die Frage, ob in gewissen Temeswarer Schulen der Drogenkonsum zum Alltag gehört, antwortet die Koordinatorin: „Bestimmte Lyzeen können nicht angegeben werden. Auch in renommierten Schulen, aber auch in Schulen am Stadtrand, werden Drogen genommen“. Das Lenau-Lyzeum, das oft als negatives Beispiel angeführt wird, könnte wegen seiner Lage – in unmittelbarer Zentrumsnähe und umgeben von Kneipen – diesen Ruf bekommen haben, erklärt Adela [leam. „Was sich herumspricht ist eines und war eine Zeit lang meine Besorgnis, die Realität ist aber eine andere. Die Tatsache, dass wir bei weitem nicht führend sind, was den Drogenkonsum in Schulen angeht, ist mehreren Faktoren zu verdanken: der Erziehung, Sicherheit und Fürsorge im Elternhaus und den meist guten Beziehungen zwischen Kindern und Eltern, der Tatsache, dass viele Jugendliche bereits ihre Ziele selbstbewusst verfolgen und eine solide Werteskala haben“, sagt Helene Wolf, Direktorin des Nikolaus-Lenau-Lyzeums. Die deutsche Schule in Temeswar arbeitet seit Jahren mit der Drogenberatungsstelle zusammen und setzt Projekte zum Thema Prävention um. „Das Thema Drogen wird auch in den Klassenstunden behandelt“, sagt die Lenau-Schulleiterin.
Legales Traumland
Eine unscheinbare Tür. In einer kleinen Gasse am Domplatz. Mit etwas ungewöhnlichen Öffnungszeiten, von 16 bis 2 Uhr. Wenn sich in vielen Fällen ein großer Raum hinter einer kleinen Tür verbirgt, so ist es hier ander
s: ein kleiner Raum mit einer Theke, hinter der ein etwa 30-jähriger Verkäufer steht. Daneben ein Glasregal, auf dem einige Bongs (Wasserpfeifen) und Tütchen liegen. Magic powder, Spice green, Spice wild, Spice Cristal – die Namen klingen verführerisch und so heißen auch die Läden, die die „Gewürze“ – in der Fachterminologie „ethnobotanische Pfanzen“ - zum Verkauf anbieten: „Traumläden“. Anders als in Geschäften, in denen man reingeht, bummelt und rumtrödelt, geht e
s hier ruck-zuck-artig zu. „Ein Cristal“. Kurz und bündig die Forderung, prompt auch die Bedienung. Geld raus, Ware her, schnell weg. Die Jugendlichen verschwinden. Dauer des Einkaufs: höchstens zehn Sekunden. Jene, die in den Laden kommen, wissen ganz genau, welcher „Stoff“ sie schneller und besser in das „Land der Träume“ versetzt.
Und das Geschäft boomt. Wenn man glaubt, dies liege an den Preisen, so irrt man. Ein halbes Gramm Spice kostet 90 Lei. Andere Stoffe wie legale Ecstasy-Tabletten sind etwas „erschwinglicher“. Ein Gramm für 50, 60 oder 70 Lei, je nachdem, in welchem „Land der Träume“ man landen möchte. Ei
n solcher Trip hat vor Kurzem vier Temeswarer nicht in das erhoffte Traumland, in Begleitung von Onir gebracht, sondern etwas weltlicher: in Begleitung von Polizei und Ärzten. Die Partymacher wollten anscheinend nicht nur auf der „Märchenstraße“ wohnen (so heißt die Straße, wo die Party lief), sondern wohl auch ein bisschen dahin reisen. Sie hatten Glück: Die Ärzte leisteten ih
nen erste Hilfe, erfolgreich. Weniger Glück hatte ein 16-Jähriger aus Bukarest, der legale Drogen nahm. Er verstarb an einer Vergiftung nach der Einnahme von ethnobotanischen Pflanzen.
„Gleich nach der Eröffnung der Traumläden hatten wir einen großen Ansturm. Besorgte Eltern kamen zur Drogenberatungsstelle, um sich über die Nebenwirkungen zu informieren“, sagt Adela [leam. „
Es wäre falsch, anzunehmen, dass die Effekte weniger schädlich als bei illegalen Drogen sind“, teilt uns Adela [leam mit, Polizist mit Fachausrichtung Kriminalitätsvorbeugung. Wieso „Traumläden“ (noch) legal sind: weil die Pflanzenmixturen, die hier verkauft werden, nicht im Verbotsindex stehen. Gemunkelt wird, dass in diesen Läden nicht nur legales Zeug verkauft, sondern unter der Theke auch schon mal ein „Dübel“ (eine Zigarette, die Marihuana oder Haschisch enthält) gehandelt wird.
Träumen verboten, sagt der Premier
„Vom gesetzlichen Rahmen her ist die Sachlage, was den Drogenkonsum und –besitz angeht, nicht ganz klar. Es wird nicht der Konsum, sondern der Besitz bestraft“, sagt [leam. Und die Strafen sind recht hoch. Bei harten Drogen sieht das Gesetz eine Gefängnisstrafe von 6 Monaten bis zwei Jahren vor, bei sehr harten Drogen stehen zwischen zwei und fünf Jahren Haftstrafe an. Das Gesetz 143 aus dem Jahr 2000 besagt, dass der Staatsanwalt den Verbraucher zur Drogenberatungsstelle schicken kann.
Im Kreis Temesch sind besonders Marihuana und Haschisch beliebt, anders als in Bukarest, wo Heroin ganz hoch im Kurs steht. Bei einer Statistik, die im letzten Jahr durchgeführt wurde, gaben 6,4 Prozent der befragten 866 Personen aus dem Kreis Temesch an, Marihuana gekifft zu haben, hingegen sind es nur 0,9 Prozent, die Kokain geschnüffelt und 0,6 Prozent, die Heroin probiert haben. „Temeswar verfügt nicht über ein Methadonprogramm, am nächsten wäre Großwardein, wo Drogensüchtige eine solche Therapie machen können“, erklärt Adela [leam. Methadon ist eine Ersatzdroge, um vom Heroin wegzukommen. Falls man sich nach den Angaben von Adela [leam richtet, hat wohl jeder schon mal Drogen konsumiert. „Alkohol und Zigaretten sind legale Drogen“, sagt die Koordonatorin der Drogenberatungsstelle.
Schnüffeln aus der Tüte: Obdachlose greifen oft zur billigen Straßendroge „Aurolac“.
Rumänien hat sich von einem Transitland für Drogen zu einem Drogenkonsumstaat entwickelt. Besonders die Sezessionskriege in Jugoslawien haben die Drogentransporte durch Rumänien umgelenkt. Es gibt jedoch auch autochthone Ware zu kaufen, gelegentlich werden schon mal einige Felder, die mit Cannabis angebaut wurden, von der Polizei entdeckt und gerodet. Nun versucht es Rumänien auf höchster Ebene mit klaren Einschnitten: Premierminister Emil Boc versprach Ende vergangener Woche, halluzinogene Substanzen weitgehend vom Markt zu nehmen. Ethnobotanische Pflanzen sollen ab sofort auf die Verbotsliste. Und dabei fragt er gar nicht mehr nach, wie es diesbezüglich in den Dokumenten der EU-Kommission steht.











