Im Pferdeschritt zu den Partnerstädten von Karlsruhe
Von Olivian Ieremiciu
Willi Beyer und sein Kumpel Franz Endlicher kutschieren durch den Kontinent. Besonders haben sie es auf die Partnerstädte von Karlsruhe abgesehen. Von Temeswar/Timisoara aus – wo wir die originellen Kumpel kennenlernen durften – wollen sie nun nach Karlsruhe: die längste Strecke, die sie bis jetzt per Planwagen bewältigt haben. „Bislang betrug die längste Strecke 1.400 Kilometer, von hier bis nach Hause rechnen wir mit ungefähr 1.600 Kilometern“, sagt Willi Beyer. Auf Autobahnen und Schnellstraßen dürfen sie nicht fahren. Trotzdem scherzt er, als er nach dem Radio und den zwei Verstärkerboxen, die den Planwagen „schmücken“, gefragt wird: „Radio hören wir immer, um zu erfahren, ob auf der Autobahn Stau ist“, schmunzelt der Karlsruher Nomade.
Die beiden hoffen, bis Ende Juli an ihrem Ziel anzukommen. Als Datum – jedoch nur orientierungsmäßig, da den beiden ja nicht der Asphalt unter den Füßen wegrutscht – soll Ende Mai als Zwischenziel Wien erreicht sein. In Passau rechnen die beiden nach weiteren drei bis vier Wochen anzukommen „Wir wollen eigentlich bis zum 24. Juli in Offenburg angelangen, um an der Internationalen Pferdemesse ´Eurocheval´ teilzunehmen“, sagt der „Nomadenwilli“.

Den Norwegern wird eine kurze „Fußpflege“ verabreicht.
Foto: Zoltan Pazmany
3.000 Kilometer mit dem Planwagen
Einige Partnerstädte von Karlsruhe hat er per Planwagen bereits besucht, nämlich Nancy in Frankreich (jedoch nicht direkt, sondern über die Schweiz), Halle im ehemaligen Ostdeutschland und nun das rumänische Temeswar. Weitere Pläne sind noch gewagter. Es soll nämlich nach Nottingham gehen, etliche Kilometer entfernter und durch ein Meer von Karlsruhe getrennt. Noch weiter davon liegt das in Russland gelegene Krasnodar, fast 3.000 Kilometer entfernt, mit dem Karlsruhe ebenfalls eine partnerstädtische Beziehung pflegt. Zeit hat er zur Genüge, da er seit einem Monat in Rente ist.
Die Kosten trägt größtenteils er selber, mit einem kleinen Zuschuss seitens des Karlsruhers Bürgermeisteramts. „Es ist meine große Leidenschaft, meine große Liebe. Das letzte Hemd hat keine Taschen. Man sollte sich also seine Träume, soweit es geht, zu verwirklichen versuchen, so lange man es noch kann“. Außerdem werden die Kosten auch durch die Gastfreundschaft der Leute, die einen aufnehmen, verringert. 
Willi Beyer (rechts im Bild) und sein Kumpel Franz Endlicher
Foto: Zoltan Pazmany
Der Planwagen ist sozusagen hand-made, also selber gebaut. Diesmal steht darauf großgeschrieben: „Karlsruhe grüßt Temeschwar“. Hinten wehen zwei Fahnen, die rumänische und die deutsche Fahne. Der kleinere Anhänger, in dem der Proviant befördert wird, hat auch eine Fahne - die der europäischen Union. Die zwei „Norweger“ (Pferderasse), die vorgespannt sind, hat Willi von einem Freund ausgeliehen. „Ein solches Pferd kostet von 2.000 Euro aufwärts“, so Willi Beyer. Wie schon gesagt, ein Radio ist drin, etwas älteren Modells, und zwei Lautsprecher, die oben im Planwagen montiert sind. Geschlafen wird meist im Planwagen. Ein kleiner Herd und eine Flüssiggasflasche sind wichtige Ustensilien, um den Hunger zu stillen. Gekocht wird nämlich auch von den beiden „Selbstversorgern“. Für die Pferde jedoch muss immer ein Schlafplatz gefunden werden. Wo sie hinfahren, und sie Pferde weiden sehen, und es Abend wird, wird nach einem Schlafplatz für die Pferde gefragt. Und meistens sind die Leute freundlich und bieten einen Schlafplatz an. Sie legen jedoch auch Hand mit an, wenn es um Arbeiten geht, die ihre Gastgeber zu verrichten haben. So zum Beispiel erzählt er, wie es bei einer Reise dazu kam, dass sie einer älteren Frau, die ihnen Unterschlupf gewährte, einen halben Tag halfen, das Heu zu wenden. „Seitdem schick ich ihr immer eine Karte, von den Plätzen an denen ich reise, wir sind seit damals in Kontakt geblieben“.
Die Pferde werden fürs Einspannen vorbereitet.
Foto: Zoltan Pazmany
Kleine Hürden müssen genommen werden
Nach Temeswar kamen die beiden samt Planwagen, Pferden und Hund mit dem LKW. Fast eine Woche lang blieben sie in der Stadt. Nun soll es endlich los gehen. Ein Problem besteht jedoch: Anders als in Deutschland, wo die Fahrt mit der Kutsche lediglich auf Autobahnen und Schnellstraßen verboten ist, ist in Rumäniens auf ziemlich allen Straßen die Fahrt mit den Pferdewagen verboten. Und dies obwohl – oder gerade wegen der Tatsache, dass es in Rumänien ungefähr 700.000 Pferdewagen gibt. Da es nur 80 Kilometer bis zur ungarischen Grenze nach Tschanad/Cenad sind, müsste das Problem jedoch bewältigbar sein.
Besonders wichtig ist es, „pferdeschonend“ zu fahren. „Die Pferde sind unser Motor, der uns nach Hause bringt. Wir dürfen sie nicht überstrapazieren und wollen sie sanft behandeln“, sagt Willi. Die Hufe haben Hartstahlstifte mit Stollen, da sie auf dem Asphalt sonst schnell kaputt gehen würden. Fast 1.200 Kilometer hat es Willi mit seinen früheren Pferden geschafft, zu fahren, ohne dass die Behufung gewechselt werden musste.
Bislang hatte er auf seinen Reisen keine Probleme. Vor einiger Zeit, unter dem Begriff kuriose Statistiken, wurde auch eine aufgeführt, die zu Willis Reise passt. Im Vergleich zu den Todesfällen, die wegen Autounfällen geschehen - pro Jahr gerechnet - war vor einem Jahrhundert die Zahl der Todesfälle, die sich wegen den Pferdewagen ereigneten, höher. Eine Kutschfahrt ist also doch nicht so leicht und ungefährlich, wie es auf den ersten Blick ihre Gemächlichkeit suggerieren könnte.
Planwagen werden heute in Irland, Ungarn oder Tschechien als Campingwagen für Urlauber, in Deutschland vor allem für Gruppenfahrten mit größeren Personengruppen eingesetzt. Der Innenausbau von Camping-Planwagen entspricht in der Machart häufig dem von einfachen Wohnmobilen, während Planwagen für Gruppenfahrten meist zwei an den Längsseiten des Wagens angeordnete lange Sitzbänke mit einem langen Tisch in der Mitte aufweisen. Kleinere Planwagen lassen sich oft durch Abnehmen der Plane und des Gestänges zu einer normalen Wagonette umbauen. Historisch spielten Planwagen bei der Erschließung und Besiedelung des amerikanischen Westens eine wesentliche Rolle - wer es sich leisten konnte, transportierte dort Gepäck und Familie oft über weite Strecken durch unwegsames Gebiet mit Hilfe von Planwagen.