Donnerstag, 8. Juli 2010

Gerstensaft, Musik und Krisengeld


„Traditionelle Berufe“ für ein Traditionsgetränk
Foto: Zoltán Pázmány


Beim diesjährigen Bierfest in Temeswar notiert
Von Siegfried Thiel

Spiele und Wettbewerbe hat es diesmal mehr als sonst gegeben, die Preise waren ähnlich wie im Vorjahr und trotzdem war es kein Menschenauflauf. Allein an den Abenden, als bekannte Musikbands auftraten, war es berstend voll vor dem Dan-Paltinisanu-Stadion in Temeswar/Timisoara. „Sonntag Abend wurden wohl alle Rekorde gebrochen, was den Ansturm an Zuschauern betrifft“, sagte Raluca Ursu vom Eventmanager, der für die Pressearbeit beim Temeswarer Bierfest zuständig war. Von diesen Rekorden wird der Rumänienbeauftragte des Bundeslandes Hessen, Bernhard Hoffmann, in seiner Heimat nichts erzählen können. Der Deutsche hatte die Einladung der Veranstalter für eine gute Stunde wahrgenommen, bei der offiziellen Eröffnung dabei zu sein. Vom Treiben eines Bierfestes hatte er so gut wie gar nichts mitbekommen: Nur wenige Gäste waren am Freitag Mittag zugegen, als der stellvertretende Bürgermeister, Adrian Orza, die Präsenz des „Gastes aus Wiesbaden“ hervorhob, und sich kurz mit Hoffmann zusammensetzte. Letzerer ließ sich die Chance nicht entgehen, mit Camelia Panait, Group Brand Manager Ursus Breweries, zu sprechen. Dass sich eine Zusammenarbeit oder zumindest erste Kontakte zwischen der Pfungstädter Brauerei aus Hessen und jener in Temeswar ergeben könnten, ist seit vergangenem Wochenende nicht mehr ganz so abwegig.

Wir lassen nun das Volk zu Wort kommen: „Das Ambiente war ausgezeichnet“, „Man spürt die Krise. Es waren vergleichsweise weniger Schau- und Trinklustige da“, „Ich habe mich gefreut, dass weniger Teilnehmer da waren, denn so musste ich weder am Bier-, noch am Würstchenstand Schlange stehen“, „es waren diesmal sehr wenige Verkaufsstände mit Souvenirs – dies einige Stimmen nach und während des Bierfestes der Temeswarer Brauerei „Timisoreana“ in ihrer Heimatstadt. Die Karawane der Brauerei weilt in diesem Jahr in zehn Städten – in Temeswar war es die zweite Station. Eine Woche zuvor hatte der Timisoreana-Zug in Târgu-Jiu begonnen, kam dann nach Temeswar und weilt am kommenden Wochenende in Reschitza/Resita.

Zeitweilig wurde das Fest durch Wind, Regen, Blitz und Donner unterbrochen, eine Windhose machte den Verkäufern am Würstchenstand zu tun. Ihre Verkaufsaktivitäten hatten sich eh in überschaubaren Grenzen gehalten. Die Musikgruppen „Holograf“, „Pasarea Colibri“, „Zob“, „Cargo“, „Zero“ oder „Zdob si Zdub“, aber auch die Darstellung der traditionellen Berufe Bierbrauer, Bäcker und Schneider scheinen jedoch die Attraktion des Festes gewesen zu sein: Laut Raluca Ursu waren etwa 175.000 Menschen beim Fest dabei. Also mehr als jeder zweite Temeswarer und etwa genau so viele wie im Vorjahr.
„Wir spüren zwar auch die Wirtschaftskrise, trotzdem geht es uns im Vergleich zu vielen anderen noch recht gut“, hatte es bereits im vergangenen Jahr zum Thema Wirtschaftskrise und Bierkonsum geheißen. Mit „uns“ war „Ursus Breweries“, die Rumänienniederlassung der südafrikanischen SABMiller plc, gemeint, die auch in diesem Jahr – trotz Einbruch des rumänischen Biermarktes um 13 Prozent – klarer Branchenprimus ist. Absolute Spitzenwerte erreichen weiterhin die Biere aus Temeswar – etwa jeder siebte in Rumänien getrunkene Gerstensaft kommt aus der Brauerei, die die erste ihrer Art auf dem Gebiet des heutigen Rumäniens war. Das 1718 gegründete Unternehmen hat bereits in der zweiten Hälfte des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts erhielten Temeswarer Biere internationale Auszeichnungen. In den vergangenen Jahren kamen Gold- und Silbermedaillen bei der „Champion Lager Trophy“, den „Australian International Beer Awards“ und dem „World Beer Championship“ dazu.

TEMESWAR EMPFEHLEN

Frappé am Trajansplatz

Alin Zelenco (38) ist Ingenieur und leidenschaftlicher Fotograf. 2009 absolvierte er die Fotografie- und Filmabteilung von Prof. Onut Danciu an der Volkskunstschule in Temeswar. Seitdem sieht er seine Heimatstadt mit anderen Augen. Straßen, Parks und Gebäude präsentiert Alin Zelenco mit Hilfe seiner Fotokamera aus einer anderen, schöneren Perspektive.

Zum Sehen: Das Stefaniapalast – ein sehr elegantes Gebäude am Trajansplatz. Das Haus ist leicht zu erkennen: An der Straßenecke befindet sich ein Turm mit einem gerüsteten Halebardier, die Fassade an der Seite des Boulevards ist mit Bären und Gorillas verziert, aus diesem Grund ist das Gebäude auch als „Haus der Affen“ bekannt. 1918 wurde das Gebäude vom Generaldirektor der Fabrik „Die Industrie der Wolle A.G.“ Rudolf Totis gekauft. Er benannte das Haus nach seiner Ehefrau Stefania um.

Zum Hören: Am 30. Juli beginnt eine neue Auflage der House Parade in Temeswar: an der Arader Straße, auf der Nationalstraße 69 (Kilometer 2) im Wald. Das Festival dauert drei Tage. Die Fans der elektronischen Musik können sich daran kostenlos beteiligen. Sie können auch vor Ort im Camping gratis übernachten.

Zum Genießen: Mein spezielles Frappérezept. Das Rezept ist sehr lecker, einfach und schnell vorzubereiten. Alin Zelenco empfiehlt, die Köstlichkeit im Freien am historischen Trajansplatz zu genießen. Zutaten für sechs Portionen: Man nehme 9 Teelöffel löslichen Kaffee, 6 Teelöffel Zucker, 6 Vanilleeis-Kugeln und 6-12 Eiswürfeln und Sahne. Vorbereitung: Der Instantkaffee wird mit dem Zucker schrittweise mit Wasser zusammen gerührt, bis sich etwa ein Liter Kaffeekreme ergibt. Die Mischung wird dann in sechs Gläser bis zur Hälfte gegossen. Dazu kommen noch je eine Kugel Vanilleeis, 1-2 Eiswürfel und Sahne. Man steckt einen Strohalm hinein und serviert es eiskalt!

Kommunen wappnen sich gegen die Krise

Trotz schwerer Zeiten: Stadtväter sprechen von Glück

Die Wirtschaftskrise hat die Kommunen hart getroffen. Durch Firmenpleiten verlieren die Bürger ihre Arbeitsplätze, Investitionen werden eingestellt, während die Gemeindekassen schon längst aufgehört haben zu klingeln. Die Zukunft sieht nicht weniger düster aus. So und ähnlich schätzen viele die Lage in den Kommunen ein, deren Geldquellen überaus knapp bemessen scheinen: beim Steuern zahlenden Bürger, in den Betrieben und auch in Haushaltsplanungen übergeordneter Behörden. Sind die Kommunen des Verwaltungskreises Temesch/Timi{ für die schweren Zeiten gewappnet? Siegfried Thiel und Raluca Nelepcu wollten es wissen. Die BZ-Redakteure schickten ein Schreiben an die Bürgermeister der zehn Temescher Städte und fragten die Stadtväter, wie das Stadtleben so aussieht bzw. wie es mit den Regierungs- und EU-Fonds bestimmt ist. Nicht jeder Stadtvater hatte/nahm sich Zeit, unsere Anfrage auch zu beantworten...

„Die Auswirkungen der Wirtschaftskrise auf die Kommunen werden immer stärker spürbar. Ein großes Tief wird es wohl im September-Oktober geben und ich glaube kaum an bessere Aussichten für das kommende Jahr. Die zahlreichen Entlassungen im privaten Sektor sind landesweit ein großes Problem“, sagt Marinel Pasca, Bürgermeister von Rekasch/Recas. Der Rekascher Stadtvater scheint aber trotzdem Glück gehabt zu haben: „Unsere Arbeitslosenzahl wird wohl nicht ansteigen. Die Krise ist an den Rekascher Weinstuben, unserem größten Arbeitgeber, knapp vorbeigegangen. Außerdem haben zwei Unternehmen Grundstücke gepachtet: Ab Herbst sollen eine Konservenfabrik und ein En-Gros-Lagerraum entstehen“. Was die Investitionen betrifft, so wird in diesem Jahr die Sanierung einiger Bildungseinrichtungen fortgeführt. „Im nächsten Jahr werden wir eine 8,5 Millionen Euro schwere Investition in die Wege leiten, die zum Großteil über EU-Mittel finanziert wird: Es geht um die Erneuerung des Wasser- und Kanalisationsnetzes sowie um den Bau einer Kläranlage“, sagt Marinel Pasca. Der Kommunalhaushalt ist in diesem Jahr trotz Krise um zehn Prozent höher als im vergangenen Jahr ausgefallen. Zum zweiten Mal Glück gehabt: „Die künftige Autobahn durchquert 18 Hektar, die der Stadt gehören und wofür wir mit einer Million Euro von der Rumänischen Autobahnengesellschaft entschädigt werden“, schließt Marinel Pasca.

Welche Krise denn?
„In Großsanktnikolaus/Sânnicolau Mare werden in diesem Jahr etwa 1.200 neue Arbeitsplätze geschaffen. Die Eigeneinnahmen der Kommune sind trotz allgemeiner Krisensituation von 2008 – 2010 jährlich gestiegen“, erläutert Bürgermeister Danut Groza und zieht als Fazit: „Bei uns gibt es keine Krise“. Eine österreichische Spedition hat sich vor Kurzem in Großsanktnikolaus niedergelassen und stellt gerade Fernfahrer ein. Der Bau eines Schlachthofes, eines Photovoltaik-Parks, eines Unternehmens zur Herstellung von Kartonverpackungen und eines zur Produktion von Plastikrohren sind geplant. In den meisten Fällen hat die Kommune bereits die Mietflächen für die Investitionen bereit gestellt. Über Regierungsgelder wird im kommenden Jahr oder möglicherweise schon in diesem Herbst das Siedlungswassernetz in der westrumänischen Kleinstadt ausgebaut. Aus gleicher Quelle kommen Fonds zur Renovierung von Straßen und Gehsteigen. Beide Großprojekte belaufen sich auf insgesamt 40 Millionen Euro.

Schulden von der Ex-Verwaltung
Die Fonds, die Stadt in diesem Jahr in Fatschet/Faget zur Verfügung stehen, sind erheblich geringer als 2009. Dies geht darauf zurück, dass der Haushalt niedriger angesetzt ist und die Gebühren und Steuern bei 70 Prozent unter den Summen von 2009 liegen. Trotzdem werde die Stadt Investitionen tätigen, sagte der Vizebürgermeister Vasile Sita.
Das größte Problem sei, dass keine Investoren in Aussicht stehen, die das Personal auffangen könnten, das beim Schuhhersteller Rieker entlassen wurden. Die Stadt verfügt derzeit über Projekte, die durch Regierungsgelder finanziert werden. Die Schwierigkeiten würden jedoch darin liegen, dass zum Einen die Machbarkeitsstudien äußerst kostspielig sind und zum Andern auch das Geld fehlt, um den Eigenbeitrag der Kommunen an den Projekten zu leisten. „Da die Ex-Verwaltung uns Schulden hinterlassen hat, konnten wir die Kommunalstraßen aus der Stadt in die eingemeindeten Dörfer nicht realisieren“, sagt der Fatscheter Vizebürgermeister.

Firmen stehen gut da
„Wir sind in der glücklichen Lage, dass die großen in Hatzfelfd/Jimbolia angesiedelten Firmen gut dastehen und die Arbeitsplätze nicht gefährdet sind“. Zum Vergleich: „Mit dem Kommunalhaushalt sieht es nicht so optimistisch aus“, sagt Bürgermeister Kaba Gabor.
Sanierung des Altenheims, Reparaturen an der Trinkwasseraufbereitungsanlage der Stadt oder Parkanlegung - dies sind die Großprojekte, die derzeit in der Stadt laufen. Die Modernisierung des städtischen Krankenhauses, ein Überwachungssystem für die Stadt, die Einrichtung eines Erholungszentrums oder ein grenzüberschreitendes Umweltprojekt gehören derzeit zu den wichtigsten Unterfangen, die in Hatzfeld geplant sind. Die Finanzierung über Regional-Programme und Regierungsgelder sichern die Fonds für die meisten derzeit laufenden Projekte. Dieselben Quellen sollen auch in Zukunft den Großteil der Finanzierungen decken.

Prioritär: Thermische Isolierung der Hochhäuser
In Lugosch/ Lugoj, der zweitgrößten Stadt des Verwaltungskreises Temesch, sieht die Situation nicht besonders rosig aus. Die Schließung einiger Traditionsfirmen, wie zum Beispiel die Schuhfabrik „Rieker“, sowie der Rückgang der Tätigkeit in anderen Unternehmen hinterlässt schon Spuren, meint Bürgermeister Francisc Boldea. Und trotzdem: „Wir haben es geschafft, alle begonnenen Projekte umzusetzen und neue Investitionen zu tätigen. Dies war nur deshalb möglich, weil wir den Kommunalhaushalt gut durchdacht und Regierungs- bzw. EU-Fonds angezapft haben“, sagt der Stadtvater. Ein Unterfangen, das ihm besonders am Herzen liegt, ist die thermische Isolierung der Wohnblocks: 25 solcher Bauten wurden seit seinem Amtsantritt 2008 isoliert. Ein besonderes Projekt ist die Einrichtung einer Freizeitanlage an der Temesch (die BZ berichtete) sowie die Kunstbeleuchtung aller Kirchen in der Stadt. „Besonders Augenmerk gilt dem Bildungswesen. Ich bin froh, dass ich allen Mitarbeitern im Bildungswesen die Geschenktickets und das 13. Gehalt geben konnte“, sagt der ehemalige Schulinspektor. Die Erneuerung des Wasser- und Kanalisationsnetzes, Straßensanierungen und die Einrichtung von Parkplätzen stehen weiterhin auf der Agenda des Lugoscher Bürgermeisters. „Wir haben bisher neun Projekte aus EU-Mitteln umsetzen können, weitere fünf aus den Bereichen Umwelt, Gesundheit, Verwaltung und Soziales befinden sich zurzeit in der Evaluationsphase“, sagt Francisc Boldea. Regierungsfonds fließen in den Bau einer Kläranlage und in die Erneuerung des Wasser- und Kanalisationsnetzes. „Wir haben trotz Krise und Sparmaßnahmen bei den verschiedenen Ministerien Anträge für Projekte eingereicht. Es ist aber unsicher, ob wir diese Investitionen umsetzen können. Wir bräuchten Regierungsfonds für Straßensanierungen in der eingemeindeten Ortschaft M²guri, für die Erweiterung des Kanalisationsnetzes nach M²guri und Tapia und weitere Gelder für die thermische Isolierung der Wohnblocks“, sagt Francisc Boldea.

Detta und Opatita warten noch
In der Kasse der Kleinstadt Detta/Deta sieht es zurzeit nicht besonders gut aus. Ein 1,5 Millionen Euro schweres Kulturhaus hätte hier entstehen sollen, die Investition wurde jedoch wegen mangelnder Mittel eingestellt. Ein weiteres Projekt, das ebenfalls abgebrochen werden könnte, ist die Renovierung und Modernisierung des Kulturheims im eingemeindeten Opatita. Hier wird zurzeit eine Sportanlage gebaut – dass weiterhin Regierungsgelder fließen werden, ist zurzeit noch ungewiss. „In der Zeitspanne 2005 – 2008 wurden vier Projekte mit nicht rückzuzahlende Fonds finanziert und umgesetzt“, antwortet Petru Roman, Bürgermeister von Detta, auf die BZ-Umfrage. 2007 wurde eine Dienststelle für EU-Projekte mit vier Angestellten ins Leben gerufen. Dadurch kamen 400.000 Euro über europäische Programme und zwei Millionen Euro über nationale Programme der Kommune zuteil. „Außerdem befinden sich in der Evaluierungsphase Projekte im Rahmen des grenzüberschreitenden IPA-Programms im Wert von über einer Million Euro“, schließt der Stadtvater.

Folgenschwere fünf Prozent auf dem Kassenbon

Brotproduzenten müssen den MwSt-Zuschlag an die Verbraucher weitergeben
Foto: Zoltán Pázmány

Höhere Mehrwertsteuer soll Haushaltsloch stopfen
Von Siegfried Thiel

24 Prozent Mehrwertsteuer statt bisherigen 19 Prozent – viel schlimmer hätte es die rumänische Wirtschaft nicht treffen können. Die gesamte rumänische Wirtschaft steht spätestens seit Ende Juni Kopf. Egal, ob es um Oppositionspolitiker geht, um Unternehmerverbände oder Gewerkschaften, sie alle verbinden den Anstieg der Mehrwertsteuer um fünf Prozent mit Fakten, die Ausmaße übelster Art mit sich bringen können. Die Regierung hingegen verspricht sich dadurch, das Haushaltsdefizit in vertretbaren Grenzen zu halten, was einer neuen Tranche vom IWF-Notkredit gleichkommt. Seit Tagen zirkulieren jedoch in vielen dieser Branchen nur noch Begriffe wie Preissteigerung, Inflation und Arbeitslosigkeit. Sogar in Kreisen der rumänischen Nationalbank wird letztendlich von einer Inflation von 10-12 Prozent in diesem Jahr gesprochen. Kein Wunder, wenn sich unter diesen Umständen Rentner fragen, ob es eine Hilfe war, dass man ihnen nun doch nicht 15 Prozent ihrer Bezüge kürzt. Allein die Wechselstuben haben gleich nach der Bekanntgabe des Regierungsbeschlusses zur Anhebung der MwSt richtig Umsatz gemacht. Mit 4,3780 Lei pro Euro hat die Parität einen nie da gewesenen Rekordpreis für den Euro ergeben.

Konfrontationskurs: Jeder gegen jeden
Nicht nur aus der Opposition und der Wirtschaft regnete es zuletzt mit Kritik - Insidern zufolge ist im Vorfeld des Regierungsbeschlusses zur Anhebung der MwSt in der Koalition so manch heftige Debatte entbrannt. So war scheinbar Finanzminister Sebastian Vl²descu gegen eine höhere MwSt und hatte einen differenzierten Steuersatz auf das Einkommen vorgeschlagen und die Einheitssteuer sollte zur Ankurbelung der Wirtschaft von 16 auf 10 Prozent herabgesetzt werden. Premierminister Emil Boc und Wirtschaftsminister Adriean Videanu sollen sich jedoch vehement gegen diesen Vorschlag gesträubt haben. Angeblich sei dies die Variante zum Krisenmanagement aus der PSD gewesen, was so scheinbar für die regierende PDL nicht vereinbar war. Im Nachhinein sprach Emil Boc davon, dass man auf Regierungsebene sechs-sieben Varianten parat gehabt hätte, um mehr Geld in den Staatshaushalt zu scheffeln um das Haushaltsdefizit bei einem Maximum von 6,8 Prozent des BIP zu behalten. Auch von Seiten des IWF soll es Vorschläge gegeben haben: die Flat Tax von 16 auf 20 Prozent anzuheben und dazu höhere Sozialabgaben. Unter dem Druck der Finanzkrise haben mehrere europäische Staaten die Anhebung der MwSt als Mittel zur Haushaltssanierung gesehen. Doch bei den meisten ging es entweder um eine stufenweise Steueranhebung oder um einen geringeren Prozentsatz. Nur noch in Ungarn leistete man sich eine fünfprozentige Anhebung. Sogar im krisengebeutelten Griechenland wurde die MwSt von 19 auf „nur“ 23 Prozent angehoben.

Der Endverbraucher zahlt die Zeche
Die Folgen neuester Finanzsituation werden von den Lebensmittelproduzenten aber auch von anderen Unternehmerverbänden als eine Variante eingestuft, die nicht einmal mittelfristig zu Erfolg führen wird. Der Finanzberater Niels Schenker glaubt, dass nur etwa zwei Monate lang der Haushalt von der neuen Situation profitieren kann. „Danach hat der Staat nicht mehr was zu holen“, wird Schenker in der rumänischen Presse zitiert. Seiner Meinung nach geht der Konsum zurück und vor allem Kleinbetriebe werden Personal reduzieren oder schließen müssen. Wer die Möglichkeit dazu hat, wird in ein Land auswandern, in dem die Steuersätze geringer sind, sagt Schenker.
In der Lebensmittelindustrie haben wir nun die höchste Quote an MwSt in der gesamten Europäischen Union, heißt es in einschlägigen Unternehmerverbänden. Geflügelzüchter, Schweinemastbetriebe aber auch Fleisch- und Teigwarenproduzenten sind sich einig: Mindestens fünf Prozent Preissteigerung wird es in ihrer Branche geben. Viorel Micula, Inhaber der Firma European Drinks, sagte der Presseagentur Mediafax gegenüber, dass die Branche zukünftig mit höheren Preisen, Absatzrückgang und Arbeitslosigkeit rechnen muss. Noch drastischer äußert sich Dragos Frumosu, Vorsitzender der Gewerkschaft in der Lebensmittelindustrie: Der Lebensmittelmarkt wird um bis zu 40 Prozent eingehen und in der Fleischverarbeitungsindustrie rechnen die Unternehmer damit, dass 25 Prozent der Firmen den Schock gehobener MwSt nicht überleben und schließen werden. Viele andere werden durch die neue Situation gezwungen, an der Preisschraube zu drehen. Auch die Brothersteller sagen fünf Prozent höhere Preise voraus. Im Unternehmerverband Rompan heißt es, dass dieser Industriezweig bereits seit 2009 Verluste schreibt, sodass höhere Preise unumgänglich sind.

Pessimistischer Realismus
Unter den gegebenen Umständen ist es nur ein Fazit, wenn Adrian Vasilescu, Beirat des Notenbankchefs, sagt, dass theoretisch die Inflation in Rumänien auf 10-12 Prozent ansteigen wird. Die Verteuerung der Waren um fünf Prozent wird zu einer zehnprozentigen Inflation führen, erläutert Vasilescu und setzt fort: „Weitere zwei Prozent kommen wegen der Panik der Bevölkerung aber auch durch die Habgier der Händler hinzu“. Derselbe Vasilescu schwächt aber ab: „Es besteht die Möglichkeit, dass die Inflation nicht in dem Maße zunimmt, doch komplett umgehen kann man dieses Phänomen nicht. Das Nationale Statistikamt erkannte im Mai ein Wachstum der Konsumpreise von 0,15 Prozent, was zwischen April und Mai eine höhere Inflationsrate (von 4,28 auf 4,42 Prozent) ergab. Beängstigend auch, was sich die Unternehmerverbände aus dem Industriesektor für die kommende Zeit vorstellen. Unternehmer werden die Ausgaben drosseln, ihr Personal reduzieren, die Arbeitnehmer müssen doppelt soviel arbeiten – dabei wird der Absatz halbiert. Damit nicht genug, sie sehen auch eine abwartende Haltung der ausländischen Investoren voraus. In Industrieverbänden ist reichlich Sarkasmus am Platz: Allein höhere Steuern seien in den Antikrisenmaßnahmen der Regierung zu erkennen gewesen, heißt es da. Unternehmer glauben, in der gegenwärtigen Situation sei ein gutes Management gefragt, doch allgemein müsse damit gerechnet werden, dass die Firmeninhaber Lohn- und Produktionskosten um 20 - 50 Prozent zurückfahren und sie fassen dann alles etwa so zusammen: „Es überlebt wer kann, wer Glück hat, wer klug ist und wer keine Langzeitprojekte laufen hatte, als die Krise kam“.Global gesehen wird der für 2010 angepeilte Wirtschaftsaufschwung ersteinmal hinausgeschoben. Dies kann auch Victor Safta von X-Trade Brokers Romania bestätigen. „Die Anhebung der MwSt könnte die Nationalbank zwingen, den Leitzins zu heben oder immerhin diesen auf dem gegenwärtigen Niveau beizubehalten“, sagt Victor Safta. Ihm zufolge wird die Kreditaufnahme dadurch schwerfällig und mit hohen Kosten verbunden. Den Schock der Wirtschaftskrise werden die großen Malls und internationale Konzerne wie z.B. Telefongesellschaften am stärksten spüren, glaubt der Temeswarer Wirtschaftsanalytiker Nicolae Taran. Der BZ sagte er, dass kleine und mittelständische Unternehmen es unter Umständen leichter haben, aus der Krise zu kommen, weil diese flexibler sein können. Im Widerspruch zu ihm steht der Finanzberater Niels Schenker, der sich eher fragt: „Was passiert mit den Kleinbetrieben, die ein bis zwei Angestellte haben und diese theoretisch nicht entlassen können?“. Hohe Alarmstufe sieht Nicolae Taran, wenn er an die Situation in der Bevölkerung denkt: „Heute Morgen wurde Kleidung von der Wäscheleine im Parterre eines Wohnblocks gestohlen und das in einer Stadt wie Temeswar. Die Armut treibt viele zu solchen Handlungen“.
Peter Hochmuth, Präsident des Deutschsprachigen Wirtschaftsclubs im Banat, glaubt, dass allgemein gesehen die multinationalen Konzerne den längeren Atem haben, wenn es ums Überleben in der gegenwärtigen Wirtschaftslage Rumäniens geht. Normalerweise müssten Firmen, die nicht direkt Endverbraucher sind, bei gutem Management auch diese Krisensituation schaffen, denn für diese ist „die MwSt nur unter dem Begriff `durchlaufende Kosten´ zu werten“, sagt Hochmuth. Rein theoretisch ist es jedoch nur so, sagt Hochmuth, „denn der rumänische Staat tut sich ja schwer mit der Rückerstattung der MwSt“. Und zur Haushaltssanierung: „Die erhöhte MwSt löst das Problem des Landes längst nicht. Rumänien müsste die vielen unnötigen Ausgaben streichen und sinnlose Behörden schließen“.

Die einheimische Fleischindustrie ist gegenüber den Importeuren im Nachteil, da letztere keine MwSt zu tragen haben
Foto: Zoltán Pázmány



Textilindustrie: 50-60.000 Mitarbeiter müssen gehen, prophezeit Maria Grapini, Vorsitzende des Unternehmerverbandes aus der Leichtindustrie, FEPAIUSFoto: Zoltán Pázmány




















BZ-Gespräch mit Prof. Dr. Radu Bancila, Leiter der Abteilung für Bauingenieurwesen in deutscher Sprache

Im nächsten Jahr begeht die Abteilung für Bauingenieurwesen in deutscher Unterrichtssprache an der TU Politehnica ihr 20jähriges Jubiläum. Gleichzeitig verabschiedet sie ihre 15. Absolventenserie. Prof. Dr. Radu Băncilă (65), Leiter der Abteilung, blickt stolz auf die verstrichenen Jahre zurück. „Ich habe immer versucht, die Worte von George Harrison, eine bekannte Figur meiner Generation, zu befolgen: ´If you don’t know where you are going, no road would you take there´/Wenn Du nicht weißt, wohin Du gehst, wird Dich keine Straße dorthin führen“, sagt er. Radu Băncilă war in der Zeitspanne 2004-2008 Dekan der Bauwesenfakultät und konnte einige seiner Ideen durchsetzen, darunter eine, die ihm besonders am Herzen liegt: die Internationalisierung des Hochschulunterrichts. Wie er die Entwicklung der Abteilung im Laufe der Jahre erlebt hat und was er demnächst plant, verrät er Raluca Nelepcu in folgendem Gespräch.

Wie hat sich die Abteilung für Bauingenieurwesen in deutscher Sprache im Laufe der Jahre entwickelt?
Wir können seit der Gründung der Abteilung 1991 eine kontinuierliche Entwicklung verzeichnen. Wichtig ist der Vetrag zur Verleihung eines Doppeldiploms mit der TU München, einer deutschen Eliteuniversität. In diesem Jahr haben weitere drei sehr gute Studenten ein Doppeldiplom der TU München und der TU Politehnica erhalten. Im nächsten Jahr werden es weitere zwei und 2012 wiederum zwei Studenten sein. Damit ist die Kontinuität gesichert. Unterstützt werden diese Studenten durch Stipendien des Bayerischen Bauindustrieverbandes. Ab diesem Jahr können unsere Studenten unter günstigen Bedingungen auch ein Masterstudium in Konstanz absolvieren. Drei Studenten haben sich für diese Alternative entschieden. Es gibt einen Schaufenstereffekt auf die hier bleibenden Kollegen! Dabei sollte man ständig die Qualität im Auge behalten. Die Abteilung fördert eine Elite - nur motivierte Studenten werden gewählt. Dadurch kann die TU München mit der Verlässlichkeit ihres Partners rechnen.

Was planen Sie in nächster Zukunft?
Im April wurde ich 65 und damit bin ich ab dem 1. Oktober emeritiert. Ich muss aber noch einige Pläne umsetzen. In erster Linie die Akkreditierung der Abteilung bei der rumänischen Agentur ARACIS, dann die Unterzeichnung eines Zusammenarbeitsvertrags mit der Universität Konstanz (einschließlich ein Doppeldiplomvertrag) und die Gründung eines Masterstudienganges in deutscher Sprache mit Hilfe der TU München und des Bayerischen Bauindustrieverbandes in Richtung Baumanagement und Immobilien, ein Bereich, wo in Rumänien großer Nachholbedarf besteht. Des gleichen habe ich noch Doktoranden, die ich betreue. Ich wünsche mir, dass Lucian Blaga, der ja auch bei Euch bei der Zeitung mal mitgearbeitet hat, mit einem sehr interessanten Thema über Notfallbrücken aus Glasfasern promoviert. Ein Buch über Brückenbau, in dem wir unsere Erfahrung zum Besten geben, werden wir unbedingt in nächster Zukunft schreiben. Und auch vielleicht auch meine Memoiren, unter dem Titel „Vier Jahre im Dekanat“...
Als Fernziele könnte ich die Idee des Exports der Bildungsdienstleistungen erwähnen, nach dem Motto „Education on demand“. Vielleicht könnte man eine Hochschule im Ausland gründen? Eine andere Idee ist die Förderung der Forschungskomponente. Wir denken an der Gründung eines Exzellenzzentrums in Temeswar für Brückenbau.

Wie werden Sie Ihre Pläne umsetzen können?
Die Fakultät und die Uni wünschen die Verlängerung meiner Tätigkeit um ein Jahr. Wir werden sehen, ob auch das Ministerium diese Ansicht vertritt. Ich habe auch einen Nachfolger, das ist Dozent Dr.-Ing. Edward Petzek, Absolvent der Abteilung, der in München und Temeswar promoviert hat. Auch die anderen Mitarbeiter – wie Dr. Ramona Gabor und Drd. Lucian Blaga - können die begonnene Arbeit weiterführen. Zusammen mit Dr. Petzek haben wir auch eine kleine Entwurfsfirma für Brückenbau – SSF.RO - wo ich meine Aktivität verlängern könnte. Wir bieten moderne wirtschaftliche Lösungen für Brücken an.

Wie stehen die deutschsprachige Abteilung und die Fakultät für Bauwesen im europäischen Kontext?
Unsere Abteilung ist europaweit bekannt und in diesem Kontext gut verankert. Hervorgehoben werden soll, dass der Internationalisierungsprozess seit ungefähr 20 Jahren in Europa zunimmt. Die Hochschule der Zukunft ist eine internationale Einrichtung. Wir sind assoziierte Mitglieder im deutschen Fakultätentag, haben regelmäßigen Austausch auf Studentenebene mit der ETH Zürich und sogar mit der Universität aus Istanbul. Im Rahmen des europäischen Programms EUCEET (European Civil Engineering Education and Training) bin ich für das Konzept des Doppeldiploms zuständig. Ich versuche, auf internationaler Ebene ein Netzwerk in dieser Richtung aufzubauen. Ein Highlight unserer bisherigen Tätigkeit war die Vorstellung unserer Abteilung im Europäischen Parlament im November 2008, wo ich über unsere Tätigkeit berichten durfte.

Fachlich gesehen: Welche Leistungen hat die deutsche Abteilung für Bauingenieurwesen erbracht?
Fachlich stehen wir nicht schlecht. Ich habe mich sehr gefreut, als uns die sehr prestigevolle Europäische Konvention für Stahlbau – EKS - vor Kurzem den ersten europäischen Preis für die Wiederertüchtigung der Stahlbrücke in Savârsin verliehen hat. Dieser Preis wird uns im Herbst, in Istanbul, in feierlichem Rahmen verliehen. Wir haben uns seit längerer Zeit für den Erhalt der historischen Brücken engagiert und sind auch in Arad bei der Erneuerung der Trajansbrücke stark involviert.
Außerdem haben wir ein europäisches Projekt (FP 7) in Richtung neue, moderne und ästhetische Brücken durch Wettbewerb an Land gezogen und können somit einen Technologietransfer leisten.

Wie groß ist der Vorteil, den die Absolventen der Abteilung in deutscher Sprache im Vergleich zu ihren Kollegen von den rumänischen Abteilungen haben?
Es gibt einige entscheidende Vorteile. In erster Linie lernen die Absolventen eine bessere Arbeitsdisziplin und Pünktlichkeit. Man kann mit ihnen besser arbeiten, da sie eine kleine Gruppe bilden. Und die meisten von ihnen haben ein Praktikum in Deutschland oder Österreich absolviert und haben somit einen besseren Einblick in die deutsche und somit europäische Bauweise.

Die Krise hat im Bausektor ziemlich heftig zugeschlagen. Angesichts dieser Situation: Inwiefern spüren Sie als Professor gewisse Ängste bei den Studenten?
Natürlich spüren wir alle diese Krise; gute Studenten sind selbstbewusst und wissen, dass sie gute Chancen auf dem heutigen, wettbewerbsbestimmten Arbeitsmarkt haben. Dabei kann ihnen die deutsche Sprache helfen; große Baufirmen suchen auch heute gute Ingenieure.

Welche Grundvoraussetzung(en) müsste die Uni erfüllen, um die Krise zu überwinden?
Die Universität muss ein Leuchtturm in Richtung Lehre und Forschung sein und eine Antwort auf die jetzige Krise geben sowie Lösungen, um diese zu überwinden. Die Grundvoraussetzung dazu ist die Autonomie der Hochschule.

Prof. Dr. Radu Bancila: „Die Abteilung für Bauingenieurwesen in deutscher Sprache fördert eine Elite“.
Foto: Zoltán Pázmány

Teure Fahrkarten, teures Benzin

Das Fahrradfahren wird in Temeswar gefördert.
Foto: Zoltán Pázmány
Verkehrsalternativen in Temeswar
Teure Fahrtkarten, um den Kauf der Abos zu fördern. Das wurde in der Monatssitzung des Kommunalrats Temeswar/Timisoara beschlossen. Der Temeswarer Nahverkehrsbetrieb (RATT) erhöhte am 1. Juli den Preis der Fahrkarten um 0,5 Lei, während die Preise der Monatskarten unverändert blieben. Eine Strategie für die Förderung des Verkaufs von Abonnements, so nannte es die Verwaltung des RATT. 3,5 Lei kostet nun eine Karte mit zwei Fahrten, 2,5 Lei eine Fahrt mit dem Expressbus. Dass die Strategie auch eine Wirkung hat, zeigte sich am ersten Tag der Verteuerung noch nicht. Am 1. Juli sahen viele Temeswarer verzweifelt die Liste an, wo die neuen Ticket-Preise aufgelistet waren. „Die Karten wurden doch vor einem Jahr verteuert. Nun wieder? In diesem Rhythmus werden wir bald zu Fuß gehen, nichts mehr essen, trinken und wir können bald sterben“, beklagt sich eine Temeswarerin vor der RATT-Kasse am 700er Marktplatz. „Ich glaube nicht, dass der Wunsch des RATT, mehr Abos zu verkaufen, wirklich erfüllt wird. Ich gebe lieber um 0,5 Lei mehr für eine Fahrt aus, wenn ich einen längeren Weg zurücklegen muss, wenn nicht, dann gehe ich die kürzere Strecke zu Fuß. Sowieso ist es im Sommer unausstehlich, mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren: Es ist furchtbar heiß; draußen weht wenigstens der Wind“, sagt Simona Ignat (30).
Außer der Verteuerung der Fahrkarten traten am selben Tag auch weitere Preiserhöhungen in Kraft. Infolge der Steigerung der Mehrwertsteuer wurde auch Treibstoff teurer. Ein Abend zuvor standen viele Autofahrer Schlange, um noch beim alten Preis voll zu tanken. Der Temeswarer Andrei Stanciu entschloss sich, auf das Auto im Alltag zu verzichten. Der 28-jährige Andrei Stanciu fährt nun seit fast drei Monaten mit der Straßenbahn. „Ich habe es satt, 400 Lei im Jahr fürs Parken in Temeswar auszugeben und dabei nie einen anständigen Parkplatz zu finden. Das Benzin kostet mich auch 200 Lei im Monat, ein RATT-Abo bloß 40 Lei. Ich bleibe locker und fühle mich nun auch ein bisschen gesünder“, sagt der junge Mann. Die Straßenbahn fährt an seiner Wohnung vorbei und von der Station, wo er aussteigt, muss er dann nur noch zwei Minuten laufen. „In Temeswar lohnt es sich nicht mehr, mit dem Auto zu fahren, wenn man andere Alternativen hat“, fährt er fort.
Eine Alternative ist das Fahrradfahren. Immer mehr Temeswarer wählen das Vehikel auf zwei Rädern, um in der Stadt zu verkehren. Die wenigen Fahrradwege hindern jedoch viele daran, sich im Verkehr in Sicherheit zu fühlen. Trotzdem: „Ich werde bald mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren. Ich werde jedoch auf dem Gehweg fahren, denn die Autos berücksichtigen uns, Fahrradfahrer, nicht“, sagt Rodica Palosan (26). Auch Cristian Dumitrescu (38) verzichtet nun in der Sommerzeit auf seine Monatskarte für das gesamte RATT-Netz. „Vor einem Monat habe ich mir extra ein gebrauchtes Fahrrad gekauft. Ich spare nun das Geld für die Monatskarte und radle täglich. Ein Nachteil ist nur das trügerische Wetter in letzter Zeit“, schließt Dumitrescu.
Andreea Oance

Die Kunst aus der Sprühdose

Graffiti an der Unterführung an der Trajansbrücke, unweit des Maria-Platzes
Foto: Zoltán Pázmány

Sprayer Jones: „Graffiti ist mehr als nur Wandschmiererei“ / Von Ana Saliste
Graffiti ist nicht immer illegal. Dass man mit der „Spray-Kunst“ – wenn man sie beherrscht – etwas Schönes schaffen kann, das wollen „Jones“ und „Karm“, zwei Temeswarer Graffiti-Artists, mit ihren Werken beweisen. Die Künstler pflegen bereits seit zwei Jahren eine Zusammenarbeit mit dem Temeswarer Bürgermeisteramt. Nun dürfen sie die Unterführung an der Trajansbrücke, unweit des Mariaplatzes mit ihren farbigen Zeichnungen zieren und dies so oft sie wollen. Der Platz ist schon ein Anziehungspunkt für frisch Verheiratete, die sich dort in Hochzeitskleidung fotografieren lassen.

Das Herz schlägt jetzt nicht mehr schneller, wenn der 21-jährige Flavius Roua seine Graffiti-Spraydose in die Hand nimmt und sich an die Arbeit macht. Und dies, auch wenn es mitten in der Stadt ist. Er muss auch nicht ängstlich nach links und rechts blicken, bevor er die Wand mit Farbe besprüht. „Ich finde es super, dass sich das Temeswarer Bürgermeisteramt für uns eingesetzt hat und uns die Erlaubnis erteilt hat, die Wände unter der Brücke am Mariaplatz in Temeswar zu besprühen. Ich glaube, dass sich auch die Mentalität der Bürger positiv geändert hat. Viele frisch Verheiratete lassen sich hier fotografieren. Das heißt, dass sie das, was sie sehen, mögen. Das ist am wichtigsten, dass sie Graffiti nicht mehr als Vandalismus ansehen, sondern als etwas Schönes“, erklärt Flavius Roua, der sich oft auch nur mit seinen Spitznamen „Jones“ vorstellt. „Die Wahl eines Spitznamens ist wichtig, denn es ist deine Unterschrift, deine Identität. Du kannst mit der Form und der Größe der Buchstaben jonglieren und experimentieren. Du kannst so unterschreiben, dass niemand deinen Namen entziffern kann. Das ist das Schöne daran. Dadurch beweist du, wie viel Einbildungskraft du hast“, erklärt der Kunststudent.
Bereits mit 14 beschäftigte er sich mit der Kunst aus den Sprühdosen. In diesem Alter lockten dann die illegalen Herausforderungen mit dem Sprühnebel. „Ich finde es keine schlechte Sache. Andere geraten in viel schlimmere Kreise, die mit Drogen- oder Alkoholkonsum zu tun haben“, so Jones. Begonnen hat er mit der Nachahmung einiger Skizzen eines Freundes, bis er dann schrittweise seinen eigenen Stil entwickelt hat.
Bei der Unterführung an der Trajansbrücke hat er zusammen mit seinem Freund „Karm“ gearbeitet. Flavius Roua war für die Zeichnungen zuständig, Karm sorgte fürs Writing. Was diese vermitteln? „Nichts und vieles, gleichzeitig“, sagt Jones. Immerhin wollen die Beiden zeigen, dass Graffiti mehr ist als nur Wandschmiererei. Diese Message ist auch in einer der Zeichnungen versteckt. „Ich habe da ein Portrait gemalt. Du kannst aber nicht sagen, ob es etwas Gutes oder Schlechtes ausdrückt. Es kann beides sein. Ich wollte damit sagen, dass das Aussehen täuschen kann“, erklärt er.
Bei der Schrift handelt es sich viel mehr um das Visuelle, wie Alexandru Neculai, alias „Karm“, erklärt: „Writing-Graffiti soll durch Farbe und Buchstabenform den Blick erfreuen. Das ist eigentlich das Ziel. Die Kombination, die du dabei schaffst. Es kann als eine Designform verstanden werden“, erklärt der Künstler, der bereits seit zehn Jahren als Sprayer-Artist tätig ist. Im Unterschied zu Jones übt er meist das Writing-Graffiti aus. „Dies ist die meist verbreitete Form von Graffiti und wird deswegen auch am stärksten wahrgenommen“, erklärt er. Vor Kurzem hat das Temeswarer Bürgermeisteramt den beiden Künstlern eine andere Wand im Adolescentei-Park (Girocului-Viertel) zur Verfügung gestellt. „Wir wissen noch nicht genau, was wir da machen werden. Noch sind wir am Überlegen. Diesen Sommer machen wir uns aber ganz sicher an die Arbeit“, verspricht Flavius Roua. Künftig wollen sie auch bei der Unterführung an der Trajansbrücke etwas Neues hinzu zeichnen.