Zuckerkranke haben geschwächte Immunität
/ Von Raluca Nelepcu
Er steht wortwörtlich auf wackligen Knien, doch seinen Sinn für Humor hat er bei weitem nicht verloren: Gheorghe Togoe (62) aus Bokschan/Bocsa musste mehr als einen Monat im Temeswarer Kreiskrankenhaus verbringen. Grund dafür: Ein offener Knochenbruch, den er 2003 infolge eines Autounfalls erlitt, wollte nicht heilen. In Reschitza/Resita wurde der ehemalige Buchhalter operiert, da sagten ihm die Ärzte, die OP wäre gelungen. „Es war natürlich Quatsch, sie hatten gepfuscht“, sagt Gheorghe Togoe heute. Nach Jahren und nahezu unmerklich infizierte sich die offene Wunde. Togoe musste ins Krankenhaus. Kein einfacher Fall für die Orthopäden in Temeswar/Timisoara: Gheorghe Togoe ist nämlich seit über 30 Jahren zuckerkrank. Dies auch der Grund, wieso sich der Zustand der operierten Fraktur nach und nach verschlechtert hatte. „Ich bin Diabetiker und das hat die Infektion begünstigt“, erklärt der Mann.
Das Leben mit Diabetes ist kein leichtes, aber auch nicht besonders schwer, wenn man die Vorschriften der Ärzte einhält. „Man darf keine Kohlenhydrate zu sich nehmen, wenig Brot und Pasta, keine Süßwaren“, sagt der Patient. Gleichzeitig gibt er aber auch zu, dass er die Ernährungsvorgaben nicht immer einhält. „Ich versuche, mich von gewissen Sachen abzuhalten, aber manchmal schaffe ich es nicht. Ich war früher ein Gourmand gewesen“, sagt er lächelnd. Nur Kuchen hätte ihm nie so recht geschmeckt, fügt er hinzu. „Trauben darfst du essen“, flüstert ihm ein Zimmerkollege zu. Togoe lacht. „Nachdem du mir die Trauben gegeben hast, stieg mein Zuckerspiegel auf 400. Ich war schon fast ohnmächtig“, sagt er.

Zuckerkranke müssen sich den Zuckerspiegel im Blut täglich messen.
Diabetes infolge eines Nervenzusammenbruchs
Vor 30 Jahren erfuhr Gheorghe Togoe, dass er an Diabetes leidet. Die Krankheit stellte sich bei ihm infolge eines Nervenzusammenbruchs ein. „Ich hatte gerade einen Fachartikel über Diabetes gelesen und stellte fest, dass ich genau die im Bericht erläuterten Symptome hatte“, erinnert er sich. Der Arzt bestätigte seine Vorahnung und Gheorghe Togoe wurde plötzlich zu einem der vielen, die mit Diabetes leben müssen. Heutzutage leiden etwa 500.000 Menschen in Rumänien an Diabetes. Im Verwaltungskreis Temesch/Timis sind es etwa 19.600 Personen, wobei sich 3.500 davon Insulin spritzen, also Diabetes des Typs I. haben. Jene, die Tabletten einnehmen müssen, haben Diabetes des Typs II., wie die Krankheit in der Fachsprache bezeichnet wird. Nur im ersten Semester dieses Jahres wurden rund 2.000 neue Fälle allein im Verwaltungskreis Temesch nachgewiesen. Im Kreis Karasch-Severin leiden rund 9.000 Menschen an Diabetes – etwa 2.500 davon spritzen sich Insulin, so die Lage am 31. Oktober 2009, wie das Gesundheitsamt Karasch-Severin der BZ mitteilte.
„Die Krankheit hat mein Leben nicht sehr stark beeinflusst. Man gewöhnt sich an alles“, sagt Togoe heute. Am Anfang hat er Tabletten geschluckt, die seinen Zuckerspiegel senkten. Vor etwa zehn Jahren ist er auf Insulin übergegangen. Damals fürchtete er die Impfungen und Spritzen – schon wenn er die Nadel sah, wurde ihm schwindlig. „Ich habe mich am ganzen Bauch mit der Nadel gekratzt und war nicht instande, mich selber zu impfen“, sagt er. „Bis die Ärztin meine Hand nahm und mir die Nadel in den Bauch drückte. Dann gab es kein Zurück mehr“, fügt der Mann hinzu. Nun ist er Profi, was das Impfen des Insulins betrifft. Drei Mal pro Tag holt er seinen Pen hervor und spritzt sich den für ihn lebensnotwendigen Impfstoff in die Bauchdecke. Er macht es schnell, geschickt und schmerzlos. „Insulin ist wie eine Droge für mich, ich könnte ohne nicht mehr leben“, erklärt er die Rolle, die der Impfstoff für ihn spielt. Diabetiker in Rumänien bekommen kostenlos Medikamente und Insulin, sowie die notwendigen Geräte, um sich den Zuckerspiegel im Blut zu messen und sich den Impfstoff einzuspritzen. Diese finden die Kranken landesweit in allen Apotheken und müssen nicht – wie vor einigen Jahren noch der Fall – in bestimmten Apotheken Schlange stehen.
Dr. Viorel Serban: „Die Hausärzte im Kreis Temesch verschreiben die richtigen und nicht unbedingt die teuersten Medikamente für Diabetiker“.
Foto: Raluca Nelepcu
Selbstkontrolle – ein Risikofaktor
Seit etwa fünf Jahren wird weltweit der Erziehung und Prävention der Zuckerkrankheit besonderes Augenmerk geschenkt. Am Weltdiabetestag, der am 14. November begangen wurde, rückte diese Problematik wieder in den Vordergrund der Gespräche, an denen sich Ärzte, Fachleute, aber auch Personen, die an dieser Krankheit leiden, beteiligten. Auch im Temescher Kreiskrankenhaus wurde hierzu eine Debatte organisiert. „Die Zahl der Diabetes-Fälle in Rumänien hat sich in den letzten zehn Jahren verdoppelt. Wir würden es begrüßen, wenn die Hausärzte ihren Patienten gewisse Richtlinien für das Leben mit Diabetes geben könnten“, sagt Prof. Dr. Viorel Serban. Der Leiter der Diabetes-Klinik innerhalb des Kreiskrankenhauses Temeswar beurteilt die Situation der Diabetes-Kranken im Kreis Temesch als gut. „Die Ärzte verschreiben nicht die teuersten, sondern die besten Medikamente für unsere Patienten. Ich sehe in Zukunft keine Insulin-Krise voraus, sondern eher die Situation, dass die Patienten einen Teil der Kosten für die Medikamente aus eigener Taschen decken müssen“, sagt Prof. Dr. Serban.
Ein Problem sieht er bei den Kranken selbst, die die ärztlichen Vorschriften nicht immer einhalten. Die Selbstkontrolle bleibt weiterhin ein Risikofaktor für Diabetiker. „Seien wir mal ehrlich: Nur die wenigsten Diabetiker messen sich den Zuckerspiegel jeden Tag. Und viele davon halten die Ernährungsvorschriften vor allem an dem Tag vor der Untersuchung beim Facharzt ein“, sagt der Arzt. Gheorghe Togoe bestätigt die Aussage des Facharztes. „Ich sollte jeden Tag meinen Blutzuckerspiegel messen. Tue ich aber nicht“, sagt er. Im Falle von Diabetes können Lebenserwartung und –qualität um vieles verbessert werden, falls der Patient alle ärztlichen Vorschriften einhält. „Diese Behandlung wird von drei Faktoren bestimmt: Insulin, Diät und Bewegung“, sagt Prof. Serban. Der Patient muss so erzogen werden, dass er im Falle einer Notsituation die richtige Entscheidung trifft. „Er soll wissen, wie er mit seiner Krankheit umgehen muss“, so Dr. Serban.

Insulin: Ein kleiner Pieks und schon fühlt man sich als Diabetiker besser: man kann wieder was essen.
Fotos: Zoltán Pázmány
Eine Krankheit mit Komplikationen
Weltweit leben etwa 500.000 Kinder mit Diabetes des Typs I., 20 Prozent davon in Europa. In Rumänien wurden Ende vergangenen Jahres knapp 2.000 Kinder registriert, 73 davon im Kreis Temesch. Das „Cristian Serban“-Diabeteszentrum im Temescher Kurort Busiasch/Buzias, von Dr. Viorel Serban und seiner Frau Dr. Margit Serban ins Leben gerufen, soll vor allem Zuckerkranken bis 35 Jahre die notwendige Erziehung bieten. 1.500 Patienten waren im vergangenen Jahr hier interniert – 35 Prozent aller zuckerkranken Jugendlichen in Rumänien verbrachten im Laufe der Jahre mindestens ein paar Tage im Zentrum. „Seit 1997 hat sich die Zahl der Komplikationen im Falle dieser Krankensparte reduziert“, sagt der Facharzt Viorel Serban. Diabetes kommt nämlich nicht allein daher und das haben vor allem die älteren, aber auch die jüngeren Leidenden am eigenen Leibe erfahren müssen. „Der peripherische Blutkreislauf wird geschädigt, das Sehvermögen reduziert“, sagt Gheorghe Togoe aus eigener Erfahrung und Beobachtung. Dass Wunden nur langwierig heilen, das hat er selbst zu spüren bekommen. „Die Wunde wird zwei Mal in der Woche gereinigt. Es tut höllisch weh, doch ich muss es durchziehen, weil ich gesund werden will“, sagt der Mann. In Korrelation mit anderen Krankheiten kann Diabetes sogar lebensgefährlich werden. Bei den beiden Todesfällen im Falle von Schweinegrippe, die jüngst in Rumänien verzeichnet wurden, ging es um zuckerkranke Erwachsene.