Gespräch mit der Lyrikerin und Essayistin Ana Blandiana
Mit 19 war sie bereits als „Tochter eines Volksfeindes“ abgestempelt worden und aus der Gesellschaft ausgeschlossen. Vier Jahre lang durfte sich die Lyrikerin Otilia Valeria Coman (mit dem literarischen Pseudonym Ana Blandiana) nicht an der Universität inskribieren. Obwohl sie 1988 mit Publikationsverbot belegt wurde, war ihr Werk weder staatstragend noch ausdrücklich regimekritisch. Niemals konnte sie etwas anderes als ihre eigenen Gedanken, Erwartungen und Enttäuschungen schriftlich niederlegen. Und niemals konnte sie jemand anderer als sie selbst sein.
Sie selbst: eine Lyrikerin, die in ihren Versen nach Freiheit und Demokratie strebte.

Eine Essayistin, die am 22. Dezember in Weinen ausbrach. Eine Dichterin, die mit dem „Kater Arpagic“ auch die Herzen der Kinder für sich gewann und dabei das für einen Lyriker wichtigste Geschenk bekam: „Ein Kindheitszeugnis“, wie sie zu sagen pflegt. Und nicht zuletzt eine Frau, die von ihrem Mann schon in der ersten Stunde, nachdem sie sich kennengelernt hatten, einen Heiratsantrag bekam.
Über 20 Jahre Demokratie, über Hoffnungen und Enttäuschungen und über Zukunftspläne führte Ana Blandiana ein Gespräch mit BZ-Redakteurin Ana Saliste.
Sie haben bei der Revolution für Freiheit und Demokratie gekämpft. Wieviel davon ist jetzt, nach 20 Jahren, erreicht worden?
Die einzige unbestrittene Sache ist der Gewinn der Freiheit. Natürlich hat sich das Land in vielen Bereichen zum Guten entwickelt, es bleibt aber noch weit entfernt von unserer damaligen Vorstellung eines freien Staates. Es ist wahr, dass das, was wir uns vorgestellt hatten, viel mehr mit der Illusion und nicht mit der Wahrheit zusammenhängt. Die erste große Entdeckung ist, dass es viel schwieriger ist, frei zu sein, als unfrei. Trotz allem Pessimismus konnte ich mir niemals vorstellen, dass in 20 Jahren fast kein einziger Punkt der Proklamation von Temeswar, die am 11. März 1990 verlesen wurde, eingehalten wurde.
Wie hatten Sie damals den Mut aufgebracht, realistische Gedichte zu schreiben?
Vielleicht klingt das ein bisschen übertrieben, aber es fiel mir leichter, so zu schreiben. Es wäre viel schwieriger gewesen und es hätte mich viel mehr gekostet, Oden zu schreiben. Ich war ich selbst, ganz einfach. Es gibt da ein Axiom: Meine einzige Pflicht ist, das zu schreiben, was ich denke. Das ist meine einzige Verpflichtung. Der zweite Schritt ist, das was ich schreibe, auch zu veröffentlichen. Wenn ich Glück hatte, wurde ich veröffentlicht, wenn nicht, halt nicht...
Sie haben schon als Jugendliche mit dem Stigmat „Tochter eines Volksfeindes“ zurecht kommen müssen. Sie hatten Publikationsverbot und konnten sich vier Jahre lang nicht an der Uni einschreiben.
Ja, sie haben herausgefunden, dass ich unter einem falschen Namen schreibe. Aus Großwardein/Oradea, wo ich damals wohnte, wurde ein Brief an alle Publikationen aus dem ganzen Land geschickt. Den Brief habe ich nach 1989 in einigen Archiven aus Jassy/Ia{i gefunden. So weit war es gekommen...Es war ein Text, in dem es gesagt wurde, dass sich unter dem Pseudonym „Ana Blandiana“ die Tochter eines Volksfeindes versteckt und es wurde darauf aufmerksam gemacht, meine Gedichte nicht mehr zu veröffentlichen. Damals war die wahrscheinlich schwierigste Zeitspanne meines Lebens. Ich begann ein Leben als Ausgeschlossene. Hätte ich nicht das Glück gehabt, so schnell zu heiraten, wäre es wahrscheinlich schlimmer geworden. Der Brief wurde aber zu einem Vorteil, als ich bei der Revista Contemporana debütierte. Die Neuen wurden meist mit Desinteresse behandelt, mich kannten sie aber alle aus dem Brief und so wurden sie schon von Anfang an auf mich aufmerksam.
Ihr Mann hat Ihnen schon in der ersten Stunde Ihrer Bekanntschaft einen Heiratsantrag gemacht.
(lacht) Ja, er hat mir damals einen schlechten ersten Eindruck gemacht. Er schien mir sehr unernst. Aber ich habe auch irgendwie darauf reagiert, im Sinne, dass ich ihn schon vom ersten Augenblick an vor meiner Mutter beschützt habe. Ich habe ihr nicht gleich vom Heiratsantrag erzählt, damit sie nicht eine schlechte Meinung von ihm hat. Ich hatte ihn also von Anfang an geschützt. Es war eine romantische Geste, die er dann bezahlen musste, nachdem wir ein halbes Jahr später, heiraten. Er hatte Probleme bei der Zeitschrift „Tribuna“, wo er damals arbeitete. E sind so viele Geschichten...
Wollen Sie die mal in einem Buch zusammentragen?
Ja... ich arbeite gerade daran. Ich hoffe nur, dass ich es fertig schreiben werde. Besser gesagt, dass ich mit dem Schreiben aufhören kann (lacht). Das Buch heißt „Falsches Traktat der Manipulation“. Es ist ein Essay über die Art, in der wir nicht das leben, wofür wir uns entschieden haben, sondern wir werden von den Personen um uns beeinflusst. Jedes Ereignis beeinflusst und manipuliert dich in irgendeiner Weise. Die Bücher, die du liest, die Freunde und Feinde... Das Buch soll eher meine Memoiren enthalten. Die Fakten sind also mit Ereignissen aus meinem Leben „illustriert“.
Ihr Mann ist auch Schriftsteller, ist das das Geheimnis Ihrer langen Ehe?
Ja, ganz bestimmt. Vielleicht ist das auch das Schönste in meinem Leben. Die Tatsache, dass wir seit so vielen Jahren zusammen sind. Wir scherzen auch oft, dass in unserer Familie die Zensur nicht verschwunden ist. Dies hauptsächlich, weil wir immer unsere Texte gegenlesen und falls einem etwas nicht gefällt, dann wird der Text verändert. Ich war ständig von meinem Mann beschützt, ich fühlte das. Unsere Zusammenarbeit besteht nicht nur in der Literatur, sondern auch in der „Alian]a Civica“/Bürgerlichen Allianz und in der Organisation der Gedenkstätte in Sighetul Marmatiei. Das finde ich einfach großartig.
Schreibt ihr auch zusammen?
Nein, ganz im Gegenteil. Ich kann nur dann schreiben, wenn ich nicht zu Hause bin. Früher konnte man Häuser des Kulturministeriums ziemlich kostengünstig mieten, wenn du Mitglied im Schriftstellerverband oder einem anderen Schaffensverband warst. Die meisten Bücher habe ich in einem Haus in Sinaia geschrieben. Ich muss immer komplett aus meinem Leben raus, wenn ich schreibe. Ich erinnere mich, dass ich als Kind etwas Interessantes über Puschkin gelesen hatte. Als er in ein Zimmer kam, nahm er zuerst alle Gemälde von den Wänden und erst nachher fing er an zu schreiben.
Nun, vielleicht eine Klischeefrage: Wie haben Sie die Lyrik entdeckt?
Es ist die einzige Frage, die ich vielleicht nicht beantworten kann. Alles was ich dazu sagen kann ist, dass ich mich an keine Zeitspanne in meinem Leben erinnern kann, in der ich nicht geschrieben habe. Alle um ich herum kannten mich als eine Schriftstellerin. Auch meine Mutter, wenn sie mich bestrafen wollte, sagte: „So, kleine Schriftstellerin, jetzt mal in die Ecke mit dir!“
Ihre Bücher wurden in 23 Sprachen übersetzt. Wie schwer war es, über die Grenzen hinweg zu kommen?
Die meisten sind nach 89 erschienen. Nur vier oder fünf sind vor der Revolution in Polnisch, Ungarisch und Deutsch erschienen. Ich hatte damals aber nichts mit meinen Übersetzungen zu tun. Als ich Veröffentlichungsverbot hatte, nach dem Skandal mit dem Kater Arpagic, haben sie mich zum Zentralkomitee der Rumänischen Kommunistischen Partei gerufen und mich gefragt, wie ich den Text zur Übersetzung ins Ausland geschickt habe. Ich weiß es bis heute nicht, wie es dazu kam. Mein letztes Buch ist in Südkoreea erschienen. Ich habe es eines Tages ganz einfach bekommen. In den meisten Fällen treffe ich dann früher oder später die Übersetzer. Am meisten mag ich die Bücher in den Sprachen, die ich nicht kenne. Ich stelle mir dann vor, dass die Übersetzungen sehr gut sind. Generell ist die Übersetzung der Gedichte eine schwierige Sache. Man hat Glück, wenn man von einem anderen Schriftsteller übersetzt wird. In Deutschland und Serbien war dies der Fall.
„Wir sind ein vegetatives Volk“ haben Sie 1985 in einem Gedicht geschrieben. Wie sind wir jetzt?
Dieselbe Frage wurde mir am 22. Dezember gestellt, als sie mich bis zum Radiosender auf den Armen trugen. Ich gelangte in die Sendekabine, von wo man live sendet, wo höchstens drei Personen reinpassen. Diesmal waren es an die 50 Menschen. Sie haben mir im Chor diese Frage gestellt. Ich begann zu weinen und habe natürlich „nein“ gesagt. Es war ein sehr dramatischer Augenblick für mich damals. Heute kann ich nicht mehr so entschlossen „nein“ sagen. Es gibt Momente, da reagieren wir nicht als bewusstes Volk.
Nach dem Gedichtband mit dem Kater Arpagic, der bei Kindern großen Erfolg hatte, haben Sie sich gefreut, dass sie ein „Kindheitszeugnis“ bekommen haben.
Ja, weil die Kindheit für einen Künstler am wichtigsten ist. Es hat mich eine Aussage von Brâncu{i immer beeindruckt: „In dem Moment, wenn wir aufhören, Kinder zu sein, existieren wir gar nicht mehr als Künstler“. Ich habe keine Kindergedichte geschrieben, ich habe ganz einfach gespielt. Dass Kinder dann meine Gedichte adoptiert haben, als ob diese nur für sie waren, war für mich wie ein Kindheitszeugnis. Das heißt, ich bin ein einzigartiges Kind.

Ana Blandiana beim Besuch der Temeswarer Gedenkstätte der Revolution
Fotos: Zoltán Pázmány