Am Rande der internationale Germanistik-Tagung in Temeswar
Festlich eingeleitet wurde die vom Temeswarer Germanistik-Lehrstuhl am letzten Wochenende veranstaltete internationale Tagung „Inter- und Multikulturalität im Banat“. Dem Grußwort von Prof. Dr. Roxana Nubert, Leiterin des Temeswarer Germanistik-Lehrstuhls, an die zahlreichen Teilnehmer aus dem In- und Ausland im AMG- Festsaal folgte die Ehrung dreier verdienstvoller Germanisten: Erstens wurde Prof. Dr. Karl Stocker (L. Maximimilians-Uni München) zu seinem 80. Geburtstag für seine Verdienste als Lehrer und Förderer eine Ehrenkunde überreicht. Die gleiche Auszeichnung ging zum Anlass seines 70. an Doz. Peter Kottler für seine langjährige Tätigkeit am Germanistik-Lehrstuhl. Zu seinem 70. mit einer Ehrenkunde (Sie wurde von Doz. Dr. Carmen E. Puchianu entgegengenommen) bedacht wurde auch der Hermannstädter deutsche Schriftsteller Joachim Wittstock (Leider aus Krankheitsgründen nicht dabei), für seine Verdienste als “Meister der Worte“ in der rumäniendeutschen Gegenwartsliteratur.
Ehrung für Doz. Peter Kottler: Anerkennung zum 70. für eine außergewöhnliche Germanistenlaufbahn
Foto: Zoltán Pázmány
Gäste der internationalen Tagung - Mitveranstalter waren die West-Universität, die Hanns-Seidel-Stiftung und die Österreich-Bibliothek Temeswar – waren außer zahlreichen Kollegen aus dem Land erneut etliche treue Freunde und Mitarbeiter der Temeswarer Germanistik, so Dr. Hanns-Peter Niedermeier (München), Margit Riedel (München), Michel Cullin (Wien), Günther Ofner (Graz), Erhard Peter Müller (München), Gottfried Schnödl (Wien).
Demgemäß hochaktuell erwiesen sich fast alle von lebhaften Diskussionrunden gefolgten Vorträge zur Problematik der Interkulturalität im gesamtdeutschen und der Multikulturalität im Banater Sprachraum
Dem neuerwachten Interesse für die rumäniendeutsche Literatur gemäß, fanden diesmal die Referate in der Sektion „Interkulturalität im Banat“ (Moderation Beate Petra Kory) starken Anklang. U.a. wurde über das Werk von Otto Alscher (Gabriela Sandor), Franz Liebhard (Maria Stâng²), mehrsprachiger Dichter ( Andreas Pogany), Balthasar Waitz (Robert G. Elekes), C²t²lin Dorian Florescu (Graziella Predoiu), Eginald Schlattner (Melanie Goina), Richard Wagner (Beate Petra Cory, Tanja Becker) und Joachim Wittstock (Carmen Puchianu) referiert.
Ein interessiertes Publikum fanden an der West-Universität auch ein Theater-Workshop und Vorlesungen zum Thema Interkulturalität und Österreich sowie Referate zum DSTT und zur Dialektologie in interkultureller Perspektive (Moderation: Peter Kottler).
Im kulturellen Rahmenprogramm waren noch ein Auftritt des Theaterensembles Duo Bastet (Transylvania-Universität Kronstadt) und die Tage der offenen Tore an der Österreich-Bibliothek anberaumt.
Zur neuen DSTT-Premiere „Der Zauberer von Oz“ von L.F. Baum
Ein schöner Sonntagmittag für die DSTT-Familie: In guter Tradition des Hauses (siehe Schneewittchen, Die Schöne und das Biest) begeisterte das Ensemble mit dem Musical nach dem bekannten Kinderbuch „Der Zauberer von Oz“ von L.F. Baum im gleichen Maß ein Publikum von drei Generationen, von zwei bis achzig Jahren. Es zeigte sich wieder, dass ein Märchen, so auch dieses amerikanische Rotkäppchen, die richtigen Antworten für alle Zeiten parat hat. Um die Hauptfigur Dorothy agierten in bunter Aufmachung allbekannte Gestalten: ein Zauberer, zwei Hexen, eineVogelscheuche, ein Blechmann, ein Löwe, drei Käuer, zwei Krähen und vier fliegende Affen.
Das 1900 erschienene Märchen, heute für die Amerikaner das, was „Hänsel und Gretel“ den Europäern bedeutet, wird trotz seines weltweiten Erfolgs von den Kritikern als schlecht geschrieben bemängelt und war lange Zeit wegen seiner vermeintlichen politischen Botschaft über die US-Zustände als eine für Kinder ungeeignete Allegorie betrachtet und ein Dorn im Auge der US-Zensur gewesen. Apropos: der Autor aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten war vordem ein erfolgreicher Geflügelzüchter, Schauspieler und Gemischtwarenhändler.
Das Büchlein wurde jedoch vor allem nach den Filmversionen (Das zauberhafte Land 1939 mit Judy Garland oder Der Zauberer von Oz 2004 mit den Muppets usw.), den Musicals, den zahlreichen Alben aus der Rockmusik ( Pink Floyd, Elton John, Ozzy Osbourne usw. zu einem Welterfolg.
In der Regie von Eva Labadi Megyes brachte das DSTT – Im Vordergrund standen zahlreiche Nachwuchsschauspieler - eine rundum entzückende musikalische Komödie auf die Bühne, der man einen sicheren Publikumserfolg in der laufenden Spielzeit auf allen Theaterbühnen des Landes voraussagen kann. In den Hauptrollen traten auf: Radu Vulpe (Zauberer), Olga Török (Dorothy), Dana Borteanu (Glinda), Tatiana Sessler (Glunda), Rare{ Hontzu (Vogelscheuche), Horia Savescu (Blechmann), Peter Papakostidis (Löwe). Hervorzuheben auch die ansprechenden Kostüme (Eugen Varga) und die musikalische Gesamtleitung (Tibor Cari). Für die Liedertexte sorgte die beim Publikum beliebteste Stimme des Ensembles, Dana Borteanu. Für die Übersetzung ins Deutsche zeichnete Staffette-Autorin Lorette Bradiceanu-Persem.
„Einsamkeit“ hieß das diesjährige Thema der siebten „Juventus“-Preisverleihung in der Temeswarer Kulturstiftung „Triade“ – eine Stiftung, die im Jahre 2000 vom verstorbenen Bildhauer Peter Jecza ins Leben gerufen wurde, um junge Künstler zu fördern. „Das Thema wurde noch von Peter Jecza vorgeschlagen und hat in diesem Jahr eine große Bedeutung, da die diesjährige Preisverleihung von seiner Abwesenheit stark geprägt ist“, sagte Sorina Jecza in ihrer Ansprache.
24 junge Bildhauer haben in diesem Jahr mit mehreren Werken am Wettbewerb teilgenommen. Die besten Skulpturen wurden von einer Jury ausgewählt und mit Preisen ausgezeichnet. Die Skulptur „Sekundenabschnitt“ des jungen Künstlers Dan Marius Visovan, die die Einsamkeit eines Regentropfens darstellt, wurde zur besten Skulptur ausgewählt und sowohl mit dem ersten Preis als auch mit dem Sonderpreis „Peter Jecza“ ausgezeichnet. Der Gewinner wird auch über eine Eigenausstellung in der Kulturstiftung und einen eigenen Präsentationskatalog verfügen. Der zweite Preis ging an den Studenten Cosmin Dumitrescu für sein Werk „Einsamkeiten“, das das Alleinsein in Form von hölzernen Steinen darstellt. „Die Weichheit des Holzes kontrastiert mit der Härte des Steines. Die Steingruppe bildet eine Einsamkeit, weil sie von diesem Kontrast geprägt ist“, erklärte Jurymitglied Rudolf Kocsis die Entscheidung. Den dritten Preis erhielt Marius Dan Surducan, Student im letzten Jahrgang an der Bildhauereiabteilung der Temeswarer Kunsthochschule für sein Werk „Erinnerungen“. Die Holzskulptur stellt einen Mann dar, dessen Körper in einer Wand eingefasst ist. Das Werk wurde auch mit dem Sonderpreis „Petre Tanasoaica“ ausgezeichnet. Diana Gaga, die Tochter des verstorbenen Bildhauers Victor Gaga, überreichte den Sonderpreis “Victor Gaga“ an Benjamin Varga für sein Werk „Allein mit dir selbst“. Das Werk – eine Mischung aus Holz und Bronze - stellt einen Kopf mit einem leeren Gesicht dar.
Jurymitglieder der diesjährigen Auflage waren: Peter Hochmuth, Präsident des deutschsprachigen Wirtschaftsclubs, Willi Gromatzki, Mitglied des deutschsprachigen Wirtschaftsclubs, Sorina Jecza-Ianovici, Leiterin der Kulturstiftung „Triade“, Rudolf Kocsis, Professor an der Temeswarer Kunsthochschule sowie der Künstler Bogdan Rata, das jüngste Mitglied, das die Stelle von Peter Jecza in der Jury übernommen hat. Das Unterfangen wurde vom deutschsprachigen Wirtschaftsclub in Temeswar, von der Firma „Constructim“, der österreichischen Fluggesellschaft Austrian Airlines, Groma SRL sowie von der holländischen Kunstgalerie „Artlease Contemporary Art“ in Utrecht finanziell unterstützt. Die Jurymitglieder konnten sich je ein Kunstwerk auswählen und dieses mit einem Preis auszeichnen. Die Werke der Bildhauer Csaba Szabo, Daniel Dan, Ionut Eugen Serban, Marius Dan Surducan und Sandrin Ilie Gherhes wurden somit mit Sonderpreisen ausgezeichnet.
Ana Saliste
Rudolf Kocsis (links) überreicht Dan Marius Visovan den ersten Preis. Rechts: Sorina Jecza und Peter Hochmuth
Fünf Themen beim internationalen deutschsprachigen Lehrertag diskutiert
„Lernen und Lehren nach Mehtoden verschiedener Länder“, so hieß das Hauptthema des vierten Internationalen Lehrertages am Wochenende in der „Nikolaus Lenau“-Schule in Temeswar/Timi{oara. Lehrer aus Arad, Karansebesch/Caransebe{, Großsanktnikolaus/ Sânnicolau Mare und Temeswar teilten sich in fünf Themen-Gruppen ein und setzten sich diesmal in die Schulbänke um neue, effiziente und europaweite Lösungen im Unterricht zu besprechen und näher kennenzulernen. Eins der wichtigsten Themen des Lehrertages war in diesem Jahr die Perspektive eines künftigen DaM-Lehrbuches für die 10. Klasse. Die Thematik entspricht den Inhalten und den Aufgabenstellungen nach dem Lehrplan für „Deutsch als Muttersprache“ in Rumänien aus dem Jahre 2009. Nach Aussagen von Dr. Rolf Willaredt, Fachberater der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen (ZfA) richtet sich das Buch methodisch-didaktisch auch nach Fortbildungskriterien des staatlich anerkannten „Zentrums für Lehrerfortbildung“ (ZfL) in Mediasch und den Lehrerfahrungen der Fachberatung der „Zentralstelle für das Auslandschulwesen“ in Köln (ZfA). Die Kriterien sind zeitgemäß im Hinblick auf Sprach-, Sozial-, und Europakompetenz, auf Geschichtsbewusstsein und Medienkompetenz. Jedes Kapitel im Lehrbuch „Deutsch Klasse 10“ hat einen handlungsorientierten Charakter. Die Schüler sollen im Deutsch-Unterricht aktiv fühlen, denken und handeln können. „Das Lehrbuch der 10. Klasse kann ich als Fachberater aus den Mitteln der Partnerschulinitiative über die ZfA finanzieren. Die Hoffnung besteht, dass dies auch mit den drei anderen Lyzeumsbüchern zu Klasse 9, 11 und 12 innerhalb der nächsten zwei Jahre geschehen kann. Wichtig ist vor allem, dass die Bücher geschrieben werden. Dafür gibt es ein Konzept, dass ich mit dem Lehrbuch-Team der 10. Klasse verfolge. Dies ist auch mit dem Deutschen Forum finanziell abgestimmt“, sagt der ZfA-Fachberater in Temeswar für Nord- und West-Rumänien und den deutschsprachigen Fachunterricht (DFU) in Rumänien. Auch andere Themen wurden in diesem Jahr beim Banater Lehrertag besprochen. Das Thema „Europäischer Referenzrahmen im Curriculum wiederspiegelt“ für Deutsch als Fremdsprache sammelte etwa 25 Teilnehmer. „Ab diesem Schuljahr werden beim Abitur keine Noten mehr für Fremsprache vergeben, sondern die Schüler werden in ein bestimmtes Sprachniveau eingestuft“, sagt Cristina Escher, Lehrerin für Deutsch als Fremdsprache. „Innerhalb des Workshops haben wir mehrere Sprachübungen durchgeführt, die ich im Unterricht anwenden kann, um ein bestimmtes Niveau zu erreichen“, schließt die DaF-Lehrerin. Zum Schluss des internationalen Lehrertages wurden die Ergebnisse des Workshops der verschiedenen Themengruppen vorgestellt. Unter anderen präsentierten auch die Gruppen: „Mathematiker ohne Grenzen“, die Gruppe für „Gewaltprävention“, „Neue Methoden für die Grundschule und den Kindergarten“ und die Themagruppe „Methoden für das Lenken des Gedankenflusses“ (Metode de dirijare a gândirii), ihre Schlussfolgerungen.
Andreea Oance
Zum Schluss des Lehrertags wurden die Ergebnisse der jeweiligen Themengruppen im Plenum vorgestellt.
Gründe, Herangehensweisen, Lösungen/Von Andrei Marga
Andrei Marga, Rektor der Babes-Bolyai-Universität in Klausenburg
Foto: Andreea Oance
Die Finanz- und Wirtschaftskrise, die 2008 ausgebrochen ist, hat die Menschen überrascht. Inmitten der umfassendsten wissenschaftlich-technischen Revolution und der bemerkenswertesten Periode des Wirtschaftswachstums der Neuzeit gab es plötzlich Zeichen der Zahlungsunfähigkeit und fehlender Liquiditäten im Finanzsektor. Kreditierungen wurden gekürzt. Die Wirtschaftsaktivitäten erlahmten. Die Arbeitslosigkeit stieg. Soziale Unruhen kamen auf. Politisch kam man ins Trudeln. Einfache Bürger und Fachleute fragten sich: „Was ist das für eine Krise?“, „Woher kommt diese Krise?“, „Was ist zu tun zum Überwinden der Krise?“, „Wann endet diese Krise?“ Die gegenseitigen Abhängigkeiten in der Wirtschaft – auch die kulturellen -, die komplizierten Globalisierungsnetzwerke, alle zusammen fordern Antworten auf diese Fragen nicht nur von Ökonomen. Diese selber müssen heutzutage zunehmend mit Soziologen und Sozialphilosophen zusammenarbeiten, so wie Letztere immer öfter auf die Ökonomie zurückgreifen, um Antworten zu finden.
Im Folgenden möchte ich auf Fragen eingehen, welche die Krise aufgeworfen hat.
I. Was für eine Krise?
Es reichte aus, dass auf dem Immobilienmarkt der USA plötzlich Kredite massenweise an Banken nicht rückerstattet wurden, damit jene Banken ihren bevorstehenden Zusammenbruch ankündigten. Wenn bis Mitte 2008 die Banken geradezu darum rangen, Kredite vergeben zu dürfen – wobei sie sich auf rein mathematischer Ebene bewegten – bekam durch sie die Realökonomie eine zusätzliche, virtuelle Ebene. Eine nachweisliche Abhängigkeitsebene. Als diese nicht mehr funktionierte, erschütterte sie die Realökonomie.
Trotz staatlicher Gegensteuerung mittels ungeheurer Geldmengen bestehen die Tendenzen vom Herbst 2008 auch heute weiter oder sind unausreichend abgeschwächt worden. Wenn wir unter „Krise“ die Situation verstehen, wo ein Ganzes (eine Wirtschaft, ein Organismus, ein Erkenntnissystem, ein politisches System) Schwierigkeiten erlebt, die seine Funktionsweise gefährden, dann erleben wir, seit 2008, eine Finanzkrise.Diese Finanzkrise ist nicht mehr „die Krise des Virtuellen, das sich auf Mathematik und Informatik stützt“. Es ist ganz konkret die Krise der Kredite, der Liquiditäten usw. Die Kreditierungsabstinenz (und die Zurückhaltung, zu investieren) gibt es fast überall. Ganze Industrien haben Absatzschwierigkeiten. Also ist die Beschäftigungsrate gefährdet. Aus der Finanz- wird eine Wirtschaftskrise. Auch wenn es in manchen Industrien eine Überproduktionskrise ist. Die Migration der Investoren verstärkt sich. Länder mit wenig eigenständiger Industrie sind von der Weltkrise am stärksten betroffen. Rumänien gehört zu diesen.
Wirtschaftskrisen haben immer politische Folgen. Noch ist nicht ganz klar, ob die gegenwärtige Krise eine Folge der unausreichenden Regelungsmechanismen für Wirtschaft und Finanzen ist (die führenden Wirtschaftsnationen scheinen davon auszugehen) oder von Regelungsexzessen. Ich selbst bin überzeugt, dass der Neoliberalismus, gepaart mit Sozial-Darwinismus, an seine Grenzen gestoßen ist. Wir brauchen eine neue Politik, die sich auf den Markt als hauptsächlichen Regelungsmechanismus stützt. Das wird von der US-Administration seit 2009 bereits erfolgreich angewandt.
Um eine „Krise der Gesellschaft“ scheint es sich nicht zu handeln, denn die Grundlagen der spätmoderen Gesellschaft – Privatbesitz, Marktwirtschaft, politischer Pluralismus, Rechtsstaat, Grundrechte und –freiheiten des Individuums und des Bürgers – werden weder angetastet noch infrage gestellt. Es gibt aber Erodierungserscheinungen dieser Gesellschaft, etwa Verhaltensweisen wie „Nutze Augenblick und Gelegenheiten voll und ganz aus!“. Die „Konsumgesellschaft“ steht vor der Herausforderung, wieder eine „Weisheitsgesellschaft“ zu werden. Das Entwicklungsmodell, das nur auf Geld-Gier ausgerichtet war, ruft nach Vervollständigung durch Werte – Disponibilität, Hingabe, Opferbereitschaft, Glaubhaftigkeit, Solidarität usw.
Wenn wir es mit einer „Krise des Entwicklungsmodells“ zu tun haben, dann muss man über die „ontologische Krise“ sprechen. Ab nun muss das „Risiko“ als Teil der „Aktion“ angesehen werden. „Verwundbarkeit“, „Zufall“, „Risiko“ sind Begriffe, mit denen wir die Welt und vor allem deren Entwicklung nun beschreiben. Und die Haltungen des Menschen dem Leben gegenüber müssen neu eingeschätzt werden: jeder Profit bleibt riskiert, wenn er nicht mit staatsbürgerlichen und moralischen Werten assoziiert wird.
Auf Rumänien bezogen: zu allen obigen Krisenerscheinungen gesellen sich zwei einheimische. Die „Krise der administrativen Kompetenz“ (die schon alt und auch ausländischen Beobachtern bekannt ist), die von der exzessiven Politisierung der Verwaltung herrührt, und die „Krise der beruflichen Bildung“. Diplommultiplizierung gegen Geldkassieren. Indem der Reformprozess im Bildungswesen gestoppt und in der Bildungspolitik eklatante Fehler gemacht wurden, hat man dem Niedergang der beruflichen Qualifizierung im Haus.
II. Ursachen der Krise
Bereits Hegel hat den krisenhaften Charakter der modernen Gesellschaft betont. Er beschrieb die politische und die Geisteskrise. Marx bemühte sich, die Wirtschaftskrise in der Metaphysik der Geschichte einzubetten. Weder Hegel, noch Marx, noch Max Weber konnten den Charakter der Krisen der Modernität allumfassend beschreiben, denn sie arbeiteten mit restriktiven Konzeptualisierungen der Gesellschaft (geistesgeschichtlich, ökonomisch, technokratisch). Den entscheidenden Schritt macht Jürgen Habermas. Als er in den 70er und 80er Jahren die „Industriegesellschaft“ einer Kritik unterzieht, zeichnet Habermas auch ein Tableau der Krisen der abendländischen europäischen Gesellschaften. Und das nutzt heutigen Analysen. Das Tableau von Habermas umfasst: die Wirtschaftskrise, eine Folge der Krise der öffentlichen Finanzen, der starken Inflation, des Zwiespalts zwischen öffentlicher Armut und privatem Reichtum usw; die Vernunftkrise, die Schwierigkeit, Maßnahmen zur Festigung der Unterstützung durch die Massen für das System und technokratischer Maßnahmen zur Effizienzsteigerung des Systems zu vereinen; die Legitimitätskrise, die Schwierigkeit, Legitimität mittels klassischer Methoden liberaler Demokratie zu bewahren unter Bedingungen, wo technisch begründete Maßnahmen durchgeführt werden müssen; die Motivationskrise, hervorgerufen durch die Erosion der Traditionen, ohne dass die neuen universalistischen Systeme ausreichend effizient wären in der Motivation der Menschen.
All diese Krisen sind wiederzufinden in der Großgesellschaft Europa. Veränderlich ist nur der Umfassungsraum der Krisen. Aber es gesellen sich auch andere Krisen hinzu: die Kreativitätskrise, weil die europäischen Gesellschaften Integrationsprobleme von Personen ins System lösen, aber zu wenig Innovation innerhalb des Systems schaffen.Politisch äußert sich das in der Erosion der „ismen“, intellektuell in der Sekundarisierung der kreativen Europäer in den experimentellen Wissenschaften. Die Verwaltungskrise existiert, weil eine europäische Aktionseinheit nicht einmal (oder kaum) in Krisensituationen erreicht werden kann. Und die Identitätskrise erscheint, weil sich Europa immer noch nur als geographische, nicht als kulturelle Einheit versteht. Daher der drohende Extremfall, dass die europäische Einheit eine Einheit der Nationalismen wird, die schwer aufeinander abzustimmen sind, keiner Menschengemeinschaft, die durch gemeinsam gepflegte Ideale charakterisiert ist.
Ich glaube, dass Edmund Husserl – von dem wir die Versuchung haben, Krisen einheitlich zu betrachten – Recht hat, wenn er in der europäischen Krise eigentlich eine Krise des Verstehens, der Vernunft, sah. Vernunft wird heute nicht mehr als Wegweiser des Benehmens der Menschen gesehen, die dem Leben Sinn verleiht, sondern als Instrument zur Lösung von Überlebensproblemen, eventuell von Machtproblemen. Husserl meinte, dass man die Krise bewältigen kann durch eine Anamnese: die Anamnese des Ursprungs und des Sinnes der modernen Wissenschaft. Diese hohe Ebene, angepasst an die Krise von 2008, hieße: wir haben es jetzt nicht mehr mit einer einzigen Krise zu tun: die Finanzkrise hat die Wirtschaftskrise inganggesetzt, diese hat in manchen Ländern bereits eine politische Krise ausgelöst, welche von nun ab auch eine Energiekrise nicht mehr ausschließt und dazu führt, dass sich auch klar eine ontologische Krise abzeichnet. Es gibt die Wahrscheinlichkeit weiterer Krisen. Diese Krisen sind unterschiedlich durch Natur und Mechanismen, lassen sich aber nicht eine auf die andere reduzieren. Monismen geben kein Resultat, wenn differenzierte Welten damit angegangen werden. Man muss integrativ vorgehen.
III. Herangehensweisen an die Krise
a) Die Neoliberale Herangehensweise
Milton Friedman hatte in den 60er Jahren eine grenzenlose Eloge der „Rolle des wettbewerbsmäßig organisierten Kapitalismus` - also der Organisierung der gesamten Masse der Wirtschaftsaktivitäten durch Privatunternehmen, die auf dem freien Markt agieren – als System der wirtschaftlichen Freiheit und als notwendige Voraussetzung der politischen Freiheit“ gemacht. In einer freien Gesellschaft haben Staat und Regierung eine Nebenrolle, sagt Friedman. Friedman wollte dem Liberalismus „seinen ursprünglichen Sinn“ wiedergeben und sprach von der „Freiheit des Individuums und, vielleicht, der Familie“ als „höchstes Ziel jedwelcher sozialen Organisierung“. Eine Regierung sei wichtig „als Forum, das die ´Spielregeln´ bestimmt und darüber wacht, dass diese eingehalten und korrekt interpretiert werden“. Die Regierung als Instrument der Marktwirtschaft. Das hat die Krise von 2008-09 infragegestellt.
b) Die utopische Herangehensweise
Vor sechs Jahren zog Carl Christian von Weizäcker einen Allgemeinschluss über den Gang der Gegenwartsgeschichte: „Der Prozess der Globalisierung ist, in seinem Kern, der Prozess der universellen Nachahmung des abendländischen Kapitalismusmodells. Er ist heute, im Prinzip, von der überwiegenden Mehrheit der Weltbevölkerung erwünscht, also gewollt.“ Ohne zu wollen und in der Formulierung nicht ausdrücklich beabsichtigt, haben wir hier drei Dinge: die Krise, die Marktwirtschaft und den Kapitalismus, die zusammen angeeignet werden. Die Kapitalismusdiskussion ist noch nicht alt: Werner Sombart verwendete 1927 den Terminus, um eine geschichtliche Gesellschaft zu definieren. Max Weber hatte vor ihm das Kapital als Ausgangspunkt genommen. Auch Marx. Die moderne Gesellschaft ist identisch mit dem Kapitalismus, seit andere Gesellschaftsmodelle (Sozialismus, Korporatismus) scheiterten.
Der Kapitalismus hat sich zweifelsohne verändert. Diejenigen, die in Mittel- und Osteuropa 1989 für Freiheit und Marktwirtschaft demonstrierten, wollten eine Gesellschaft, die durch Roosevelts New Deal über die soziale Marktwirtschaft Deutschlands gegangen war. Inmitten der Krise von 2009 muss man sich fragen, ob nur die Marktwirtschaft infragegestellt wird oder ob Zweifel am Kapitalismus aufgekommen sind, sowohl als „primitive Kapitalakkumulation“, als „merkantile Gesellschaft“, als „Konsumgesellschaft“ oder als „Globalisierungsgesellschaft“.
Elmar Altvater zieht einen radikalen Schluss: gleichzeitig mit den bestehenden finanziellen Krisen und den sich abzeichnenden Energiekrisen zeichnet sich nicht nur die Strittigkeit des Funktionierens der Marktwirtschaft ab, sondern auch des Kapitalismus´ selber: „Der kapitalistische Produktionsmodus ist ein sehr flexibles System, dynamisch, aber von aller Anfang an instabil, der gleichermaßen Konjunkturen wie Wirtschaftskrisen und politische Krisen zeigt, die immer wiederkehren.“ Der Professor an der Freien Universität Berlin drängt darauf, die Wirtschaftsbeziehungen als Gesellschaftsbeziehungen zu interpretieren und das „Ende der Geschichte“ Francis Fukuyamas (1992) zu Ende zu denken. Altvater lehnt sich an den französischen Historiker Fernand Braudel an, dem zufolge man von einem „Ende des Kapitalismus` nur dann reden“ könne, „wenn das System die externen Schwierigkeiten nicht mehr aufnehmen kann und wenn ihm, gleichzeitig, glaubhafte Alternativen fehlen.“ Altvater fordert den Übergang zur „solidarischen Ökonomie“ statt der gegenwärtigen Konkurrenz und zur „solaren Gesellschaft“ statt der die Natur ausbeutenden. Würde Altvater die Begriffe voll ausschöpfen, würde er zur Schlussfolgerung gelangen, dass bislang ausprobierte Alternativen zum Kapitalismus nur Krisenalternativen waren und dass sein Allgemeinbegriff des „Kapitalismus“ nur utopisch als „am Ende“ deklariert werden kann. Schließlich hatte schon Hegel den modernen Gesellschaftsbegriff als „krisenhaft“ erkannt.
c) Die kritische Herangehensweise
Gerade wenn man unter „Kapitalismus“ unterschiedlichste Begrifflichkeiten verschmelzt, die man besser separat behandeln sollte, geschieht der größte Fehler in der kritischen Analyse der Wirtschaftskrisen. Das passiert Karl Marx. Niemand konnte beeindruckender den dynamischen Charakter des Kapitalismus´ beschreiben und niemand energischer den Untergang des Kapitalismus theoretisieren als der Autor des „Kapitals“. Nicht zufällig wird Marx bei der Analsyse der gegenwärtigen Weltkrise so oft zitiert. Wie steht es aber mit dieser Krise und der Diagnose aus dem „Kapital“?
Wie auch Hegel und später Max Weber, so hat auch Marx die einzigartige Dynamik der modernen Gesellschaft konzeptualisiert. Er interpretierte sie als Krise, als endemische, letztlich fatale Krise des Kapitalismus`. Dass diese Krise fatal ist, wie Marx meinte, ist niemals bewiesen worden. Genau so wenig hat sich erwiesen, dass Marx Recht hatte mit der Annahme, dass die Emergenz einer Gesellschaft, die auf Privateigentum verzichtet, langfristig sich stabilisieren kann. Konjunktur, Marktwirtschaft und Kapitalismus sind bei Marx nicht klar abgegrenzt, woher die Meinung kommt, dass aus einer Konjunkturanalyse der Charakter der Marktwirtschaft ableitbar ist – wie es der Marxismus fälschlich machte.
d) Die technokratische Herangehensweise
Rober B. Reich sagt uns, dass wir es heute mit „Superkapitalismus“ zu tun haben, der Business, Demokratie und tagtägliches Leben verändert (hat). Der vor 50 Jahren existierende Kapitalismus sei durch einen Kapitalismus ersetzt worden, der den Wettbewerb betont, welcher auf Investitionen und Konsum verlagert wird. „Globalisierung“, das Aufkommen eines „neuen Produktionsprozesses“ und die „Deregulierung“ sind die historischen Erneuerungen, die zum Auflassen des Kapitalismus` in der zweiten Hälfte des 20. Jh. geführt haben. Die Technologien, die als Folge des Kalten Krieges entwickelt wurden – Container, Cargo-Waggons und –Flugzeuge, Glasfiberkabel, Kommunikation über Satellit – schufen neue Netzwerke globaler Versorgung. Die Computer- und Softwareentwicklung habe zu einer dramatischen Beschleunigung der Konkurrenz geführt. Regulierungsbarrieren in der Telekommunikation, im Luftverkehr und –transport, in den Finanzdienstleistungen seien niedergerissen worden. Gigantische Investment- und Pensionsfonds sind entstanden, die den Druck auf die produzierenden Kompanien und auch auf die Banken weiter erhöht haben. „Superkapitalismus schafft unvorstellbaren Wohlstand in der Welt, aber auch soziale Unzufriedenheit, denn die Ungleichheitsschere klafft immer stärker auseinander. Arbeitsplätze werden instabiler, alte Beziehungen zerbrechen, alte Gemeinschaften werden aufgegeben.“ Alldies ruft einen „Niedergang der Demokratie“ hervor. So lange Demokratie und Kapitalismus ihre eigenen Grenzen nicht überschreiten, funktioniert das System. Doch „Durchbrüche“ passieren oft, Wirtschaft nutzt Politik und mischt sich ins Soziale ein, der Wettbewerb wird entfremdet. Gesellschaften der Spätmodernität leben zwischen oftmaligem „Durchbruch“ und „Respektierung der Grenzen“, zwischen Krise und Aufschwung.
e) Die neoklassische Herangehensweise
2004 erschien John Kenneth Galbraith`s (1908-2006) intellektuelles Testament The Economics of Innocent Fraud: Truth for our Time. Der ehemalige Wirtschaftsberater John F. Kennedys reduzierte komplizierte Wirtschaftsprobleme auf einfache Fragen: Wer kontrolliert und wer bezahlt in der heutigen Ökonomie? „Jede Wirtschaftstheorie, jedes Wirtschafts- und Politsystem vertritt, aufgrund von finanziellen und politischen Interessen und aufgrund kurzfristiger Modetendenzen, seine eigene Version der Wahrheit. Die Wahrheit hat nicht unbedingt etwas mit der Realität zu tun. Niemand kann dafür schuldig gemacht werden. Letztendlich glauben die meisten Menschen bloß das, was sie ohnehin glauben möchten.“ Die Wahrheit in der Marktwirtschaft sei die Wahrheit der stärksten Wirtschafts- und Politinteressen. Die „schuldlose Täuschung“ bestehe darin, dass man das, was vertreten wird, für die Wahrheit hält, ohne auf die Bedingtheiten zu achten. Als die Konzernführung auf Manager übertragen wurde, deren Hauptaugenmerk auf Effizeinz und bestmögliche Nutzung von Investitionen gerichtet war, ging der Blick für das Soziale wie für die Realitäten des Lebens verloren. Das war die „Scheidung von der Realität“. Galbraight ist der Anwalt der Bewusstmachung der Grenzen der Marktwirtschaft, also ihrer neoliberalen Interpretation. Nach ihm besteht die „Täuschung“ darin, dass „der Markt absichtlich und umfassend manipuliert“ wird. Dass von „öffentlichem Sektor“ und „privatem Sektor“ gesprochen wird, soll darüber hinwegtäuschen, dass es eine Tendenz gibt, den ersten durch den zweiten zu übernehmen. Firmen- und Länderratings werden manipuliert, weil Interessen dahinter stecken. Die mathematischen Methoden der Wirtschaftsforschung und –ausübung sind bar jeder Realitätsnähe, postuliert Galbraight. Ökonomische Realitäten müssen pragmatisch gesehen werden, nicht durch das Prisma welt- und realitätsferner Theorien.
f) Die kulturelle Herangehensweise
„Caritas in veritate“ nennt sich die Enzyklika von Papst Benedikt dem XVI., die er 2009 veröffentlichte. Der Papst analysiert die Gegenwartslage der Menschheit und stellt fest, dass „die Gefährdung unserer Zivilisation darin besteht, dass der effektiven gegenseitigen Abhängigkeit von Bereichen und Völkern keine ethische Beziehung des Bewußtseins und des Verstandes der Implizierten entspricht, aus denen eine reale menschliche Entwicklung entsprießen könnte.“ Die technische Entwicklung und die Globalisierung habe die Menschen auf Weltebene in gegenseitige Abhängigkeit gebracht, ohne die Frage der Werte zu klären. Bendikt der XVI. argumentiert für die Bewußtmachung dieser Situation und „nur mit der vom Licht der Vernunft und des Glaubens erleuchteten Liebe“ sei es möglich, Entwicklungsziele zu erreichen, die einen menschlicheren und vermenschlichenderen Wert besitzen“. Der herausragende Theologe auf dem pästlichen Stuhl legt entscheidenden Wert auf „die menschliche Entwicklung“ und schlägt vor, zurückzukehren zu tieferen Wahrheiten bezüglich des Lebens der Menschen: „Die Treue zum Menschen erfordert die Treue zur Wahrheit, die allein Garant der Freiheit und der Möglichkeit einer ganzheitlichen menschlichen Entwicklung ist.“ In der gegenwärtigen Krisenlage sei es erforderlich, dass „ein Gesamtverständnis und eine neue humanistische Synthese“ verwirklicht wird. Denn: „die Krise verpflichtet uns, unseren Weg neu zu planen, uns neue Regeln zu geben und neue Einsatzformen zu finden, auf positive Erfahrungen zuzusteuern und die negativen zu verwerfen. So wird die Krise Anlass zu Unterscheidung und neuer Planung.“ Die anthropologischen Abhängigkeiten der Wirtschaft müssen bewusstgemacht, das menschliche Verhalten zutiefst kulturell und spirituell bedingt werden, fordert der Papst.
IV. Das Ende der Krise
Die Menschen zerbrechen sich den Kopf über eine Frage: war wohl das Fehlen von Regelungen im Finanzverkehr die Ursache der gegenwärtigen weltweiten Krise? Auf die politischen Kontroversen zwischen Anhängern von Friedrich Hayek, Milton Friedman oder John Maynard Keynes verzichten wir. Meiner Meinung nach bedarf es einer neuen Lösung, die dem Mechanismus der Marktwirtschaft entspringt. Diese setzt eine neue Theorie der Gesellschaft voraus. Zuerst aber Paul Krugman.
a) Lösung mit regulativer Intervention
Paul Krugman geht von der Bemerkung aus, dass es heute, zum Unterschied von 1930, unvergleichlich andere Möglichkeiten der Intervention ins „nationale Bankensystem“ gibt. Dies, weil „die Bundes-Reservenbank Depositen garantiert und prompt an kriselnde Finanzinstitutionen Gelder transferieren kann.“ Diese Möglichkeit reichte zur Krisenprävention nicht aus. Heute sei „die Krankheit in uns“, als Finanz- und Wirtschaftskrise. Krugman kommt mit fünf Argumenten bezüglich der Gründe und dem Ende der Krise.
1. Die Autoritäten weigern sich, Warnungen und Vorzeichen die gebührende Achtung zu schenken und Vorsichtsmaßnahmen zu treffen. Mexico 1980, Argentinien 1990, Mexico 1994, Japan 1991, Asien 1997, Argentinien 2002 waren Vorzeichen („warnings“), die man ignorierte, statt daraus zu lernen. Eigentlicher Auslöser der heutigen Krise war am 9. August 2007 die französische BNP Paribas (nicht Lehman Brothers.../Amn.d.R.), die für drei Tage alle Transaktionen stornieren musste. Überall das selbe Ablaufschema. Lehren daraus: keine.
2. Wirtschaft entfaltet sich innerhalb von Institutionen und wirtschaftliche Herangehensweisen geschehen in politischen Kontexten. Zum gegenwärtigen Kontext gehört der „Kollaps des Sozialismus“, ebenso wie Privatbesitz und soziale Ungleichheit, Arbeitslosigkeit und Ungerechtigkeit, Marktwirtschaft und militärische Dominenz der USA zu den Realitäten des im Osten herbeigewünschten Kapitalismus gehören. Besitzrecht und freier Markt werden als Grundrechte betrachtet. Der Kapitalismus ist in Sicherheit, so lange er Erfolge feiert. Und die waren real. Bis die Krise ausgebrochen ist. Aber es gilt nach wie vor: keiner kann eine glaubhafte Alternative zum Kapitalismus präsentieren.
3. Die vorausgegangenen Krisen haben es erwiesen: „die wahre Kontroverse dreht sich um die Politik! Warum konnten die Regierungen nicht mehr tun, um den Schaden in Grenzen zu halten?“ Umso mehr, als neben den klassischen Banken Institutionen entstanden sind, die wie Banken handeln, sich aber den Bankengesetzen entziehen. „Schattenbanken“, die über ungeheure Summen verfügen und vor allem auf den Geld- und Finanzmärkten tätig sind. Inzwischen überschreitet das Geldvolumen der Schattenbanken jenes des konventionellen Bankensystems und darauf folge die Gefahr der Explosion von Finanzblasen. Die Bush-Administration antwortete darauf mit Alan Greenspans „deregulatory“, ja sogar mit „antiregulatory“. Doch die grenzüberschreitenden Depositen haben die Sache stark verkompliziert und unkontrollier- und unbeeinflussbar gemacht.
4. Die Politiker müssen zur Krisenlösung zwei Dinge tun: die Wiederaufnahme der Kreditströme ankurbeln und den Konsum, die Ausgaben fördern. Dazu müssen die Banken rekapitalisiert werden durch „stimulous packages“. Dann sind fiskalische Stimuli nötig, wie sie auch schon Keynes empfohlen hat. Nicht zuletzt eine „Reform des Systems, damit keine Krise mehr möglich ist.“ „Regelungen müssen außerhalb der Krisenperioden geschehen, um exzessive Risiken zu vermeiden.“
5. Die Bedeutung von Visionen bei Veränderungen bzw. bei Lösungsfindungen. Krugman zitiert Keynes: „Früher oder später sind die Ideen, nicht die Privatinteressen, gefährlich, im Guten wie im Schlechten.“ Die Diagnose: „Manche sagen, dass unsere Wirtschaftsprobleme Strukturprobleme sind, für welche es keine Schnellbehandlungen gibt. Ich glaube aber, dass die einzigen bedeutenden Strukturhürden vor einem weltweiten Wohlstanddie veralteten Doktrine sind, welche die Menschen hin- und herreißen.“
b) Die neoliberale Lösung
Alan Greenspan hat am klarsten sein Vertrauen in die (Selbst-)Erneuerungsfähigkeit (die Visionen) und die Risikobekämpfung mittels freiem Markt geäußert, gleichzeitig mit seiner Besorgnis über die Effekte einer möglichen Über-Regulierung. "Die Globalisierung ist unumkehrbar". Aber „wirtschaftliche Konzentrationen“ erregen seinen Argwohn, denn sie beschränken die Initiativfreiheit auf den Märkten. Auf den Finanzmärkten bedarf es neuer Instrumente der Finanzpolitik (assed backed securities, Kreditderivate). Krisen können durch Geldpolitik vermieden werden, meint Greenspan.
c) Die ethische Lösung
Viele der Untersuchungen über die Krise, die 2008 begann, gehen davon aus, dass es sich grundsätzlich weder um eine Finanz- noch eine Wirtschaftskrise sondern um etwas handelt, das beide transzendiert. Eine intelligente italienische Untersuchung (A.M.Baggio, L.Bruni, P.Coda) meint, dass „ohne anthropologische und strukturelle Veränderungen“ die heutigen Gesellschaften ständig von Krisen umlauert werden. Allein wirtschaftliche oder finanzielle Lösungen sind unausreichend. Der „Egoismus“ der spätmodernen Gesellschaft muss durch „l`amore sociale“, „il bene commune“, nicht zuletzt durch „Verantwortlichkeit für das Funktionieren des Ganzen“ ersetzt werden. „Verantwortlichkeit“ betrifft Märkte, aber auch eine „neue Allianz“ zwischen Medien, Banken, Wirtschaft und Gesellschaft.
Niko Stehr schlägt vor, den Markt als Ort für Waren- und Wertetausch zu sehen. Die Globalisierung macht die „unbeabsichtigten Folgen“ des Wettbewerbs akuter. Die „Moral“ des Marktes müsste intensiver diskutiert werden. „Die in der Nachkriegszeit vorherrschenden Gesellschaftstheorien sind in erster Linie an der Konzentration des Wohlstands interessiert und vernachlässigen die gesellschaftliche Bedeutung des Wissens völlig. Gleichzeitig sind es solche Theorien wie die der Massengesellschaft, aber auch die postindustrielle Gesellschaft, die die gesellschaftlichen Konsequenzen des wachsenden Wohlstands für die Gesellschaft skeptisch beurteilen und von der Armut des Wohlstands überzeugt sind." Um darüber hinwegzukommen, ist eine „neue Bildung“ nötig.
Wenig „weibliche“ Straßen in Temeswar/ Von Raluca Nelepcu und Olivian Ieremiciu
Alma, Alexandra, Gabriela, Mariana, Emilia – sie alle haben etwas für Temeswar/Timisoara bzw. für das Banat bewegt. Ihre Namen stehen seit einigen Jahren auf Straßenschildern in der Stadt an der Bega. Alma Cornea Ionescu, Alexandra Indries, Martir Gabriela Tako, Mariana Draghicescu, Emilia Lungu Puhallo heißen fünf der etwa 30 Straßen in Temeswar, die nach Frauen benannt worden sind. 30 „weibliche“ Straßen, nur so viel hat Temeswar – das sind weniger als zehn Prozent der Gesamtanzahl der Straßen in der Stadt. „Die Straßen wurden nicht nach Frauen benannt, weil die Frauen nicht getreten werden wollen“, scherzt eine Bürgerin, andere Erklärungen – mehr oder weniger amüsant – werden auch gegeben: „Die Frauen stehen im Schatten der Männer“, oder aber „Wie soll man eine Frau zur Straße machen?“
Die Straßennamen in Temeswar werden von einem extra dafür gegründeten Ausschuss vergeben. Mitglieder dieser Kommission sind der Vizebürgermeister Sorin Grindeanu, der Stadtarchitekt Sorin Ciurariu sowie die Stadträte Silviu Sarafolean, Ciprian Bogdan, Traian Stoia und Ligia Balanescu. Mitbestimmen darf auch Helene Wolf, Leiterin des Nikolaus-Lenau-Lyzeums. „Die Straßen werden nach Persönlichkeiten benannt, die eine Bedeutung für Temeswar gehabt haben – und es waren lauter Männer! In letzter Zeit wurden Straßen nach Märtyrer der Revolution 1989 benannt und es waren nicht viele Frauen dabei“, sagt Helene Wolf. Mitarbeiter des Bürgermeisteramtes, aber auch einfache Bürger dürfen in diesem Sinne mit Vorschlägen kommen und sie dem Ausschusses einreichen. Nachdem sich die Mitglieder der Kommission über die neu gewählten Namen einig sind, wird der Vorschlag auch im Kreisrat besprochen. „In Betracht gezogen wird auch die Lage der Straße – wenn es eine für Temeswar sehr wichtige Persönlichkeit ist, wird mit diesem Namen nicht eine Straße am Stadtrand benannt“, sagt Helene Wolf. Ein persönliches Anliegen von Helene Wolf ist, eine Straße nach dem Germanisten Johann Wolf - ihrem Vater - zu benennen.
„Die Straßennamen werden nicht nach Kriterien des Geschlechts vergeben, sondern, wie wertvoll die Person in der Geschichte der Stadt ist“, sagt Lacramioara Condea, Referentin für Öffentlichkeitsarbeit im Temeswarer Bürgermeisteramt. Da nicht einmal zehn Prozent der Straßen Frauennamen tragen, und von den rund 100 Personen, die in den vergangenen zehn Jahren mit dem Titel eines Ehrenbürgers ausgezeichnet wurden, nur zehn Frauen sind, stellt sich die Frage: Hatte Temeswar keine „wertvollen“ Frauen in der Geschichte? „Ich habe dies nicht gesagt, es ist eine Unterstellung. Es gibt eine Kommission, die aus Historikern und Kulturmenschen zusammengestellt ist, dieentscheiden, wer im Laufe der Zeit eine Rolle in der Geschichte der Stadt gespielt hat“, fügt Condea hinzu.
Mehr noch, in den Jahren 2008 und 2009 wurde keine einzige Frau Ehrenbürgerin – so auf der Internetseite des Bürgermeisteramtes zu lesen. Unsere Leser wissen aber: Am 3. August 2009 wurde Mechtild Gollnick für ihren Einsatz zum Wohle der Kinder in Not zur Ehrenbürgerin von Temeswar gekürt.
Jene Straßen, die Frauennamen tragen, sind eher klein oder als Gassen zu bezeichnen. „Weibliche“ Boulevards sind in Temeswar nicht zu finden. Hinzu kommt, dass einige der Frauennamen, die Temeswarer Straßen vergeben wurden, nur wenig Bezug zur Stadtgeschichte. So zum Beispiel haben Baba Dochia (Gestalt aus der rumänischen Folklore), Maria T²nase (Volksmusikinterpretin aus Oltenien) oder Diana (römische Jagdgöttin) so gut wie gar nichts mit der Stadtgeschichte zu tun.
Weltweit scheinen Frauen in jüngster Zeit immer mehr Auszeichnungen zu bekommen. Die Literaturnobelpreisträgerin dieses Jahres, Herta Müller, ist nur ein Beispiel dafür. Die Jury, die entscheidet, wer den Nobelpreis bekommt, ist in diesem Jahr sehr frauenfreundlich. So kommt es, dass außer Herta Müller weitere Frauen den Nobelpreis bekommen haben: Jener für Wirtschaft ging an die Amerikanerin Elinor Ostrom (zusammen mit Oliver Williamson). Es ist zum ersten Mal in 40 Jahren, dass der Preis einer Frau verliehen wird. In der Chemie, erneut eine Frau: Ada E. Yonath aus Israel. In der Medizin ist der Nobelpreis an drei Wissenschaftler erteilt worden, zwei davon sind Frauen: Elizabeth H. Blackburn und Carol W. Greider.
Vor Ort scheinen die Behörden, Gender-Problemen nur wenig Aufmerksamkeit zu schenken. Eine Frage bleibt offen: Ist Temeswar frauenfeindlich oder gibt es tatsächlich keine bedeutende Frauenpersönlichkeiten in der Geschichte der Stadt?
Informatikschüler beteiligten sich an Leonardo-Projekt
15 Schüler des „Grigore Moisil“-Informatiklyzeums in Temeswar/Timi{oara haben sich in diesem Jahr an einem Leonardo-Projekt in Deutschland beteiligt. Vier Wochen lang haben die Schüler, in fünf Gruppen eingeteilt, verschiedene Projekte für „Web-Development“ entwickelt: die virtuelle Bibliothek, die Tourismusagentur, die Online-Buchhandlung, die Medizinpraxis und die Webseite der Schule. Das Projekt „Web-European Union“ ist Teil des Programms Leonardo da Vinci – „Lebenslanges Lernen“. Die Gesamtsumme des Projektes beträgt rund 48.000 Euro und wurde von der Europäischen Union bereitgestellt. Die 15 Teilnehmer aus Temeswar sind Schüler der 11. Klasse des Informatiklyzeums und beteiligten sich am Projekt in Leipzig in der Zeitspanne 7. September – 4. Oktober. Die Teilnehmer wurden strengstens ausgewählt. Sie mussten ihre Kenntnisse in Informatik, Englisch und Deutsch beweisen. Die guten Schulergebnisse haben ebenfalls eine große Rolle bei der Auswahl gespielt. Zwei Lehrerinnen haben die Schülergruppe in Deutschland begleitet: Schulleiterin Sanda Junea und die Englischlehrerin Corina Dumescu. Partner der Schule in diesem Projekt war die deutsche Firma Vitalis GmbH (
www.gut-wehlitz.de). Die Kurse während des Projektes in Leipzig wurden in den Räumlichkeiten des Zentrums für Aus- und Weiterbildung (ZAW) abgehalten. „Es war ein einzigartiges Erlebnis, denn wir konnten unsere Kenntnisse einsetzen und drei Wochen lang nur das eine machen“, sagt Arina Chiper, Teilnehmerin am Projekt. „Ich bin ordentlicher geworden“, sagt Oana Popa, eine andere Teilnehmerin und Vertreterin der Gruppe „Medizinpraxis“. Die Leiterin der Schule, Sanda Junea, meint auch, dass dieser auch der wahre Grund eines solchen Projektes ist: Die theoretischen Kenntnisse in die Praxis umzusetzen, neue Erfahrungen mit nach Hause zu bringen und ein wenig von der Ordnung, Disziplin und Arbeitsweise in Deutschland oder einem anderen Land zu lernen. „Wir hatten die Möglichkeit, uns in einer anderen Gesellschaft anzupassen und die Bräuche einer anderen Zivilisation näher kennenzulernen. Das war der größte Gewinn“, schließt Vlad Icleanu, Vertreter der Projektgruppe „Webseite der Schule“. Die 15 Schüler haben am Ende des Aufenthalts in Deutschland eine indirekte Einladung bekommen, in Deutschland zu arbeiten. Das Hauptargument der Veranstalter und der deutschen Betreuer ist die Zusammenarbeit für ein gemeinsames Europa. „Uns wurde gesagt, wir werden von nun an nicht bloß einem Land helfen, sondern der gesamten Europäischen Union“, sagt Roxana Pav²l, Teilnehmerin im Projekt „die virtuale Bibliothek“. Zum Schluss wurden die Schüler mit einem Diplom und einem Zertifikat ausgezeichnet. Diese sind europaweit anerkannt. Andreea Oance
Auf dem Programm standen auch Stadtbesichtigungen. Die Teilnehmer vor dem Brandenburger Tor in Berlin Foto: privat
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IN EIGENER SACHE
1. Die Reportage unserer Kollegin Ana Saliste, „Aus der Kindheit einer Nobelpreisträgerin/ Wie die Bewohner aus Nitzkydorf den Erfolg der Schriftstellerin finden“, erschienen in der BZ Nr. 825vom 14. Oktober 2009 wurde inzwischen von der „Deutschen Presseagentur“ (dpa), von „Bild“ (auszugsweise), von der „Frankfurter Rundschau“ online sowie von „Die Berliner Literaturkritik“ übernommen.
2. Auf ihrem 47. Kongress, am 10. Oktober 2009, in Innsbruck, wählte die European Journalists Association (EJ) unsere Kollegin Raluca Nelepcu (25), Chef vom Dienst der Banater Zeitung, als Generalsekretärin in den Vorstand des von der EU anerkannten Journalistenverbands.
3. Die Reportage "Sie mussten in der Öffentlichkeit schweigen" von Raluca Nelepcu war unter den besten zehn von über 80 Einsendungen und für den n-ost-Reportagepreis nominiert worden.
Herausgeber: Demokratisches Forum der Deutschen im Banat
Redaktion: 300229 Temeswar/Timişoara, Str. Protopop George Dragomir Nr. 2
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Das BZ-Team: Werner Kremm (Redaktionsleiter) wkadz@netex.ro; Raluca Nelepcu (Chef vom Dienst) nelepcu@adz.ro; Nicoleta Dobos dobos@adz.ro; Olivian Ieremiciu ieremiciu@adz.ro; Andreea Oance oance@adz.ro; Zoltán Pázmány pazmany@adz.ro; Ana Saliste saliste@adz.ro; Siegfried Thiel thiel@adz.ro; Balthasar Waitz waitz@adz.ro;