Donnerstag, 20. Mai 2010

Bega-Fluss ab Juli schiffbar

Fast beendet: Entschlammung des Bega-Kanals
Foto: Zoltán Pázmány


Schiffe für den Nahverkehr im Plan
rn. Temeswar - Schiffe, Boote, Kajaks, Wasserfahrzeuge der unterschiedlichsten Art – und alles auf der Bega, mitten durch Temeswar/Timisoara. Ein Szenario, das für die Stadt an der Bega noch vor ein paar Jahren kaum vorstellbar war, ab Sommer diesen Jahres jedoch zum alltäglichen Stadtleben gehören könnte. Die Entschlammung des Bega-Kanals nähert sich mit schnellen Schritten dem Ende. Endtermin der Arbeiten ist der 30. Juni, im Juli 2010 heißt es dann, Start frei für den Wasserverkehr auf der Bega. Zurzeit werden die Ufer des Bega-Kanals in den Randvierteln von Temeswar neu hergerichtet.
Die Entschlammung des Bega-Flusses begann im Oktober 2008 nach zweimonatiger Verzögerung. Die Firmen, die die Ausschreibung verloren hatten, fochten das Ergebnis des Wettbewerbs vor Gericht an. Eine Machbarkeitsstudie für das Projekt, die eine holländische Firma erstellte, gab es bereits seit 1999. Ein Jahr lang sollten die Entschlammungsarbeiten dauern, aus Fonds-Mangel wurde das Unterfangen Sommers letzten Jahres für einige Wochen eingestellt und Anfang Juli 2009 wieder aufgenommen. Auch das Wetter spielte nicht immer mit, so dass die Durchführung der Arbeiten nicht immer möglich war.
Die Bega wurde auf einer Länge von ungefähr 40 Kilometern von Temeswar bis zur Grenze zu Serbien entschlammt. Das Projekt hat einen Wert von 17 Millionen Euro – zu 80 Prozent Gelder von der EU. Gleichzeitig mit der Entschlammung wurden auch die Ufer zweckmäßig angelegt und verstärkt. Im kommenden Monat soll ein Ausschuss gebildet werden, der die Kais und Orte, an denen die Schiffe umkehren werden, bestimmt. Ab Juli wird die Schifffahrt vom Temeswarer Wasserwerk bis nach Rumänisch Sanktmichael/Sânmihaiu Român möglich sein, so die Banater Behörde für Wasserbewirtschaftung. Das Bürgermeisteramt beabsichtigt demnächst, zwei Schiffe zu erwerben, die als Nahverkehrsmittel genutzt werden können. Diesbezüglich soll ein Projekt entstehen, das dem Kommunalrat vorgelegt wird.

BANAT AKTUELL

Ausstellung im Kunstmuseum
Temeswarer Kunstfreunde aufgepasst: Am Donnerstag, dem 20. Mai, um 18 Uhr findet im Temeswarer Kunstmuseum die Vernissage der Ausstellung „Lucian Bernhard – Werbung und Design im Aufbruch des 20. Jahrhunderts“ statt. Die Ausstellung ist bis am 6. Juni im ersten Stock des Kunstmuseums zu besichtigen. Lucian Bernhard (1883 – 1972) war ein deutscher Graphiker und Designer und der erste Professor für Plakatkunst überhaupt. Die Familien von Schriftstilen, die er entwickelte, werden als Bernhard bezeichnet. (as)

Euroregionales Theaterfestival in Temeswar
Das ungarische Staatstheater „Csiky Gergely“ in Temeswar/Timisoara lädt im Zeitraum 22. – 29. Mai zum vierten euroregionalen Theaterfestival ein. Theatergruppen aus Serbien, Ungarn und Rumänien werden dabei auf der Temeswarer Bühne auftreten. Ziel der Veranstaltungsreihe ist die Multikulturalität der Banat-Region hervorzuheben. Die Eintrittspreise hängen von jeder Vorstellung ab und betragen 10 bzw. 16 Lei. Schüler und Studenten verfügen über eine Ermäßigung von 50 Prozent. Zur Vorstellung „Sommernachtstraum“ von William Shakespeare - eine Produktion der Studenten der Theaterabteilung der Universität „Babes Bolyai“ in Klausenburg/ Cluj-Napoca - ist der Eintritt frei. Weitere Infos auf
www.theater-csikygergely.ro. (as)

Cristian Chivu kommt nach Reschitza
Cristian Chivu, der Kapitän der Nationalmannschaft Rumäniens, dessen Fußballerkarriere in Reschitza begann, kommt am 25. Mai nach Reschitza, um an den Feierlichkeiten der Enthüllung einer Büste seines Vaters Mircea Chivu teilzunehmen. Chivu hat die ausdrückliche Genehmigung vom Nationaltrainer R²zvan Lucescu, zwischen zwei Flügen die Büste im Domantal-Stadion zu enthüllen, wo sowohl sein Vater als Spieler und Trainer tätig war als auch er selbst seine Fußballerkarriere als Juniorenspieler des FCM Resita (und vorher des Schulsportclubs) begonnen hat. Die Initiative zur Schaffung einer Büste von Mircea Chivu hatte Cristian Bobar, der Direktor des Sportclubs im Domantal, ergriffen. (wk)

800 Schüler tanzen am Opernplatz
Hunderte Schüler, dieselbe Bewegung, derselbe Rhythmus! Mit einem Tanzrekord wollen 800 Schüler in Temeswar/Timisoara ihren Schulabschluss unvergesslich machen. Die Jugendlichen werden am Freitag, dem 21. Mai, um 13 Uhr am Opernplatz zusammen kommen und eine einzigartige Quadrille-Tanzshow darbieten. Die Zwölftklässler haben sich vorgenommen, zu einer Melodie aus der Operette „Die Fledermaus“ von Johann Strauss loszulegen. Das Event findet gleichzeitig in mehreren europäischen Ländern statt. Getanzt wird u.a. auch in Österreich, Italien, Ungarn, Kroatien, Serbien und Bulgarien. Die Schüler hoffen, ins Weltrekord-Buch aufgenommen zu werden. In Temeswar findet morgen eine Generalprobe statt. Als bisheriger Weltrekord ist im Guiness-Buch ein Massentanz von 23.600 Menschen in 36 Städten verzeichnet. (as)

Montessori-Woche in Temeswar
Diese Woche ist in Temeswar/Timisoara der Montessori-Pädagogik gewidmet. Aus diesem Anlass finden in der West-Universität sowie in der Schule an der Brâncoveanu-Straße 73 verschiedene Ereignisse statt. Heute wurde im Erdgeschoss der West-Uni ein mobiles Klassenzimmer eingerichtet, wo Interessenten miterleben dürfen, wie ein Tag in der Montessori-Schule verläuft. Morgen ist in der Schule Tag der offenen Tür angesagt. Zwischen 9 und 12 Uhr bzw. zwischen 15 und 18 Uhr steht die Schule für Besucher offen. Um 18.30 Uhr initiiert Christiane Salvenmoser von der Montessori-Akademie Wien einen Workshop für Eltern. Die Woche der Montessori-Pädagogik endet am Freitag um 18 Uhr mit einer feierlichen Abschlussveranstaltung im HotelDelPack. (rn)

Empörung über die geplante Habitatsgebühr

Streit im Temeswarer Rathaus
Foto: Zoltán Pázmány
Bürger wollen angeblich „Zigeunerpaläste” nicht sanieren helfen
Temeswar - „Der Herrgot strafe euch, dass ihr die Debatte auf den heutigen Tag gelegt habt, wo doch heute so ein großes Fest ist (Anm. d. Red. Himmelfahrt des Herrn), ihr habt wohl geglaubt, dass keiner an der Debatte teilnehmen würde”, sagte ein äußerst unzufriedener Bürger aus dem Freidorf-Viertel. Er war nur einer von vielen, die während der Debatte um die Steuern und Gebühren, unter anderen die Einführung der Habitatsgebühr ab kommendem Jahr, lautstark zu Wort kamen.
Am meisten wurde der Direktor der Finanzbehörde des Temeswarer Bürgermeisteramts, Adrian Bodo, beschimpft. Unter anderen wurde ihm spontan der Beiname „Boc von Temeswar” verliehen. Eine Frau zeigte sich besonders darüber besorgt, wohin das Geld, das durch die Habitatsgebühr vom Budget eingenommen wird, gelangt. Die Summen sollten für die Generalüberholung von Gebäuden aus der Temeswarer Stadtmitte verwendet werden. „Wieso soll ich dem Zigeuner sein Haus errichten, damit die zum Dank nachher aus ihren schweren Jeeps auf mich hämisch herabzuschauen?”, empörte sich eine Temeswarerin. „Unser Temeswarer Boc hat eine unverschämte Idee, er selber jedoch hat keinen Temeswarer Ausweis, würde also diese Steuer überhaupt nicht bezahlen”, so weitere Anschuldigungen, die an Adrian Bodo gerichtet wurden.
Laut Projekt soll die Habitassteuer ab kommendem Jahr eingenommen werden. So jedenfalls ist es geplant. Jeder, der in der Stadt Temeswar wohnt und eine Immobilie besitzt, soll 40 Lei pro Jahr Jahr zahlen. Das Geld wird für die Sanierung der Gebäude aus der Stadmitte verwendet.
Die Unternehmen aus Temeswar sind auch nicht mit den Erhöhung der Gebühren einverstanden. Laut Emil Cristescu ist der Haushalt der Stadt einer der höchsten in ganz Rumänien, nämlich 160 Millionen Euro – Geld gibt es also seinen Aussagen nach jede Menge, es sollte jedoch mit mehr Umsicht verwaltet werden.
Laut Ovidiu Sandor von Modatim Invest, Mitglied im Konsultativrat des Temeswarer Bürgermeisteramts, würden durch die Einnahme der Habitatsgebühr ungefähr 750.000 Euro in den Stadthaushalt fließen. Dies würde der Summe entsprechen, die in einem Jahr für die öffentliche Toiletten ausgegeben würde (dies aber erst, nachdem ein stadtschädigender Mietvertrag abgeschlossen wurde, so Sandor). Außerdem wäre die Habitatsgebühr als eine neue Besteuerung auf Immobilien gesetzeswiedrig.
Weder der Bürgermeister der Stadt Temeswar, Gheorghe Ciuhandu, noch seine zwei Stellvertreter haben an der Debatte teilgenommen. Über die Einführung der Steuern und Gebühren für das Jahr 2011 wird in nächster Zukunft der Stadtrat abstimmen.
Olivian Ieremiciu

Verzweiflungstat: Vom Schreibtisch an den Herd

Temeswarer im Finanzdilemma/Das Fiasko mit dem Beamtenlohn/Von Siegfried Thiel
Generell gesehen müsste ihn die ganze Debatte um einen geringeren Gehaltsfonds, um weniger Rente oder Kürzung der Sozialausgaben komplett kalt lassen. Der reichste Rumäne, Dinu Patriciu, nennt die letzten Entwicklungen in der Wirtschafts- und Politszene der Rumänen eine „schlechte Lösung“. Dass den Staatsbediensteten ein Teil ihrer Gehälter ab dem 1. Juni gekürzt werden soll, nennt Patriciu „Verzweiflungstat nach kommunistischem Muster“. Eben die Kürzung nach gleichem Maßstab - je 25 Prozent - findet Patriciu kurios. Dabei ist nicht einmal so ganz klar, ob die Kürzungen der Beamten am Brutto- oder Nettolevel angesetzt werden.

Nur Regierung findet Sparpaket gerechtfertigt
Er sehe „sehr schwarz“, was auf Rumänien in den kommenden sechs Monaten zukommt, sagte Patriciu. Seine Aussage folgt auf die Vereinbarung Rumäniens mit dem IWF, die Gehälter der Staatsbediensteten um 25 Prozent, Renten und Arbeitslosengeld um je 15 Prozent zu kürzen. Auch sonst ist der Staatssäckel leer: wahrscheinlich wird das Mutterschaftsgeld reduziert, die Lebensmitteltickets besteuert und für die Zweitwohnung muss der Inhaber höhere Steuern bezahlen. „Diese Maßnahmen werden eine starke Wirtschaftsrezession mit sich bringen und dazu auch die Einrichtungen noch mehr dem Druck der Politik aussetzen“, sagt der Temeswarer Wirtschaftsanalytiker Nicolae Taran. Im Klartext: Wer zur „richtigen Partei“ gehört, hat größere Chancen, seinen Job zu behalten. Nicolae Taran geht davon aus, dass das gesparte Geld zwar den Haushalt entlasten, doch durch eine schwache Wirtschaftskonjunktur das BIP beeinträchtigen wird. Der IWF ist nach Ansicht von Taran genauso konfus wie die rumänische Regierung. Es wurde nie gesagt, wie denn der Notkredit von IWF, Weltbank und EU überhaupt ausgegeben werden muss. Genau gesehen war es „ein Darlehen für die Banken, um harte Währung aus Rumänien herauszuschaffen“, schätzt der Temeswarer Wirtschaftsprofessor. Er geht davon aus, dass den Banken sehr viel an einem stabilen Wechselkurs gelegen war, bei einem schwachen Leu hätten sie Verluste hinnehmen müssen.
Ciprian Cipu, Direktor des Zentrums für Kultur und Volkskunst in Temeswar, ist von den neuesten Maßnahmen überhaupt nicht erbaut. Es bleibe letztendlich wieder an den Direktoren der staatlichen Einrichtungen hängen, wie sie mit der neuen Situation fertig werden, sagt er. Erwartungsvoll sitzt eine seiner Mitarbeiterinnen an der gegenüberliegenden Seite seines Schreibtisches – so, als erhoffe sie sich doch noch etwas zu erfahren, was sich nach Wendepunkt im derzeitigen Finanzdesaster Rumäniens anhört. Innerhalb weniger Monate verliert sie durch die neuesten Finanzeinschnitte fast zwei Drittel ihres Einkommens. Zunächst wurden ihr allerlei Zuschläge gekappt, die 25 Prozent, die jetzt noch vom Verbliebenen wegfallen, werden sie – wenn sich nicht im letzten Moment etwas ändert - mit einem Nettoeinkommen unter dem Niveau des rumänischen Mindestlohnes nach Hause schicken. „Wie sollst du bei diesen Einkommen von einem Künstler erwarten, dass er auf der Bühne auch noch ein Lächeln zustande bringt“, fragt sich rhetorisch Cipu. Er weiß, dass durch diese Methode die Motivation für den Job ganz tief sinken wird. Was er nicht weiß, ist, ob denn seinem Personal die Kürzungen vom Brutto- oder Nettolohn abverlangt werden. „Wer 15.000 Lei im Monat verdient, der kann mit einem Viertel weniger noch immer ganz gut leben, wer aber zehnmal weniger erhält und eine Gehaltsreduzierung auferlegt bekommt, der hat ein richtiges Problem“, sagt Direktor Ciprian Cipu. Er, aber auch so manch anderer Bürger in Temeswar fragt sich nicht nur, wohin solche Maßnahmen führen sollen, sondern auch, wie lange Einschnitte, Kürzungen und Wirtschaftskrise letztendlich auf der rumänischen Wirtschaft lasten werden. Zu diesen Hiobsbotschaften gesellen sich noch weitere: 70.000 Beamte aus dem Staatsdienst sollen bereits im kommenden Halbjahr entlassen werden, 250.000 weniger erwartet der IWF in den kommenden Jahren.

Vielerorts stellt sich die Existenzfrage
Aber nicht nur das Personal im Staatsdienst stellt sich derzeit die Existenzfrage. All diese Kürzungen und die anstehenden Entlassungen werden schon bald auf die Konsumbremse drücken. Im Lebensmittelladen, in der Konfektionsabteilung und in der Kneipe wird weniger Geld in der Kasse klingeln und so mancher Kleinunternehmer wird auch in Zukunft sein Unternehmen schließen. Unter solchen Umständen glaubt kaum jemand an Neugründung von Arbeitsplätzen, sondern viel eher an eine tiefe Rezession. Begründet dann, dass Dinu Patriciu von „sehr schwarz“ zum Thema kurzfristige Wirtschaftslage in Rumänien sprach. Patriciu hat auch eine Lösung parat, die zunächst so klingt, als könne sie nur von einem völlig abgehobenen Milliardär stammen. 600.000 Arbeitnehmer aus dem Staatssektor würde er entlassen. Durch ein Herunterschrauben der Mehrwertsteuer von 19 auf 15 Prozent und der Flat Tax von 16 auf 10 Prozent hätte man die Wirtschaft ankurbeln und die im Staatsdienst beurlaubten Beamten in der Privatwirtschaft unterbringen können, glaubt Patriciu. Den Wechsel kann sich manch ein schlecht bezahlter Staatsbediensteter gut vorstellen. Eine Temeswarer Beamtin, die – ohne Hochschulabschluss – auch bisher im unteren Gehaltssegment angesiedelt war, hat seit Jahren einen Nebenjob: Abends und an Wochenenden hilft sie in einer Restaurantküche aus. Schwarz.

Ein Wasserkraftwerk feiert sich selbst

100 Jahre alt und noch voll funktionsfähig
Temeswar
- Man könnte sie als ein Museum bezeichnen, das noch voll in Betrieb ist: Die Wasserkraftanlage aus Temeswar/Timisoara. Diese hat in diesen Tagen ihr 100-jähriges bestehen gefeiert. Vom wirtschaftlichen Gesichtspunkt könnte man sie sogar als kaum noch profitabel bezeichnen. Lediglich 0,4 MW pro Stunde produziert sie mit den drei noch funktionierenden Turbinen, von denen übrigen zwei stillstehen – jedoch nicht weil sie kaputt wären. Obwohl sie 100 Jahre alt sind, sind sie noch voll funktionsfähig.
Es geht um die Durchlaufmenge des Wassers, die nicht ausreichend ist, um alle Turbinen in Gang zu halten. Die Zentrale hat eine 5,6 Meter hohe Überlaufsschwelle und der installierte Durchfluss beträgt 30 Kubikmeter pro Sekunde.
Am 3. Mai 1910 ist die heutige Hidroelectrica Temeswar in Betrieb genommen worden. Heute noch sind die meisten Geräte, die vor einem Jahrhundert verwendet wurden, voll funktionsfähig. „Eine Delegation aus England, die uns vor einiger Zeit besuchte, war erstaunt, wie gut die Geräte instand gehalten wurden“, sagt ein Angestellter der Hidroelectrica. Die Konstruktion der Zentrale und des Überlaufwehrs erfolgte im Zeitraum 1906-1910. Sie wurde nach den Plänen des damaligen Chef-Ingenieurs der Stadt, Emil Szilard, errichtet. Zur damaligen Zeit war sie sowohl für die Regelung des Pegels des Bega-Flusses zuständig, als auch für die Erzeugung der elektrischen Energie: Drei Francis-Turbinen, mit Ganz Generatoren aus Budapest ausgestattet, lieferten zur damaligen Zeit die elektrische Energie für die Stadt.
Heutzutage, wäre bei einem Ausfall des Wasserkraftwerks das im elektrischen Verteilernetz der Stadt und Westrumäniens nicht wahrnehmbar. In einen Museumskreislauf kann es jedoch, nach Angaben der Leitung des Kraftwerks, nicht aufgenommen werden, da es zu einem der strategischen Punkte der Stadt gehört. Falls nämlich hier aus irgendwelchem Grund der Überlauf geöffnet werden würde, würde ein Teil der Stadt unter Wasser stehen. So die Erklärung von Hidroelectrica.
Olivian Ieremiciu

Das Wasserkraftwerk aus Temeswar
Foto: Zoltán Pázmány

Literaturtreffen in Reschitza, oder (m)eine Maienliebe

Poetischer Rück- und Ausblick einer (literarischen) Geschichte

Von Carmen Elisabeth Puchianu

Ein Mal Literaturtage in Reschitza, das reicht. Da hat man einen Eindruck gewonnen von der ganzen Sache. Ja, ja, das reicht. Ein zweites Mal muss wirklich nicht sein. Nicht wirklich, nein, nein!
So oder ähnlich hatte sich einmal ein Bekannter ausgedrückt, als ich mich erkundigte, ob man auch im kommenden, dem darauf folgenden, dem übernächsten oder dem über-übernächsten Jahr nicht doch auch wieder zu dem Literaturtreffen nach Reschitza reisen würde.
Nüchtern und bei Licht betrachtet, ist das für die Meisten eine große Strapaze, man muss mindestens ein Mal irgendwo in Rumänien umsteigen, ganz gleich, ob man mit dem Zug oder dem Bus anreisen würde, immerhin gibt es keinen Flughafen in Reschitza, die rumänische Bahn pfeift nun bald auf dem letzten Loch und die Kleinbusse der privaten Verkehrsunternehmen werden von Fahrern gefahren, deren Künste eher an jene von Henkern erinnern; außerdem ist das Wetter Anfang Mai oft noch etwas unbeständig, es kann sogar regnen und kühl bis kalt werden, Hochwasser können Fahrwege und Bahngleise überfluten und eine geplante Anreise erheblich erschweren oder gar vereiteln, oder es kann schon richtig schwül und gewittrig werden, dass man es im Hinterkopf und überhaupt in allen Gliedern zu spüren bekommt. Das alles wirkt sich auf Leib und Seele aus, die Kräfte lassen nach, daher sollte man es sich wirklich zweimal überlegen. Und was das an Zeit in Anspruch nimmt, nicht wahr, und dazu die geistige Anstrengung, so ein Treffen stellt immerhin gewisse Anforderungen, man kann sich nicht wie immer präsentieren, nicht wahr.. Wenn man das ein Mal auf sich genommen hat, sollte man es dabei belassen.
Oder etwa doch nicht?

Am Anfang war die Einladung
Ende 1995 oder Anfang 1996 muss es gewesen sein, als mich die freundliche Einladung in Kronstadt erreichte, anlässlich der VI. Auflage der Tage Deutscher Literatur in Reschitza einen Vortrag zum großen Rahmenthema „Rumäniendeutsches Literatur- und Kulturgeschehen nach 1989“ sowie eine Lesung zu halten. Bis dahin hatte man etliche Male in der Zeitung über die Initiative, in Reschitza ein Literaturtreffen abzuhalten, gelesen. Man war skeptisch und vielleicht sogar etwas pikiert, dass man nicht von Anfang an dazu geladen worden war, führte die Tatsache großzügiger Weise auf die etwas wirren Zustände nach der Wende zurück, wo alles im Auflösen begriffen schien, ganze Gemeinschaften im wahrsten Sinne des Wortes das Weite suchten und am allerwenigsten der Literatur gedacht wurde, zumal in Westeuropa längst schon die Totenglocken für sie geläutet und Nachrufe, einer ergreifender als der andere, mit Pauken und Posaunen verkündet wurden.
Im Spätherbst 1995, einige Monate vor dem Zeitpunkt, als meine Wenigkeit besagte erste Einladung nach Reschitza bekommen hatte, war gerade das umstrittene Buch Amsel-schwarzer Vogel erschienen, es hatte hohe Wellen geschlagen im siebenbürgischen Wasserglas und hatte auch einiges an persönlichem Ungemach verursacht, so dass man die Gelegenheit beim Schopf ergreifen wollte, um Frust und Lust von der Seele zu schreiben.

Glimmende Zuversicht
Der Vortrag Rumäniendeutsche Literatur nach 1989 – eine Illusion? mag einem heute vornehmlich als Produkt eines etliche Jahre jüngeren Hitzkopfes, der unbedingt Dampf ablassen musste, erscheinen. Abgesehen von persönlicher Betroffenheit und Vehemenz, von kritischer Barschheit und skeptischer Grundhaltung, zeugt jener Vortrag zumindest an seinem Ende von einiger Zuversicht, das Schicksal der besprochenen Literatur betreffend. Man hatte sich dazu hinreißen lassen, dem bald in Asche versinkenden Literaturvogel Phönix eine Amsel schwarze Auferstehung zu prophezeien.
Der Aufenthalt in Reschitza im Mai 1996 sollte auf jeden Fall schicksalhaft und zum Auftakt einer beachtlichen Folge weiterer Aufenthalte werden: außer eines plötzlich auftretenden Hals-, Ohren- und Nasenkatarrhs, einer anderweitigen Verpflichtung bzw. höherer Gewalt vermochte einen nichts von den Literaturtagen fernzuhalten.
Man sprach in Reschitza nicht nur wie ein Hitzkopf, man verhielt sich auch wie einer und wie ein Hitzkopf verliebte man sich nicht nur wegen des verführerischen Maiendufts – und auf wen passt der Begriff Hitzkopf denn besser als auf den Verliebten, der ganz plötzlich und aus scheinbar unerklärbaren aber immerhin guten Gründen in einen Zustand hitzigen und unbändigen Begehrens versetzt wird, der in keiner Weise mehr mit vernünftiger Gesittung und gesittetem Gebaren zu tun zu haben scheint? Der so Betörte gibt sich hemmungslos Emotionen und Leidenschaften hin, sucht mit fiebrigem Blick das Objekt seiner Begierde, lechzt und schmachtet danach, so dass bereits die aller kleinste Gefälligkeit, das mindeste Zeichen von Entgegenkommen dem Verzauberten schon orgiastische Freude und ebensolchen Schauder verursachen. Dem Betroffenen gehen nicht nur die Augen über, das Herz schlägt ihm bis zum Hals, dass es ihm völlig die Sprache verschlägt und Tränen in die Augen treibt, zu wortreichen Herzensergüssen verführt. Dann wiederum leidet er an Kurzatmigkeit, begleitet von Schweißausbrüchen, siedend steigt die Hitze ihm ins Gesicht und man bekommt ganz weiche Knie beim bloßen Gedanken an das so arg ersehnte Liebesobjekt. Und dann wäre noch der nagende Selbstzweifel und die quälende Ungewissheit darüber, ob das Liebessehnen des hoffnungsvoll Umtriebenen wohl auf gebührende Gegenliebe stieße. Nur ein Hitzkopf vermag solche Liebeskapriolen freiwillig ertragen!

Liebesgeschichte Literatur
So oder ähnlich beginnen die großen Liebesgeschichten, und das nicht nur in der Literatur. Und beruht dieses hitzköpfige Zünden tatsächlich auf Gegenseitigkeit, dann sind dem brünstigen Begehren und fieberhaften Erschauern, der ungehaltenen Erwartung und dem unendlichen Sehnen, der unbändigen Vorfreude und dem todeswütigen Abschiedsschmerz, darin jedoch die Gewissheit des nächsten Wiedersehens enthalten ist, einfach keine Grenzen gesetzt. Kurzum: Das Liebesglück ist vollkommen.
Und der Liebesbetörte darf sich ungehindert den Genüssen hingeben, die einem nach allen Regeln der Liebeskunst geboten werden: Das beginnt mit der sonderbaren Landschaft, darin sich weitläufige Milde mit herbem Hügel- und Gebirgsgelände zu einer verführerischen Mischung zusammentun - so erlebt während langer Spaziergänge in genehm vornehmer, elegant zuvorkommender, schelmisch witziger Gesellschaft beispielsweise durch die Schrebergärten rings um das Gelände der angeblich still gelegten Kanonenfabrik - Ihren Majestäten Carol, Joachim Heinrich und Hans sei Dank!- oder entlang des zauberhaft rauschenden und berauschenden Tales mit den Wassermühlen, der Rudarie – und es geht weiter mit allerlei Hochgenüssen, nicht zuletzt gastronomischer Natur - unser aller Erwin Josef sei Dank!
Der im Liebesrausch Genießende lechzt nach Abwechslung und Steigerung der Sinnesfreuden, weidet sich an der gegenseitigen Annäherung, am allmählichen Abtasten und Kennenlernen des Andern und – wie könnte es sonst sein in der Liebe? - des eigenen Selbst; man probiert aus und lässt ausprobieren, man gibt und nimmt und nimmt und gibt, dass zum Schluss Neues entstehe und man sich aufs Neue verliebe und das Spiel von Anziehung und Verzauberung, von Verführung und Verzückung, von Hinnahme und Hingabe weitergehe und sich wiederhole im gärend verwirrenden Gaukelspiel der Sinne. Diese dionysische Selbstaufgabe erreicht ihren eruptiven Höhepunkt in literarisch künstlerischen homunculi jeglicher Art.

Zur Vollständigkeit des Eindrucks
Und dann: was wäre eine Maienliebe ohne Nachwuchs, der wiederum die Dinge erst richtig durcheinander mischt und die Lebens- und sonstigen Geister aufwirbelt? Der Nachwuchs erst macht die Beziehung so recht fruchtbar und lohnenswert, so recht authentisch und lebensfähig, so recht aufmüpfig und herausfordernd, den Roberts sei Dank!
Ganz harmonisch aber - und das weiß jeder noch so Liebestrunkene, - kann keine Maienliebe bleiben. Kleinere oder größere Meinungsverschiedenheiten, Sticheleien aus purer Lust und Liebe bis hin zu handfesten Streitgesprächen machen das Liebesgerangel nur noch reizvoller, Annemarie und Edith sei Dank! Am Ende bleibt dem betörten Hitzkopf nichts erspart, man muss Kritik einstecken, man wird selbst barsche Töne anschlagen, sich zur Wehr setzen und zum Gegenangriff rüsten, Werner sei Dank! Denn keiner ist verletzlicher und keiner verletzt mehr als der von Liebe Heimgesuchte.
Meine sehr verehrten Damen und Herren, Sie stimmen mir sicher zu, wenn ich sage, dass auf Dauer in jeder noch so hitzköpfigen Beziehung das Feuer irgendwann etwas nachlassen wird - auch das weiß man nicht nur aus der Literatur. Das Fieber und der Wahn, die Sucht und die Lust geraten in ruhigeres Fahrwasser, wallen nur noch gelegentlich ungezügelt auf – allerdings werden sie nie vollkommen erlahmen, oder gar den Geist aufgeben und in Vergessenheit geraten. Sie offenbaren sich nun dem immer noch Betörten auf höherer, platonischer Vergeistigung, und läuten eine nächste Stufe der Liebesbeziehung ein, die im Zeichen von reifer Beständigkeit und ruhiger Festigkeit steht. Der hitzköpfig Verliebte wird nun (vielleicht) leisere Töne anschlagen, die aufreizende Passion wird der Freundesgebärde weichen, harsche Kritik wandelt sich in verschmitzte Ironie und Selbstironie. Jetzt fühlt man sich in der Beziehung erst richtig aufgehoben, man hat sich in ihr beheimatet und man ist, wer man ist und was man ist: Man selbst, schreibende Frauen, schreibender Männer, die ein Mal im Jahr ihrer eingestandenen und uneingeschränkten Maienliebe frönen, dieser ihren Kunst-Tribut darbringen, sich hingebungsvoll an deren standhaft potente und rauschhafte Trunkenheit verlieren. Wie im letzten, im vorletzten, im vorvorletzten, wie im nächsten und dem übernächsten und dem darauf folgenden Mai.
Ein Mal Literaturtage in Reschitza, das reicht keineswegs. Da hat man längst keinen vollständigen Eindruck gewonnen von der Sache. Nein, das reicht einfach nicht. Ein nächstes Mal muss wirklich sein. Wirklich, ja, ja!

Kronstadt, 30.04.2010/ Reschitza, 7. 05. 2010




Die Autorin Carmen Elisabeth Puchianu

Foto: Zoltán Pázmány