Poetischer Rück- und Ausblick einer (literarischen) Geschichte
Von Carmen Elisabeth Puchianu
Ein Mal Literaturtage in Reschitza, das reicht. Da hat man einen Eindruck gewonnen von der ganzen Sache. Ja, ja, das reicht. Ein zweites Mal muss wirklich nicht sein. Nicht wirklich, nein, nein!
So oder ähnlich hatte sich einmal ein Bekannter ausgedrückt, als ich mich erkundigte, ob man auch im kommenden, dem darauf folgenden, dem übernächsten oder dem über-übernächsten Jahr nicht doch auch wieder zu dem Literaturtreffen nach Reschitza reisen würde.
Nüchtern und bei Licht betrachtet, ist das für die Meisten eine große Strapaze, man muss mindestens ein Mal irgendwo in Rumänien umsteigen, ganz gleich, ob man mit dem Zug oder dem Bus anreisen würde, immerhin gibt es keinen Flughafen in Reschitza, die rumänische Bahn pfeift nun bald auf dem letzten Loch und die Kleinbusse der privaten Verkehrsunternehmen werden von Fahrern gefahren, deren Künste eher an jene von Henkern erinnern; außerdem ist das Wetter Anfang Mai oft noch etwas unbeständig, es kann sogar regnen und kühl bis kalt werden, Hochwasser können Fahrwege und Bahngleise überfluten und eine geplante Anreise erheblich erschweren oder gar vereiteln, oder es kann schon richtig schwül und gewittrig werden, dass man es im Hinterkopf und überhaupt in allen Gliedern zu spüren bekommt. Das alles wirkt sich auf Leib und Seele aus, die Kräfte lassen nach, daher sollte man es sich wirklich zweimal überlegen. Und was das an Zeit in Anspruch nimmt, nicht wahr, und dazu die geistige Anstrengung, so ein Treffen stellt immerhin gewisse Anforderungen, man kann sich nicht wie immer präsentieren, nicht wahr.. Wenn man das ein Mal auf sich genommen hat, sollte man es dabei belassen.
Oder etwa doch nicht?
Am Anfang war die Einladung
Ende 1995 oder Anfang 1996 muss es gewesen sein, als mich die freundliche Einladung in Kronstadt erreichte, anlässlich der VI. Auflage der Tage Deutscher Literatur in Reschitza einen Vortrag zum großen Rahmenthema „Rumäniendeutsches Literatur- und Kulturgeschehen nach 1989“ sowie eine Lesung zu halten. Bis dahin hatte man etliche Male in der Zeitung über die Initiative, in Reschitza ein Literaturtreffen abzuhalten, gelesen. Man war skeptisch und vielleicht sogar etwas pikiert, dass man nicht von Anfang an dazu geladen worden war, führte die Tatsache großzügiger Weise auf die etwas wirren Zustände nach der Wende zurück, wo alles im Auflösen begriffen schien, ganze Gemeinschaften im wahrsten Sinne des Wortes das Weite suchten und am allerwenigsten der Literatur gedacht wurde, zumal in Westeuropa längst schon die Totenglocken für sie geläutet und Nachrufe, einer ergreifender als der andere, mit Pauken und Posaunen verkündet wurden.
Im Spätherbst 1995, einige Monate vor dem Zeitpunkt, als meine Wenigkeit besagte erste Einladung nach Reschitza bekommen hatte, war gerade das umstrittene Buch Amsel-schwarzer Vogel erschienen, es hatte hohe Wellen geschlagen im siebenbürgischen Wasserglas und hatte auch einiges an persönlichem Ungemach verursacht, so dass man die Gelegenheit beim Schopf ergreifen wollte, um Frust und Lust von der Seele zu schreiben.
Glimmende Zuversicht
Der Vortrag Rumäniendeutsche Literatur nach 1989 – eine Illusion? mag einem heute vornehmlich als Produkt eines etliche Jahre jüngeren Hitzkopfes, der unbedingt Dampf ablassen musste, erscheinen. Abgesehen von persönlicher Betroffenheit und Vehemenz, von kritischer Barschheit und skeptischer Grundhaltung, zeugt jener Vortrag zumindest an seinem Ende von einiger Zuversicht, das Schicksal der besprochenen Literatur betreffend. Man hatte sich dazu hinreißen lassen, dem bald in Asche versinkenden Literaturvogel Phönix eine Amsel schwarze Auferstehung zu prophezeien.
Der Aufenthalt in Reschitza im Mai 1996 sollte auf jeden Fall schicksalhaft und zum Auftakt einer beachtlichen Folge weiterer Aufenthalte werden: außer eines plötzlich auftretenden Hals-, Ohren- und Nasenkatarrhs, einer anderweitigen Verpflichtung bzw. höherer Gewalt vermochte einen nichts von den Literaturtagen fernzuhalten.
Man sprach in Reschitza nicht nur wie ein Hitzkopf, man verhielt sich auch wie einer und wie ein Hitzkopf verliebte man sich nicht nur wegen des verführerischen Maiendufts – und auf wen passt der Begriff Hitzkopf denn besser als auf den Verliebten, der ganz plötzlich und aus scheinbar unerklärbaren aber immerhin guten Gründen in einen Zustand hitzigen und unbändigen Begehrens versetzt wird, der in keiner Weise mehr mit vernünftiger Gesittung und gesittetem Gebaren zu tun zu haben scheint? Der so Betörte gibt sich hemmungslos Emotionen und Leidenschaften hin, sucht mit fiebrigem Blick das Objekt seiner Begierde, lechzt und schmachtet danach, so dass bereits die aller kleinste Gefälligkeit, das mindeste Zeichen von Entgegenkommen dem Verzauberten schon orgiastische Freude und ebensolchen Schauder verursachen. Dem Betroffenen gehen nicht nur die Augen über, das Herz schlägt ihm bis zum Hals, dass es ihm völlig die Sprache verschlägt und Tränen in die Augen treibt, zu wortreichen Herzensergüssen verführt. Dann wiederum leidet er an Kurzatmigkeit, begleitet von Schweißausbrüchen, siedend steigt die Hitze ihm ins Gesicht und man bekommt ganz weiche Knie beim bloßen Gedanken an das so arg ersehnte Liebesobjekt. Und dann wäre noch der nagende Selbstzweifel und die quälende Ungewissheit darüber, ob das Liebessehnen des hoffnungsvoll Umtriebenen wohl auf gebührende Gegenliebe stieße. Nur ein Hitzkopf vermag solche Liebeskapriolen freiwillig ertragen!
Liebesgeschichte Literatur
So oder ähnlich beginnen die großen Liebesgeschichten, und das nicht nur in der Literatur. Und beruht dieses hitzköpfige Zünden tatsächlich auf Gegenseitigkeit, dann sind dem brünstigen Begehren und fieberhaften Erschauern, der ungehaltenen Erwartung und dem unendlichen Sehnen, der unbändigen Vorfreude und dem todeswütigen Abschiedsschmerz, darin jedoch die Gewissheit des nächsten Wiedersehens enthalten ist, einfach keine Grenzen gesetzt. Kurzum: Das Liebesglück ist vollkommen.
Und der Liebesbetörte darf sich ungehindert den Genüssen hingeben, die einem nach allen Regeln der Liebeskunst geboten werden: Das beginnt mit der sonderbaren Landschaft, darin sich weitläufige Milde mit herbem Hügel- und Gebirgsgelände zu einer verführerischen Mischung zusammentun - so erlebt während langer Spaziergänge in genehm vornehmer, elegant zuvorkommender, schelmisch witziger Gesellschaft beispielsweise durch die Schrebergärten rings um das Gelände der angeblich still gelegten Kanonenfabrik - Ihren Majestäten Carol, Joachim Heinrich und Hans sei Dank!- oder entlang des zauberhaft rauschenden und berauschenden Tales mit den Wassermühlen, der Rudarie – und es geht weiter mit allerlei Hochgenüssen, nicht zuletzt gastronomischer Natur - unser aller Erwin Josef sei Dank!
Der im Liebesrausch Genießende lechzt nach Abwechslung und Steigerung der Sinnesfreuden, weidet sich an der gegenseitigen Annäherung, am allmählichen Abtasten und Kennenlernen des Andern und – wie könnte es sonst sein in der Liebe? - des eigenen Selbst; man probiert aus und lässt ausprobieren, man gibt und nimmt und nimmt und gibt, dass zum Schluss Neues entstehe und man sich aufs Neue verliebe und das Spiel von Anziehung und Verzauberung, von Verführung und Verzückung, von Hinnahme und Hingabe weitergehe und sich wiederhole im gärend verwirrenden Gaukelspiel der Sinne. Diese dionysische Selbstaufgabe erreicht ihren eruptiven Höhepunkt in literarisch künstlerischen homunculi jeglicher Art.
Zur Vollständigkeit des Eindrucks
Und dann: was wäre eine Maienliebe ohne Nachwuchs, der wiederum die Dinge erst richtig durcheinander mischt und die Lebens- und sonstigen Geister aufwirbelt? Der Nachwuchs erst macht die Beziehung so recht fruchtbar und lohnenswert, so recht authentisch und lebensfähig, so recht aufmüpfig und herausfordernd, den Roberts sei Dank!
Ganz harmonisch aber - und das weiß jeder noch so Liebestrunkene, - kann keine Maienliebe bleiben. Kleinere oder größere Meinungsverschiedenheiten, Sticheleien aus purer Lust und Liebe bis hin zu handfesten Streitgesprächen machen das Liebesgerangel nur noch reizvoller, Annemarie und Edith sei Dank! Am Ende bleibt dem betörten Hitzkopf nichts erspart, man muss Kritik einstecken, man wird selbst barsche Töne anschlagen, sich zur Wehr setzen und zum Gegenangriff rüsten, Werner sei Dank! Denn keiner ist verletzlicher und keiner verletzt mehr als der von Liebe Heimgesuchte.
Meine sehr verehrten Damen und Herren, Sie stimmen mir sicher zu, wenn ich sage, dass auf Dauer in jeder noch so hitzköpfigen Beziehung das Feuer irgendwann etwas nachlassen wird - auch das weiß man nicht nur aus der Literatur. Das Fieber und der Wahn, die Sucht und die Lust geraten in ruhigeres Fahrwasser, wallen nur noch gelegentlich ungezügelt auf – allerdings werden sie nie vollkommen erlahmen, oder gar den Geist aufgeben und in Vergessenheit geraten. Sie offenbaren sich nun dem immer noch Betörten auf höherer, platonischer Vergeistigung, und läuten eine nächste Stufe der Liebesbeziehung ein, die im Zeichen von reifer Beständigkeit und ruhiger Festigkeit steht. Der hitzköpfig Verliebte wird nun (vielleicht) leisere Töne anschlagen, die aufreizende Passion wird der Freundesgebärde weichen, harsche Kritik wandelt sich in verschmitzte Ironie und Selbstironie. Jetzt fühlt man sich in der Beziehung erst richtig aufgehoben, man hat sich in ihr beheimatet und man ist, wer man ist und was man ist: Man selbst, schreibende Frauen, schreibender Männer, die ein Mal im Jahr ihrer eingestandenen und uneingeschränkten Maienliebe frönen, dieser ihren Kunst-Tribut darbringen, sich hingebungsvoll an deren standhaft potente und rauschhafte Trunkenheit verlieren. Wie im letzten, im vorletzten, im vorvorletzten, wie im nächsten und dem übernächsten und dem darauf folgenden Mai.
Ein Mal Literaturtage in Reschitza, das reicht keineswegs. Da hat man längst keinen vollständigen Eindruck gewonnen von der Sache. Nein, das reicht einfach nicht. Ein nächstes Mal muss wirklich sein. Wirklich, ja, ja!
Kronstadt, 30.04.2010/ Reschitza, 7. 05. 2010
Die Autorin Carmen Elisabeth Puchianu
Foto: Zoltán Pázmány