Dienstag, 30. März 2010

Ehrung für zukunftsweisende Arbeit

Eine Feierstunde im Tagungssaal des Kreisrats Karasch-Severin

Von Werner Kremm

Obwohl einiges bei der feierlichen Überreichung der Ehrenbürgerurkunden des Banater Berglands an Karl Ludwig Lupsiasca und Erwin Josef Tigla zur Selbstdarstellung der Wort-Ergreifer ausartete (etwa die Vorstellung des von E.J.Tigla gezeichneten Buchs „Offenbarungen. 21 Mal den Medien gegenüber“ durch Bibliotheklsdirektor Nicolae Sarbu), war das Ereignis auf alle Fälle bedeutsam für die geschrumpfte Minderheit der Berglanddeutschen. Denn wenn gleich zweien aus ihren Reihen die viel seltener als sonstige Ehrenbürgerschaften zuteilwerdende Ehrung zugesprochen wird, dann muss das besondere Gründe haben.

Der eine ist vordergründig und durch den Ablauf der Zeit bedingt: man hat 20 Jahre seit Gründung des Demokratischen Forums der Banater Berglanddeutschen (DFBB, am 9. Januar 1990) und seit Erstveröffentlichung des „Echos der Vortragsreihe“, der Monatspublikation des Kultur- und Erwachsenenbildungsvereins „Deutsche Vortragsreihe Reschitza“ gefeiert.

Der zweite ist schon tiefer verankert und personenbedingt: Karl Ludwig Lupsiasca und Erwin Josef Tigla haben als Vorsitzende rund 19 Jahre der insgesamt 20 des Bestehens des Forums der Deutschen im Banater Bergland entscheidend mitgeprägt. Sie haben also sowohl in politisch trüberen („als wir die letzten Deutschen waren“, wie es der Hermannstädter Kreisratsvorsitzende Martin Bottesch treffend formulierte) als auch in achtungserheischenden Zeiten (Bottesch: „Seit der Erstwahl von Johannis zum Bürgermeister von Hermannstadt sind wir politische Konkurrenten der Parteien geworden.“) das Steuer der deutschen Gemeinschaft des Banater Berglands kulturell, politisch und auch wirtschaftlich Richtung Zukunft festgezurrt. Am offensichtlichsten ist das auf kulturellem Gebiet, sicher auch dank maß-gebender Vor-Arbeit anderer Berglanddeutscher, denn wohl noch nie hat die deutsche Gemeinschaft des Banater Berglands so sichtbar im Fokus der multinationalen und multikonfessionellen Öffentlichkeit es Verwaltungskreises Karasch-Severin gestanden wie heute. Man wünschte dem DFBB, diesen Status in naher Zukunft auch politisch umsetzen zu können. Ein paar (Zufalls?!?-)Treffer hat es nach der Wende ja bereits gegeben.

Zum dritten hat die Verleihung der Ehrenbürgerschaft an Karl Ludwig Lup{iasca und Erwin Josef Tigla sicher auch mit der über Generationen im mentalen Gemeinsam gefestigten Stellung der Deutschen im Banater Bergland zu tun: als Leit- und Führungsgestalten auf dem Weg der Steigerung des Gemeinschaftswohsl, was alle anstreben.

In diesem Sinn scheint es auch der sichtlich gerührte Lup{iasca aufgefasst zu haben, als er in seiner Dankesrede von seiner Begeisterung für die Arbeit in Teams sprach, von seinen „guten Lehrern und guten Freunden und Teamkollegen“, die ihm zu werden verhalfen, was er ist. Auch Ovidiu Gan] berührte diese Seite des Besonderen des Banats und des Banater Berglands als „Zeichen der Anerkennung der Aufbauarbeit der deutschen Gemeinschaft des Banater Berglands“, während Konsul Klaus Brennecke sich beeindruckt zeigte vom Wissensfundus der beiden Geehrten bezüglich ihrer Heimat, und der „zum Banater gewordene“ Graf Andreas von Bardeau unterstrich, wie sehr ihm das DFBB in seinen Partnerschaftsvermittlungen zwischen dem Banater Bergland und der Steiermark behilflich ist. Nicht zuletzt bemerkte Martin Bottesch, dass das Banater Bergland dank dem „Echo der Vortragsreihe“ und der „Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien“ in Hermannstadt bestens bekannt sei.

Erste Mall in Arad eröffnet

Atrium Center: nicht ganz ausgebucht


oi. Arad - Die erste Mall in Arad steht nun den Besuchern offen. In der Nähe des Bahnhofs, auf der „Aurel Vlaicu“-Straße waren eigentlich fünf derartige Gebäude geplant. Mit dem Eintreten der Wirtschaftskrise scheinen jedoch die Entwickler umgedacht zu haben.

Das Atrium Center wurde vergangene Woche eröffnet, wie ursprünglich geplant, einige Tage vor Ostern. Auf ungefähr 30.000 Quadratmetern werden an die 120 Läden beherbergt. Bislang ist jedoch nur ein Teil der Mall besetzt. Nur die Hälfte der Läden wurden bei der Einweihung geöffnet, obwohl die Entwickler bislang Verträge über 92 Prozent der Fläche abgeschlossen haben.

Die Investition beträgt 70 Millionen Euro. Zurzeit werden für die Vermietung der Flächen monatlich zwischen 15 und 18 Euro pro Quadratmeter verlangt. Dadurch sollen jährlich etwa acht Prozent der Anfangsinvestition gedeckt werden. Rumänienweit ist ein Preis über 20 Euro pro Quadratmeter nur noch in Bukarest zu erzielen. Dies jedenfalls meinen die Verantwortlichen des Unternehmens DTZ Echinox, das mit der Vermietung der Räumlichkeiten beauftragt wurde. Da insgesamt die Mieten in letzter Zeit zurückgegangen sind, soll das Geschäft mit den Malls nicht mehr so gut laufen wie bis vor einiger Zeit.

Es gibt auch einige Kritikpunkte, die angebracht werden können. Aus Eile sind einige Kleinarbeiten nicht ganz durchgeführt worden. Außerdem ist die Umgebung der Mall alles andere als einladend. Auch das Cinema City ist noch nicht fertiggestellt, es wird erst im Sommer öffnen.

Nur einige Stunden vor der Eröffnung hat die Arader Mall ihre Gesellschafter gewechselt. So ist nun auch Arcadom, die Baufirma, Mitaktionär geworden. Das Projekt in Arad wurde vom britischen Investitionsfonds Carpathian initiiert. Mitinvestiert hat auch der Geschäftsmann Michael Israeli.

In der Arader Mall wird auch ein aktuelles Phänomen ersichtlich: Die internationalen Unternehmen haben die Courage zu investieren und sich auszudehnen, die meisten hiesigen Unternehmen bleiben weiterhin in stand-by.

Aquapolis: Die Badealternative der Banater

Größter Badekomplex Südosteuropas in Szeged eingeweiht


Die badelustigen Banater, die bisher nach Makó oder Gyula in Ungarn gereist sind, um auf ihre Kosten zu kommen, haben nun erneut einen guten Grund zur Freude: In Szeged, knapp 110 Kilometer von Temeswar/Timisoara entfernt, wurde Ende letzte Woche das größte Schwimmbad Südosteuropas eingeweiht. Die Investition beträgt ungefähr acht Milliarden Forint (rund drei Millionen Euro).

„Aquapolis“ nennt sich die Freizeitanlage, die sich auf etwa 34.000 Quadratmetern erstreckt und Badespaß für etwa 3.000 Personen bietet. Das Schwimmbad verfügt über einen überdachten Bereich, der sich auf 27.000 Quadratmetern erstreckt und das ganze Jahr hindurch benutzt werden kann.


Badespaß in Gyula


Im Erlebnisbeckenraum inmitten der Freizeitanlage wurde ein Schwimmbecken mit Wasserströmen, Kaskaden und Wellen eingerichtet. Im Spa-Bereich gibt es finnische und Infra-Saunen, ein Dampfbad, eine Salzkammer, ein Tepidarium und verschiedene Whirlpool-Becken. In der „Aquapolis“ können auch verschiedene Behandlungen in Anspruch genommen werden: Rheuma- und Physiotherapie sowie Krankengymnastik und Wassermassage.

Für Babys und Kinder wurde ein Familienbecken mit einer Wassertiefe von fünf bis 40 Zentimetern eingerichtet. Wickel- und Stillräume sind ebenfalls vorhanden. Ein vierstöckiges, labyrinthförmiges Spielhaus bietet Kindern ein besonderes Badeerlebnis.

Auch zwei gigantische Anakonda-Rutschen mit Kamikaze-Abschnitt, 270 bzw. 218 Metern lang, sind in der „Aquapolis“ zu finden. Sieben kürzere Rutschen können ebenfalls benutzt werden. Insgesamt ein Kilometer Rutschen wurde in Szeged eingerichtet.

Was die Tickets angeht, so gibt es elf Möglichkeiten, darunter: Tageskarten für 4.000 Forint (über 60 Lei), Tickets für 2.500 Forint bis 13 Uhr bzw. für 3.400 Forint zwischen 16 und 21 Uhr. Kinder bis 12 erhalten einen 50-prozentigen Rabatt. Über eine Verbilligung von 15 Prozent verfügen Personen zwischen 12 und 23 Jahren sowie Rentner. Wer nur das Schwimmbecken benutzen möchte, der zahlt 1.500 Forint. In Gyula, etwa 125 Kilometer von Temeswar entfernt, kostet der Badespaß knapp die Hälfte, das Angebot ist jedoch nicht so vielfältig wie in der Szegeder Wasserstadt. Den Freibadbesuchern in Szeged stehen 300 Parkplätze zur Verfügung.

Raluca Nelepcu

Berglandpost

Eigentümliche Ernennung

Reschitza/Bukarest - Buchstäblich wie im rumänischen Sprichwort vom Wolf als Hüter der Schafshürde hat die PSD den Holzunternehmer und Abgeordneten Ion Mocioalca zum Leiter ihres Departements für Umwelt, Gewässer und Wälder gemacht. Der einstmals für seine Abholzungen berüchtigte Unternehmer aus dem Karansebescher Raum, der heute der PSD Karasch-Severin vorsteht, soll ab nun das Fachdepartement Umwelt der PSD in seiner Eigenschaft als Mitglied des Nationalen Exekutivausschusses der Parteileitung übernehmen. Damit ist seine Funktion der eines Vizepräsidenten der Partei gleichgestellt. Er sei geehrt von dieser neuen Funktion, sagte Mocioalc² in Reschitza, und er werde sich ein Team von Fachleuten zusammenstellen, die ihn unterstützen werden.



Waldprivatisierung stockt

Reschitza – Das Amt für Katasterwesen und Immobilienwerbung (OCIP) Karasch-Severin kriegt einen neuen Sitz. Errichtet wird er dort, wo vor Jahren das Arbeiterheim abgebrannt ist und wo ursprünglich das Amt für die Subventionierung der Landwirtschaft APIA bauen wollte – aber kein Geld dazu bekommen hat. Gegenwärtig sei die Aktivität des Katasteramts erschwert durch die Streuung der dazugehörigen Ämter und das erkläre auch, wieso man in Verzug geraten ist mit der Herausgabe von Besitzurkunden bei der Reprivatisierung der Land- und Forstwirtschaft. Zur Stunde habe man 50 ungelöste Ansuchen für die Rückerstattung von rund 240 Hektar Ackerflächen und 19 Gesuche für die Rückerstattung von 64.500 Hektar Wald. Bislang sind im Banater Bergland von OCIP 53.017 Besitzurkunden über 184.447 Hektar Grundstücke (Acker- und Waldflächen) ausgehändigt worden. Insgesamt liegen dem katasteramt 1437 unerledigte Rückerstattungsgesuche vor.



Teures Trink- und Kanalwasser

Orawitza – Ein Ultimatum, die jüngste Teuerung des Kanal- und Trinkwassers zurückzunehmen, richtete die Stadtverwaltung von Orawitza an den Siedlungswasserverbund Aquacaraa, zumal dieser in Flyern die Bevölkerung der Stadt fälschend in Kenntnis gesetzt hatte, die Teuerung wäre mit dem Einverständnis des Stadtrats geschehen. Wenn die Teuerung nicht zurückgenommen wird, wolle Orawitza auf die Dienstleistungen von Aquacaras verzichten und sich einen anderen Dienstleister zu suchen, so die Drohung. Das Abwasser war um 47,5 Prozent, das Trinkwasser um 15 Prozent verteuert worden. Gegenwärtig gibt es drei Städte im Banater Bergland, wo das Trinkwasser schon die 3 Lei pro Kubikmeter überschritten hat: Anina, Bokschan und Orawitza.



Rettungsdienste nur über Neumoldowa

Neumoldowa/Orschowa - Bis zur Reparatur des Straßenabschnitts in der Donauklamm (an der Nationalstraße DN 57), der durch einen Erdrutsch verschüttet und vernichtet wurde – vermutlich etwa bis im Mai 2010 – wird der Rettungsdienst des Verwaltungskreises Karasch-Severin alle Dringlichkeitsfälle übernehmen, die in der Donauklamm zwischen Neumoldowa und Orschowa im Nachbarkreis Mehedin]i, auf einer Strecke von über 110 km, auftreten. Die Rettungswagen bringen die Notfälle zuerst bis ins Krankenhaus von Neumoldowa/Moldova Nou², und bei Bedarf werden sie dann von dort zwecks Weitertransport und –versorgung nach Reschitza und/oder Temeswar gebracht. Dies teilte Dr. Cosmin Librimir mit, der den Rettungsdienst Karasch-Severin leitet. Die Notrufnummer 112 gilt weiterhin in beiden Verwaltungskreisen, gleichermaßen wie in ganz Rumänien.

Wie Hund` und Katz`

Tollwutgefahr im Raum Orawitza, und wie man damit umgeht

wk.Orawitza – Seit dem 20. Januar 2010 sind in Orawitza 14 Personen von streunenden Hunden gebissen worden. Gleichzeitig wurde bekannt, dass seit November 2009 in Orawitza drei Fälle von Tollwut – zwei bei Füchsen und einer bei einem herrenlosen Hund – festgestellt werden mussten. Ein vierter Tollwutfall zeichnete sich zum Zeitpunkt des Verfassens dieses Beitrags ab: ein Fuchs zeigt ein ungewöhnliches Verhalten: er kommt nämlich täglich zwischen 11 und 12 Uhr ohne ersichtlichen Grund in die Wirtschaft eines Orawitzaer Bürgers, der am Stadtrand wohnt, um diese nach einer gewissen Zeit - auffällig: ohne irgendeine Beute – wieder zu verlassen.

Solche ungewöhnliche Verhaltensweisen von Füchsen werden von Tierärzten als Anzeichen für eine Krankheit gedeutet. Unter Umständen, und weil der Raum Orawitza als tollwutgefährdet gilt, könnte es sich um einen vierten Tollwutfall handeln. Die Vorbeugemaßnahmen, die man gewöhnlich trifft und für welche der regionale Veterinärinspektor zuständig ist, bestehen im Verbot, Haushunde spazierenzuführen, in der vorbeugenden Pflichtimpfung von Hunden und Katzen. Desgleichen müssen auf Verfügung von Tierarzt Ioan Opri]escu – dem für Orawitza zuständigen Inspektor der Sanitär-Veterinärdirektion Karasch-Severin - alle streunenden Hunde und herrenlosen Katzen bis am 16. Juni 2010 unter Beobachtung gehalten werden. Zudem: außerhalb der Stadt angetroffene herrenlose Hunde und Katzen müssen von Jägern getötet werden. Zusätzlich muss jedes aggressive Verhalten von Hunden oder Katzen dem Veterinärinspektor gemeldet werden.

Der Maßnahmenkatalog des Veterinärinspektors hat inzwischen aber den Vizebürgermeister der Stadt, Eugen Neda, in Bedrängnis gebracht. Tierschutzorganisationen werfen ihm nämlich vor, die Tollwutfälle zum Vorwand genommen zu haben, um sich der herrenlosen Hunde und Katzen durch Erschießen zu entledigen. Andeutungen in dieser Hinsicht wurden sowohl in der Regionalpresse als auch in lokalen Fernsehsendungen gemacht. „Hunde aus Angst vor Tollwut getötet?“ titelte die Regionalzeitung. Alexandra S²l²geanu, die Vertreterin der Rumänischen Föderation für den Schutz und die Kontrolle der Tiere (FRPCA), reklamierte bei der Polizei, sie sei von Orawitzaern mehrmals telefonisch informiert worden, dass Hunde und Katzen auf den Straßen von Orawitza von Jägern erschossen werden. „Aus den Gesprächen mit Vizebürgermeister Neda ging hervor, dass ein Maßnahmenplan umgesetzt wird, der von Veterinärinspektor Opri]escu vor gut zehn Jahren ausgearbeitet wurde (am 20. Juni 2000), in welchem als Ziel von der „Ausrottung der streunenden Hunde und Katzen“ gesprochen wird. Das übertrete aber flagrant das Tierschutzgesetz Nr. 9/2008, wo es heißt, „absichtliche Tötung von Tieren ist ein Verbrechen“. Euthanasierung darf laut Gesetz nur im Falle unheilbar kranker Tiere angewandt werden, argumentiert S²l²geanu, und dann ausschließlich durch Infektion, nicht durch Erschießen. Die bislang getöteten Tiere seinen mittels Bagger auf der städtischen Mülldeponie verscharrt worden.

Auf alle Fälle: das Kreisinspektorat der Polizei hat FRPCA geantwortet, gegen Tierarzt Opri]escu und Vizebürgermeister Neda würden die Untersuchungen wegen „des Verbrechens der absichtlichen Tiertötung“ fortgesetzt, Woraus ein Strafverfolgungsdossier entsteht. Inzwischen beteuert Vizebürgermeister neda, ein Tierliebhaber zu sein und eigentlich bloß die Verfügungen der Schutzkommission gegen Tierseuchen durchzuführen – wozu er verpflichtet sei. Maßnahmenpläne gegen Tollwut aber muss der zuständige Tierarzt ausarbeiten.

Dienstag, 9. März 2010

Sie mussten in der Öffentlichkeit schweigen


Das schwere Los der Russlanddeportierten/ Von Raluca Nelepcu

Sie saß noch im Zug, aber ihr Herz pochte so stark, als würde die Erde beben. Sie konnte ihren Augen nicht trauen: Sie war endlich zu Hause! Nach fast fünf Leidensjahren, die unendlich zu sein schienen, würde sie Familie und Freunde wieder in die Arme schließen können. Sie suchte eine Kirche. Sie wollte Gott danken, dass Er ihr Kraft gegeben hatte, um die schwere Zeit in Russland zu überwinden. Doch die Kirchenglocken waren am Tag ihrer Heimkehr verstummt. Was die junge Frau später erfahren sollte: Noch viele Jahre würden die Glocken nur noch in ihrem Herzen klingen. In der Öffentlichkeit durften sie es nicht.

Ein großes Schloss hing am Holztor der ersten Kirche, die sie auf rumänischem Boden, unweit der Grenze zur Sowjetunion, antraf. Die junge Frau war empört. „Sie waren lange nicht mehr in Rumänien, was?“, fragte sie der Mann, den sie neben der Kirche getroffen hatte. „Am liebsten, Sie halten Ihren Mund“, gab er ihr den wertvollen Tipp. Die Worte des Unbekannten fielen wie Hammerschläge auf ihren Kopf. Sie hatte so viele Jahre fern von zu Hause verbracht und nun sollte sie stumm bleiben?!

Unterwegs kamen Bauern vom Feld mit Essen für die verlorenen Söhne und Töchter der Nation. „Nem]ii nostri – unsere Deutschen sind zurück“, freuten sich die Menschen in den rumänischen Bahnhöfen. Doch bald sollte der Tod wieder zuschlagen. „Einige von uns starben. Das gute Essen war einfach zu viel für die unterernährten Menschen, die aus Russland zurückkehrten“, erinnert sich Mathilde Jica (82). In Lugosch/Lugoj warteten Mutter und Vater auf ihre Tochter. Das Mädchen hatte seine kostbarsten Jahre weit von zu Hause verbracht, in einem eiskalten Russland, aus dem die meisten den Weg zurück nicht mehr fanden. Doch die Freude auf zu Hause war schnell weg. „Das waren nicht mehr meine Leute, das war nicht mehr meine Gemeinde“, sagt die Frau. In Rumänien waren die Kommunisten an der Macht.


Die Sonne scheint, als ich zu Mathilde Jica nach Lugosch fahre. Sie wartet auf mich vor dem Tor, damit ich ihr Haus ja nicht verpasse. Es ist Ende Januar, trotzdem herrscht im Haus von Mathilde Jica Weihnachtsstimmung. „Bei mir ist immer Weihnachten“, sagt sie stolz. Wieso sie diesen Feiertag so sehr in ihr Herz geschlossen hat, erfahre ich erst später. Der bunt verzierte Tannenbaum leuchtet in einem glitzernden Lichtermeer. Ihre sanften Augen sind so blau wie der Himmel am Tag meines Besuchs. Obwohl wir uns nicht kennen, freut sie sich, dass ich gekommen bin. Sie serviert Kaffee und Kuchen.


Mathilde Jica aus Lugosch musste in drei Arbeitslagern der ehemaligen Sowjetunion schaffen.

Sie flüchtete nicht

Angenehm warm und sehr gemütlich ist es im Haus von Mathilde Jica. Und ruhig. Damals, vor 65 Jahren, gab es keine Ruhe in den Häusern der Banater Deutschen. Unsicherheit, Trauer, Verzweiflung, Angst. Die Gefühle steigerten sich. Niemand wusste, wohin die Reise ging, wie lange man in der Ferne bleiben musste, wann die Rückfahrt angesetzt war. „Mit meiner eigenen Hand habe ich die Liste mit den Deutschen, die deportiert werden sollen, aufgestellt. Nur wusste ich damals nicht, wozu die Tabelle nötig war“, erinnert sich die Frau. Als Schülerin sollte sie in den Sommerferien „Freiwilligenarbeit für die Heimat“ leisten. Zusammen mit zwei Freundinnen hatte sie im Bürgermeisteramt ihrer Heimatgemeinde Balint gearbeitet. „Sie haben alles mitgenommen, auch die Jungen, auch die Alten“, erinnert sich Mathilde Jica. Januar 1945 begann die Deportation von etwa 70.000 Deutschen aus Rumänien, aufgrund ethnischer Kriterien, als Vergütung für die Kriegszerstörungen in der Sowjetunion. Alle arbeitsfähigen Männer im Alter von 17 bis 45 Jahren und Frauen zwischen 18 und 30 Jahren wurden für fünf Jahre zu Zwangsarbeit – überwiegend in die Bergwerke und Schwerindustrie der Ukraine, aber auch in den Kaukasus – verschleppt. Mehr als ein Viertel dieser Menschen kam wegen den prekären Lebensbedingungen in der Sowjetunion ums Leben.

„Vor der Abfahrt hatte ich mehrmals die Möglichkeit, mich zu verstecken. Ich tat es nicht“, gesteht Mathilde Jica. Es war vielleicht die jugendeigene Naivität, ein bisschen Übermut und zu viel Optimismus: Die junge Frau stürzte sich geradezu ins Ungewisse. „Wir dachten, der Stalin würde doch zugrunde gehen, wenn er seine Feinde mit ins Land nimmt“, sagt Mathilde Jica heute. Manche hatten ein ungutes Gefühl. Sie versteckten sich. In der Familiengruft oder im Wald: Mathilde Jica erfuhr erst nach ihrer Rückkehr, wie sich einige ihrer Landsleute der Deportation entzogen hatten. In ihrem Kopf kreiste dieser Gedanke damals überhaupt nicht.


Die Reise nach Russland

Am 14. Januar 1945 wurde die junge Frau und zahlreiche ihrer Mitbürger zur Gendarmerie gebracht. Von da ging es weiter nach Lugosch. Die Normalschule war der Ort, wohin die Deutschen aus den Nachbardörfern und –gemeinden gebracht wurden. „Meine Eltern kamen zu mir mit Papieren zum Unterzeichnen. Dadurch sollte ich bestätigen, dass ich einen Rumänen heiraten wollte. So hätten sie mich herausschmuggeln können“, erzählt Mathilde Jica. Da sie keinen Rumänen kannte, den sie geheiratet hätte, lehnte sie das Angebot ihrer Eltern ab. „In der Nacht vom 17. oder 18. Januar kamen die Russen und sagten, wir könnten schon mit den ersten Transporten fahren. Wir fuhren, denn ich wollte unbedingt einen Platz am Fenster“, erinnert sie sich. Blauäugig waren sie gewesen, die drei Freundinnen, die damals in den Zug nach Russland stiegen und einen Platz am Fenster bekommen wollten. Sie hatten viel zu hohe Erwartungen. 70 Menschen wurden in den Waggon gedrängt, ein Loch im Boden diente den Reisenden als WC. Auf harten Etagebetten mussten sie stundenlang sitzen, andere fanden nur noch auf dem Boden ein Plätzchen. Eine Daunendecke, zwei andere Decken, viel Essen und drei Pack Kriegsbrot – das gaben ihr die Eltern mit. Von ihrem Vater, der den Ersten Weltkrieg erlebt hatte, hatte Mathilde gelernt, wie man sich das Essen einteilt, um zu überleben. Dies half ihr dann später in Russland.


Sie haben ihre Jugendjahre im Gulag verbracht: Ehemalige Russlanddeportierte bei einem Treffen in Temeswar



Die Zahl musste stimmen

„Ich war mir sicher, dass wir zurückkehren werden“, sagt Mathilde Jica. Sie lächelt, doch ihr Lächeln ist bitter. Sie dachte damals, die Reise führe nur bis vor der Grenze, in die Moldau, wo die deutsche Arbeitskraft für den Wiederaufbau der bombardierten Städte eingesetzt werden sollte. Sie dachte falsch.

Unterwegs flohen drei Personen aus einem Waggon. In Sinaia gab es zu der Zeit ein Priestertreffen. Von den über 30 orthodoxen Pfarrern wurden drei von den Soldaten zwangsweise in den Waggon gesteckt und nach Russland verschleppt. Es hatte keine Bedeutung, wer deportiert wurde. Die Zahl musste stimmen.

In Jassy/Ia{i bot sich Mathilde zum letzten Mal die Möglichkeit zur Flucht. Der Russe, der sie in die Stadt begleiten sollte, um Essen, Wasser, Zigaretten und sonstiges zu besorgen, hatte sich so angetrunken, dass er gar nicht mehr fähig war, auf die Leute aufzupassen. Eine Frau aus Jassy wollte den Mädchen helfen und sie nach Hause ins Banat begleiten, doch sie lehnten ihre Hilfe ab. Sie hatten keine Angst. Noch nicht. Sie nahmen den betrunkenen Russen mit zum Zug. „Kinder, ihr wisst nicht, was ihr gemacht habt“, sagte der Leiter des Transports, „sicherlich ein gebildeter Mann“, mit Tränen in den Augen. Von ihm erfuhren sie dann, dass sie in der Kohlengrube schwerste physische Arbeit verrichten werden müssen. Doch es war zu spät. Niemand konnte mehr flüchten.


Der Glaube rettete sie

Nachdem sie in der Sowjetunion angekommen waren, stiegen von Ort zu Ort die Leute aus. Doch die Mädchen blieben im Zug. Erst in Cistjakova sagte ihnen der Transportleiter, sie können aussteigen. Mathilde Jica arbeitete zunächst in der Mine 105, zwei-drei Kilometer vom Lager entfernt. Danach musste sie im Bauwesen schaffen, Aggregate aus entfernten Städten schleppen. Mehr als 30 Männer und Frauen mussten zusammen die schweren Maschinen befördern: Einige schoben von hinten, andere mussten ziehen. „Es war sehr schwer, den Weg im Schnee zu finden“, erinnert sich Mathilde Jica. Ein Schneesturm überraschte sie einmal bei der Arbeit. Sie hielten sich an den Händen fest und wurden von Schnee bedeckt. Wer losließ, starb. Mathilde Jica überlebte. „Wir haben viel gebetet, sei es laut oder nur im Gedanken“, erinnert sich die Frau. Der Glaube hielt die meisten am Leben.

In drei Lagern, bei Cistjakova, Kapitalnja und Romanka musste die junge Frau unter den schwersten Bedingungen schaffen. Essen gab es wenig, dafür aber ganz viel Ungeziefer und Krankheiten. Für viele war die Last zu schwer. Mathilde Jica hielt standhaft durch. Nur einmal hätte sie fast aufgegeben. Es war der 24. Dezember 1947. Mathilde Jica sollte mit einem Krankentransport nach Hause fahren. Sie hatte alles mit der Ärztin arrangiert: Die Ohrringe von ihrer Taufpatin, ein Kettchen und zwei Ringe – soviel hatte sie die Rückreise gekostet. Ihre Stimme zittert, wenn sie davon erzählt. Sie saß schon im Waggon, als die Russen sie herausholten und jemand anderer an ihrer Stelle die Rückreise antrat. „Ich konnte vor Wut nur spucken. Nachts, um Mitternacht, hatte ich einen Nervenzusammenbruch: Ich heulte vor Schmerz“, erinnert sich die Frau an einen der traurigsten Momente in ihrem Leben. Unter den Insassen hatte es einen Verräter gegeben. „Seitdem habe ich eine Zeit lang kaum noch mit jemandem gesprochen“, sagt Mathilde Jica. Sie hat Tränen in den Augen. Und doch weiß ich es ganz genau: Die Frau ist empfindsam, aber charakterstark. Nur die Starken kehrten zurück nach Hause. In Russland herrschte das Dschungelgesetz.

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Weihnachten hatte sie eine Revelation: Sie betete aus ganzem Herzen. Plötzlich hörte sie Weihnachtslieder. Die Stimmen kamen aus der Ferne. Es war so wie zu Hause, als die Kinder durchs Dorf gingen und Weihnachtslieder sangen. Das Gefühl, das sie damals hatte, kann sie heute nicht so richtig beschreiben. Emotionen überkommen sie, wenn sie sich daran erinnert. Seitdem ist Weihnachten so wichtig für sie. Nur bringt ihr der Feiertag heute nur Freude und kein Leid, wie damals in der Sowjetunion. An die Zeit in Russland erinnert sie sich noch ganz gut. Trotzdem will sie nicht alles erzählen. „Am liebsten erzähle ich das gar nicht“, sagt sie ab und zu. Sie möchte, dass mir die grauenvollsten Augenblicke erspart bleiben.


Noch kein Priestergewand

Auch Ignaz Bernhard Fischer (83) kann viel über Russland erzählen. Ich besuche ihn in seinem Büro im Temeswarer Adam-Müller-Guttenbrunn-Haus. Sein strenger Blick gleitet aufmerksam über ein Heft mit vergilbten Blättern. Da sind sie eingetragen, all jene, die dort gewesen waren. All die, die wissen, wie es dort war. Der in Bakowa/Bacova geborene Ignaz Bernhard Fischer leitet den Verein der Ehemaligen Russlanddeportierten.


Ignaz Bernhard Fischer musste als Schüler nach Russland, weil er noch kein Priestergewand bekommen hatte. Der Pater und die Theologiestudenten, die ebenfalls gehen sollten, konnten sich der Deportation entziehen.

Nüchtern erzählt er über die Verschleppung der Rumäniendeutschen in die Sowjetunion. So ähnlich, als würde er den Wetterbericht bei Radio Temeswar lesen. Ab und zu lächelt er. Vielleicht will auch er, dass ich das Bild des Grauens nicht so wahrnehme, wie es in Wirklichkeit war. „Wir bekamen jeden Tag Krautsuppe. Anscheinend hatte das russische Kochbuch nur eine Seite“, scherzt Ignaz Bernhard Fischer heute. Damals war nichts Komisches daran.

Er war 18 und Schüler der Banatia-Schule in Temeswar/Timisoara, als sie ihn holen kamen. Am 14. Januar um 21 Uhr. Er hielt sich gerade im Internat des Salvatorianer-Ordens in der Elisabethstadt auf. Zusammen mit einem Pater und zwei Theologiestudenten sollte er nach Russland fahren. Doch schließlich wurde nur er verschleppt. Sie hatten ihn gefragt, wieso er kein Priestergewand trug. Er antwortete ganz ehrlich: Die Referenda bekomme er nächstes Jahr erst. „Dann kannst du jetzt mitkommen“, meinten sie. Was Fischer damals nicht wusste: Das Priestergewand sollte er erst sechs Jahre später zum ersten Mal anziehen dürfen.

Am 17. Januar 1945 saß er im Waggon. Die Reise ging langsam voran: Tagelang saß Ignaz Bernhard Fischer im Zug, bis er an der Grenze zur UdSSR ankam. Bei Ungheni mussten sie in russische Waggons umsteigen. Getrocknetes Schafsfleisch bekamen sie zu essen. Sein Freund, Franz Kumherr, versteckte ein Stück in seinen Koffer. So, als ahne er, was auf sie zukommen würde. Ein paar Tage später konnte er damit seinen Hunger lindern. In Sinaia hätte Ignaz Bernhard Fischer durchbrennen können: Er wurde hinausgeschickt, um Wasser zu holen. „Einer aus meiner Klasse ist damals durchgegangen“, erinnert er sich. Auch er weiß es ganz genau: Wenn jemand flüchtete, wurde er ersetzt. „Sie haben sich dazu irgend jemand anders ganz einfach geschnappt“, erzählt Ignaz Bernhard Fischer.

Hunger und Wind

Am 31. Januar kam er in Saporoschje auf dem Gebiet der heutigen Ukraine an. Dort stand das erste russische Kraftwerk am Dnjepr. In der Aluminiumfabrik musste Ignaz Fischer schaffen: Fundamente graben, Männer bedienen, betonieren. Geschlafen wurde in Zelten. „In Russland war immer Wind“, erinnert sich der gelernte Theologe. Am schlimmsten war aber nicht die Kälte, sondern der Hunger. „Wir hatten uns das militärische Essen besser vorgestellt, aber wir wurden grausam enttäuscht“, sagt er. Das Wort „grausam“ betont er. In Russland war alles grausam.

Zum Frühstück gab es zwei Dezi bitteren Tee. Der Tee war so schlecht, dass sie sich damit das Gesicht wuschen. Zu Mittag wurde Krautsuppe aufgetischt. Fleisch gab es nie, nur ab und zu kleine Fische, die ungenießbar waren. Pro Tag bekam ein Insasse 700 Gramm Brot. „Das war so ein kleines Stück“, sagt Fischer und zeichnet in der Luft die Form des Brötchens - ein bisschen kleiner als ein Handball war. Das Brot legte sich schwer in den Magen, so schlecht war es. Vor Hunger aßen sie es trotzdem.

Schon von Anfang an schlich sich der Tod in das Lager ein. Der erste Mann starb am 10. Februar 1945. Fischer sprach ein Vaterunser für die Toten. „Der Boden war so eingefroren, dass wir kaum graben konnten. Die Schuhspitzen ragten noch aus der Erde heraus“, erinnert er sich an das erste Begräbnis. Die nächsten Toten wurden ausgezogen, bevor sie begraben wurden. Die Kleidung konnte ein Lebendiger noch gut gebrauchen. Ein Massengrab mit nackten Leichen habe Ignaz Fischer auch gesehen. Ich schaudere, wenn ich es mir vorstelle. „Die zuerst gestorben sind, waren die Schwachen“, sagt er.

Auch ihn hielt der Glaube am Leben. Ein Neues Testament hatte er mitgenommen, mindestens 30 Mal las er es in Russland . Nie fühlte er, dass er seinen Glauben an Gott verliert. Trotzdem gibt er zu: „Es gab Momente, in denen ich froh gewesen wäre, wenn ich in der Früh nicht mehr aufgewacht wäre“. Wie die meisten Deportierten erkrankte auch er im Lager. Eine Lungenentzündung machte ihm zu schaffen. Doch unterkriegen ließ er sich nicht. Er sollte einmal mit dem Krankentransport nach Hause fahren, durfte es aber nicht. „Es war eine spezielle Strafe für mich“, sagt Fischer. Artig war er im Lager nicht gewesen, mehrmals sei er zur Strafbrigade gebracht worden, hatte ohne Wasser und Nahrung arbeiten müssen. Ein Mensch kann noch lange durchhalten, wenn er denkt, dass es nicht mehr weiter geht. Auch Fischer schaffte es, die Zeit in Russland zu überstehen. Am 6. Dezember 1949, dem Nikolaustag, trat Ignaz Bernhard Fischer die Rückreise an und war bis Weihnachten wieder in seinem geliebten Bakowa.


Zu Hause in einem fremden Land

Stumm mussten die Russlanddeportierten in der Öffentlichkeit sein, als sie 1949 wieder nach Hause kamen. Es war ein Daheim in einem Land, das ihnen fremd schien. Sowohl Mathilde Jica, als auch Ignaz Bernhard Fischer hat das am meisten weh getan. Sie mussten ihren Schmerz im Herzen tragen, und niemand wusste, wie schwer das Kreuz gewesen war, das sie in Russland nahezu fünf Jahre lang getragen hatten.

Ignaz Fischer schloss die Priesterschule ab. „Natürlich verwendete ich in meinen Predigten ab und zu Metaphern. Wer verstehen wollte, der konnte es verstehen“, sagt der Mann. Nach der Wende widmete er sich dem Verein der Ehemaligen Russlanddeportierten. Nun kümmert er sich darum, dass die Mitglieder des Vereins auf ihre Rechte kommen. Eine Zusatzrente, Gratis-Fahrkarten für den Zug, Kurkarten. Ihre schönsten Jugendjahre hatten sie weit weg von zu Hause verbringen müssen, eine Schuld bezahlen, die nicht ihnen gehörte. „Moralisch müsste uns Deutschland entschädigen“, sagt Fischer mit strenger Stimme. Die deutschen Politiker seien aber taub zu den Problemen der Russlanddeportierten, obwohl sie Ignaz Bernhard Fischer schon mehrmals darauf aufmerksam gemacht hat.

Nach Herta Müllers Erfolg mit ihrem Roman „Atemschaukel“, der das Leben in einem sowjetischen Lager schildert, hieß es in der deutschen Presse: „Die Stummen sind endlich zu Wort gekommen“. Fischer ärgert das, zumal er an viele Politiker im deutschen Bundestag geschrieben hat. Aufgeben will er trotzdem nicht. „Wir müssen ihnen die Watte der Interesselosigkeit aus den Ohren ziehen“, sagt er. Den Optimismus konnten ihm nicht mal die fünf Leidensjahre in der Sowjetunion nehmen.


„Tief in Russland, bei Stalino“: So beginnt das Russlandlied, das von den Deportierten damals im Lager gesungen wurde. Der „Liederkranz“-Chor trug es beim Deportiertentreffen in Temeswar vor.




Im russischen Arbeitslager. Das Foto wird im Adam-Müller-Guttenbrunn-Museum bewahrt.

Fotos: Zoltán Pázmány

Arader Imperio-Straßenbahn ab Herbst

Mit Siemens Comeback einer Industrietradition/Auch E-Zug in nächster Zukunft


Die Arader Gesellschaft „Astra Vagoane Calatori AG“, Teilstück der von dem Geschäftsmann Valer Blidar geleiteten Astra-Firmengruppe, bereitet sich derzeit fieberhaft für ein beachtliches Industriedebüt in Rumänien vor: In den Hallen der ehemaligen Arader Drehbankfabrik an der Victoriei-Straße laufen derzeit die Arbeiten zur Einrichtung und Ausrüstung einer Fabrik für Straßenbahnproduktion. Die neue Straßenbahn „Imperio“ mit Tramwagen der letzten Generation in Europa soll hier im Rahmen eines Gemeinschaftsprojekts mit der deutschen Firma Siemens, einem der Marktführer dieser Industriebranche, gebaut werden. Ende Januar wurde der Vertrag mit der Firma Siemens geschlossen. Laut Dan Mic²l²cean, dem stellvertretenden Generaldirektor der Arader Firma, wird die Arader Imperio-Tram nach einem Originalkonzept produziert werden. Der Siemens-Stil soll beibehalten werden, die Innenausstattung und Endfertigung werden jedoch die Zeichen der Astra-Marke tragen.

Die Hälfte des Projekts wird demnach von Astra erarbeitet, was gute Entwicklungsmöglichkeiten im In- und Ausland für die nächste Zukunft ergibt und sicherlich auch zu einer Steigerung der Arbeitsplätze führen wird.

Laut Plan soll die Produktion Ende August soweit fortgeschritten sein, dass die Arader Bevölkerung die Imperio-Trams bei den ersten Probefahrten durch die Stadt an der Marosch bewundern werden können.

An der Produktion der Straßenbahn sollen 80 bis 100 Mitarbeiter direkt beteiligt sein. Die neue Produktionslinie ist für die Herstellung von fünf Straßenbahnen pro Monat vorgesehen. Hinzu kommt aber bei Astra noch ein ehrgeiziges Vorhaben: In nächster Zukunft möchte man hier einen ersten rumänischen E-Zug produzieren.

Die Herstellung von Eisenbahnwaggons kann in Arad auf eine 100jährige Tradition zurückblicken, die der Tram-Produktion wurde leider 1989 nicht nur hier sondern im ganzen Land gestoppt. Derzeit verkehren in den rumänischen Städten bloß drei Trams , deren Alter unter 20 Jahren liegt, der Rest sind gebrauchte Straßenbahnen aus dem Westen. Laut Schätzungen der Fachleute wären derzeit im Land etwa 2000 Straßenbahnen nötig. Die Firma Astra – Vor 1989 kamen alle Eisenbahnwagen, darunter auch der Präsidentenzug von Diktator Ceau{escu, aber auch die ersten Prototypen der Bukarester Untergrundbahn aus Arad - hat hierzulande in den letzten zehn Jahren mit der Produktion modernen Eisenbahnwagen erfolgreich abgeschnitten: Im Rahmen einer Zusammenarbeit mit Siemens wurden 2003-2008 63 Stück des Motorzugs „Desiro“, noch „Blauer Pfeil“ (S²geata Albastr²) genannt, geliefert. Im Jahr 2000 stand Astra mit horrenden Schulden von 1.200 Milliarden Lei kurz vor dem Ruin. Nach der Privatisierung trug der neue Eigentümer Valer Blidar die Schuldenlast ab, hat erreicht Astra ein jährliches Geschäftsvolumen im Wert von bis zu 300 Millionen Euro.

In Rumänien wären derzeit 420 Straßenbahn-Garnituren erforderlich. Mehrere Stadtverwaltungen haben schon angekündigt, neue Trams aus Arad ankaufen zu wollen, darunter auch die Stadt Arad, die in den nächsten Jahren 20 Straßenbahnen anschaffen möchte.

Balthasar Waitz



Trotz Krisensituation im Aufwind: Die Arader Firma Astra

Foto: Zoltán Pázmany

„Große Interessen der Grundstücksmafia“

Landwirtschaftsuni soll über ein Drittel ihrer Flächen abtreten


Von Olivian Ieremiciu


„Ich werde dem Präfekten (Anm. d. Red.: der Temescher Präfekt Mircea Bacala) zeigen, dass er nicht alles, was er will, im Kreis Temesch machen kann“. Und: „Wieso will man die Uni zerstören?“. Die Aussagen stammen von Valeriu Tabara, ehemaliger Landwirtschaftsminister und jetziger PDL-Abgeordneter (also aus der selben Partei wie Bacala stammend), aber auch Professor an der Landwirtschaftsuniversität. Der Professor und Ex-Landwirtschaftsminister eilt der Temeswarer Landwirtschaftsuni (USAMVBT) zu Hilfe. ner Grund für die Empörung der Leitung der Landwirtschftsuniversität lieferte B²cal² vor einiger Zeit, als er vorschlug, Grund und Boden von der USAMVBT wegzunehmen. Es geht um mehr als ein Drittel der Fläche, die sich zurzeit in der Verwaltung der Uni befindet und die als Experimentier- und Übungsfelder der Studenten genutzt wird. Insgesamt 1.600 Hektar stehen der USAMVBT für die Eigenbewirtschaftung zur Verfügung. Davon sollen 600 Hektar abgetreten werden, um damit diejenigen zu entschädigen, die während des kommunistischen Regimes enteignet wurden und nun ihren Grund und Boden – zu Recht - zurückfordern.

„Es fällt mir schwer zu glauben, dass Grundstücke, als Vergütung für die vom Kommunismus Geschädigten nur von uns weggenommen werden können“, sagt Alexandru Moisuc, Rektor der Landwirtschaftsuniversität. „In anderen, uns benachbarten Kreisen, wie Arad und Karasch-Severin, versuchen die Präfekten den Hochschulen zu helfen, und nicht sie zu vernichten“, fügt der Rektor hinzu.

Empörung herrscht auch darüber, dass 20 Hektar an die serbisch-orthodoxe Kirche abgetreten werden müssen. „Die serbisch-orthodoxe Kirche war nie im Besitz von Grundfläche auf dem Areal, wo wir Grund und Boden zur Verwaltung haben. Ihr Eigentum befand sich weit hinter der Torontaler Straße“ so Moisuc. „Auf einem Teil des Bodens, den sie rückerstattet bekommen sollen, wird wissenschaftliche Forschung betrieben. Seit 1967 werden an der selben Stelle Kulturen gezüchtet. Es geht um Langzeitstudien. Wenn wir den Boden an die serbisch-orthodoxe Kirche abtreten, haben unsere wissenschaftlichen Studien darunter zu leiden“, fügt Rektor Moisuc hinzu.

„Laut Gesetzgebung ist es illegal, was der Präfekt will“, so die Juristin Cristina Curec. Diese bekräftigte auch die Aussagen, die vor Kurzem seitens der Leitung der USAMVBT bekanntgegeben wurden, nämlich, dass die Universität sich nicht dagegenstämmt, Land aus ihrer Verwaltung abzutreten an jene, die auch tatsächlich Grund und Boden dort besessen haben, wo sie gegenwärtig wirtschaftet, also auf den 1.600 Hektar.

„Es ist eine sehr engstirnige Sicht des Präfekten, etwa nach dem Motto: Nach mir die Sintflut, oder: Ich habe meine Hände reingewaschen und die Leute entschädigt. Was kommt interessiert mich nicht, die Universitätsleitung kann sich ja mit den Entschädigten vor Gericht treffen. Wie Bacala handelt, ist zynisch“, meint Valeriu Tabara. Wofür sich Tabara in Zukunft stark einsetzen will, ist, dass die Flächen, die sich zurzeit in der Verwaltung von Hochschulen befinden, in den Besitz derselben überantwortet werden. Worauf mit besonderer Betonung hingewiesen wurde, ist, dass große Interessen „der Grundstücksmafia vorherrschen, die auf jedwelche Art und Weise an den in stadtnähe liegenden Boden gelangen will“. „Wir werden fordern, dass strengste Kontrollen hinsichtlich der Anwendung der Gesetze betreffs den Grundstückshandel durchgeführt werden. Ich garantiere Ihnen, dass rumänienweit mindestens 1,5-2 Millionen Hektar gesetzwidrig vergeben wurden. Auch im Verwaltungskreis Temesch ist dies der Fall“, so Tabara.

Mircea Bacala hingegen meint, dass es nur ein Vorschlag war, die 600 Hektar von der USAMVBT weiterzugeben. Damit sollte das Defizit für die Stadt Temeswar/Timisoara und die umliegenden Gemeinden Dumbravita und Girok/Giroc gedeckt werden. Was die 20 Hektar angeht, die die serbisch-orthodoxe Kirche bekommen soll, kommentiert Bacala folgendermaßen: „Die Kirche hatte mehr als 20 Hektar Land. Jenes, wo jetzt die Bauruine des Krankenhauses an der Torontaler Straße steht. Ich habe nichts Weiteres getan, als einem Vorschlag der Grundstücks-Zuteilungskommission zuzustimmen, die, als Entschädigung für die Kirche, 20 Hektar von der Landwirtschaftsuniversität wegzunehmen vorgeschlagen hat“. Seinen Aussagen nach würden – falls die Leitung der USAMVBT sich mit dem Abtreten der 600 Hektar einverstanden erklärt - gleich 14 Prozesse zu Grundstücksfragen, die zurzeit geführt werden, gelöst werden können.



B²cal² handelt laut Universitätsleitung „gesetzwidrig und überschreitet seine Kompetenzen als Präfekt“


Cristina Curec, Gheorghe David (PDL-Senator), Alexandru Moisuc und Valeriu Tabara (v.l.n.r. im Bild)

Fotos: Zoltán Pázmány

Dienstag, 2. März 2010

„Apokalypse von Nadlak bis Constanza“

Spediteure montieren Schilder ab

Nicht ganz so dramatisch wie versprochen, aber immer noch gesetzwidrig: Die Einfahrten nach Temeswar/Timisoara wurden am 1. März nicht blockiert, der Vorsitzende des rumänischen Spediteureverbands (FORT), Augustin Hagiu, hat jedoch das Gesetz gebrochen. Das Schild an der Lugoscher Straße, das die Einfahrt der Schwertransporte mit einer Gesamtlast von über 7,5 Tonnen verbot, wurde von Hagiu abmontiert. Und dies in Anwesenheit der Polizei. „Der Täter macht sich schuldig. Es ist ein Strafvergehen, das von der Straßenverkehrsordnung geahndet wird. Der Täter riskiert eine Haftstrafe zwischen sechs Monaten und zwei Jahren, oder eine Geldbuße“, so Florin Bolbos, Leiter der Temescher Verkehrspolizei.


Er macht sich straffällig: Augustin Hagiu montiert das Schild an der Lugoscher Straße ab.


„Wenn das Bürgermeisteramt nicht die Schilder an allen Einfahrten zur Stadt abmontiert, werden wir das tun“, so Hagiu. Seinen Aussagen nach ist nicht nur das Anbringen der Schilder, sondern auch die Stelle, wo diese montiert sind, nur eine Abzocklösung seitens des Bürgermeisteramtes. „Die Schilder sind gleich hinter der Einfahrt. Der Fahrer muss also in die Stadt rein und macht sich automatisch straffällig“, so der FORT-Vorsitzende. Seinen Aussagen nach machen sich sogar die Busse, die in die Stadt fahren, straffällig.

Wie schon zuvor wird auch das Fehlen der Umgehungsstraße bemängelt. „Es ist ein Pan-Europäischer Korridor. Die einzige Möglichkeit, die wir, Spediteure, haben, ist, durch die Stadt zu fahren“, fügt Hagiu hinzu. Falls die Gebühr jedoch in Zukunft eingeführt wird, werden es auch die Bürger in ihrem Geldbeutel zu spüren bekommen. Dies, weil die Spediteure das Geld irgendwie wiedergewinnen müssen, so jedenfalls Hagiu. „Es könnte eine apokalyptische Situation werden, in der wir von Nadlak/Nadlac bis Konstanza/Constanta lauter derartige Gebühren zahlen müssen“, sagt Siegfried Maier vom Unternehmerverband der Spediteure in Europa APTE 2002.

Im Mai vergangenen Jahres wurde von der Stadtverwaltung Temeswar eine Entscheidung gefasst, die besagt, dass Schwertransporte, die nicht im Verwaltungskreis Temesch registriert sind, eine Gebühr in Höhe von 200 Lei zahlen müssen, falls sie die Stadt durchqueren. Die Entscheidung wurde von der Temescher Präfektur angefochten, zurzeit wird vom Gericht verhandelt, ob die Gebühr gesetzwidrig ist oder nicht. Bis zum Gerichtsurteil wendet das Bürgermeisteramt eine andere Verordnung an, nämlich die der Verkehrskommission des Stadtrats, die besagt, dass Fahrzeuge mit einem Ladegewicht ab 7,5 Tonnen, die nicht im Verwaltungskreis Temesch registriert sind, die Stadt nicht passieren dürfen. Die Verantwortlichen der Spediteureverbände wurden am Donnerstag zur Sitzung der Verkehrskommission eingeladen, um ihren Standpunkt darzulegen.

Olivian Ieremiciu

Ein Märzchen zum Frühlingsbeginn

Hand-made-Ware hoch im Trend/ Von Ana Saliste und Raluca Nelepcu


Nun ist es amtlich: Der Winter hat sich endgültig verabschiedet. Dies erkennt man nicht nur an den milderen Temperaturen, sondern auch an die bunten Märzchen/“martisoare“, die derzeit an Frühlingsmänteln oder an Schultaschen hängen. Zwar werden die kleinen Anhänger nicht mehr so oft wie früher getragen, trotzdem werden sie weiterhin Jahr für Jahr an Frauen und Freunde verschenkt, als Symbol der Liebe oder der Freundschaft. Die Märzchen werden in der Regel über die gesamte Zeitspanne des Monats März getragen.



Dieses Jahr lagen besonders die handgemachten Märzchen hoch im Trend. Keramik, Holz, Papier und Pappe sind die am meisten verwendeten Materialien bei der Anfertigung von Märzchen. Auch Anhänger und Broschen, die witzige Tierchen oder Saisonblumen darstellen, ließen sich in diesem Jahr gut verkaufen. „Ich habe Anhänger in Form von Bären und Marienkäfer, auf deren Bauch ´Je t´aime` oder ´I love you´ steht, verkauft. Diese kann man sowohl als Märzchen, aber auch ganz einfach als kleines Andenken verschenken“, sagt Märzchenhändlerin Cristina Baba (25). Über zwei Stunden hat sie an jedem Märzchen gearbeitet. Zuerst zeichnet sie das Modell für die Anhänger auf Papier, erst dann wird es auf das Material gemalt. Für die Souvenirs hat Cristina auch handgemachte Geschenkkasten angefertigt. Derzeit bereitet sie sich gemeinsam mit dem Temeswarer Kunstverein „Cloud Factory“ auf den 8. März vor. Die Mitglieder des Vereins werden im Temeswarer Lokal „Manufactura“ kleine Geschenke zum Frauentag ausstellen. Hier werden auch zwei Kunstworkshops veranstaltet.


Die rot-weiße Schnur

Seit vielen Jahrzehnten gilt der Brauch zum ersten Frühlingstag als ein Fest der Freude und ist ein Sinnbild des Sieges des Guten über das Böse. Man vermutet, dass das Fest seine Ursprünge in Rom hat, als Neujahr am 1. März, dem Geburtstag des Gottes Martius, Landwirtschaftsgott und Symbol der Wiedergeburt der Natur, gefeiert wurde.



Im Mittelalter wurde der Beginn des Frühlings durch das rot-weiße Anmalen von kleinen Steinen gefeiert. Diese dienten damals als Glücksbringer das ganze Jahr hindurch. Rot steht für Sonne und Leben, aber auch für die Frau. Weiß ist die Farbe des klaren Wassers, des Himmels und des Mannes. Sie gehörten zusammen und konnten als Symbole des Lebens und der Unsterblichkeit der Natur nicht getrennt werden. „Das eigentliche Märzchen ist die rot-weiße Schnur, die an jedes Objekt befestigt wird. Ich mag diese modernen Märzchen mit allerhand Plüschtieren gar nicht“, gesteht der Temeswarer Lucian Blaga (25).

An diesen Tagen, bis am 9. März, müssen sich die Rumänen einen Tag auswählen, den man in Volksmund „Die Alte“/“Baba" bezeichnet. Die Tradition besagt, dass sein Glück in diesem Jahr vom Wetter des ausgewählten Tages abhängt: Ist der Tag schön und sonnig, so wird das Jahr auch so verlaufen. Ist der Tag trüb, wird auch das Jahr nicht so gut sein. Regnet es, so verdient man in diesem Jahr viel Geld. Viele Personen wählen sich die „Alte“ nach ihrem Geburtsdatum. Ist jemand an einem Datum mit zwei Ziffern geboren, so werden diese Ziffern addiert, um sich eine der neun „Alten“ auswählen zu können. Die Legende besagt, dass die ersten neun Märztage deshalb von abwechselndem Wetter geprägt sind, weil die Alte Dochia, eine bekannte Gestalt in der rumänischen Mythologie, täglich einen Mantel aus Schafspelz auszieht und so den Regen abschüttelt.



Gehäkelte Märzchen

Hundert Märzchen aus Fimo-Modeliermasse und nochmal ungefähr hundert gehäkelte Märzchen, das bot Lioara Pe]a (23) diese Woche den Spaziergängern durch das Zentrum von Temeswar. Es war keine leichte Arbeit, die Einzelstücke herzustellen, gesteht die junge Frau. Zwei Jahre ist es her, seitdem Lioara Pe]a mit dem Herstellen von Schmuckstücken aus Fimo angefangen hat. Das Hobby entwickelte sich allmählich zu einer guten Möglichkeit, ihr Einkommen aufzubessern. Der Verkauf von Märzchen in der Innenstadt hat ebenfalls dazu beigetragen. Sonnen, Frösche, Sternchen und andere bunte Figuren versah Lioara Pe]a mit weiß-roter Schnur. Die Märzchen können nach dem 8. März auch als Broschen, ohne Schnur, getragen werden. Die Preise für die Märzchen schwankten bei Lioara zwischen zwei und fünf Lei. „Sie durften nicht zu teuer sein, obwohl ganz viel Feinarbeit dahinter steckt“, sagt sie. Nun wartet sie auf ihre „Baba“, die jedes Jahr der 7. März ist. Sie hofft auf gutes Wetter, damit auch ihr Jahr ein erfolgreiches sein wird.



In diesem Jahr wurde eine Rekordzahl an Händler, die Märzchen herstellen und verkaufen, in Temeswar verzeichnet, teilte das Temeswarer Bürgermeisteramt mit. Schon am 23. Februar, dem ersten Tag, an dem die Händler ihre Ware zum Verkauf stellen durften, war der Opernplatz in Temeswar voll. „Ich habe schon 25 Märzchen verkauft“, sagte am ersten Märzchen-Verkaufstag die Arader Studentin Andreea Pal (23). Keramik-Märzchen zu 3,5 – 4 Lei das Stück hatte sie hergestellt. „Diese können sowohl als Anhänger für die Halskette, als auch als Ohrringe getragen werden“, sagt die Studentin. Seit drei Jahren fertigt sie Märzchen an. Im Stadtzentrum von Temeswar wurden in diesem Jahr 300 Plätze für die Händler bereitgestellt. Auf dem Opernplatz durften jedoch nur Bürger der Stadt Temeswar oder Studenten ihre Ware zum Verkauf stellen.

Nun steht den Temeswarern eine andere Überraschung bevor: Am 5. März wird der traditionelle Frühlings-/Ostermarkt eröffnet. Bis am 11. April wird ein riesiges Osternest mit bunten Eiern und lebendigen Osterhasen für Feststimmung am Temeswarer Opernplatz sorgen. Das Maskottchen des Frühlingsmarktes ist ein riesiger Plüschhase, mit dem sich die Kinder fotografieren lassen können. Holzhäuschen mit verschiedenen Geschenkideen werden in der Innenstadt eingerichtet. Nach rumänischer Tradition bemalte Ostereier, Lebkuchen, Ikonen, Keramik, Schmuckgegenstände und Blumen werden auf dem Frühlingsmarkt zu finden sein. Der Markt bleibt bis am 11. April geöffnet.