Das schwere Los der Russlanddeportierten/ Von Raluca Nelepcu
Sie saß noch im Zug, aber ihr Herz pochte so stark, als würde die Erde beben. Sie konnte ihren Augen nicht trauen: Sie war endlich zu Hause! Nach fast fünf Leidensjahren, die unendlich zu sein schienen, würde sie Familie und Freunde wieder in die Arme schließen können. Sie suchte eine Kirche. Sie wollte Gott danken, dass Er ihr Kraft gegeben hatte, um die schwere Zeit in Russland zu überwinden. Doch die Kirchenglocken waren am Tag ihrer Heimkehr verstummt. Was die junge Frau später erfahren sollte: Noch viele Jahre würden die Glocken nur noch in ihrem Herzen klingen. In der Öffentlichkeit durften sie es nicht.
Ein großes Schloss hing am Holztor der ersten Kirche, die sie auf rumänischem Boden, unweit der Grenze zur Sowjetunion, antraf. Die junge Frau war empört. „Sie waren lange nicht mehr in Rumänien, was?“, fragte sie der Mann, den sie neben der Kirche getroffen hatte. „Am liebsten, Sie halten Ihren Mund“, gab er ihr den wertvollen Tipp. Die Worte des Unbekannten fielen wie Hammerschläge auf ihren Kopf. Sie hatte so viele Jahre fern von zu Hause verbracht und nun sollte sie stumm bleiben?!
Unterwegs kamen Bauern vom Feld mit Essen für die verlorenen Söhne und Töchter der Nation. „Nem]ii nostri – unsere Deutschen sind zurück“, freuten sich die Menschen in den rumänischen Bahnhöfen. Doch bald sollte der Tod wieder zuschlagen. „Einige von uns starben. Das gute Essen war einfach zu viel für die unterernährten Menschen, die aus Russland zurückkehrten“, erinnert sich Mathilde Jica (82). In Lugosch/Lugoj warteten Mutter und Vater auf ihre Tochter. Das Mädchen hatte seine kostbarsten Jahre weit von zu Hause verbracht, in einem eiskalten Russland, aus dem die meisten den Weg zurück nicht mehr fanden. Doch die Freude auf zu Hause war schnell weg. „Das waren nicht mehr meine Leute, das war nicht mehr meine Gemeinde“, sagt die Frau. In Rumänien waren die Kommunisten an der Macht.
Die Sonne scheint, als ich zu Mathilde Jica nach Lugosch fahre. Sie wartet auf mich vor dem Tor, damit ich ihr Haus ja nicht verpasse. Es ist Ende Januar, trotzdem herrscht im Haus von Mathilde Jica Weihnachtsstimmung. „Bei mir ist immer Weihnachten“, sagt sie stolz. Wieso sie diesen Feiertag so sehr in ihr Herz geschlossen hat, erfahre ich erst später. Der bunt verzierte Tannenbaum leuchtet in einem glitzernden Lichtermeer. Ihre sanften Augen sind so blau wie der Himmel am Tag meines Besuchs. Obwohl wir uns nicht kennen, freut sie sich, dass ich gekommen bin. Sie serviert Kaffee und Kuchen.

Mathilde Jica aus Lugosch musste in drei Arbeitslagern der ehemaligen Sowjetunion schaffen.
Sie flüchtete nicht
Angenehm warm und sehr gemütlich ist es im Haus von Mathilde Jica. Und ruhig. Damals, vor 65 Jahren, gab es keine Ruhe in den Häusern der Banater Deutschen. Unsicherheit, Trauer, Verzweiflung, Angst. Die Gefühle steigerten sich. Niemand wusste, wohin die Reise ging, wie lange man in der Ferne bleiben musste, wann die Rückfahrt angesetzt war. „Mit meiner eigenen Hand habe ich die Liste mit den Deutschen, die deportiert werden sollen, aufgestellt. Nur wusste ich damals nicht, wozu die Tabelle nötig war“, erinnert sich die Frau. Als Schülerin sollte sie in den Sommerferien „Freiwilligenarbeit für die Heimat“ leisten. Zusammen mit zwei Freundinnen hatte sie im Bürgermeisteramt ihrer Heimatgemeinde Balint gearbeitet. „Sie haben alles mitgenommen, auch die Jungen, auch die Alten“, erinnert sich Mathilde Jica. Januar 1945 begann die Deportation von etwa 70.000 Deutschen aus Rumänien, aufgrund ethnischer Kriterien, als Vergütung für die Kriegszerstörungen in der Sowjetunion. Alle arbeitsfähigen Männer im Alter von 17 bis 45 Jahren und Frauen zwischen 18 und 30 Jahren wurden für fünf Jahre zu Zwangsarbeit – überwiegend in die Bergwerke und Schwerindustrie der Ukraine, aber auch in den Kaukasus – verschleppt. Mehr als ein Viertel dieser Menschen kam wegen den prekären Lebensbedingungen in der Sowjetunion ums Leben.
„Vor der Abfahrt hatte ich mehrmals die Möglichkeit, mich zu verstecken. Ich tat es nicht“, gesteht Mathilde Jica. Es war vielleicht die jugendeigene Naivität, ein bisschen Übermut und zu viel Optimismus: Die junge Frau stürzte sich geradezu ins Ungewisse. „Wir dachten, der Stalin würde doch zugrunde gehen, wenn er seine Feinde mit ins Land nimmt“, sagt Mathilde Jica heute. Manche hatten ein ungutes Gefühl. Sie versteckten sich. In der Familiengruft oder im Wald: Mathilde Jica erfuhr erst nach ihrer Rückkehr, wie sich einige ihrer Landsleute der Deportation entzogen hatten. In ihrem Kopf kreiste dieser Gedanke damals überhaupt nicht.
Die Reise nach Russland
Am 14. Januar 1945 wurde die junge Frau und zahlreiche ihrer Mitbürger zur Gendarmerie gebracht. Von da ging es weiter nach Lugosch. Die Normalschule war der Ort, wohin die Deutschen aus den Nachbardörfern und –gemeinden gebracht wurden. „Meine Eltern kamen zu mir mit Papieren zum Unterzeichnen. Dadurch sollte ich bestätigen, dass ich einen Rumänen heiraten wollte. So hätten sie mich herausschmuggeln können“, erzählt Mathilde Jica. Da sie keinen Rumänen kannte, den sie geheiratet hätte, lehnte sie das Angebot ihrer Eltern ab. „In der Nacht vom 17. oder 18. Januar kamen die Russen und sagten, wir könnten schon mit den ersten Transporten fahren. Wir fuhren, denn ich wollte unbedingt einen Platz am Fenster“, erinnert sie sich. Blauäugig waren sie gewesen, die drei Freundinnen, die damals in den Zug nach Russland stiegen und einen Platz am Fenster bekommen wollten. Sie hatten viel zu hohe Erwartungen. 70 Menschen wurden in den Waggon gedrängt, ein Loch im Boden diente den Reisenden als WC. Auf harten Etagebetten mussten sie stundenlang sitzen, andere fanden nur noch auf dem Boden ein Plätzchen. Eine Daunendecke, zwei andere Decken, viel Essen und drei Pack Kriegsbrot – das gaben ihr die Eltern mit. Von ihrem Vater, der den Ersten Weltkrieg erlebt hatte, hatte Mathilde gelernt, wie man sich das Essen einteilt, um zu überleben. Dies half ihr dann später in Russland.

Sie haben ihre Jugendjahre im Gulag verbracht: Ehemalige Russlanddeportierte bei einem Treffen in Temeswar
Die Zahl musste stimmen
„Ich war mir sicher, dass wir zurückkehren werden“, sagt Mathilde Jica. Sie lächelt, doch ihr Lächeln ist bitter. Sie dachte damals, die Reise führe nur bis vor der Grenze, in die Moldau, wo die deutsche Arbeitskraft für den Wiederaufbau der bombardierten Städte eingesetzt werden sollte. Sie dachte falsch.
Unterwegs flohen drei Personen aus einem Waggon. In Sinaia gab es zu der Zeit ein Priestertreffen. Von den über 30 orthodoxen Pfarrern wurden drei von den Soldaten zwangsweise in den Waggon gesteckt und nach Russland verschleppt. Es hatte keine Bedeutung, wer deportiert wurde. Die Zahl musste stimmen.
In Jassy/Ia{i bot sich Mathilde zum letzten Mal die Möglichkeit zur Flucht. Der Russe, der sie in die Stadt begleiten sollte, um Essen, Wasser, Zigaretten und sonstiges zu besorgen, hatte sich so angetrunken, dass er gar nicht mehr fähig war, auf die Leute aufzupassen. Eine Frau aus Jassy wollte den Mädchen helfen und sie nach Hause ins Banat begleiten, doch sie lehnten ihre Hilfe ab. Sie hatten keine Angst. Noch nicht. Sie nahmen den betrunkenen Russen mit zum Zug. „Kinder, ihr wisst nicht, was ihr gemacht habt“, sagte der Leiter des Transports, „sicherlich ein gebildeter Mann“, mit Tränen in den Augen. Von ihm erfuhren sie dann, dass sie in der Kohlengrube schwerste physische Arbeit verrichten werden müssen. Doch es war zu spät. Niemand konnte mehr flüchten.
Der Glaube rettete sie
Nachdem sie in der Sowjetunion angekommen waren, stiegen von Ort zu Ort die Leute aus. Doch die Mädchen blieben im Zug. Erst in Cistjakova sagte ihnen der Transportleiter, sie können aussteigen. Mathilde Jica arbeitete zunächst in der Mine 105, zwei-drei Kilometer vom Lager entfernt. Danach musste sie im Bauwesen schaffen, Aggregate aus entfernten Städten schleppen. Mehr als 30 Männer und Frauen mussten zusammen die schweren Maschinen befördern: Einige schoben von hinten, andere mussten ziehen. „Es war sehr schwer, den Weg im Schnee zu finden“, erinnert sich Mathilde Jica. Ein Schneesturm überraschte sie einmal bei der Arbeit. Sie hielten sich an den Händen fest und wurden von Schnee bedeckt. Wer losließ, starb. Mathilde Jica überlebte. „Wir haben viel gebetet, sei es laut oder nur im Gedanken“, erinnert sich die Frau. Der Glaube hielt die meisten am Leben.
In drei Lagern, bei Cistjakova, Kapitalnja und Romanka musste die junge Frau unter den schwersten Bedingungen schaffen. Essen gab es wenig, dafür aber ganz viel Ungeziefer und Krankheiten. Für viele war die Last zu schwer. Mathilde Jica hielt standhaft durch. Nur einmal hätte sie fast aufgegeben. Es war der 24. Dezember 1947. Mathilde Jica sollte mit einem Krankentransport nach Hause fahren. Sie hatte alles mit der Ärztin arrangiert: Die Ohrringe von ihrer Taufpatin, ein Kettchen und zwei Ringe – soviel hatte sie die Rückreise gekostet. Ihre Stimme zittert, wenn sie davon erzählt. Sie saß schon im Waggon, als die Russen sie herausholten und jemand anderer an ihrer Stelle die Rückreise antrat. „Ich konnte vor Wut nur spucken. Nachts, um Mitternacht, hatte ich einen Nervenzusammenbruch: Ich heulte vor Schmerz“, erinnert sich die Frau an einen der traurigsten Momente in ihrem Leben. Unter den Insassen hatte es einen Verräter gegeben. „Seitdem habe ich eine Zeit lang kaum noch mit jemandem gesprochen“, sagt Mathilde Jica. Sie hat Tränen in den Augen. Und doch weiß ich es ganz genau: Die Frau ist empfindsam, aber charakterstark. Nur die Starken kehrten zurück nach Hause. In Russland herrschte das Dschungelgesetz.
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Weihnachten hatte sie eine Revelation: Sie betete aus ganzem Herzen. Plötzlich hörte sie Weihnachtslieder. Die Stimmen kamen aus der Ferne. Es war so wie zu Hause, als die Kinder durchs Dorf gingen und Weihnachtslieder sangen. Das Gefühl, das sie damals hatte, kann sie heute nicht so richtig beschreiben. Emotionen überkommen sie, wenn sie sich daran erinnert. Seitdem ist Weihnachten so wichtig für sie. Nur bringt ihr der Feiertag heute nur Freude und kein Leid, wie damals in der Sowjetunion. An die Zeit in Russland erinnert sie sich noch ganz gut. Trotzdem will sie nicht alles erzählen. „Am liebsten erzähle ich das gar nicht“, sagt sie ab und zu. Sie möchte, dass mir die grauenvollsten Augenblicke erspart bleiben.
Noch kein Priestergewand
Auch Ignaz Bernhard Fischer (83) kann viel über Russland erzählen. Ich besuche ihn in seinem Büro im Temeswarer Adam-Müller-Guttenbrunn-Haus. Sein strenger Blick gleitet aufmerksam über ein Heft mit vergilbten Blättern. Da sind sie eingetragen, all jene, die dort gewesen waren. All die, die wissen, wie es dort war. Der in Bakowa/Bacova geborene Ignaz Bernhard Fischer leitet den Verein der Ehemaligen Russlanddeportierten.
Ignaz Bernhard Fischer musste als Schüler nach Russland, weil er noch kein Priestergewand bekommen hatte. Der Pater und die Theologiestudenten, die ebenfalls gehen sollten, konnten sich der Deportation entziehen.
Nüchtern erzählt er über die Verschleppung der Rumäniendeutschen in die Sowjetunion. So ähnlich, als würde er den Wetterbericht bei Radio Temeswar lesen. Ab und zu lächelt er. Vielleicht will auch er, dass ich das Bild des Grauens nicht so wahrnehme, wie es in Wirklichkeit war. „Wir bekamen jeden Tag Krautsuppe. Anscheinend hatte das russische Kochbuch nur eine Seite“, scherzt Ignaz Bernhard Fischer heute. Damals war nichts Komisches daran.
Er war 18 und Schüler der Banatia-Schule in Temeswar/Timisoara, als sie ihn holen kamen. Am 14. Januar um 21 Uhr. Er hielt sich gerade im Internat des Salvatorianer-Ordens in der Elisabethstadt auf. Zusammen mit einem Pater und zwei Theologiestudenten sollte er nach Russland fahren. Doch schließlich wurde nur er verschleppt. Sie hatten ihn gefragt, wieso er kein Priestergewand trug. Er antwortete ganz ehrlich: Die Referenda bekomme er nächstes Jahr erst. „Dann kannst du jetzt mitkommen“, meinten sie. Was Fischer damals nicht wusste: Das Priestergewand sollte er erst sechs Jahre später zum ersten Mal anziehen dürfen.
Am 17. Januar 1945 saß er im Waggon. Die Reise ging langsam voran: Tagelang saß Ignaz Bernhard Fischer im Zug, bis er an der Grenze zur UdSSR ankam. Bei Ungheni mussten sie in russische Waggons umsteigen. Getrocknetes Schafsfleisch bekamen sie zu essen. Sein Freund, Franz Kumherr, versteckte ein Stück in seinen Koffer. So, als ahne er, was auf sie zukommen würde. Ein paar Tage später konnte er damit seinen Hunger lindern. In Sinaia hätte Ignaz Bernhard Fischer durchbrennen können: Er wurde hinausgeschickt, um Wasser zu holen. „Einer aus meiner Klasse ist damals durchgegangen“, erinnert er sich. Auch er weiß es ganz genau: Wenn jemand flüchtete, wurde er ersetzt. „Sie haben sich dazu irgend jemand anders ganz einfach geschnappt“, erzählt Ignaz Bernhard Fischer.
Hunger und Wind
Am 31. Januar kam er in Saporoschje auf dem Gebiet der heutigen Ukraine an. Dort stand das erste russische Kraftwerk am Dnjepr. In der Aluminiumfabrik musste Ignaz Fischer schaffen: Fundamente graben, Männer bedienen, betonieren. Geschlafen wurde in Zelten. „In Russland war immer Wind“, erinnert sich der gelernte Theologe. Am schlimmsten war aber nicht die Kälte, sondern der Hunger. „Wir hatten uns das militärische Essen besser vorgestellt, aber wir wurden grausam enttäuscht“, sagt er. Das Wort „grausam“ betont er. In Russland war alles grausam.
Zum Frühstück gab es zwei Dezi bitteren Tee. Der Tee war so schlecht, dass sie sich damit das Gesicht wuschen. Zu Mittag wurde Krautsuppe aufgetischt. Fleisch gab es nie, nur ab und zu kleine Fische, die ungenießbar waren. Pro Tag bekam ein Insasse 700 Gramm Brot. „Das war so ein kleines Stück“, sagt Fischer und zeichnet in der Luft die Form des Brötchens - ein bisschen kleiner als ein Handball war. Das Brot legte sich schwer in den Magen, so schlecht war es. Vor Hunger aßen sie es trotzdem.
Schon von Anfang an schlich sich der Tod in das Lager ein. Der erste Mann starb am 10. Februar 1945. Fischer sprach ein Vaterunser für die Toten. „Der Boden war so eingefroren, dass wir kaum graben konnten. Die Schuhspitzen ragten noch aus der Erde heraus“, erinnert er sich an das erste Begräbnis. Die nächsten Toten wurden ausgezogen, bevor sie begraben wurden. Die Kleidung konnte ein Lebendiger noch gut gebrauchen. Ein Massengrab mit nackten Leichen habe Ignaz Fischer auch gesehen. Ich schaudere, wenn ich es mir vorstelle. „Die zuerst gestorben sind, waren die Schwachen“, sagt er.
Auch ihn hielt der Glaube am Leben. Ein Neues Testament hatte er mitgenommen, mindestens 30 Mal las er es in Russland . Nie fühlte er, dass er seinen Glauben an Gott verliert. Trotzdem gibt er zu: „Es gab Momente, in denen ich froh gewesen wäre, wenn ich in der Früh nicht mehr aufgewacht wäre“. Wie die meisten Deportierten erkrankte auch er im Lager. Eine Lungenentzündung machte ihm zu schaffen. Doch unterkriegen ließ er sich nicht. Er sollte einmal mit dem Krankentransport nach Hause fahren, durfte es aber nicht. „Es war eine spezielle Strafe für mich“, sagt Fischer. Artig war er im Lager nicht gewesen, mehrmals sei er zur Strafbrigade gebracht worden, hatte ohne Wasser und Nahrung arbeiten müssen. Ein Mensch kann noch lange durchhalten, wenn er denkt, dass es nicht mehr weiter geht. Auch Fischer schaffte es, die Zeit in Russland zu überstehen. Am 6. Dezember 1949, dem Nikolaustag, trat Ignaz Bernhard Fischer die Rückreise an und war bis Weihnachten wieder in seinem geliebten Bakowa.
Zu Hause in einem fremden Land
Stumm mussten die Russlanddeportierten in der Öffentlichkeit sein, als sie 1949 wieder nach Hause kamen. Es war ein Daheim in einem Land, das ihnen fremd schien. Sowohl Mathilde Jica, als auch Ignaz Bernhard Fischer hat das am meisten weh getan. Sie mussten ihren Schmerz im Herzen tragen, und niemand wusste, wie schwer das Kreuz gewesen war, das sie in Russland nahezu fünf Jahre lang getragen hatten.
Ignaz Fischer schloss die Priesterschule ab. „Natürlich verwendete ich in meinen Predigten ab und zu Metaphern. Wer verstehen wollte, der konnte es verstehen“, sagt der Mann. Nach der Wende widmete er sich dem Verein der Ehemaligen Russlanddeportierten. Nun kümmert er sich darum, dass die Mitglieder des Vereins auf ihre Rechte kommen. Eine Zusatzrente, Gratis-Fahrkarten für den Zug, Kurkarten. Ihre schönsten Jugendjahre hatten sie weit weg von zu Hause verbringen müssen, eine Schuld bezahlen, die nicht ihnen gehörte. „Moralisch müsste uns Deutschland entschädigen“, sagt Fischer mit strenger Stimme. Die deutschen Politiker seien aber taub zu den Problemen der Russlanddeportierten, obwohl sie Ignaz Bernhard Fischer schon mehrmals darauf aufmerksam gemacht hat.
Nach Herta Müllers Erfolg mit ihrem Roman „Atemschaukel“, der das Leben in einem sowjetischen Lager schildert, hieß es in der deutschen Presse: „Die Stummen sind endlich zu Wort gekommen“. Fischer ärgert das, zumal er an viele Politiker im deutschen Bundestag geschrieben hat. Aufgeben will er trotzdem nicht. „Wir müssen ihnen die Watte der Interesselosigkeit aus den Ohren ziehen“, sagt er. Den Optimismus konnten ihm nicht mal die fünf Leidensjahre in der Sowjetunion nehmen.

„Tief in Russland, bei Stalino“: So beginnt das Russlandlied, das von den Deportierten damals im Lager gesungen wurde. Der „Liederkranz“-Chor trug es beim Deportiertentreffen in Temeswar vor.
Im russischen Arbeitslager. Das Foto wird im Adam-Müller-Guttenbrunn-Museum bewahrt.
Fotos: Zoltán Pázmány