Dienstag, 21. September 2010

Trotz Strukturwandel und Regen – Neuarader feiern unbeirrt ihr Kirchenfest

Aufmarsch der Trachten. Mit dem Strauß das Vortänzerpaar Ioana Guzan und Alexandru Gaman


Vierzig Paare dabei/Jugendliche ein „lebendes Patrimonium“
Von Siegfried Thiel


Plastiküberzüge über der Trachtenkleidung, Regenschirme bei Teilnehmern und Zuschauern, Pfützen auf den Straßen und ein Festprogramm in der Sporthalle – das alles haben die Neuarader schon so oft an ihrem Kirchweihtag erlebt, dass sie nichts mehr schockieren kann. Auch am vergangenen Sonntag nicht, als es wieder einmal hieß, Kirchweih im ehemals deutschen Stadtteil der westrumänischen Stadt Arad zu feiern. Deshalb machten sie auch keine Abstriche von ihrem üblichen Programm: weder vom Tanz bei Regen im Hof des Pfarrhauses, noch von ihrem Umzug durch die Straßen des Stadtviertels. Allein ihre Festvorstellung mit geprobten Aufmärschen, kurzen Ansprachen und eingeübten Tänzen verlegten sie in den Sportsaal der Adam-Müller-Guttenbrunn-Schule.
Eine Herausforderung der besonderen Art gab der langjährige, nun scheidende Direktor der Schule, Michael Szellner, seiner Nachfolgerin Lavinia Chi{ mit auf den Weg. Ein neuer Sportsaal muss her, denn dieser zeigte sich für die 40 Trachtenpaare als viel zu klein. Dabei ist man sich im Arader Adam-Müller-Guttenbrunn-Lyzeum gar nicht so sicher, wo denn in wenigen Monaten der Hauptsitz der Schule sein wird. Der Zusammenschluss mit einer weiteren Bildungseinrichtung, Miet- und Räumlichkeitssorgen lassen auch eine Woche nach Unterrichtsbeginn vieles zumindest in der Grauzone. Im engen Kreis debattierten der Arader Forumsvorsitzende Michael Szellner, Schulleiterin Chi{, Lehrkräfte und Vizebürgermeister Levente Bognar beim Abschied der BZ-Redakteure über die Zukunft der Schule. Auch halboffizielle Stellungnahmen hätten zu diesem Zeitpunkt kaum weiter geholfen, ausführlich wird sich die BZ mit diesem Thema noch in diesem Herbst befassen.
Es sollte lustig klingen, als Michael Szellner „drohte“, im kommenden Jahr doppelt so viele Paare aufmarschieren zu lassen, wenn bloß der Sportsaal dazu vorhanden wäre. Hinter dieser humorvollen Aussage steckte jedoch auch viel Realitätssinn, denn fast die Hälfte der Kirchweihpaare waren Kinder im Vorschul- und Grundschulalter. Sie feierten Kirchweih, wie es heute nur noch wenige Gemeinschaften im Banat zuwege bringen. Kurze, geplante Einlagen von Kirchweihpaaren während der Messe, Jauchzen auf den Straßen, Musik der Nadlaker Blaskapelle so etwas versetzt schon manchen in die Nostalgie der 70er und 80er Jahre – freier als damals können sich heute ohnehin alle entfalten. Trotzdem galt es als kleine Sensation, als bekannt wurde, dass ein ehemaliger Neuarder angereist war, der heute in Westafrika lebt. „Vierzig Jahre nach meiner Auswanderung sah ich nun gute Gelegenheit, zur Kirchweihe wieder da zu sein“, sagte er. Damit ihm ja nichts entgehen konnte, nahm er viele Szenen als Filmmaterial mit. Auch dann, als reichlich Applaus an alle aktiven Mitgestalter des Festes ging, Standing Ovations erhielt die stellvertretende Vorsitzende des Forums in Arad, Adelheid Simon.
Pfarrer Mathes Dirschl – als Mitveranstalter des Festes - hatte zum Festgottesdienst seinen Bruder und gleichzeitig Generalvikar der Temeswarer Diözese, Johann Dirschl, eingeladen. „Ich glaube, bei den Katholiken ist die Bindung zwischen Schule und Kirche stärker als bei anderen Glaubensgemeinschaften“, sagte Lavinia Chis, die im AMG-Lyzeum seit eineinhalb Jahrzehnten Deutsch als Fremdsprache unterrichtet. Kirche in Neuarad ist ja auch etwas mit Tradition und Bestand. Die erste kleine Kirche wurde bereits 1725 erbaut. Nachdem sie abbrannte, bauten die Neuarader in den Jahren 1754-1756 eine zweite, doch diese wurde bald zu klein. Die jetzige Kirche wurde zwischen 1814 – 1823 errichtet. In den mehr als 250 Jahren wurden laut Pfarrbrief in Neuarad mehr als 43.000 Kinder getauft, mehr als 11.000 Paare wurden kirchlich getraut und was ohnehin nicht abzuwenden ist – mehr als 37.000 Gläubige begraben. Doch daran dachte an diesem Tag keiner. Von „lebendem Patrimonium einer Tradition“ sprach Stadtvize Levente Bognar, Bettina Szellner und Adi Ardelean durften diesmal nicht nur als Medienleute ans Mikrophon, sondern auch als Kirchweihpaar: Durch die offene Gemeinschaft der Deutschen sei Kirchweih in Neuarad heute „nicht nur ein kirchliches, sondern auch ein weltliches, ja gar ein Volksfest“ geworden, sagten sie auf Deutsch und Rumänisch.

Erste Indoor-Kartbahn eingeweiht

Temeswarer Journalisten testeten die neue Kartingbahn.
Foto: Constantin Duma


Pressepokal für Journalisten veranstaltet
ao. Temeswar – Drei, zwei, eins ... los geht´s! Der Kart fliegt auf der neuen Bahn. Das Summsen der Motoren klingt wie eine Schar fleißiger Bienen. Acht Journalisten reihen sich an der Startlinie an. Weitere acht warten am Rande. Die Temeswarer Journalisten nahmen am Wochenende am ersten Karting-Pressepokal teil. Der Anlass: Die erste Indoor-Piste für Go-Kart wurde am Samstag in Temeswar/Timisoara eingeweiht.
Über 5.000 Quadratmeter hat die neue Kartbahn, die in einer alten Industriehalle an der Schager Straße eingerichtet wurde. Wenn man die überdachte Bahn mit jener außerhalb der Halle verbindet, hat man „den größten und modernsten Kreislauf in Westrumänien“, schwärmen die Organisatoren von der Firma Red Motor. Etwa hundert Gäste warteten am Samstag, dass der Start für das Kart-Rennen auf der neuen Kartingbahn freigegeben wird. Die Bahn befindet sich auf einem Gelände der Gemeinde Girok/Giroc an der Ausfahrt in Richtung Schag. Die Vertreter der Firma Red Motor brachten mehrere Go-Kart-Profifahrer zum Veranstaltungsort, die einige Runden drehten. Gleich danach starteten die Journalisten ihren Wettbewerb. Insgesamt 16 Presseleute trauten sich, die neue 400 Meter lange Kartingbahn auszuprobieren.
Die Initiative für die Einrichtung dieses Kartodroms in Temeswar gehört der italienischen Firma Moretti Est, die von ihrem Gründer Moretti Ugo geleitet wird. Der Leiter der Indoor-Kartanlage in Temeswar ist ein ehemaliger Go-Kart-Meister: der Italiener Andrea Raimondi. Dieser wird zusammen mit dem zweifachen italienischen und europäischen Meister in Go-Kart Paolo Gagliardini die Temeswarer Kartingschule leiten. „Unser Ziel ist, hauptsächlich neue Talente zu entdecken und Kinder und Jugendliche in diesem Sport auszubilden“, sagt Paolo Gagliardini. Aber nicht nur Profis können auf dem Temeswarer Kreislauf fahren, sondern auch Laien. Insgesamt 18 Karts stehen ihnen zur Verfügung. Dabei wird auch die notwendige Ausstattung gesichert: Helme, Schutzmasken aus Papier und Overalls in allen Größen sowohl für Erwachsene, als auch für Kinder. Zwischen 20 und 40 Lei kostet eine achtminütige bzw. eine zehnminütige Fahrt. Die Veranstalter versprechen, auf dem Gelände der ehemaligen Industriehalle am Stadtrand von Temeswar auch einen Laden für Kartingzubehör zu eröffnen. Derzeit befindet sich neben der Bahn auch eine Pizzeria und ein Konferenzraum.

Traditionelle Tage der Volksuni

Rundtischgespräch und Kulturprogramm
Unter dem schon vertrauten Motto „Aus Temeswar, aus dem Banat, aus Rumänien, aus Europa und aus der ganzen Welt“ veranstaltet das Demokratische Forum der Deutschen aus Temeswar am 24.- 25. September die alljährlich abgehaltenen Tage der Volkshochschule in deutscher Sprache in Temeswar. Die feierliche Eröffnung dieser fünften Auflage ist für Freitag, den 24. September, um 17 Uhr im Festsaal des Adam-Müller-Guttenbrunn-Hauses anberaumt. Gleichzeitig sollen je eine Ausstellung der Mitglieder des Tourismus- und des Hobby-Kreises im Foyer des AMG-Hauses eröffnet werden. Für 17.30 Uhr ist ein Rundtischgespräch zum Thema „Neue Ideen für das Volksuni- Jahr 2010-2011“ vorgesehen. Die Moderation hat Dipl.Ing. Alexandrina Paul inne. Referate präsentieren u.a. VHS-Leiterin Alexandrina Paul, Prof. Else Schuster und Prof. Luise Finta. Alle VHS- und DFDT-Mitglieder, Freunde und Gäste sind am Samstag, dem 25. September, um 16 Uhr zu einem deutschen Kulturprogramm herzlich eingeladen. Im Rahmen des Programms in der Moderation von Prof. Luise Finta werden die Kulturgruppen des DFDT bzw. der Chor „Temeswarer Liederkranz“ und die Seniorentanzgruppe „Bunter Herbstreigen“ auftreten. Anschließend ist ein gemeinsamer Unterhaltungsabend anberaumt.
Bekanntlich feierte die VHS Temeswar (deutsche Vortragsreihe) im Oktober 2009 vier Jahrzehnte ihres Bestehens. Die Temeswarer deutsche Volksuni wurde im Oktober 1968 gegründet. Gründer und erster VHS-Lehrer war Prof. Erich Pfaff, Lehrer und damaliger Leiter der Temeswarer Lenauschule. Nach der Wende wurde die wertvolle Tradition der VHS als Stätte der Erwachsenenbildung ununterbrochen weitergeführt, im Rahmen des DFDT entwickelte sich die VHS zudem zu einer gutbesuchten Begegnungsstätte der Deutschen aus Temeswar. Heute liegt die Zahl der Volksunihörer bei 165. Den Volksunihörern wurde außerdem die Möglichkeit gewährt, an allerhand Kreisen, dem Handarbeit-, Bastel-, Tourismus- und Musikkreis teilzunehmen. Zu den Vortragsreihen, zweimal wöchentlich, in deutscher und rumänischer Sprache, kamen in den letzten Jahren noch regelmäßig Ausflüge, Video-Abende, Teenachmittage und verschiedene Feste hinzu.(bw)

Erster Trauben-Vollernter im Banater Winzerbetrieb

Trotz Krise: Cramele Recas investiert in Keltertechnik und Maschinen
Von Raluca Nelepcu

Der Motor brummt, während die Maschine durch die Reihen streift. Das Schüttelsystem rüttelt heftig die Reben. Traube um Traube fällt in den Behälter. Der Vollernter kann in einer Stunde die Trauben von einem halben Hektar ernten. Allgemein gesehen verrichtet die Maschine die Arbeit von ungefähr 200 Menschen. Und außerdem schafft der Vollernter das, was die Arbeiter gewöhnlich nicht tun: Er trennt automatisch und sauber die Beeren vom Stengel ab. „Diese Marke hat mir ein Deutscher empfohlen“, sagt Gheorghe Iova, Geschäftsführer des Winzerunternehmens Cramele Recas. In Rekasch hat die Traubenlese begonnen und die Mitarbeiter der Weinstuben haben zur Zeit alle Hände voll zu tun. In diesem Jahr soll aber der Vollernter wenigstens zum Teil die Arbeit der Menschen übernehmen.


Weniger Verluste
Die Traubenerntmaschine der Marke New Holland hat 200.000 Euro gekostet. Die Investitionskosten werden in rund zwei Jahren gedeckt. In Rumänien seien derartige Vollernter noch ein Novum. Bloß zwei weitere Weinproduzenten – Murfatlar und Seiden/Jidvei – würden solche Maschinen bei der Traubenernte einsetzen. „90 Prozent aller Winzerunternehmen weltweit führen die Traubenlese maschinell durch“, erklärt Iova. Im kommenden Jahr sollen weitere zwei oder drei solcher Maschinen gekauft werden. Doch auch die Reben müssen umgepflanzt werden: nicht mehr so eng nebeneinander und mit Metalldraht versehen, damit der Vollernter problemlos durchfahren kann.

Etwa 300 Menschen sind zur Zeit in vollem Einsatz auf den Rekascher Weinbergen. Knapp einhundert der Arbeiter sind feste Mitarbeiter. Die meisten Männer und Frauen stammen aus Siebenbürgen und kommen nach Rekasch extra für die Traubenlese, im Herbst. Doch wenn sich die Traubenlese weiterhin automatisiert, sollen schließlich nur die hundert festen Mitarbeiter bleiben. „Mit der Maschine haben wir weniger Verluste, als wenn wir Menschen einsetzen“, gesteht Gheorghe Iova.


Sauberer als in einer Apotheke
Beim Winzerunternehmen der Temescher Kleinstadt Rekasch/Recas ist die Wirtschaftskrise nicht zu spüren. Insgesamt zwei Millionen Euro hat das Unternehmen in den Erwerb von Traktoren und Erntemaschinen investiert. Die Modernisierung der Keltertechnik kostete die Winzerei weitere 1,7 Millionen Euro. Alles ist komplett automatisch. Auf dem Computer werden die verschiedenen Weinherstellungsverfahren programmiert. „Die moderne Ausstattung trägt dazu bei, dass die Qualität der Weine steigt. Der menschliche Fehlerfaktor wird ausgeschaltet“, sagt Ioan Georgiu, Gesellschafter bei Cramele Recas.
In einigen Tagen soll die neue Kläranlage in Betrieb genommen werden. Dafür machte das Unternehmen 700.000 Euro locker, ein „gutes Geschäft“, wie Ioan Georgiu verrät. Dass es gut ist, in Krisenzeiten Investitionen zu tätigen, hat er erfahren, als er den Preis der Kläranlage ausgehandelt und einen Rabatt von nahezu 45 Prozent erhalten hat. Ein einziger Mensch wird die Kläranlage, die ebenfalls am Computer angeschlossen ist, ab und zu überprüfen müssen.
In diesem Jahr wurde die Kapazität des Lagerraumes um drei Millionen Liter vergrößert. „Bei uns ist es sauberer als in einer Apotheke“, sagt Ioan Georgiu stolz. Insgesamt 12 Millionen Liter Wein können in den Kellern der Cramele Recas gelagert werden. In diesem Jahr sollen es 10 Millionen Liter werden, so die Prognose. In Rumänien wird die Weinproduktion um knapp eine Million Hektoliter niedriger als 2009 ausfallen. Etwa 5,5 Millionen Hektoliter Wein werden es sein, heißt es beim Arbeitgeberverband der Weinproduzenten. Dies sei aber kein Grund dafür, den Preis des Weines zu erhöhen.

Ein gutes Jahr
„Man kann nicht nur im Schatten der Weinreben liegen und nichts tun. In diesem Jahr gab es wirklich viel zu tun, um eine gute Traubenproduktion herauszuschlagen“, sagt Georgiu, wenn er nach der Ernte gefragt wird. Das wechselhafte Wetter von April bis Juni und die häufigen Niederschläge den ganzen Sommer über waren für den größten Weinbauer Westrumäniens ein großer Nachteil. Wer gute Qualität will, der muss ein bisschen nachhelfen, die Weinreben mit Blattdünger bespritzen. „Wir haben auch 2010 eine sehr gute Traubenproduktion, sowohl quantitativ, als auch qualitativ”, sagt Ioan Georgiu. „Im vergangenen Jahr war die Produktion exzellent, so wie man sie vielleicht nur einmal in 50 Jahren erleben darf“, fügt der Gesellschafter zur Erklärung hinzu. 2009 brachte Cramele Recas echte Qualitätsweine auf den Markt – infolge der Hitze und Dürre waren die Trauben besonders schmackhaft und weinrelevant geworden. Auch in diesem Jahr ist Hartley Smithers, Önologe aus Australien, im Weinberg präsent. Der Fachmann weiß genau, wann und wie die Trauben geerntet werden müssen. Sein Fachwissen kommt den Rekascher Weinstuben seit einigen Jahren zu Gute.
Rund 10 Tonnen Trauben werden in diesem Jahr im Durchschnitt pro Hektar gelesen. Die Weinreben des Weinguts Cramele Recaş erstrecken sich über insgesamt 900 Hektar, auf denen nur von 20 Hektar Tafeltrauben gelesen werden. Insgesamt 19 verschiedene Traubensorten werden auf dem Areal der Rekascher Weinstuben angebaut. Auf 130 Hektar wurden junge Reben gepflanzt, Jungpflanzungen. Die Kosten der Neuanpflanzungen belaufen sich auf 2,5 Millionen Euro, wobei 65 Prozent davon EU-Mittel darstellen. Äußerst positiv sei aber, dass der Export der Rekascher Weine um 60 Prozent, im Vergleich zum Vorjahr, gestiegen ist. Cramele Recas exportiert Weine in 20 Länder der Welt, darunter nach England, in die USA, nach Deutschland, Russland und Südasien. Cramele Recas exportiert Weine in 20 Länder der Welt, darunter nach England, in die USA, nach Deutschland, Russland und Südasien.
Die klimatischen Gegebenheiten und der gute Boden in Rekasch ermöglichen den Weinanbau und die Produktion von qualitativ hochwertigen Weinen. Rumänien gehört zu den 15 größten Weinherstellern weltweit und nimmt in Europa den sechsten Platz ein, was die Weinproduktion betrifft. Die größten Weinproduzenten Europas sind Frankreich, Italien, Spanien, Deutschland und Portugal.

BestJobs: Urlaube vorwiegend gestrichen

Ruck-Zuck: Mitarbeiter hatten im Sommer Urlaub
Foto: Zoltán Pázmány


Meiste Temeswarer gönnten sich eine Auszeit
„Wir sind komplet unterbesetzt, wir können uns kaum freie Tage leisten“. Für Ani T. durfte diese Situation fast wie ein Segen ankommen, denn viele Staatsbedienstete mussten im vergangenen Jahr ihre Arbeitsstelle verlassen. Sparmaßnahmen im Staatshaushalt waren nämlich angesagt und so musste manch einer um seinen bisher als sicher angesehenen Job beim Staat bangen. Egal, ob es dabei um Krankenhaus, Dorfschule oder Kommunalverwaltung ging. Und weitere Kündigungslisten wird es auch bis Ende dieses Jahres und wohl auch 2011 geben. Nicht zuletzt fürchten internationale Organismen, dass die allgemein hohe Staatsverschuldung dem Wirtschaftsaufschwung einen Dämpfer verpassen könnte.
D.L. hat in diesem Sommer komplett auf ihren Urlaub verzichtet. „Es gab die Möglichkeit, mehr Geld zu verdienen und diese Chance wollte ich mir nicht ergehen lassen“, sagt die Unternehmerin. Auch ihr Personal hat so gut wie keinen Urlaub gemacht. „Hat sich ja keiner gemeldet, dass er etwa in Urlaub wollte“, sagt D.L. – unglücklich schien sie mit dieser Option auf keinen Fall. Es wäre natürlich maßlose Unterstellung, die Unternehmerin habe ihren Angestellten suggeriert, auf den Urlaub zu verzichten; doch die Firma BestJobs hat ermittelt, dass in Rumänien etwa die Hälfte aller Arbeitnehmer in diesem Jahr keinen Urlaub beantragt haben. Aus den Daten der Firma für Personalvermittlung geht hervor, dass die meisten aus Angst um ihren Arbeitsplatz keinen Urlaub genommen haben. Mehr als die Hälfte der 11.700 befragten Personen haben zugegeben, dass sie den Sommer über an ihrem Arbeitsplatz verbracht haben. Nicht wenige aber hatten sich einen Zweit- oder Nebenjob gesucht, was BestJobs schlussfolgern ließ, dass viele Rumänen auch aus finanziellen Gründen auf den Urlaub verzichtet haben. In Temeswar/Timisoara scheint diese Statistik jedoch nur bedingt gültig zu sein: „In meinem Bekanntenkreis gib es so gut wie keinen, der nicht Urlaub gemacht hat“, sagt James Krachler, Inhaber der Firma Ruck-Zuck. Auch sein Personal hat in diesem Sommer Urlaub gemacht. „Menschen sind keine Roboter. Es ist bewiesen, dass man sowohl von psychologischem als auch physischem Standpunkt Urlaub braucht“, sagt Krachler. Er ist einer der vielen in der westrumänischen Großstadt, die die Auswertung von BestJobs nicht auf ihre Firma bzw. Arbeitsplatz übertragen kann. Sicherlich hatten auch in diesem Sommer Kellnerjobs Hochkonjunktur und auch mancher Kioskverkäufer, Taxifahrer und Beamter hat seinen Arbeitsplatz auch nicht verlassen können/ wollen, ein Unterschied zu den Jahren zuvor war es jedoch kaum. Dass der ein oder andere seine Urlaubskasse geschmälert hat und die Zwei-Sterne-Pension vorgezogen hat, war nur eine bedingte Situation, denn Mitten im Urlaub zogen Bekannte des Unterzeichners in eine bessere Ferien-Unterkunft um – minimale Qualität muss auch in Krisenzeiten Grundbedingung sein.
Groß Gedanken über Urlaub machte sich jedoch nicht jeder. Laura F. ist eine der vielen, die in den kommenden Jahren einen Job im Ausland anstrebt. Heute ist sie knapp 30 und sie war bereits Journalistin, Lehrerin und nun Krankenschwester. Geringes Einkommen ließ sie wiederholt den Beruf wechseln. Nun will sie in absehbarer Zeit ihren Beruf als Krankenschwester in der Fremde ausüben. Einen Auslandsjob streben eh viele Rumänen an. 520.000 haben ihr CV seit Anfang d.J. eingereicht, doch nur 86.000 haben bisher einen Vertrag unterzeichnet. Fachleute glauben, dass bis Jahresende weitere 240.000 Verträge abgeschlossen werden. Die häufigste Antwort auf die Frage nach dem Grund eines angestrebten Auslandsjobs sind Schulden bei der Bank und sonstige akkute Geldnot, schreibt die rumänische Personalvermittlungsfirma TJobs.
Siegfried Thiel

ADR-Vest auf „Vorstellungstour“

Die Trajans-Brücke in Arad wird saniert: Die 100-Jährige Garantie ist im Jahr 2007 abgelaufen
Foto: Zoltán Pázmány


Projekte in Wert von ungefähr 125 Millionen Lei im Kreis Arad
Die Agentur für Regionalentwicklung ADR-Vest ist auf „Tournee“, um die Projekte, die durch das Programm POR 2007-2013 am Laufen (oder bereits abgeschlossen) sind, vorzustellen. Nach Hunedoara stand in der vergangenen Woche Arad auf dem Programm. In der westrumänischen Stadt wurde das historische Zentrum besichtigt, wo einige größeren Arbeiten durch die Gelder, die durch das POR 2007-2013 herangezogen wurden, durchgeführt werden. Gesamtkosten des Projekts für die Sanierung des historischen Zentrums von Arad: fast 59 Millionen Lei.
Von diesem Geld soll die Trajans-Brücke saniert werden, das Gebäude der Arader Lehrerausbildungsschule, die sogenannte „Präparandie“, ebenfalls. 4,5 Kilometer Kanalisationsnetz werden durch dieses Projekt erneuert, elf Straßen sind mit inbegriffen.
Erste Station war die Trajans-Brücke, die saniert wird. Sorin Maxim, Leiter der ADR-Vest und Gheorghe Falca, der Bürgermeister der Stadt Arad, stellten die Projekte während der Besichtigungstour vor. Die Arbeiten an der Trajans-Brücke werden voraussichtlich bis Herbst 2011 dauern. „Der Brücke ist seit 2007 die 100-Jährige Garantie abgelaufen. Die Sanierung der Brücke ist demnach notwendig. Da sie jedoch so alt ist, kann man keine richtige Renovierung vornehmen“ sagte Stefan Moldt, Manager des Projekts seitens des Bauunternehmens Technodomus. Da die Brücke gesperrt ist und Arad unter anderem auch eine Transitstadt ist, muss eine Lösung für die Flüssigmachung des Verkehrs gefunden werden. Jetzt überlegt sich das Bürgermeisteramt, ob die Brücke, die gleich in der Nähe der Trajans-Brücke gebaut werden soll, eine provisorische oder eine dauerhafte Alternative für die Überquerung des Marosch-Flusses darstellen wird. „Wir sind gerade dabei, die nötigen Papiere für die neue Brücke über die Marosch in ihrer Endfassung zu bekommen“, sagte Gheorghe Falca.
Der Besuch ging weiter Richtung „Präparandie“-Gebäude. Die Straßen auf denen es dahin ging, gehören zu jenen elf, die in Kürze Modernisierungsarbeiten unterzogen werden. Die Vertreter der Bauunternehmen klagen jedoch, dass sie immer wieder auf Gasleitungen und Rohre des Fernheizwerks treffen, die nicht in den Unterlagen vermerkt sind. Deshalb verlaufen die Arbeiten angeblich etwas schwieriger. Es ist jedoch nicht das erste Mal und es ist auch nicht der erste Bauherr, der über diese Sachlage klagt. Da es kein Novum hierzulande ist, sollten sich die Bauunternehmen vielleicht in Zukunft überlegen, mit derartigen Ereignissen zu rechnen.
Nicht nur Unerwartetes kommt auf die Bauherren zu, auch war die Bauentwürfe betrifft, scheint es Probleme zu geben. Einige der Einwohner klagten, dass die Fahrbahn zu tief liege und die Gehsteige zu hoch sind. „Wir wollen kein Klein-Venedig hier“ klagten diese. Stefan Moldt versicherte die Bewohner, dass alle Probleme beseitigt werden. Wie jedoch diese Probleme aufgetaucht sind? „Das Projekt wurde von Anfang an schlecht gemacht“, so Moldt. Und wie es dazu kam? „Na ja, es stimmt schon, dass ein Projekt von Anfang an richtig gemacht werden sollte. Nur - vor drei Jahren, als dieses Projekt konzipiert wurde, gab man ihm vielleicht nicht so viele Chancen, dass es in Zukunft auch tatsächlich umgesetzt wird. Es wurde also ein bisschen gepfuscht“, so die Erklärung von Moldt.
Beim Präparandie-Gebäude, weitere Versuchserklärungen. „Hier haben wir viel mehr Risse an Baustruktur und an den Wänden entdeckt, als erwartet. Manche würden vielleicht sagen, dass in drei Monaten nichts gemacht wurde, stimmt aber nicht“, sagte Razvan Popa, Leiter der technischen Direktion im Arader Bürgermeisteramt. Jetzt würden die Arbeiten nach Zeitplan verlaufen, sagt Popa. Das „Präparandie“-Gebäude soll in ein Museum des rumänischen Lehrwesens umgewandelt werden. Im Jahr 1812 entstand hier die erste rumänische Pädagogikschule.
Die ADR stellte jedoch nicht nur Projekte, die zur Zeit verlaufen vor, sondern auch einige, die schon durch Programme der ADR-Vest fertiggestellt wurden. So zum Beispiel ein Projekt des Privatunternehmens „Profi Beton SRL“. Die Betonfabrik wurde auch mit Hilfe von ADR-Fonds auf einen gehobenen technischen Stand gebracht.
Ein weiteres Projekt ist jenes der „Umgehungsstraße Süd“ von Ineu. Der Gesamtwert des Projekts beträgt fast 17 Millionen Lei. Der Wert des Finanzierungsvertrags beträgt 14 Millionen Lei, davon 13,7 Millionen Lei nicht rückzuzahlende Mittel. Durch die Umgehungstrasse Süd wurde „geschätzt, dass genau 2.721 (!) Fahrzeuge pro Tag weniger Ineu durchqueren werden“ (so die ADR-Daten). Die Lärmverschmutzung wird ebenfalls drastisch gesenkt werden, von schätzungsweise 70 auf etwa 45 Dezibel.
Der Vorstellungstour der Projekte der ADR ging weiter auf der sogenannten Weinstraße Paulisch/Paulis-Giorok/Ghioroc-Covasânt-Schiria/Siria. Der Wert des Projekts: mehr als 56,5 Millionen Lei. Es sollen über 24 Kilometer Kreisstraßen saniert werden. Durch eine verbesserte Infrastruktur soll die auch unter dem Namen bekannten „Arader Weingüter“ attraktiver für die potentiellen Investoren werden. Laut Aussagen von Sorin Maxim wird der Vertrag in höchstens drei Wochen unterschrieben werden. Zu den Zukunftspläne gehören auch die Sanierungen der Burgen Soimos und Siria.
Die ADR-Region-Vest wurde im Jahr 1998 ins Leben gerufen, durch die freiwillige Assoziierung der Kreise Arad, Karasch-Severin/Caras-Severin, Hunedoara und Temesch/Timis. Die West-Region ist keine eigenständige Verwaltungsstruktur und ist auch keine Rechtsperson. In Rumänien gibt es noch weitere sieben Regionen dieser Art. Das strategische Ziel ist, eine „ausgeglichene Unterstützung der sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung der Regionen in Rumänien zu schaffen, mit besonderem Augenmerk auf die spezifischen Notwendigkeiten der Region“, so die ADR.
Für das Heranziehen dieser Fonds wird im Kreis Temesch ein harter Kampf geführt. Für 416,52 Millionen Euro, die der Westregion zustehen, wurden Projekte in Wert von 804,42 Millionen Euro eingereicht. Verträge abgeschlossen wurden bereits für Projekte im Wert von 148,19 Millionen Euro, das sind ungefähr 35 Prozent der Gelder, die der Westregion insgesamt zustehen.
Olivian Ieremiciu

Krankenhäuser (fast) schuldenfrei

Beginnt jetzt ein neuer „Zyklus des Schuldenmachens“?

wk.Reschitza – Zu Beginn der vergangenen Woche hat das Gesundheitsministerium über die Gesundheitsbehörden der Verwaltungskreise die Schulden der Krankenhäuser beglichen, die per Dringlichkeitserlass der Regierung schon am 1. Juli von Städten bzw. Verwaltungskreisen übernommen werden mussten. Mit zweieinhalbmonatiger Verspätung kann nun, unter Umständen, die reale Dezentralisierung des Krankenhaussystems beginnen.
Die Verspätung ist nicht so sehr auf das Gesundheitsministerium als vielmehr auf das Finanzministerium zurückzuführen, denn dieses hat die Begleichung der über 500 Millionen Lei Schulden (die Krankenhäuser von Bukarest gar nicht mitgerechnet) hinausgezögert, mit denen die Krankenhäuser rumänienweit belastet waren.
Allein im Verwaltungskreis Karasch-Severin betrugen die Zahlungsausstände der zehn Krankenhäuser für die Zeitspanne 2009 - 30.Juni 2010, also nach anderthalb Jahren, ganze 8,192 Millionen Lei (rund zwei Millionen Euro). So die Sprecherin des Hauses der Gesundheitsversicherungen Karasch-Severin, Carmen Ghitera.
2,334 Millionen Lei machten die Arzneien aus, die von den Krankenhäusern in der genannten Zeitspanne verbraucht, aber nicht bezahlt worden sind. Man erinnert sich, dass immer wieder seitens der Pharmaunternehmen und der Pharmazeutikahändler Drohungen laut geworden sind, die Medikamentenlieferungen an die Krankenhäuser wegen hoher Zahlungsausstände zu stoppen. Ähnlich die Situation der medizinischen Verbrauchsmaterialien der Krankenhäuser: 780.000 Lei schuldeten sie bis zum Beginn dieser Woche den Lieferanten. Und insgesamt 5,078 Millionen Lei waren die Krankenhäuser des Banater Berglands für diverse andere Dienstleistungen schuldig geblieben, einschließlich der über Catering angelieferten Nahrung für die Patienten, Des Wäschereidienstes, für Fernheizung und Warmwasser.
Die höchsten Schulden hatte das Kreiskrankenhaus Reschitza (unter der Tariceanu-Regierung in „Unfallkrankenhaus Karasch-Severin“ umbenannt) beim Lieferanten für Warmwasser und Fernheizung, CET Energoterm. 1,3 Millionen Lei sind diese Woche auf dessen Konto überwiesen worden. Übrigens hat das Reschitzaer Großkrankenhaus mit seinen gut 250 Betten auch die größten Probleme gehabt mit den Arzneimitteln. Hier war es zur Regel geworden, dass die Patienten ihre zur Behandlung im Krankenhaus benötigten Arzneimittel – im „Normalfall“ auch die Verbrauchsmaterialien für Operationen – selber kaufen mussten. Ob diese dann trotzdem aufgrund der ärztlichen Rezepte auf die Rechnung des Krankenhauses gesetzt wurden, das wird (nicht nur) in Reschitza als Gerücht gestreut, ist aber nur schwer nachzuprüfen.
Laut Carmen Ghitera „ist man jetzt hinsichtlich der Schulden nahe bei Null, was auch heißt, dass jetzt die Krankenhäuser mit der Neu-Versorgung mit Arzneien und medizinischen Verbrauchsmaterialien beginnen können.“ Allerdings bleibt es fraglich, ob mit den selben Krankenhausmanagern wie bisher (denen die Regierung großteils die Posten garantiert hat), denjenigen, unter deren Leitung die Schuldenberge angehäuft oder weiter aufgebaut worden sind, künftig neue Schulden vermieden werden können. Oder beginnt, wie in vielen Bereichen, mit der Schuldenstreichung ein neuer Schuldenzyklus?
Übrigens: eine Woche bevor das Gesundheitsministerium die Schulden der Krankenhäuser abzahlen ließ, hat auch die Stadt Karansebesch das Krankenhaus der Stadt übernommen – das zweitgrößte im Verwaltungskreis Karasch-Severin. Bürgermeister Ioan Marcel Vela ließ sich dafür vom Gesundheitsminister Atilla Czeke persönlich ein Garantieschreiben ausstellen, dass die Schulden beglichen werden, weil er immer wieder wiederholte, das Krankenhaus nicht zu übernehmen, „damit anschließend die Bewohner der Stadt die Schulden abstottern müssen“.