Von Siegfried Thiel
Plastiküberzüge über der Trachtenkleidung, Regenschirme bei Teilnehmern und Zuschauern, Pfützen auf den Straßen und ein Festprogramm in der Sporthalle – das alles haben die Neuarader schon so oft an ihrem Kirchweihtag erlebt, dass sie nichts mehr schockieren kann. Auch am vergangenen Sonntag nicht, als es wieder einmal hieß, Kirchweih im ehemals deutschen Stadtteil der westrumänischen Stadt Arad zu feiern. Deshalb machten sie auch keine Abstriche von ihrem üblichen Programm: weder vom Tanz bei Regen im Hof des Pfarrhauses, noch von ihrem Umzug durch die Straßen des Stadtviertels. Allein ihre Festvorstellung mit geprobten Aufmärschen, kurzen Ansprachen und eingeübten Tänzen verlegten sie in den Sportsaal der Adam-Müller-Guttenbrunn-Schule.
Eine Herausforderung der besonderen Art gab der langjährige, nun scheidende Direktor der Schule, Michael Szellner, seiner Nachfolgerin Lavinia Chi{ mit auf den Weg. Ein neuer Sportsaal muss her, denn dieser zeigte sich für die 40 Trachtenpaare als viel zu klein. Dabei ist man sich im Arader Adam-Müller-Guttenbrunn-Lyzeum gar nicht so sicher, wo denn in wenigen Monaten der Hauptsitz der Schule sein wird. Der Zusammenschluss mit einer weiteren Bildungseinrichtung, Miet- und Räumlichkeitssorgen lassen auch eine Woche nach Unterrichtsbeginn vieles zumindest in der Grauzone. Im engen Kreis debattierten der Arader Forumsvorsitzende Michael Szellner, Schulleiterin Chi{, Lehrkräfte und Vizebürgermeister Levente Bognar beim Abschied der BZ-Redakteure über die Zukunft der Schule. Auch halboffizielle Stellungnahmen hätten zu diesem Zeitpunkt kaum weiter geholfen, ausführlich wird sich die BZ mit diesem Thema noch in diesem Herbst befassen.
Es sollte lustig klingen, als Michael Szellner „drohte“, im kommenden Jahr doppelt so viele Paare aufmarschieren zu lassen, wenn bloß der Sportsaal dazu vorhanden wäre. Hinter dieser humorvollen Aussage steckte jedoch auch viel Realitätssinn, denn fast die Hälfte der Kirchweihpaare waren Kinder im Vorschul- und Grundschulalter. Sie feierten Kirchweih, wie es heute nur noch wenige Gemeinschaften im Banat zuwege bringen. Kurze, geplante Einlagen von Kirchweihpaaren während der Messe, Jauchzen auf den Straßen, Musik der Nadlaker Blaskapelle so etwas versetzt schon manchen in die Nostalgie der 70er und 80er Jahre – freier als damals können sich heute ohnehin alle entfalten. Trotzdem galt es als kleine Sensation, als bekannt wurde, dass ein ehemaliger Neuarder angereist war, der heute in Westafrika lebt. „Vierzig Jahre nach meiner Auswanderung sah ich nun gute Gelegenheit, zur Kirchweihe wieder da zu sein“, sagte er. Damit ihm ja nichts entgehen konnte, nahm er viele Szenen als Filmmaterial mit. Auch dann, als reichlich Applaus an alle aktiven Mitgestalter des Festes ging, Standing Ovations erhielt die stellvertretende Vorsitzende des Forums in Arad, Adelheid Simon.
Pfarrer Mathes Dirschl – als Mitveranstalter des Festes - hatte zum Festgottesdienst seinen Bruder und gleichzeitig Generalvikar der Temeswarer Diözese, Johann Dirschl, eingeladen. „Ich glaube, bei den Katholiken ist die Bindung zwischen Schule und Kirche stärker als bei anderen Glaubensgemeinschaften“, sagte Lavinia Chis, die im AMG-Lyzeum seit eineinhalb Jahrzehnten Deutsch als Fremdsprache unterrichtet. Kirche in Neuarad ist ja auch etwas mit Tradition und Bestand. Die erste kleine Kirche wurde bereits 1725 erbaut. Nachdem sie abbrannte, bauten die Neuarader in den Jahren 1754-1756 eine zweite, doch diese wurde bald zu klein. Die jetzige Kirche wurde zwischen 1814 – 1823 errichtet. In den mehr als 250 Jahren wurden laut Pfarrbrief in Neuarad mehr als 43.000 Kinder getauft, mehr als 11.000 Paare wurden kirchlich getraut und was ohnehin nicht abzuwenden ist – mehr als 37.000 Gläubige begraben. Doch daran dachte an diesem Tag keiner. Von „lebendem Patrimonium einer Tradition“ sprach Stadtvize Levente Bognar, Bettina Szellner und Adi Ardelean durften diesmal nicht nur als Medienleute ans Mikrophon, sondern auch als Kirchweihpaar: Durch die offene Gemeinschaft der Deutschen sei Kirchweih in Neuarad heute „nicht nur ein kirchliches, sondern auch ein weltliches, ja gar ein Volksfest“ geworden, sagten sie auf Deutsch und Rumänisch.










