Freitag, 5. Dezember 2008

Nach Farmübernahme folgten Prügel auf dem Acker

Anklage wegen versuchten Mordes: Deutscher im Untersuchungsgefängnis

Von Siegfried Thiel


Die Akustik im Gerichtsaal von Großwardein/Oradea ist schlecht, die Mikrophone sind auch beim Dolmetschen nicht eingeschaltet, im Saal meist Angehörige der Angeklagten und viele junge Anwälte, die vorwiegend als Pflichtverteidiger fungieren. Anwesend auch vier Mitglieder der Familie A. – sie sitzen zwar in verschiedenen Trakten des Saals, ihr Gemütszustand muss sich jedoch auf nahezu dem gleichem Level befinden: miserabel.


Drei Brüder, M.A., A.A. und W.A. zogen vor nahezu einem Jahr zusammen mit ihrer Mutter aus dem deutschen Bundesland Bayern nach Rumänien um hier Landwirtschaft im großen Stil zu betreiben. Ihr Farmkauf in der Nähe der Kleinstadt Marghita (Kreis Bihor) hat zu einem Dauerkonflikt mit dem ehemaligen Farminhaber E.M. geführt. Für die deutsche Familie ist der Konfliktherd aus ihrer Sicht unbegründet, E.M. hingegen sagt, dass die neuen Farminhaber ihren finanziellen Auflagen nach der Übernahme des Stammkapitals der Farm nicht nachgekommen sind. Familie A. behauptet in einem direkten Gespräch mit der Banater Zeitung, dass sie keine Schulden mehr an den ehemaligen Inhaber hat, noch mehr, die finanziellen Aspekte seien über die Handelsbank BCR gelaufen, die Unterzeichnung des Übernahmevertrags mit Aktiva, Passiva, Schulden und Pachtverträgen sei bei der Industrie- und Handelskammer in der Kreishauptstadt Großwardein/Oradea erfolgt. Über den Anwalt der Deutschen wird dann die Schuldenfrage so erklärt: Es sei bei der Übernahme der Farm festgelegt worden, dass Familie A. erst nach der ersten Ernte ihre Schulden begleicht, da jedoch E.M. auf der von Familie A. übernommenen Nutzfläche mit den Ernte begonnen habe, sahen sie sich weder in der Lage noch in der Pflicht, ihre Schulden zu begleichen.


Im Grunde sind die im Übernahmevertrag festgeschriebenen 490.000 Euro der Zankapfel zwischen den beiden Parteien. So ist es zu gegenseitigen Anschuldigungen der Gewaltanwendung, des Raubdiebstahls und gar des versuchten Mordes gekommen. W.A., der sich in Untersuchungshaft befindet, war Mitte Juli Opfer des schwelenden Konfliktes zwischen den beiden Parteien geworden. Damals habe W.A einen Bauern, der sein Land bei Familie A. in Pacht hat, mit einem Jeep in Tötungsabsicht überfahren, so die Anklage. Nichts davon würde der Wahrheit entsprechen, heißt es bei den Angehörigen des Inhaftierten. Ein neuer Gerichtstermin ist für den 9.Dezember angesagt. Auch was den Vorfall von Mitte November betrifft, als zwei der drei Brüder verprügelt wurden, gehen die Aussagen auseinander – in drei Richtungen sogar. Die beiden Brüder sagen, E.M. habe sie angegriffen, dieser wieder behauptet er sei angegriffen worden und er habe sich bloß verteidigt und der Polizeichef des Kreises Bihor, Chefkommissar Liviu Popa, gibt zu, dass E.M. angegriffen habe, doch dieser sei wohl „am Ende seiner Geduld mit den Deutschen gewesen”. Noch mehr. E.M. sagt der Banater Zeitung in einem Telefongespräch, dass auch er verletzt sei, weil er angegriffen worden war. In einem einzigen Punkt sind sich jedoch beide Seiten einig: Die Hiebe wurden mit Eisenstangen geführt.


Die Banater Zeitung wird diesen seltsam-verworren Fall verfolgen und untersuchen. Um ein reelles Bild der gegenseitig schweren Beschuldigungen abgeben zu können, werden die Implizierten befragt, Statements veröffentlicht und konkrete Daten und Belege zu den Aussagen angefordert.