Es stirbt langsam aus, doch fast niemand will es einsehen. Zumindest jetzt noch nicht. Einer der letzten Bewohner des Dorfes Alun im Verwaltungskreis Hunedoara hängt eines Tages seinen Mantel auf der Veranda seines Hauses auf und fährt nach Hunedoara auf Jobsuche. Zidariu heißt er mit Familiennamen. Zurück wird er nicht mehr blicken. Jahre vergehen, der Mantel entfärbt sich in der Sonne. Fenster zersplittern, vom Hügel her kriecht das Gras auf Haus und Hof zu, Blumen werden zu Unkraut – die Natur frisst wieder auf, was einst eine Gemeinde von etwa einhundert Bewohnern war. Das Dorf scheint den Überlebenskampf verloren zu haben. Noch sechs Familien leben heute im einsamen „Marmordorf“ Alun im Poiana-Ruscai-Gebirge.
Er ist fast komplett weiß, der Weg, der von der Gemeinde Ghelari über Poienita Voinii ziemlich steil ins Tal führt und dann wieder bergauf schlängelt. Es ist so, als würde das Gebirge eine weiße Perlenkette tragen. Kommt man näher, so erkennt man sie: Marmorsteine verschiedener Größen pflastern den schmalen Weg, der ins „Marmordorf“ Alun führt. Noch sind keine Häuser zu sehen. Nur der imposante Marmorbruch lässt sich nach einer Kurve erblicken. Große Marmorfelsen liegen am Wegrand zerstreut. Kurze Zeit später entdeckt man schon das erste Haus der Siedlung.
Marmorruinen und Stille
Zäune, Mauern, Pferdeställe, Haustreppen – alles ist zumindest teilweise aus Marmorsteinen gebaut oder stehen auf Marmor-Bruchstein. Die meisten Bauten sind aber zu Ruinen geworden. Manche Treppen führen nicht mehr zum Hauseingang, sondern direkt ins Leere. Kellereingänge sind zu erkennen, einige Holzzäune vermodern immer mehr in den Boden hinein. Selbst der Friedhof ist von Gras und Unkraut überdeckt. Große Spinnengewebe hängen an den alten Grabstätten. Die Marmorhäuser sind stumme Zeugen und lassen das Leben im zum Teil malerisch gelegenen und nun fast leerstehenden Dorf nur noch erahnen. Es scheint, als ob alles seit Jahren erstarrt ist.
Auch die ehemalige Dorfschule steht verfallen am Straßenrand. Sie kontrastiert mit dem gepflegten Haus – eines der wenigen im Dorf - das gegenüber steht. Hier trinkt Arsenie Popa (60) gerade seinen zweiten Kaffee. Er sitzt auf einer bedeckten Terrasse mitten im Hof. Die hat er eigentlich für seinen Sohn und seine Enkeltochter eingerichtet. „Es war früher ein Stall. Meine Eltern hatten Kühe und Pferde gezüchtet“, erinnert er sich. „Vor ein paar Jahren habe ich mich mit meinem Sohn zusammengetan und eine Terrasse daraus gemacht“. Der Sohn kommt aber eher selten nach Alun. Und wenn er vorbei kommt, dann nur für ein, maximal zwei Tage. Für Arsenie Popa ist es aber viel mehr als nur ein von der Welt entferntes Ferienhaus. Es ist sein Geburtsort, sein Zuhause. „Hier habe ich meine Kindheit verbracht. Ich werde immer wieder zurück kommen, so oft ich kann“, sagt er. Obwohl der 60-Jährige in Hunedoara lebt, kommt er mindestens zweimal in der Woche nach Alun. Er trinkt Wasser von der einzigen Quelle des Dorfes, repariert das Elternhaus und genießt die Stille. „Im Winter ist es schwieriger, da der Weg schwer befahrbar ist. „Früher sind wir hier mit dem Schlitten gefahren“, erinnert er sich.
300 Jahre alte Kirche
Aus seinem Garten kann man die imposante Marmorkirche des Dorfes – die einzige solcher Art in Rumänien – sehen. Hoch thront sie über dem Dorf, als ob sie jeder Familie nachblicken wollte, die dem Ort den Rücken gekehrt hat. Das Gotteshaus wird wochenlang von niemandem betreten. Die Heilige Messe wird hier höchstens einmal im Monat zelebriert, wenn der Pfarrer der Gemeinde Ghelari nach Alun kommt. Sonst bleibt die Kirche verschlossen. Sie stammt aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg. Im Dorf gibt es aber noch die sogenannte „alte Kirche“, aus Holz. Diese ist über 300 Jahre alt und liegt hinter einem Haus an der Hauptstraße.

Tiefe Stille herrscht über Alun. Kein Hundebellen, keine Musik, kein Motorengeräusch, keine Menschenstimme. Nichts ist auf den sonnigen Gassen zu hören. Und trotz der Verlassenheit, trotz Spinnengeweben: Die Augen von Arsenie Popa leuchten jedes Mal, wenn er über sein Dorf erzählt. Jedes Haus hat seine eigene Geschichte, seine eigenen Schicksale. Und wenn Arsenie Popa sie vorstellt, ist es so, als ob die Einwohner jedem Augenblick wieder auftauchen könnten, als hätten sie bloß für einen Moment irgendwo was zu tun gehabt. Als ob die kuriose Frau „Peuna“, die bei Hausnummer 3 lebte, gleich an die Haustür kommen würde, um ihn zu beschimpfen, weil er sich über sie lustig macht. Als ob der Chef des Marmorbruchs gleich von der Arbeit, mürrisch und ernst, zurück kommen würde. Nein, für Arsenie Popa ist das Dorf längst nicht verlassen. „Hier hat derjenige gelebt, der meine Eltern gezwungen hat, sich in die Kollektivwirtschaft, die Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft einzuschreiben“, fährt der 60-Jährige fort. Ein wenig weiter entfernt zeigt er auf die Ruinen des ehemaligen Mädcheninternats. „Damals kamen in die Allgemeinbildende Schule in Alun Schüler aus allen anliegenden Dörfern. Etwa 100 Kinder waren es“, so Arsenie Popa.
Weder Geschäft, noch Apotheke
Die Jugend ist aber mit der Zeit abgewandert, nur noch die Alten sind im erstarrten Marmordorf geblieben. In den Sommermonaten kehren manche für ein paar Urlaubstage zurück und hocken gelangweilt auf den Bänken im Garten. Sie grillen, lachen und entspannen. Für ein paar Stunden wird das Dorf wieder lebendig. Dies aber nur am Wochenende. Danach verkriecht es sich wieder in die Stille. Die drei Frauen, die hier noch leben, stehen tagsüber in ihren Gartenbeeten, fast reglos, den Kopf zum Boden geneigt. Ab und zu werfen sie das Unkraut beiseite. Einmal am Tag erscheint die Silhouette von Gheorghiu] Popa auf der leeren Hauptstraße. Er geht zur Feldarbeit und denkt nicht ans Wegziehen. Der 47-Jährige muss sich um seine kranke Mutter kümmern. Denn sein Bruder ist nach Spanien ausgewandert und der Vater vor einigen Jahren gestorben.
Die Mutter, Maria Popa (68), lebt am Dorfrand. Sie ist hier geboren, hat geheiratet und ihr ganzes Leben in Alun verbracht. Ihr Haus ist, ausnahmsweise, nicht aus Marmor, sondern aus Holz. Nur die wenigen Treppen, die ins Haus führen, sind aus Marmor. „Wir wollten das Haus aus Holz bauen, da es dann wärmer hält“, sagt sie. Nach Hunedoara ist die 68-Jährige erstmals vor ein paar Jahren gefahren, da sie krank wurde und von einem Facharzt untersucht werden musste. Dass sie keine Wasserleitung hat, dass die nächste Apotheke zehn Kilometer entfernt ist und dass es im Dorf keinen einzigen Laden mehr gibt, wo sie Brot oder Wasser kaufen kann – das stört die 68-Jährige längst nicht mehr. Sie hat vor Jahren resigniert.
Der Sohn fährt einmal in der Woche nach Ghelari. Einkaufen. Wasser gibt es gleich hinter ihrem Haus – da ist eine Quelle. Ihr einziger Wunsch: Dass die weiße Marmorkirche nicht verfällt. „Schade um die schöne Kirche, sie ist einzigartig. Es war mal die Rede, dass Nonnen hierher kommen sollen und dass das ehemalige Schulgebäude saniert wird. Es sollte ein Altenheim beherbergen. Daraus ist aber nichts geworden“, sagt sie. Was passieren wird? „Ja, das Dorf wird in Kürze aussterben“, antwortet sie und streichelt die alte Tischdecke. Keine Enttäuschung ist in ihrer Stimme zu spüren. Vielleicht ein bisschen Traurigkeit und Resignation. „Wie soll es auch anders gehen?“.
Als Relikte einer anderen Zeit stehen die Ställe und Bänke in den Gärten der verfallenen Häuser. Die „alte Holzkirche“ duckt sich immer mehr hinter Bäumen und Unkraut. In ein paar Jahren wird sie von der Hauptstraße aus kaum noch sichtbar sein. Nur noch die Marmorsteine glitzern wie eh und je in der Sonne.
Ana Saliste



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